Chronische Schmerzen verstehen

Foto von Mann mit Schmerzen im unteren Rücken (PantherMedia / anabgd) Chronische Schmerzen können eine Folge von Fehlfunktionen im Nervensystem sein, bei denen die Nervenzellen überempfindlich werden. Herkömmliche Schmerzmittel helfen oft nicht. Chronische Schmerzen können jedoch mit nicht medikamentösen Behandlungen und speziellen Medikamenten behandelt werden.

Akute Schmerzen sind Schmerzen, die wenige Tage bis Wochen, höchstens aber drei Monate anhalten. Dies entspricht ungefähr dem Zeitraum, in dem der Körper die meisten Gewebeverletzungen repariert, zum Beispiel einen Knochenbruch, Bänderriss oder Bandscheibenvorfall.

Bei Schmerzen, die länger als drei Monate andauern, spricht man von chronischen Schmerzen: Sie halten an, obwohl ihre Ursache bereits abgeheilt ist. Die Schmerzforschung geht davon aus, dass sie oft Folge eines überempfindlich gewordenen Nervensystems sind.

Was unterscheidet akute und chronische Schmerzen?

Akute Schmerzen haben eine wichtige Schutzfunktion: Wenn man sich an einem Dorn sticht oder auf eine heiße Herdplatte fasst, bewirkt der sofort einsetzende Schmerzreiz, dass man die Hand rasch zurückzieht. Dies bewahrt den Körper vor einer größeren Verletzung. Ist es schon zu einer Gewebeschädigung gekommen, sorgen Schmerzen für Schonung und eine ungestörte Heilung – weil es weh tut, zum Beispiel die Wunde anzufassen oder den verletzten Körperteil zu bewegen.

Dagegen haben chronische Schmerzen meist keine sinnvolle Funktion. Im Gegenteil: Sie können verschiedene Probleme nach sich ziehen – zum Beispiel die Beweglichkeit einschränken, den Schlaf stören, zu Erschöpfung und psychischer Belastung führen und die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Sie werden auch nicht durch eine akute Schädigung, sondern durch Fehlfunktionen des Nervensystems oder eine chronische Entzündung ausgelöst.

Beispiele für chronische Schmerzerkrankungen oder Erkrankungen, die zu chronischen Schmerzen führen können, sind:

Welche Schmerzarten werden unterschieden?

Schmerzforscher unterscheiden mehrere Arten von Schmerzen:

  • nozizeptive Schmerzen: Dies sind Schmerzen, die durch eine Verletzung, Hitze oder Störungen im Gewebe oder an Organen ausgelöst werden, wie etwa Knochenbrüche, Koliken aufgrund von Nierensteinen oder auch Schmerzen infolge eines Herzinfarkts. Sie haben eine wichtige Schutzfunktion. Bei diesen Schmerzen gehen die Schmerzsignale von speziellen Schmerzrezeptoren aus – den sogenannten Nozizeptoren. Je nach Ursache können die Schmerzen brennend, stechend oder pochend sein. Schmerzen an inneren Organen fühlen sich eher dumpf, tiefliegend oder krampfartig an und es ist oft schwerer zu sagen, wo genau es weh tut.
  • Schmerzen aufgrund von Entzündungen: Sie werden durch Entzündungsprozesse im Immunsystem ausgelöst – etwa durch Infektionen – und haben eine vergleichbare Schutzfunktion. Bei manchen Erkrankungen richtet sich das Immunsystem jedoch gegen körpereigene Zellen und verursacht anhaltende Entzündungen, die zu chronischen Schmerzen führen können. Ein Beispiel hierfür ist die rheumatoide Arthritis.
  • Schmerzen aufgrund von Nervenschäden (neuropathische Schmerzen): Sie werden durch Reizungen oder Schäden an Nervenfasern ausgelöst und können verschiedene Ursachen haben. Dazu gehören Nervenreizungen oder -schäden infolge von Verletzungen, Störungen des Stoffwechsels oder Alkoholmissbrauch. Beispiele für neuropathische Schmerzerkrankungen sind Ischialgien, Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose oder Schmerzen durch Nervenschäden bei Diabetes. Neuropathische Schmerzen können einschießend oder anfallsartig auftreten, mit Kribbeln und Taubheit einhergehen und zu einer Überempfindlichkeit führen. Bereits kleine, eigentlich harmlose Reize können dann Schmerzen auslösen. Neuropathische Schmerzen werden manchmal chronisch und verselbstständigen sich. Das heißt, sie bestehen weiter, obwohl sich das verletze Gewebe erholt hat.
  • Schmerzen aufgrund einer veränderten Schmerzverarbeitung: Manchmal sind Schmerzen die Folge von Störungen der Schmerzverarbeitung im Gehirn. Solche Schmerzen sind oft unspezifisch – es gibt keine bekannte Ursache, die Auslöser sind vielfältig. Weil solche Schmerzen keinen „Grund“ und keinen physiologischen Zweck haben, werden sie auch „dysfunktionale Schmerzen“ genannt. Beispiele für solche Schmerzerkrankungen sind das Fibromyalgiesyndrom, das Reizdarmsyndrom oder eine chronische Form von Blasenentzündung (die interstitielle Zystitis).

Wie entwickeln sich chronische Schmerzen?

Bei manchen chronischen Schmerzen sind die Ursachen klar, etwa bei Arthrose oder rheumatoider Arthritis. Nicht selten entwickeln sich chronische Schmerzen aber über einen längeren Zeitraum, werden allmählich stärker und breiten sich nach und nach im Körper aus. Dann ist der ursprüngliche Auslöser oft gar nicht mehr auszumachen – die Schmerzen haben sich verselbstständigt.

Eine mögliche Folge ist, dass die Suche nach einer Ursache zu wiederholten Untersuchungen führt, die aber nicht weiterhelfen. Dabei werden im Gegenteil oft vermeintliche Ursachen für die Beschwerden gefunden, die gar nichts mit ihnen zu tun haben – bei chronischen Kreuzschmerzen zum Beispiel normale altersbedingte Veränderungen an der Wirbelsäule. Solche irreführenden Befunde können unnötige Ängste und falsche Behandlungen nach sich ziehen – bis hin zu unnötigen Operationen.

Nach aktuellem Wissen können länger anhaltende Schmerzen im Nervensystem „Schmerzspuren“ hinterlassen, die die Nervenzellen immer empfindlicher machen. Manchmal wird in diesem Zusammenhang von einem „Schmerzgedächtnis“ gesprochen.

Auch andere Prozesse können möglicherweise eine Rolle spielen. Beispielsweise führten Verletzungen an Nerven in manchen Tierstudien dazu, dass Nervenfasern umgebaut wurden: Nerven, die für die Sinneswahrnehmung zuständig sind, gaben dann auch Schmerzsignale weiter. Langanhaltender Stress kann dazu führen, dass die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinträchtigt wird. Schmerzen werden dann eher oder stärker wahrgenommen.

Wie können chronische Schmerzen behandelt werden?

Während sich akute Schmerzen durch Schmerzmedikamente wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Paracetamol oft gut behandeln lassen, verschaffen sie vielen Menschen mit chronischen Schmerzen kaum Linderung. Selbst starke Schmerzmittel wie Opioide helfen ihnen häufig nicht. Die Einnahme von Schmerzmitteln ist aber mit verschiedenen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Dies gilt sowohl für Opioide, die körperlich abhängig machen können, als auch für rezeptfrei erhältliche Schmerzmittel wie Diclofenac, Ibuprofen oder Paracetamol.

Fachleute aus Schmerzforschung und -medizin sind sich einig, dass bei chronischen Schmerzen meist andere Behandlungen nötig sind als bei akuten Schmerzen. Wichtig ist, Strategien zu entwickeln, die dabei helfen, im Alltag besser mit den Schmerzen zurechtzukommen. Dies kann die Schmerzen zwar nicht beseitigen, sie aber bei manchen Menschen lindern.

Bei chronischen Schmerzen sind vor allem Bewegung, Entspannung und Methoden zur Schmerzbewältigung aus der kognitiven Verhaltenstherapie hilfreich. Oft werden sie in einer sogenannten multimodalen Schmerztherapie kombiniert. Manchmal können auch Medikamente sinnvoll sein, die die Wirkung von Botenstoffen an den Nervenzellen (Neurotransmittern) beeinflussen.

Warum ist es wichtig, trotz chronischer Schmerzen aktiv zu bleiben?

Bei Schmerzen mag es naheliegend erscheinen, sich zu schonen – was früher auch empfohlen wurde. Heute wird bei chronischen Schmerzen dazu geraten, körperlich aktiv zu bleiben und sich regelmäßig zu bewegen. Durch Bewegung werden körpereigene Stoffe freigesetzt, die eine schmerzlindernde Wirkung haben. Außerdem regt Bewegung die Durchblutung und den Stoffwechsel an und sorgt dafür, dass Knochen und Knorpel ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. Bewegung hat aber noch andere Vorteile: Unter anderem macht sie den Körper belastbarer, verbessert die Beweglichkeit und den Gleichgewichtssinn, was im Alter vor Stürzen schützen kann. Nicht zuletzt kann sie das Wohlbefinden steigern.

Wer bisher nur wenig aktiv war, lässt es anfangs besser langsam angehen, um Überlastungen zu vermeiden. Welches Training einem gut tut, kann man außer für sich selbst zum Beispiel im Rahmen einer Bewegungstherapie ausprobieren. Ziel einer Bewegungstherapie ist, die Schmerzschwelle allmählich wieder anzuheben. Für viele Schmerzerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Fibromyalgie oder chronische Rückenschmerzen gibt es spezielle Angebote, die etwa über Selbsthilfegruppen organisiert werden. Aber auch Ärztinnen und Ärzte können für bis zu 24 Monate ein sogenanntes Funktionstraining verordnen.

Kann auch Angst weh tun?

Was bei der Schmerzentstehung passiert und wie Schmerzen empfunden werden, ist oft nicht leicht zu verstehen. Einige vielleicht überraschende Fakten aus der Schmerzforschung sind:

  • Angst vor Schmerzen kann weh tun. Auch wenn der Körper keiner echten Gefahr ausgesetzt ist und Gewebe und Organe gesund sind, kann man Schmerzen verspüren – sofern das Gehirn eine Gefahr sieht. Solche Schmerzen dienen dazu, der vermeintlichen Gefahr auszuweichen. Ein Ziel moderner Schmerzbehandlungen ist, die Angst vor Schmerzen abzubauen – wie zum Beispiel vor Schmerzen durch zu viel oder „falsche“ Bewegung.
  • Auch Schmerzen ohne körperliche Ursache sind „echt“. Menschen mit Schmerzen ohne erkennbare Ursache wird manchmal vorgeworfen, sich ihre Beschwerden nur einzubilden. Das tun sie aber nicht – ihre Schmerzen entstehen nur anders. Ein wissenschaftliches Experiment verdeutlicht dies: Freiwilligen gesunden Teilnehmenden wurde eine Haube aufgesetzt, die angeblich Impulse aussendet, die zu Kopfschmerzen führen. Tatsächlich hatte diese Haube jedoch gar keine Wirkung. Trotzdem empfanden die Personen im Experiment Schmerzen – und zwar umso mehr, je weiter der Regler, der vermeintlich die Stärke der Impulse steuerte, aufgedreht war. Die Teilnehmenden haben sich die Schmerzen aber nicht eingebildet, sondern tatsächlich gespürt. Denn ihr Gehirn dachte, dass Gefahr droht, und hat darauf mit Schmerzsignalen reagiert.
  • Die Stärke der Schmerzen entspricht oft nicht dem körperlichen Schaden. Auf eine schwere Verletzung wie eine Schusswunde reagiert das Gehirn unter Umständen gar nicht sofort mit Schmerzen. Sie wären etwa bei einem Soldaten nachteilig, der sich zunächst aus dem Kampfgebiet in Sicherheit bringen muss, um zu überleben. Ein anderes Beispiel: Selbst starke verschleißbedingte Schäden an der Wirbelsäule tun nicht immer weh – andererseits kann ein Mensch heftige Rückenschmerzen haben, ohne dass auf Röntgenbildern ein Schaden erkennbar wäre.
  • Schmerzen hängen von äußeren Hinweisen ab. Für wie bedrohlich das Gehirn eine Gefahr hält, kann die Schmerzstärke beeinflussen. Dies zeigt folgendes Experiment: Einer Gruppe von Freiwilligen wurde für eine halbe Sekunde ein sehr kalter Metallstift (minus 20 Grad) auf die Hand gedrückt. An dem Metallstift befand sich ein rot oder blau leuchtendes Licht. Menschen, bei denen das Licht rot leuchtete, empfanden stärkere Schmerzen als Personen, bei denen es blau leuchtete – obwohl die Temperatur des Metallstifts und die Dauer des Kontakts mit der Haut gleich waren. Der Grund: Wir bringen die Farbe Rot mit Gefahr und starker Hitze in Verbindung und empfinden sie als bedrohlicher.
  • Schmerzen hängen davon ab, wie man sich fühlt. Menschen empfinden zum Beispiel weniger Schmerzen, wenn sie von einer Ärztin oder einem Arzt behandelt werden, der auf sie eingeht und ihnen die Schmerzen erklärt. Auch können sich Schmerzen stärker anfühlen, wenn sie an einem stressigen Arbeitstag auftreten als bei einem gemütlichen Wochenendausflug mit guten Freunden. Nicht zuletzt können positive Gedanken, schöne Erlebnisse oder Musik von Schmerzen ablenken oder sie für eine Weile sogar vergessen machen.

Diese Erkenntnisse sind für Menschen mit chronischen Schmerzen von Bedeutung. Denn sie zeigen, dass die Empfindung von Schmerzen davon beeinflusst wird, welche Bedeutung das Gehirn ihnen beimisst. Dabei spielt die Angst vor Schmerzen eine wichtige Rolle. Zu verstehen, wie chronische Schmerzen entstehen, kann es mitunter erleichtern, mit ihnen zurechtzukommen.

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