Einleitung

Foto von verträumtem Jungen und Mitschülerin (PantherMedia / goodluz) Die ADHS ist eine psychische Erkrankung, von der man spricht, wenn ein Kind besonders unaufmerksam, impulsiv oder „hyperaktiv“ ist. Mit unaufmerksam ist gemeint, dass es sich nur schlecht konzentrieren kann und leicht ablenken lässt. Verhält sich ein Kind für sein Alter sehr unbedacht, leichtfertig oder auch ungeduldig und unachtsam, wird es als übermäßig impulsiv bezeichnet. Hyperaktiv wird es genannt, wenn es rastlos oder sehr unruhig ist – zum Beispiel wenn es während des Unterrichts nicht sitzenbleiben kann, sondern oft aufsteht und im Klassenzimmer umherläuft.

Eine ausgeprägte ADHS kann das Leben und den Alltag des Kindes, aber auch seiner Eltern und Geschwister enorm beeinträchtigen: Da sich Kinder mit ADHS anders verhalten, als von ihnen erwartet wird, ecken sie oft an. Sie benötigen sehr viel Aufmerksamkeit. Durch die Konzentrationsschwäche fällt ihnen das Lernen schwer. Eine ADHS kann von anderen psychischen Erkrankungen begleitet werden.

Die Zahl der ADHS-Diagnosen ist in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Kritiker dieser Entwicklung bezweifeln, dass ADHS wirklich so häufig ist. Sie befürchten, dass zu viele Kinder die Diagnose erhalten, die vielleicht etwas unruhig, aber eigentlich gesund sind. Eine Fehldiagnose kann unnötige Behandlungen nach sich ziehen. Auch das Selbstwertgefühl kann beeinträchtigt werden, wenn Kinder fälschlich als psychisch krank eingestuft werden.

Auf der anderen Seite gibt es auch Kinder und Jugendliche mit ADHS, die keine Diagnose erhalten. Auch dies kann negative Auswirkungen haben, weil sie dann unter Umständen keine Behandlung erhalten, obwohl sie ihnen helfen könnte. Eine sorgfältige Diagnosestellung ist daher sehr wichtig.

Symptome

Unaufmerksamkeit, Impulsivität und übermäßige Aktivität sind bei Kindern und Jugendlichen grundsätzlich keine ungewöhnlichen Verhaltensweisen. Bei einer ADHS nehmen sie allerdings ein Ausmaß an, das sich deutlich vom Verhalten Gleichaltriger unterscheidet.

Unaufmerksamkeit kann sich darin äußern, dass ein Kind in der Schule oft nicht zuhört, sich leicht ablenken lässt und viele Flüchtigkeitsfehler macht. Auch in der Freizeit kann es ihm schwerfallen, bei der Sache zu bleiben, und es vergisst oder verliert häufig Dinge. Ein impulsives Kind kann zum Beispiel kaum abwarten, bis es beim Spielen oder im Unterricht an der Reihe ist; es drängelt sich oft vor, stört und unterbricht andere. Hyperaktive Kinder sind oft unruhig, rutschen ständig auf dem Stuhl herum oder tun sich schwer, leise zu sein. Oft äußert sich die körperliche Unruhe auch darin, dass die Kinder viel hin und her laufen oder auf Möbelstücke klettern. In Situationen, in denen besonders viele Eindrücke auf ein Kind einströmen, zum Beispiel bei einer Familienfeier oder Urlaubsreise, kann sich das unaufmerksame und impulsive Verhalten verstärken.

Wie stark eine ADHS ausgeprägt ist und welche Verhaltensweisen besonders auffallen, kann von Person zu Person und je nach Geschlecht unterschiedlich sein. So steht bei manchen Kindern die Unaufmerksamkeit im Vordergrund. Sie werden eher als Tagträumer wahrgenommen. Andere Kinder sind besonders impulsiv und hyperaktiv. Je nach Problem unterscheidet man zwischen vorwiegend unaufmerksamen und vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Kindern. Bei Kindern, die sehr unaufmerksam, aber nicht hyperaktiv sind, spricht man auch vom Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, kurz ADS.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen der ADHS sind nicht abschließend geklärt, vermutlich ist die Störung aber nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. So zeigen Untersuchungen, dass der Transport des Botenstoffs Dopamin an den Nervenzellen im Gehirn verändert ist – und zwar in den Bereichen, die unter anderem für die Gedächtnis- und Lernfunktion wichtig sind. Es gibt aber noch andere körperliche Ursachen, die zur Entstehung einer ADHS beitragen. Eine wichtige Rolle spielt die genetische Veranlagung.

Manche Fachleute äußern Kritik daran, dass ADHS oft nur auf körperliche oder genetische Ursachen zurückgeführt wird. Sie sehen gesellschaftliche Veränderungen als genauso wichtig an. So sollen ADHS-Symptome auch Folge der Reizüberflutung mit gleichzeitigem Bewegungsmangel, der starken Leistungsorientierung in modernen Gesellschaften sowie von veränderten Familienverhältnissen sein. Ob diese Theorien stimmen, ist bislang aber kaum durch verlässliche Studien untersucht.

Unklar ist auch, welche Risikofaktoren zur Entstehung einer ADHS beitragen können. In einzelnen Studien zeigte sich, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft geraucht, Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert haben, öfter von ADHS betroffen waren. Auch ein sehr niedriges Geburtsgewicht oder Probleme bei der Geburt wie Sauerstoffmangel könnten mit ADHS in Zusammenhang stehen.

Zudem werden bestimmte Lebensmittel mit ADHS in Verbindung gebracht. Tatsächlich deuten manche Forschungsergebnisse darauf hin, dass Kinder, die oft künstliche Farbstoffe und Konservierungsmittel zu sich nehmen, eher ein auffälliges Verhalten zeigen. Die Ernährung spielt aber, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle. Wenn der Verdacht besteht, kann man ausprobieren, ob eine Ernährungsumstellung etwas bringt.

Häufigkeit

Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen sind weit verbreitet. In Deutschland erhalten etwa 4 bis 5 von 100 Kindern die Diagnose ADHS. Eine repräsentative Studie zur Häufigkeit von ADHS in Deutschland zeigt allerdings, dass nur 1 bis 2 von 100 Kindern tatsächlich die Diagnosekriterien für eine ADHS erfüllen, Jungen etwa doppelt so oft wie Mädchen. Dies deutet darauf hin, dass manche Kinder irrtümlich die Diagnose ADHS erhalten. Es gibt aber auch Kinder, die ADHS haben, aber nie eine Diagnose erhalten. Wie häufig dies ist, weiß man nicht genau.

Verlauf

ADHS tritt normalerweise im Kindesalter auf. Bei Erwachsenen sind die Symptome meist deutlich schwächer ausgeprägt oder verschwinden sogar ganz.

Etwa 50 von 100 Betroffenen haben zumindest teilweise noch mit ADHS-Symptomen zu tun, wenn sie erwachsen sind. Ungefähr 15 von 100 erfüllen auch noch als Erwachsene die vollständigen ADHS-Diagnosekriterien.

Mit dem Älterwerden verändern sich die Symptome allerdings oft: So sind Jugendliche und Erwachsene mit ADHS meist weniger hyperaktiv als in ihren Kinderjahren, verspüren aber häufig eine innere Unruhe oder Rastlosigkeit.

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Folgen

Eine ADHS wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. So haben Kinder und Jugendliche mit ADHS häufiger Unfälle, verletzen sich öfter und haben mehr Probleme in der Schule. Sie geraten eher mit Gleichaltrigen in Konflikte, verhalten sich regelwidrig, trotzig oder auch aggressiv. Jugendliche konsumieren auch häufiger Suchtmittel wie Nikotin, Alkohol und Drogen. Dies kann andere Probleme verstärken. Außerdem sind sie öfter in Straftaten verwickelt als Gleichaltrige ohne ADHS. Entwicklungsprobleme können eine ADHS begleiten. Damit sind zum Beispiel Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung oder in der Lese- und Rechtschreibfähigkeit gemeint.

Es können andere psychische Probleme oder Erkrankungen hinzukommen, etwa Depressionen oder Angsterkrankungen. Manche Kinder mit ADHS haben zusätzlich eine Tic-Störung.

Bei Erwachsenen kann ADHS vor allem zu Problemen in Beziehungen oder bei der Arbeit führen. Gerade Erwachsene, die als Kinder sehr hyperaktiv und impulsiv waren, zeigen manchmal rücksichtslose Verhaltensweisen gegenüber ihren Mitmenschen: Es fällt ihnen schwer, ihren Pflichten nachzukommen, die Wahrheit zu sagen oder ihren Partner zu respektieren.

Diagnose

Eine ADHS wird am besten durch Fachleute diagnostiziert, die sich mit dieser Störung gut auskennen. Dazu gehören Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin oder Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche.

Ein ausführliches Gespräch und eine körperliche Untersuchung sind wichtig, um andere mögliche Ursachen für das auffällige Verhalten des Kindes auszuschließen. So können auch Schlafstörungen, Sehfehler, Schwerhörigkeit oder eine Schilddrüsenüberfunktion für Konzentrationsschwierigkeiten, Schulprobleme oder Hyperaktivität verantwortlich sein.

Im Diagnosegespräch können andere psychische Erkrankungen als Ursache ausgeschlossen und mögliche Begleiterkrankungen festgestellt werden. Fragen, die eine Ärztin oder ein Therapeut dabei den Eltern stellt, sind zum Beispiel:

  • Ist Ihr Kind vergesslich, lässt es sich leicht ablenken oder kann es sich nicht gut auf etwas konzentrieren?
  • Klettert Ihr Kind häufig auf Gegenstände, unterbricht und stört andere oft oder hat viele Wutausbrüche?
  • Tritt das Verhalten in der Schule und zu Hause auf?
  • Wie lange beobachten Sie dieses Verhalten schon bei Ihrem Kind?
  • Leidet die schulische Leistung Ihres Kindes darunter oder findet es wegen seines Verhaltens keine Freunde und ist deshalb unglücklich?

Um die Diagnose strukturiert zu erfassen, werden psychologische Tests und Fragebögen eingesetzt. Zusätzlich zum Gespräch mit Eltern und Kind werden möglichst auch Lehrer oder Erzieher einbezogen, da sie am besten über das Verhalten des Kindes im Kindergarten oder in der Schule Auskunft geben können.

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Behandlung

Vor jeder Behandlung finden ein Gespräch und eine Beratung darüber statt, was ADHS überhaupt ist und wie alle am besten damit umgehen können. Neben den Eltern und dem Kind können auch Erzieher oder Lehrer einbezogen werden. Vielleicht stellt sich dabei heraus, dass gar kein großer Behandlungsbedarf besteht. Für die Entscheidung über eine Behandlung ist wichtig, wie belastend das auffällige Verhalten für Kind und Eltern ist und ob zum Beispiel die schulische Entwicklung darunter leidet.

Bei einem Kind mit leichter ADHS, das durch sein Verhalten nicht besonders eingeschränkt ist, reicht möglicherweise bereits eine Elternschulung zum Umgang mit der ADHS. Solche Programme können angeleitet sein oder als schriftliches Material zur Selbsthilfe durchgearbeitet werden.

Bei einer mittelschweren oder schweren ADHS, die mit sozialen oder schulischen Problemen einhergeht, können weitere Schritte wie Maßnahmen in der Schule oder eine Familien- oder Verhaltenstherapie sinnvoll sein. Welche Hilfen am sinnvollsten sind, hängt auch davon ab, wie alt das Kind ist, ob es eher unaufmerksam oder hyperaktiv ist und welche Lebensbereiche besonders beeinträchtigt sind.

Medikamente können ADHS-Symptome lindern. Sie kommen vor allem infrage, wenn eine ADHS stark ausgeprägt ist und eine Psychotherapie oder pädagogische Mittel allein nicht ausreichen. Am häufigsten werden Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat eingesetzt. Wenn Methylphenidat nicht wirkt oder aus anderen Gründen nicht eingesetzt werden kann, kommen die Wirkstoffe Atomoxetin, Dexamphetamin und Lisdexamfetamin infrage.

Eine stationäre oder teilstationäre Behandlung in einer psychosomatischen oder psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche kann sinnvoll sein, wenn Kinder sehr hyperaktiv und impulsiv sind und den Alltag nur noch schwer oder gar nicht mehr bewältigen können. Schwere psychische Begleiterkrankungen können ebenfalls ein Grund für eine Klinikbehandlung sein.

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Leben und Alltag

Ein Kind mit ADHS großzuziehen, kann sehr anstrengend sein. Eine ausgeprägte ADHS ist für die ganze Familie eine Herausforderung: Die Eltern müssen viele Konflikte aushalten, denn es gibt oft Probleme in der Schule, Streit mit anderen Kindern, Eltern oder Angehörigen. Auch die Geschwister sind häufig belastet oder fühlen sich vernachlässigt, weil für sie weniger Zeit bleibt. Nicht zuletzt leiden die betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst unter ihrem Verhalten: Sie finden nur schwer Freunde und ecken oft bei anderen an.

Viele Eltern entwickeln mit der Zeit Strategien, um besser mit der ADHS umzugehen. Hilfreich sind meist klare Regeln und das Entwickeln von Routinen. Der Austausch mit anderen Eltern in Selbsthilfegruppen wird oft als hilfreich empfunden. Wichtig ist, sich immer wieder klar zu machen, dass das Verhalten des Kindes keine Absicht ist und nichts mit seinem Charakter zu tun hat.

Bei großer Belastung im Alltag kann auch eine Mutter-/Vater-Kind-Kur sinnvoll sein. Ziel dieser Maßnahme für Eltern und Kind ist es, Abstand von den täglichen Problemen zu gewinnen und gemeinsam mit Therapeutinnen und Therapeuten Wege zu finden, sich vor Überforderung zu schützen.

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