Einleitung

Dacomitinib (Handelsname Vizimpro) ist seit April 2019 zur Behandlung von lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem kleinzelligem Lungenkrebs zugelassen. Der Wirkstoff kommt für erwachsene Patientinnen und Patienten infrage, bei denen besondere Veränderungen der Krebszellen zu einem beschleunigten Tumorwachstum führen.

Lungenkrebs entsteht durch die bösartige Neubildung von Zellen der Atemwege (Bronchien). Deshalb spricht man auch von einem Bronchialkarzinom. Man unterscheidet hauptsächlich zwei Tumorarten:

  • das kleinzellige Karzinom (englisch: small cell lung carcinoma, SCLC) und
  • das nicht kleinzellige Karzinom (englisch: non small cell lung carcinoma, NSCLC).

Ein nicht kleinzelliges Karzinom wird operativ entfernt. Manchmal ist es dafür jedoch schon zu groß oder es hat bereits über das Blut- oder Lymphsystem Metastasen in anderen Körperregionen gebildet. In diesem Fall spricht man von fortgeschrittenem Lungenkrebs. Häufig ist eine Heilung dann nicht mehr möglich. Dann ist es Ziel der Therapie, ein Fortschreiten der Erkrankung so lange wie möglich zu verzögern und Beschwerden zu lindern.

Manche Menschen mit einem nicht kleinzelligen Lungenkrebs haben ein verändertes Eiweiß im Tumorgewebe, epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor (englisch: epidermal growth factor receptor, EGFR) genannt. Der veränderte Rezeptor kann zum unkontrollierten Wachstum des Tumors beitragen. Es gibt verschiedene Veränderungen (Mutationen), die beispielsweise L858R oder del 19 genannt werden. Der Wirkstoff Dacomitinib soll bei Patientinnen und Patienten den veränderten Rezeptor blockieren und so das Tumorwachstum hemmen.

Anwendung

Dacomitinib gibt es als Tablette in drei Dosierungen: 15, 30 und 45 mg. Die empfohlene Dosis beträgt einmal täglich zur gleichen Zeit 45 mg. Sie kann anhand von Nebenwirkungen angepasst werden. Treten zu starke Nebenwirkungen auf oder schreitet der Krebs fort, wird die Einnahme beendet.

Andere Behandlungen

Für Patientinnen und Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem nicht kleinzelligem Lungenkrebs mit EGFR-Mutationen L858R oder del 19 kommen die Wirkstoffe Afatinib, Gefitinib oder Erlotinib infrage.

Für Patientinnen und Patienten mit anderen EGFR-Mutationen kommt eine individuell angepasste Therapie infrage. Sie wird durch die Ärztin oder den Arzt angepasst. Hierbei kommen Wirkstoffe wie beispielsweise Afatinib, Cisplatin oder Carboplatin infrage.

Bewertung

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2019 geprüft, ob Dacomitinib Vor- oder Nachteile für Personen mit fortgeschrittenem Lungenkrebs und EGFR-Mutationen im Vergleich zu den Standardtherapien hat.

Der Hersteller legte eine Studie mit 452 Personen vor, deren Tumor eine L858R- oder del 19-EGFR-Mutation aufwies. In dieser Studie bekam die eine Hälfte der Teilnehmenden Dacomitinib, die andere Hälfte wurde mit Gefitinib behandelt. Zu Beginn der Studie waren alle Teilnehmenden in gutem Allgemeinzustand. Sie wurden im Mittel (Median) etwas über 2 Jahre untersucht. Für diese Patientinnen und Patienten mit L858R- oder del 19-EGFR-Mutation zeigten sich folgende Ergebnisse:

Welche Vorteile hat Dacomitinib?

Lebenserwartung: Hier weist die Studie auf einen Vorteil für Dacomitinib hin. Waren mit Dacomitinib die Personen im Mittel (Median) nach etwa 2 Jahren und 10 Monaten verstorben, war das mit Gefitinib bereits nach 2 Jahren und 3 Monaten der Fall.

Rückenschmerzen: Bei dieser Nebenwirkung deutet die Studie auf einen Vorteil von Dacomitinib hin. Traten sie mit Dacomitinib bei nur 8 von 100 Personen auf, waren mit Gefitinib knapp 17 von 100 Personen betroffen.

Leberschädigungen: Auch hier deutet die Studie auf einen Vorteil von Dacomitinib hin. Starke Erhöhungen zum Beispiel von Leberblutwerten waren seltener als bei der Behandlung mit Gefitinib.

Welche Nachteile hat Dacomitinib?

Schwere Nebenwirkungen: Hier deutet die Studie auf einen Nachteil von Dacomitinib hin. Traten bei 24 von 100 Patientinnen und Patienten mit Dacomitinib schwere Nebenwirkungen auf, war das mit Gefitinib nur bei 6 von 100 der Fall. Zu den schweren Nebenwirkungen gehörten unter anderem schwere Durchfälle, schwere Nagelentzündungen und schwere Hauterkrankungen.

Beschwerden: Auch bei Beschwerden wie Durchfall, Appetitlosigkeit, wunder Mund, Schluckstörung, Erkrankungen des Nervensystems und Haarausfall deuten die Ergebnisse auf einen Nachteil für die Personen mit Dacomitinib hin.

Gesundheitsbezogene Lebensqualität: Hier deutet die Studie ebenfalls auf einen Nachteil von Dacomitinib im Vergleich zu Gefitinib hin. Die untersuchten Personen mit Dacomitinib:

  • fühlten sich in ihrem Alltag, ihrer Freizeit oder Arbeit mehr eingeschränkt (Rollenfunktion),
  • konnten sich schlechter konzentrieren oder erinnern (kognitive Funktion),
  • fühlten sich in ihrem Familienleben und sozialen Aktivitäten mehr beeinträchtigt (soziale Funktion)
  • und schätzen ihre Gesundheit und Lebensqualität (globaler Gesundheitsstatus) insgesamt schlechter ein als die Patientinnen und Patienten mit Gefitinib.

Bei den Teilaspekten körperliche Aktivitäten des Alltags wie Einkaufen oder Körperpflege (körperliche Funktion) sowie Gereiztheit oder Niedergeschlagenheit (emotionale Funktion) zeigte sich kein Unterschied.

Nebenwirkungen: Bei fast allen untersuchten Personen traten Nebenwirkungen auf. Hier deutet die Studie ebenfalls auf einen Nachteil von Dacomitinib im Vergleich zu Gefitinib hin. Folgende Nebenwirkungen traten bei den Patientinnen und Patienten mit Dacomitinib häufiger auf:

  • Entzündung der Mundschleimhaut
  • trockene Haut
  • Bindehautentzündung und Augenerkrankungen

Wo zeigte sich kein Unterschied?

Bei den folgenden Aspekten zeigte sich kein Unterschied zwischen den Therapien:

  • Erschöpfung
  • Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung
  • Atemnot
  • Schlaflosigkeit
  • Husten und Bluthusten
  • Schmerzen in Brust, Arm und Schulter
  • Gesundheitszustand
  • Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen

Bei Schmerzen, Brustkorbschmerzen, Atemwegserkrankungen sowie Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen ließ sich kein relevanter Unterschied zwischen den Therapien nachweisen.

Weitere Informationen

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse eines Gutachtens zusammen, das das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im Rahmen der Frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln erstellt hat. Der G-BA beschließt auf Basis des Gutachtens und eingegangener Stellungnahmen über den Zusatznutzen von Dacomitinib (Vizimpro).