Was weiß man über die Entstehung von Fibromyalgie?

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Die Forschung zu den Ursachen und Krankheitsmechanismen der Fibromyalgie hat in den letzten Jahren zugenommen. Derzeit gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass eine Mischung aus verschiedenen Faktoren für die Erkrankung verantwortlich ist.

Die Ursachen und Risikofaktoren von Fibromyalgie zu erforschen, ist schwierig. Ein Grund dafür ist, dass viele Menschen mit Fibromyalgie noch weitere Erkrankungen haben wie eine , andere Schmerzerkrankungen oder psychische Erkrankungen. Dadurch lassen sich Beschwerden oft nicht eindeutig auf die Fibromyalgie zurückführen. Viele bisherige Studien sind außerdem in ihrer Aussagekraft eingeschränkt. Gründe hierfür sind zum Beispiel kleine Teilnehmerzahlen, fehlende Vergleichsgruppen und eine unzureichende Nachbeobachtung der Teilnehmenden.

Störungen in der Schmerzverarbeitung

Als eine Ursache von Fibromyalgie gilt eine gestörte Verarbeitung von Reizen im Gehirn. Damit ist gemeint, dass das Gehirn bereits schwache Reize als Schmerzen interpretiert. Für diese Vermutung spricht unter anderem, dass Menschen mit Fibromyalgie oft auch mit anderen Erkrankungen zu tun haben, bei denen die zentrale Schmerzverarbeitung eine Rolle spielt, wie Migräne, oder bestimmte Erkrankungen der Kiefermuskulatur und -gelenke (Kraniomandibuläre Dysfunktion). Bei manchen Menschen mit Fibromyalgie spielen auch örtliche (periphere) Schmerzreize aus den Knochen oder Muskeln eine Rolle – zum Beispiel, wenn sie gleichzeitig an rheumatoider Arthritis oder Arthrose erkrankt sind.

Genetische Faktoren und Schmerzverarbeitung

Fibromyalgie kommt in manchen Familien gehäuft vor. Dies lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass bestimmte Genvarianten bei Menschen mit Fibromyalgie häufiger vorkommen als bei Gesunden. Diese Gene sind für die Funktion von bestimmten Botenstoffen wichtig, die an der körperlichen und psychischen Verarbeitung von Schmerzen beteiligt sind. Hierzu gehören Noradrenalin und . Ein „Fibromyalgie-Gen“, auf das die Erkrankung eindeutig zurückzuführen wäre, gibt es allerdings nicht.

Psychische Belastungen

Manche Studien zeigen, dass psychische Belastungen oder Depressionen zu chronischen Schmerzerkrankungen wie Fibromyalgie beitragen können. Viele Menschen mit Fibromyalgie berichten von belastenden oder traumatischen Ereignissen in ihrer Kindheit oder Jugend oder langjährigen psychischen Belastungen in Familie oder Beruf.

In Studien berichteten Frauen mit Fibromyalgie etwas häufiger von Misshandlungen oder sexuellem Missbrauch im Kindesalter. Allerdings haben nicht alle Menschen mit Fibromyalgie auch eine psychische Erkrankung oder traumatische Erfahrungen.

Weitere Faktoren

Bisherige Studien liefern keine Hinweise darauf, dass Infektionskrankheiten wie Borreliose oder Verletzungen – zum Beispiel durch Unfälle – zu Fibromyalgie beitragen könnten.

Auch für einen Zusammenhang mit anderen manchmal genannten Faktoren, wie Störungen der Schilddrüsen- oder Sexualhormone, Erkrankungen der Muskeln oder der Nervenfasern, gibt es bislang keine wissenschaftlichen Belege.

Wie wird Fibromyalgie als Erkrankung eingeordnet?

Nach aktuellem Wissen entsteht eine Fibromyalgie durch körperliche, psychische und biologische Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Die Erkrankung lässt sich also nicht auf einzelne biologische oder psychische Faktoren zurückführen. Dies kann zudem zu falschen Behandlungsentscheidungen führen und die ohnehin schon vorhandenen Vorurteile gegenüber Menschen mit Fibromyalgie verstärken.

Um solche Probleme zu vermeiden, haben sich die wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland auf eine neutrale Einordnung der Erkrankung geeinigt. Sie stufen die Fibromyalgie als ein „funktionelles somatisches Syndrom“ ein. Das bedeutet: Eine Erkrankung, die durch typische körperliche Beschwerden definiert ist (somatisches Syndrom), aber nicht durch Gewebeschäden zum Beispiel in den Knochen oder Muskeln verursacht wird.

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Erstellt am 21. Februar 2018
Nächste geplante Aktualisierung: 2021

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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