Migränevorbeugung für Erwachsene

Foto von Mann mit Medikament (Digital Vision / Photodisc / Thinkstock) Migräneanfälle lassen sich meistens mit Schmerzmitteln oder Migränemedikamenten lindern. Wer Migräne hat, möchte die Anfälle aber am liebsten von vornherein verhindern. Ein Migräne-Tagebuch kann helfen, mögliche Auslöser zu finden. Durch vorbeugende Behandlungen lässt sich die Zahl der Migräneanfälle senken.

Die meisten Menschen mit Migräne haben eine episodische Form. Das heißt, dass die Migräneanfälle in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auftreten. Weniger als 2 % der Menschen mit Migräne haben eine chronische Form. Davon spricht man, wenn Kopfschmerzen über mehr als drei Monate an mindestens 15 Tagen im Monat auftreten und sich an mindestens acht Tagen wie eine Migräne anfühlen.

Migräneanfälle sind sehr schmerzhaft und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Viele Betroffene möchten selbst etwas tun, um die Anfälle möglichst von vornherein zu verhindern. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten der Vorbeugung. Einige Menschen achten zum Beispiel darauf, Migräneauslöser zu vermeiden. Andere erlernen eine Entspannungsmethode oder versuchen es mit einer Ausdauersportart. Manche nehmen zur Vorbeugung täglich Medikamente ein.

Wodurch kann eine Migräne begünstigt oder ausgelöst werden?

Bei vielen Menschen mit Migräne gehören Belastungen im Alltag zu den migränefördernden Faktoren, zum Beispiel:

  • zu wenig oder schlechter Schlaf
  • unregelmäßige oder ausgelassene Mahlzeiten
  • Stress – oder auch das Nachlassen von Stress, zum Beispiel an Wochenenden
  • Wetterumschwünge
  • Bewegungsmangel
  • bei Frauen Hormonschwankungen, zum Beispiel im Monatszyklus (Regelblutung)

Bei manchen Menschen löst möglicherweise auch der Genuss bestimmter Lebensmittel oder Getränke – etwa Rotwein – Migräneanfälle aus.

Um Migräneauslösern auf die Spur zu kommen, ist es hilfreich, für einige Wochen oder Monate ein Kopfschmerz- oder Migräne-Tagebuch zu führen. Darin wird festgehalten,

  • was in der Zeit kurz vor einem Migräneanfall passiert ist,
  • was man vorher gegessen oder getrunken hat,
  • wann die Attacke begonnen hat und wann sie vorüber war,
  • wie stark die Migräne war und
  • zu welchem Zeitpunkt man Medikamente genommen hat und wenn ja, welche und wie viele.

Wer zum Beispiel Rotwein als Auslöser im Verdacht hat und für eine Weile darauf verzichtet, kann anhand der Tagebuch-Eintragungen sehen, ob die Migräne dann tatsächlich seltener und schwächer wird.

Was einen Migräneanfall wahrscheinlicher macht, löst ihn aber nicht zwangsläufig aus. Fachleute gehen heute davon aus, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren Migräneattacken begünstigt. Vorübergehende Belastungen, zum Beispiel durch berufliche oder private Probleme, können manche Menschen besonders empfindlich machen. Andere reagieren auf den Wechsel in ruhigere Zeiten, etwa am Wochenende oder Urlaubsbeginn, mit einem Migräneanfall.

Wie lässt sich ohne Medikamente vorbeugen?

Manchmal sind es nicht der Stress oder die Schlafprobleme selbst, die zu einem Migräneanfall führen, sondern der Umgang mit ihnen. Alltägliche Belastungen lassen sich zudem oft nicht vermeiden. Das Ziel nicht medikamentöser Behandlungen ist, einen entspannteren Umgang mit Belastungen zu finden. Dabei sollen Methoden wie die progressive Muskelentspannung und das autogene Training helfen. Diese Entspannungsverfahren können in Kursen erlernt werden, oder mithilfe von Büchern oder Videos.

Wenn eine Migräne sehr belastend ist, kommt auch eine kognitive Verhaltenstherapie infrage. Während der Therapie wird vermittelt, wie Verhalten, Gedanken und Gefühle das Schmerzempfinden beeinflussen – und wie sich dies nutzen lässt, um besser mit den Schmerzen zurechtzukommen. Zur psychotherapeutischen Behandlung von Migräne-Kopfschmerzen gibt es bislang nur wenige Studien. In der Behandlung von anderen chronischen Schmerzerkrankungen hat die kognitive Verhaltenstherapie allerdings einen festen Platz.

Beim Biofeedback wird versucht, unbewusste Körpervorgänge durch Training willentlich zu steuern und so zu lernen, sie besser zu kontrollieren. Auf diese Weise sollen sich auch beginnende Kopfschmerzen besser kontrollieren lassen. Eine Zusammenfassung von Studien deutet an, dass Biofeedback in der Migränevorbeugung hilfreich sein könnte. Die Technik muss allerdings über viele Sitzungen eingeübt werden. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten normalerweise nicht.

Als „Nervenstimulation“ werden Behandlungsverfahren bezeichnet, bei denen Reize auf das Nervensystem übertragen werden. Dies soll die Schmerzweiterleitung und -empfindung im Gehirn beeinflussen. Dazu werden zum Beispiel elektronische Impulse oder Magnetwellen über Elektroden auf der Kopfhaut ins Gehirn gesendet. Manchmal werden auch einzelne Nerven gereizt – etwa der Nerv, der Hinterkopf und Nacken versorgt. Wie wirksam solche Nervenstimulationen Migräne vorbeugen, wurde bislang nicht ausreichend untersucht.

Wer viel über die Erkrankung weiß, kommt oft besser mit ihr zurecht. Oft ist es schon hilfreich, sich ausführlich von seiner Ärztin oder seinem Arzt beraten zu lassen. Manchen Menschen hilft möglicherweise Akupunktur, die Häufigkeit von Migräneanfällen zu senken. Auch Ausdauersport wie Walking oder Schwimmen wird vielen Betroffenen zur Vorbeugung empfohlen.

Können pflanzliche Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel vor Migräne schützen?

Zur Vorbeugung von Migräne werden verschiedene pflanzliche Mittel und Nahrungsergänzungsmittel angeboten, insbesondere Coenzym Q10, Magnesium, Mutterkraut, Pestwurz und Vitamin B2.

Mangels aussagekräftiger Forschung lässt sich bislang nicht beurteilen, ob diese Mittel vor Migräne schützen. Einige Studien deuten zwar darauf hin, dass Magnesium und ein bestimmter Mutterkraut-Extrakt die Zahl der Migräneanfälle senken können. Die Qualität der Studien reicht aber nicht aus, um eine vorbeugende Wirkung dieser Mittel zu belegen.

Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Arzneimittel gelten oft als gut verträglich und sicher – Nebenwirkungen sind aber nicht ausgeschlossen. Mutterkraut-Extrakte können zum Beispiel Magen-Darm-Probleme verursachen. Außerdem können diese Mittel auch zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen.

Wann kommen Medikamente zur Migränevorbeugung infrage?

Akute Migräneanfälle werden meist mit Schmerzmitteln wie ASS, Ibuprofen, Paracetamol oder mit Migränemedikamenten wie Triptanen behandelt. Diese Medikamente eignen sich aber nicht, Anfällen vorzubeugen.

Medikamente zur Vorbeugung werden unabhängig von akuten Beschwerden über einen langen Zeitraum täglich eingenommen. Sie sollen verhindern, dass es überhaupt zu Migräneanfällen kommt. Viele Fachleute sehen eine medikamentöse Vorbeugung als erfolgreich an, wenn es gelingt, die Anzahl der Migräneanfälle zu halbieren. Sie empfehlen eine medikamentöse Vorbeugung, wenn

  • jeden Monat drei oder mehr Anfälle auftreten, die die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen,
  • die Anfälle oft länger als drei Tage anhalten oder besonders schwer sind,
  • die Anfälle nicht auf eine Behandlung mit Schmerzmitteln oder Triptanen ansprechen,
  • Schmerz- oder Migränemittel aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Nebenwirkungen nicht infrage kommen oder
  • an mehr als zehn Tagen im Monat nötig sind.

Ob man vorbeugend Medikamente nehmen möchte, ist letztlich eine persönliche Entscheidung. Sie hängt unter anderem davon ab, wie belastend die Migräne ist und wie man die Vor- und Nachteile einer Medikamenten-Behandlung beurteilt.

Welche Medikamente eignen sich zur Vorbeugung?

Die meisten Medikamente zur Migränevorbeugung wurden ursprünglich zur Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt. Später zeigte sich dann, dass einige dieser Mittel auch vor Migräne schützen. Um Migräneanfällen vorzubeugen, werden sie oft in geringeren Dosierungen eingesetzt. Üblicherweise kommen die folgenden Medikamente infrage:

  • Betablocker wie Metoprolol und Propranolol sowie der Kalziumkanalblocker Flunarizin. Diese Medikamente hemmen bestimmte Enzyme oder Rezeptoren, die auch bei der Entstehung von Migräneanfällen eine Rolle spielen. Die Wirkstoffe werden normalerweise zur Blutdrucksenkung angewendet.
  • krampflösende Wirkstoffe (Antikonvulsiva) wie Topiramat und Valproinsäure. Sie werden eigentlich zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt.
  • Amitryptilin, das zu Medikamenten zählt, mit denen Depressionen behandelt werden (sogenannte trizyklische Antidepressiva).
  • Speziell zur Behandlung chronischer Migräne ist der Wirkstoff Botulinumtoxin A („Botox“) zugelassen. Dieses Medikament wird in kleinen Dosierungen in etwa 30 verschiedene Muskeln im Nacken- und Kopfbereich gespritzt.

Wenn diese Medikamente nicht vertragen werden oder nicht helfen, können auch weitere Mittel wie etwa Acetylsalicylsäure (ASS) ausprobiert werden.

Neuere Medikamente, die Migräne vorbeugen sollen, enthalten im Labor hergestellte Antikörper und werden gespritzt. Die Antikörper setzen an einem bestimmten Eiweiß im Körper an, das bei der Entstehung von Migräneattacken wahrscheinlich eine Rolle spielt.

Wie wirksam sind die üblichen Mittel und welche Nebenwirkungen haben sie?

Betablocker

Die Betablocker Metoprolol und Propranolol konnten die Häufigkeit von Migräneanfällen in Studien senken. Studien zum Wirkstoff Propranolol zeigen zum Beispiel:

  • Bei 23 von 100 Personen, die ein Scheinmedikament (Placebo) genommen hatten, nahm die Migränehäufigkeit im Monatsdurchschnitt um mehr als die Hälfte ab.
  • Bei 46 von 100 Personen, die Propanolol genommen hatten, nahm die Migränehäufigkeit um mehr als die Hälfte ab.

Anders ausgedrückt: Durch eine vorbeugende Behandlung mit Propranolol hatten zusätzlich 23 von 100 Personen nur noch halb so viele Migräneanfälle im Monat wie vorher. Metoprolol ist ähnlich wirksam.

Zu den Nebenwirkungen von Betablockern gehören Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen und Magen-Darm-Beschwerden. In Studien führten Metoprolol oder Propranolol bei etwa 10 von 100 Personen zu Nebenwirkungen.

Antikonvulsiva

Auch Antikonvulsiva mit den Wirkstoffen Topiramat und Valproinsäure können Migräneanfällen vorbeugen. Sie waren in Studien ähnlich wirksam wie Betablocker. Diese Medikamente haben aber andere Nebenwirkungen. Topiramat kann zu Gewichtsabnahme, Müdigkeit, Missempfindungen der Haut wie Kribbeln und Taubheit oder Geschmacksstörungen führen. In Studien brachen etwa 6 von 100 Personen die Behandlung wegen solcher Nebenwirkungen ab. Valproinsäure kann Müdigkeit, Schwindel, Hautausschläge, Haarausfall und Zittern auslösen. Wie häufig diese Nebenwirkungen sind, ist nicht gut untersucht. Grob geschätzt müssen etwa 7 von 100 Personen mit Schwindel und Zittern rechnen. Wie oft es zu Nebenwirkungen kommt, hängt auch von der Dosierung des Medikaments ab.

Topiramat ist in Deutschland zur Vorbeugung von Migräne bei Erwachsenen zugelassen. Für Valproinsäure gilt dies zwar nicht, das Mittel kann aber im sogenannten Off-Label-Use eingesetzt werden.

Botulinumtoxin Typ A

In Studien zeigte sich, dass Botox-Spritzen im Vergleich zu Placebo-Spritzen ohne Wirkstoff die Zahl der Migräneanfälle verringern konnte:

  • Ohne Botox ging die Zahl der Migräneanfälle pro Monat bei 34 von 100 Personen um mehr als die Hälfte zurück.
  • Mit Botox ging die Zahl der Migräneanfälle pro Monat bei 51 von 100 Personen um mehr als die Hälfte zurück.

Mit anderen Worten: Durch eine vorbeugende Behandlung mit Botox hatten 17 von 100 Personen nur noch halb so viele Migräneanfälle im Monat wie vorher. Die Wirkung lässt aber nach einigen Monaten nach. Die Behandlung kann in Abständen von zwölf Wochen wiederholt werden.

Häufige Nebenwirkung dieser Behandlung sind ein steifer oder schmerzender Nacken und Muskelschwäche. Dies betrifft etwa 10 bis 15 von 100 Personen. Andere mögliche Nebenwirkungen sind ein hängendes Augenlid und Schluckstörungen. Dazu kann es kommen, weil Botulinumtoxin A die Nerven vorübergehend betäubt. Die Nebenwirkungen sind allerdings nicht von Dauer. Wenn die Wirkung des Medikaments nachlässt, normalisiert sich die Nervenfunktion wieder. In Studien brachen etwa 2 bis 3 von 100 Personen die Behandlung wegen solcher Nebenwirkungen ab.

Die Spritzen können sehr selten auch ernsthaftere Komplikationen wie Infektionen oder Atemprobleme verursachen. Um Probleme zu vermeiden, ist es sinnvoll, sich von einer Ärztin oder einem Arzt behandeln zu lassen, die oder der Erfahrung mit dieser Behandlungsmethode hat.

Wie findet man das passende Medikament?

Welches Medikament sich für jemanden eignet, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Betablocker werden zum Beispiel häufig zur Migränevorbeugung eingesetzt. Da Betablocker auch den Blutdruck senken, sind sie vor allem für Menschen sinnvoll, die ohnehin eine blutdrucksenkende Behandlung benötigen. Für Menschen mit Asthma eignen sich Betablocker weniger gut, weil sie die Bronchien verengen können.

Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere sollten möglichst auf Medikamente zur Migräneprophylaxe verzichten, da einige der Wirkstoffe zu Fehlbildungen beim Kind führen können. Eine Behandlung mit Metoprolol gilt aber auch in der Schwangerschaft als unbedenklich.

Wichtig ist, mit einer Ärztin oder einem Arzt zu besprechen, welches Mittel infrage kommt und welche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten möglich sind. Wenn Nebenwirkungen auftreten, ist es nicht immer nötig, ein Medikament wieder abzusetzen. Manchmal finden sich auch andere Möglichkeiten, mit den Nebenwirkungen umzugehen. Wenn ein Mittel zum Beispiel müde macht, hilft es vielleicht, es abends einzunehmen. Außerdem werden manche Nebenwirkungen mit der Zeit schwächer. Nach einer Weile gewöhnt sich der Kreislauf zum Beispiel oft an die blutdrucksenkende Wirkung eines Betablockers – das heißt, Schwindel oder Müdigkeit nehmen dann ab.

Wie lange und in welcher Dosis werden die Medikamente genommen?

Zur Migränevorbeugung ist es sinnvoll, mit einer niedrigen Dosierung der Medikamente zu beginnen und sie langsam zu erhöhen. Dadurch lassen sich Nebenwirkungen verringern oder sogar vermeiden. Während der Behandlung ist es hilfreich, ein Kopfschmerz-Tagebuch zu führen. So lässt sich besser beurteilen, ob die Medikamente wirken. Es kann allerdings auch nach Erreichen der angestrebten Dosierung noch bis zu zwei Monate dauern, bis die Migräneanfälle weniger werden. Wenn dann keine Besserung spürbar ist, kann es sinnvoll sein, ein anderes Medikament auszuprobieren.

Damit Medikamente Migränebeschwerden vorbeugen können, müssen sie täglich über einen langen Zeitraum eingenommen werden. Nach sechs bis zwölf Monaten ist jedoch eine Medikamentenpause sinnvoll, um zu prüfen, ob sich die Migräne gebessert hat und ob noch Medikamente nötig sind. Dabei sollten die Mittel nicht abrupt abgesetzt, sondern ihre Dosierung langsam gesenkt werden.

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