Ich möchte eine Knieprothese so lange wie möglich hinauszögern

Foto von Frau mit Fahrrad
PantherMedia / Chris DeSilver

Anja, 50 Jahre

„Das war ein Hammer für mich: Noch keine 50 Jahre und das Knie total kaputt. Aber ich wollte eine Knieprothese so lange wie möglich hinauszögern.“

Die ersten Anzeichen habe ich mit Mitte 40 bemerkt, vor etwa zehn Jahren. Vor allem beim Runterlaufen von Treppen habe ich so einen komischen Schmerz im Knie gespürt. Zuerst habe ich das tapfer ignoriert. Nach dem Motto: Was von allein kommt, geht auch von allein wieder.

Als es dann nicht von allein weggegangen ist, habe ich es erstmal mit Hausmittelchen probiert, die kühlend und schmerzlindernd sein sollten. Das hat aber nicht wirklich geholfen. Daraufhin bin ich zu meinem Hausarzt gegangen. Er hat mir weiterhin Kühlen empfohlen und eine Salbe verschrieben. Es wurde aber auch damit nicht besser.

Außer den erstmal noch relativ aushaltbaren Schmerzen beim Treppensteigen habe ich beim Sport gemerkt, dass bestimmte Übungen und Bewegungen sehr schmerzhaft waren.

Der Orthopäde hat alles Mögliche probiert

Dann bin ich zu einem Orthopäden gegangen. Er hat eine Röntgenaufnahme gemacht und Arthrose vermutet, aber er konnte nichts wirklich Schlimmes erkennen. Er hat mir eine ganze Palette an physikalischen Therapien verordnet, von Elektrotherapien bis Kälteanwendungen. Ich habe auch ein Rezept für bekommen, aber da musste ich etwas drum kämpfen.

Der Schmerz ist trotz dieser vielen Versuche nicht wirklich weggegangen. Dann hat er mir vorgeschlagen. Ich war unsicher, ob mir das etwas bringen könnte. Aber ist ja zur Behandlung von Arthrose beim Knie zugelassen und ich dachte mir, ich kann es ja mal probieren.

Der einzige positive Effekt, den die bei mir hatte, war, dass ich diese halbe Stunde in der Praxis liegend sehr entspannend fand, als eine Pause vom Alltag. Ansonsten hat es mir nichts gebracht.

Verschiedenste Diagnosen

Irgendwann hatte ich wieder einen Termin bei meinem Rheumatologen. Ich bin auch an Rheuma erkrankt. Ihm habe ich von meinen Knieproblemen erzählt. Er hat mich untersucht, eine Beinlängendifferenz festgestellt und meine Knieprobleme darauf zurückgeführt. Er hat mir Einlagen verschrieben mit dem Hinweis, dass sich die Probleme damit erledigt haben dürften.

Mit diesem Rezept ging ich zum Sanitätshaus. Dort wurde ich noch mal untersucht und es wurde keine Beinlängendifferenz festgestellt. Meine Beine seien exakt gleich lang und mein Becken sei gerade.

Die Schmerzen wurden mit den Monaten immer schlimmer, sodass ich wieder zu meinem Orthopäden gegangen bin. Er hat mich erneut untersucht und meinte, ihm wäre bisher nicht aufgefallen, dass ich X-Beine habe. Diese könnten seiner Meinung nach die Knieprobleme verursachen. Man könnte die Beine mit einer Operation begradigen lassen. Dafür überwies er mich ins Krankenhaus.

Dort wurden vorbereitend verschiedene Untersuchungen gemacht. Als Ergebnis wurde mir von einer solchen Begradigung abgeraten. Ich hätte eine gerade Beinachse, obwohl es äußerlich anders aussieht. Stattdessen wurde mir eine Kniespiegelung empfohlen. Ich habe dann nachgefragt, ob man nicht ein machen könnte. Das wurde abgelehnt. Daraufhin bin ich in eine andere Ambulanz gegangen, um mir eine zweite Meinung einzuholen.

Endlich die richtige Diagnose

Dort wurde dann ein veranlasst. Darauf war zu sehen, dass ich tatsächlich Arthrose habe. Mir wurde von den Ärzten eine Kniespiegelung empfohlen, um zu prüfen, ob Entzündungen oder mechanische Probleme bestehen. Das habe ich dann machen lassen.

Dabei stellte sich heraus, dass ich Arthrose im fortgeschrittenen Stadium habe. Mir wurde klar gesagt, dass es nur noch eine Frage von kurzer Zeit ist, bis ich eine Knieprothese brauche. Aber mir wurde auch gesagt, dass ich auch noch Zeit zum Überlegen habe und nicht sofort operiert werden muss. Damit bin ich entlassen worden.

Das war ein Hammer für mich: Noch keine 50 Jahre und das Knie total kaputt! Ich wollte eine Knieprothese so lange wie möglich hinauszögern. So lange, wie ich halbwegs zurechtkomme.

Ich hatte bei der Entscheidung, abzuwarten, die Halbwertszeit im Kopf: So ein Gelenkersatz hält ja nicht ewig. Und je früher ich ihn einsetzen lasse, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er ausgetauscht werden muss. So eine Operation wäre ja auch ein massiver Eingriff, der mich mit der erforderlichen Reha für längere Zeit aus dem Verkehr ziehen würde. Es besteht zudem ein Risiko für Komplikationen. Ich finde, je länger ich das hinauszögern kann, desto besser für mich.

Ich bin für mein Knie verantwortlich

Ich habe nach dieser Nachricht noch mehr Bewegung in meinen Alltag eingebaut. Meinen Orthopäden habe ich konsequent und immer wieder mit der Frage nach Physiotherapie-Rezepten genervt. Ich habe bei der Übungen gelernt, die ich auch zu Hause machen kann. Und ich habe mir auch ein Rezept für Funktionstraining geben lassen, um regelmäßig in einer Gruppe trainieren zu können. Ich bin auch häufiger schwimmen gegangen, weil ich das als sehr entlastend für das Knie empfunden habe.

Ich habe meine Ernährung etwas umgestellt und mein Gewicht reduziert. Ich habe ungesunde Dinge soweit wie möglich für mich gestrichen, viel Obst und Gemüse gegessen sowie viel Wasser und Tee getrunken. Insgesamt habe ich auf eine bewusstere Ernährung geachtet.

Jedes Kilo, das ich verliere, entlastet mein Knie. Die Schmerzintensität hat durch die Gewichtsabnahme tatsächlich etwas nachgelassen. Und ich bin etwas beweglicher geworden, was ich beim Schwimmen und Radfahren merke.

Ich habe nach und nach mehr Bewegung in meinen Alltag eingebaut. Zum Beispiel habe ich versucht, bei Wegstrecken im ÖPNV immer eine Haltestelle mehr auch zu Fuß zurückzulegen. Ich habe mir auch einen Schrittzähler angeschafft, damit ich meine Bewegung kontrollieren konnte. Wenn ich manchmal schon mittags meine 10.000 Schritte hatte, fand ich das super! Bewegung ist mittlerweile ein sehr wichtiger Bestandteil meines Tages und meines Wohlbefindens geworden.

Die Schmerzen sind ein erträglicher Begleiter

Ich merke mein Knie, beim Treppensteigen und bei bestimmten Bewegungen. Oft ist es aber auch ein wenig von meiner Tagesform abhängig oder davon, wie viel ich mich am Tag schon bewegt habe. Die Schmerzen sind ein ständiger Begleiter geworden. Aber ich kann sie gut aushalten, und sie sind nicht schlimmer geworden. Sie beherrschen mein Leben nicht mehr so wie am Anfang. Vielleicht habe ich mich mit der Zeit auch einfach daran gewöhnt.

Ich steuere meine Belastung jeden Tag. Ich weiß, wo meine Grenzen sind. Bei stärkeren Belastungen wird das Knie teilweise dick, manchmal sogar etwas steif. Das ist dann unangenehm und ich kann das Knie nicht richtig durchbewegen und nicht strecken. Das ist dann schon eine deutliche Einschränkung meiner Mobilität. Wenn es richtig schlimm ist, dann lege ich ein Kühlpack auf das Knie und dann geht es wieder.

Schlafen kann ich wirklich gut. Aber morgens oder wenn ich länger gesessen habe, habe ich schon ein paar Anlaufschwierigkeiten. Zu Beginn ist es sehr schmerzhaft, aber dann wird es deutlich besser. Es ist, als würde man das Knie ein bisschen freilaufen.

Eigenverantwortung ist mir sehr wichtig

Mir ist meine Eigenverantwortung sehr wichtig: Ich will mich nicht als Opfer sehen. Ich sehe mich in der Verantwortung, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, mit denen ich einen Gelenkersatz hinauszögern kann.

Der Punkt, an dem ich mich operieren lassen würde, wäre: wenn ich mich nur noch unter Schmerzen bewegen könnte und sehr stark in meiner Mobilität eingeschränkt wäre. Dann würde ich über eine Operation ernsthaft nachdenken.

Ich habe kein Auto und lege alle Wege zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Rad zurück. Wenn sich das Knie so verschlimmern würde, dass mir viele Wege nicht mehr möglich wären und ich nicht mehr am öffentlichen Leben teilhaben könnte, dann würde ich nicht zögern. Es wäre für mich keine Option, mich immer von meinem Mann von A nach B fahren zu lassen. Meine Autonomie ist mir sehr wichtig.

Mir wurden viele obskure Sachen empfohlen

Mein Mann hat sehr mitfühlend auf die reagiert. Er entlastet mich und ich bekomme Hilfe, wenn ich sie brauche. Er hat von Anfang an viel Verständnis gezeigt.

Oft habe ich aber auch ungebetene Ratschläge bekommen. Bekannte haben Zeitungsartikel über irgendwelche Wundermittelchen ausgeschnitten oder mir ungefragt Dinge empfohlen, die ich unbedingt ausprobieren sollte. Oder , die ich schlucken sollte. Teilweise waren das für mich ganz obskure Sachen. Das macht wohl eher das Portemonnaie des Herstellers dick, aber bringt mir nichts. Ich bin eher rational eingestellt und bevorzuge es, wenn evidenzbasiert behandelt wird.

Ich fand diese Gespräche eher anstrengend und musste erst lernen, darauf entschieden, aber auch diplomatisch zu reagieren. Ich vermute, es geht vielen Menschen mit einer chronischen Erkrankung so, dass sie oft ungefragt Tipps und Hinweise bekommen, die für sie nicht immer hilfreich sind.

Ich habe nicht lockergelassen

Für mich ist wichtig, dass ich nicht lockergelassen habe, bis ich die endgültige hatte. Selbstbewusst den Ärzten gegenüber aufzutreten, ist nicht immer einfach, aber für mich war das wichtig und Teil meiner Eigenverantwortung.

Außerdem sehe ich es als meine Aufgabe an, mich gut um mich zu kümmern und ein schnelles Voranschreiten der Arthrose soweit wie möglich zu verlangsamen. An den Schrauben zu drehen, die ich als Patientin selber beeinflussen kann. Es klingt vielleicht komisch, aber für mich ist das ein gutes Gefühl, alles getan zu haben, um den Einsatz eines künstlichen Gelenks hinauszuzögern. Wenn ich als mündige Patientin wahrgenommen werden möchte, finde ich es auch wichtig, mich selber ernst zu nehmen und alles für mich zu tun, was in meiner Macht liegt.

Bisher ist mir das gut gelungen. Ich habe immer noch mein eigenes Knie und ich bin sehr glücklich darüber.

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

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Erstellt am 02. Juni 2021
Nächste geplante Aktualisierung: 2024

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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