Mit der Prothese habe ich wieder ein normales Leben

Foto von Paar beim Radfahren
PantherMedia / Nadezhda1906

Hildegard, 81 Jahre

„Ich habe das künstliche Gelenk mittlerweile im Alltag völlig vergessen. Nur wenn ich mich mal heftig stoße, dann denke ich daran. Auch mit der Sorge, dass etwas kaputtgegangen sein könnte.“

Ich habe eine Hüftdysplasie und einen Beckenschiefstand auf der linken Seite. Deshalb ist auch das linke Knie besonders belastet und es war schon lange absehbar, dass es irgendwann Probleme machen wird. Aber das hat mich nicht abgehalten: Ich war mit Freude immer ein aktiver Mensch. Ich bin sehr viel gelaufen, Fahrrad gefahren und geschwommen.

Ich dachte, ich habe mir das Knie verdreht

Im Jahr 2002 habe ich künstliche Hüftgelenke bekommen. Ab etwa 2005 merkte ich dann, dass immer öfter Schmerzen im linken Knie auftraten. Zuerst habe ich gedacht, dass ich das Knie vielleicht verdreht habe oder zu viel Rad gefahren bin. Ich habe dann eine Salbe benutzt und bin erstmal nicht zum Arzt gegangen.

Die Schmerzen wurden aber immer stärker und dann bin ich doch mal zum Arzt gegangen. Er hat das Knie untersucht und geröntgt. Das Ergebnis war: totale Abnutzung des Knies. Unter anderem war kein Knorpel mehr vorhanden.

Wir haben zuerst mit konservativer angefangen, mit Krankengymnastik und Übungen daheim. Das haben wir etwa ein dreiviertel Jahr gemacht. Aber es wurde nicht besser. Ich knickte immer öfter einfach weg und wäre oft beinahe gestürzt.

Für mich war klar: So geht es nicht mehr weiter

Ich konnte mein Knie nicht stabilisieren, es war beim Gehen immer wackelig und sehr schmerzhaft. Das konnte ich eine Weile ignorieren, aber lange ging das nicht gut. Ich hatte mehr und mehr Sorge, draußen unterwegs zu sein. Dazu kam, dass ich sehr große Probleme beim Treppensteigen oder beim Gehen auf unebenem Grund wie Kies oder Sand hatte.

Durch das Knie war ich immer mehr eingeschränkt. Zur Entscheidung für ein künstliches Kniegelenk führte letztlich auch, dass mein Mann irgendwann gesagt hat: „Was willst du dich denn länger quälen, mach es doch!“ Dann habe ich gesagt: Okay, dann mache ich das, und habe auch zu dieser Entscheidung gestanden. Da muss jeder für sich sehen: Wie lange kann ich solche Beschwerden tolerieren. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Ich bin dann mit diesem Wunsch wieder zum Arzt gegangen. Ich wollte, dass jetzt etwas passiert. Für mich kam für eine Operation nur eine orthopädische Klinik infrage. Sie haben die meiste Erfahrung. Außerdem habe ich darauf geachtet, wie viele solcher Operationen das Krankenhaus im Jahr durchführt.

Ich bin dann auch in dem Krankenhaus meiner Wahl operiert worden: 2008 habe ich das neue Kniegelenk bekommen.

Nach der Operation habe ich zuerst einen Schreck bekommen

Nach dem Aufwachen aus der und den ersten Bewegungen habe ich einen Riesenschreck bekommen: Es fühlte sich alles ungewohnt an und ich spürte einen Fremdkörper im Bein. Ich habe etwas gebraucht, mich darauf einzustellen. Aber mit der Zeit habe ich das künstliche Gelenk langsam „vergessen“, und ich empfinde es heute nicht mehr als Fremdkörper. Es gehört jetzt zu meinem Körper dazu, es ist Teil meines „Gerüsts“.

Mit dem künstlichen Gelenk war der Hauptschmerz im Knie erstmal weg. Einen Wund- und Bewegungsschmerz hatte ich nach der Operation aber schon. Aber das wurde sehr gut behandelt.

Es musste ja erst wieder alles zusammenwachsen und die Muskeln wiederaufgebaut werden.

Direkt nach dem Aufwachen aus der Narkose: Bewegung!

Direkt nach der Operation wurden mit mir schon Übungen gemacht. Das Knie musste wieder mobilisiert werden, mit Streck- und Dehnübungen. Das war auch etwas schmerzhaft für mich.

Ich habe im Krankenhaus eine Art Motorschiene bekommen, mit der das Knie kontrolliert bewegt wurde. Je nach Fortschritt wurde die Stärke der Beugung angepasst. Im Krankenhaus hat man versucht, wieder eine Beugung von 90 Grad zu schaffen. Das hat bei mir nicht ganz geklappt, was aber nicht schlimm war.

In der Reha wurde weiter geübt und auf den Alltag vorbereitet

Nach etwa zehn Tagen bin ich in die Reha gekommen. Dort ging es dann weiter mit den Übungen, irgendwann mit zwei Gehstützen, dann nur noch mit einer Stütze.

Das Üben hört nie auf und ohne Bewegung läuft nichts. Aber man muss darauf achten, wie man sich bewegt. Da mein anderes Knie auch schon geschädigt ist, darf ich nicht zu schwer tragen und zu viel Treppensteigen ist auch nicht so gut.

Ich habe Übungen gezeigt bekommen, die ich zu Hause machen sollte. Manche konnte ich einfach nicht gut in meinen Alltag einbauen. Aber es gibt so viele andere, die ich gut machen kann! Für mich ist wichtig, dass ich gut mit den Übungen klarkomme. Sonst habe ich keine Freude daran und mache es am Ende nicht mehr.

Ich nutze meine alltäglichen Aufgaben, um nebenbei zu üben. Wenn ich zum Beispiel etwas aus dem Schrank hole, stelle ich mich auf die Zehenspitzen und recke und strecke mich, um mich zu dehnen. Wenn ich Treppen gehen muss, dann setze ich den Fuß ganz bewusst auf. Oder ich rolle beim Laufen meinen Fuß ab und habe bestimmte Techniken, wie ich Dinge trage. Das habe ich alles bei der Krankengymnastik gelernt.

Und ich bewege mich generell viel. Vor der Corona-Pandemie bin ich jeden Tag schwimmen gegangen. Das habe ich genossen!

Nicht einfach, die eigene Belastungsgrenze zu finden

Das galt auch schon vor der Operation: Man muss versuchen, den eigenen Schmerzpunkt, die Belastungsgrenze herauszufinden. Man sollte das Knie – ob mit oder ohne künstlichem Gelenk – nicht überlasten. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Man denkt, das kann man ja gut. Aber dann stellt man fest, dass es schon zu viel Belastung war.

Es ist schon ein gewisser Widerstand im Knie. Man muss den Punkt der Belastbarkeit kennen, über den man möglichst nicht hinausgehen sollte. Wenn das Knie wehtut, muss man auch mal einen Tag Ruhe einlegen und gar nichts machen.

Ich nutze in solchen Situationen auch manchmal Salben, die lindern etwas. Wenn das nicht hilft, greife ich auch zu Schmerzmedikamenten. Das sollte man aber mit dem Arzt besprechen und schauen, was man verträgt. Ich vertrage zum Beispiel zwei Schmerzmedikamente nicht. Das habe ich auch vor der OP gesagt und diese Mittel dann nicht bekommen.

Mit der Zeit habe ich Vertrauen in das Knie entwickelt

Manche machen sich auch Sorgen, ob wohl alles gut sitzt. Dann muss man mit der Zeit Vertrauen fassen. Bei mir hat es etwa sechs Monate gedauert, bis die Prothese gut eingeheilt ist. Aber das kommt auch etwas auf das Alter an. Bei manchen geht es schneller.

Ich habe das künstliche Gelenk mittlerweile im Alltag völlig vergessen. Nur wenn ich mich mal heftig stoße, dann denke ich daran. Auch mit der Sorge, dass etwas kaputtgegangen sein könnte. Aber je länger ich das neue Gelenk hatte, desto mehr Vertrauen habe ich gefasst.

Mein neues Knie hält schon einiges aus

Mein operiertes Knie hält recht viel an Belastung aus. Ich bin auch schon heftig darauf gefallen und hatte einen riesigen Bluterguss. Ich hatte sofort Sorge, dass etwas kaputtgegangen sein könnte. Aber das Knie war in Ordnung. Die Prothese saß bombenfest. Nur der Bluterguss war heftig und es hat Monate gedauert, bis er weg war.

Stürzen sollte man möglichst nicht, aber es lässt sich halt auch nicht alles vermeiden. Manchmal passieren Dinge. Oft ist es dann auch gar nicht so schlimm wie man denkt.

Mit meinem zweiten Knie warte ich noch

Für mein anderes Knie möchte ich nicht unbedingt ein neues Gelenk haben. Ich bin ja jetzt auch schon in einem höheren Alter. Obwohl ich auch von anderen Patienten im hohen Alter gehört habe, dass sie sehr gut mit einer Operation klarkamen.

Ich finde es schwierig, wenn die Ärzte den Patienten sagen: „Wenn Sie erstmal das neue Gelenk haben, dann können Sie wieder alles machen.“ Patienten denken dann, sie wachen aus der auf und können losmarschieren, als ob nichts gewesen wäre. Oft wird nicht gesagt, dass man schon etwas üben und auch achtgeben sollte. Dadurch können falsche Vorstellungen geweckt werden.

Krankengymnastik, Bewegung wie Schwimmen und Radfahren gilt bei Arthrose als sinnvoll, egal ob mit oder ohne Prothese.

Immer dabei: Ein Zettel mit Informationen zur Prothese

Den Prothesenpass trage ich nicht immer bei mir, aber einen kleinen Zettel mit den Angaben dazu habe ich immer im Portemonnaie. Bei Flugreisen hatte ich den Pass allerdings immer dabei. Denn manchmal hat die Prothese bei der Kontrolle angeschlagen. Das passiert zwar heute seltener, aber sicher ist sicher.

Genau wie den Pass habe ich immer meine Medikamentenliste mit auf Reisen genommen. Denn wenn es mal zum Unfall kommt, habe ich die Unterlagen direkt bei mir. Denn in Aufregung vergisst man solche Sachen ja schnell.

Wenn man über einen Eingriff nachdenkt

Vor einer solchen Operation holt man sich am besten eine Zweitmeinung ein. Mir war es wichtig, mich in einer orthopädischen Klinik operieren zu lassen, weil die oft viel mehr Erfahrungen haben als ein normales Krankenhaus. Man kann sich auch die Zahlen über das Krankenhaus im Internet anschauen: Wie oft wird operiert und wie viele Revisionen gibt es dort? Und es muss nicht immer das Krankenhaus in Wohnortnähe sein.

Ich finde es wichtig, sich vorher gut zu informieren – natürlich auch über die Erkrankung an sich, zum Beispiel bei seriösen Seiten im Internet. Es gibt ja so viele schlechte Informationen im Internet, da sollte man gut aufpassen, was man sich anschaut.

Ich würde immer vor einem solchen Eingriff intensiv mit dem Arzt sprechen und mir die Modelle zeigen lassen, die eingebaut werden könnten. Damit man eine Vorstellung hat, was mit dem eigenen Körper geschieht. Ich finde auch den Austausch mit anderen, die Erfahrungen mit einer Prothese haben, sehr wichtig.

Eine solche Operation wird ja nicht von heute auf morgen gemacht und man hat etwas Zeit, sich zu kümmern.

Wieder ein normales Leben

Mit den Prothesen – ich habe ja auch künstliche Hüftgelenke – habe ich wieder ein normales Leben gewonnen. Ich konnte nach der Operation zum Beispiel auch wieder längere Radtouren mit meinem Mann machen. Das war schön! Es ist wirklich ein Segen, dass wir so etwas zur Verfügung haben!

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

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Erstellt am 02. Juni 2021
Nächste geplante Aktualisierung: 2024

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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