Darmkrebs-Vorbeugung: Welche Rolle spielt der Lebensstil?

Foto von Vater und Tochter beim Wandern (PantherMedia / Diego Cervo) An Ratschlägen zur Vorbeugung von Darmkrebs mangelt es nicht: Mehr Ballaststoffe, weniger Fleisch, zusätzliche Vitamine und sogar Medikamente finden sich auf einer langen Liste von Empfehlungen. Die Frage ist: Wie gut sind die häufigsten Behauptungen wissenschaftlich belegt?

Gesunde Menschen können ihr Darmkrebsrisiko senken, indem sie die Darmkrebs-Früherkennung nutzen. Die Untersuchungen kommen in der Regel für Menschen ab 50 Jahre infrage und können das Darmkrebsrisiko nachweislich senken.

Zum anderen können sie versuchen, der Krankheit durch einen möglichst gesunden Lebensstil vorzubeugen. Doch was ist von den zahlreichen Ratschlägen vor allem zur Ernährung zu halten? Hilft es tatsächlich, viel Gemüse und Obst und möglichst wenig rotes Fleisch zu essen? Und was bringt es, zusätzlich Vitamine einzunehmen?

Lebensstil und Gesundheit: schwierig zu untersuchen

Viele Vermutungen über den Zusammenhang zwischen Lebensstil und Gesundheit stammen aus sogenannten Beobachtungsstudien. Diese Studien können unterschiedlich aufgebaut sein. Im günstigsten Fall dokumentieren gesunde Menschen über einen langen Zeitraum ihre Lebensgewohnheiten. Nach vielen Jahren lässt sich dann beispielsweise feststellen, ob Menschen mit bestimmten Ernährungsgewohnheiten häufiger an Darmkrebs erkranken als andere.

Beobachtet man dann, dass Menschen, die zum Beispiel häufig rotes Fleisch essen, öfter an Darmkrebs erkranken als Menschen, die kaum rotes Fleisch essen, liegt die Vermutung nahe, dass der Verzehr von rotem Fleisch Darmkrebs begünstigen kann. Denkbar ist aber auch, dass Personen, die viel rotes Fleisch essen, auch häufiger rauchen, mehr Alkohol trinken oder öfter Übergewicht haben. Theoretisch kann man solche verzerrenden Faktoren bei der Auswertung einer Studie berücksichtigen. Das Problem ist aber, dass Menschen sich auch in anderen Aspekten voneinander unterscheiden, die man nicht oder nicht ohne weiteres erkennen kann, wie zum Beispiel ihren Genen, Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnissen. All dies in einer Studie zu berücksichtigen, ist praktisch unmöglich. Es setzt außerdem voraus, dass man alle Faktoren kennt, die mit Darmkrebs in Verbindung stehen und sie auch messen kann. Deshalb besteht bei Beobachtungsstudien immer die Möglichkeit, dass man etwas Wichtiges übersehen hat.

Um die tatsächliche Ursache für etwas herauszufinden, sind sogenannte randomisierte kontrollierte Studien besser geeignet. In solchen Studien werden Freiwillige nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt (randomisiert). Eine der Gruppen wird dann beispielweise zu einer Ernährung mit wenig rotem Fleisch angehalten, die andere Gruppe ernährt sich wie gewohnt. Das Zufallsprinzip sorgt dafür, dass die beiden Gruppen wirklich miteinander vergleichbar sind. Denn der Zufall sorgt nicht nur dafür, dass zum Beispiel Männer und Frauen, Alte und Junge oder Raucher und Nichtraucher gleichmäßig auf die beiden Gruppen verteilt werden. Auch unbekannte Einflussfaktoren sind so in beiden Gruppen ähnlich.

Bei Studien zum Lebensstil wird diese Methode allerdings nur selten eingesetzt. Daher muss man Studienergebnisse und Empfehlungen zum Lebensstil oft mit Skepsis betrachten. Die Unsicherheit zeigt sich auch darin, dass sich Empfehlungen zu „gesundem Leben“ immer wieder ändern.

Schützen Ballaststoffe?

Ballaststoffe sind Nahrungsbestandteile, die in der Regel aus Kohlenhydraten bestehen und vom Körper nicht verdaut werden können. Ihnen wird allgemein eine gesundheitsförderliche Wirkung zugeschrieben. Es gibt verschiedene Theorien dazu, warum Ballaststoffe vor Darmkrebs schützen könnten. Unter anderem verkürzen sie die Zeit, in der der Stuhl den Darm passiert, und binden möglicherweise krebsfördernde Stoffe, die mit der Nahrung aufgenommen werden.

Viele Beobachtungsstudien zeigen einen Zusammenhang zwischen ballaststoffreicher Ernährung und Darmkrebs: Menschen, die ballaststoffreicher essen, erkranken offenbar etwas seltener an Darmkrebs. Das hat sich aber in randomisierten kontrollierten Studien nicht bestätigt: Einige dieser Studien haben untersucht, ob es vor Darmkrebs schützt, wenn man mehr Ballaststoffe isst. Diese Studien haben keinen Unterschied gezeigt. Ballaststoffe können das Darmkrebsrisiko demnach wahrscheinlich kaum oder gar nicht senken.

Obst und Gemüse

Obst und Gemüse enthalten sogenannte Flavonoide, auch sekundäre Pflanzenstoffe genannt. Ihnen wird eine krebsvorbeugende Wirkung zugeschrieben. Eine Theorie ist, dass sie vor Molekülen schützen, die die Zellen schädigen können, sogenannten freien Radikalen. Auch in Pflanzensamen und Sprossen, Tee, Kakao, Schokolade und Wein sind Flavonoide enthalten.

Eine Wissenschaftlergruppe des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration wertete mehrere randomisierte Studien aus, in denen der Zusammenhang zwischen einer flavonoidreichen Ernährung und Darmkrebs untersucht wurde. Sie fand jedoch keine überzeugenden Belege dafür, dass Menschen, die viel Obst und Gemüse essen, seltener an Darmkrebs erkranken.

Fleisch

Als Lebensmittel, die Darmkrebs eher begünstigen sollen, gelten rotes Fleisch und verarbeitete Fleischprodukte wie Wurst, gepökeltes oder geräuchertes Fleisch. Tatsächlich zeigen Beobachtungsstudien einen Zusammenhang: Je mehr Rind, Lamm oder verarbeitetes Fleisch Menschen essen, desto häufiger erkranken sie an Darmkrebs. Für unverarbeitetes Geflügel- und Schweinefleisch gilt das nach bisherigem Kenntnisstand nicht. Es gibt bisher allerdings keine randomisierten Studien, die belegen, dass es vor Darmkrebs schützt, wenn man weniger rotes und verarbeitetes Fleisch isst.

Übergewicht

Bei einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 30 spricht man von Übergewicht. Möglicherweise haben Männer mit Übergewicht ein leicht erhöhtes Risiko für Darmkrebs, bei Frauen spielt Übergewicht eher keine große Rolle. Betrachtet man die Gesundheit allgemein, ist es zweifelhaft, dass mäßiges Übergewicht schadet. Ob es vor Darmkrebs schützen könnte, etwas abzunehmen, lässt sich aus bisherigen Studien nicht ableiten.

Anders ist es bei Männern und Frauen mit starkem Übergewicht (Adipositas), also einem BMI über 30. Bei ihnen ist das Risiko für Darmkrebs, aber auch für andere Erkrankungen, deutlich erhöht. Zur Frage, ob eine Gewichtsabnahme das Darmkrebsrisiko bei stark übergewichtigen Menschen senken kann, gibt es allerdings auch keine randomisierten Studien.

Bewegung

Menschen, die körperlich aktiver sind, haben anscheinend ein geringeres Risiko für Darmkrebs. Wie sich Bewegung auf das Risiko für Darmkrebs auswirkt, ist bislang aber nicht in randomisierten Studien untersucht worden. Ob mehr Bewegung tatsächlich vor Darmkrebs schützt, ist daher unklar.

Körperlich aktiv zu sein, sorgt aber bei vielen Menschen für mehr Wohlbefinden und verbessert die Fitness.

Alkohol

Menschen, die mehr als ein alkoholisches Getränk am Tag trinken, erkranken etwas häufiger an Darmkrebs. „Ein alkoholisches Getränk“ meint ungefähr eine Flasche Bier (0,33 Liter) oder ein kleines Glas Wein (0,1 Liter). Deutlicher erhöht ist das Risiko bei Menschen, die täglich mehr als vier alkoholische Getränke zu sich nehmen.

Unabhängig davon, ob Alkoholkonsum Einfluss auf das Darmkrebsrisiko hat oder nicht, gibt es viele gute Gründe, Alkohol nur in Maßen zu trinken. Übermäßiger Alkoholkonsum hat meist viele gesundheitliche, psychische und soziale Folgen, wie etwa Probleme in Partnerschaft und Familie oder bei der Arbeit. Zuviel Alkohol kann auch die Leber dauerhaft schädigen. Zudem können psychische Probleme und Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen verstärkt werden. Nicht zuletzt steigt das Risiko für Unfälle, Stürze und Verletzungen.

Rauchen

Nicht zu rauchen gehört zu den wohl besten Dingen, die man für seine Gesundheit tun kann. Raucher haben ein vielfach höheres Risiko für viele Krebsarten, insbesondere Lungen-, Rachen- und Kehlkopfkrebs. Rauchen ist auch eine häufige Ursache für chronische Lungenerkrankungen und begünstigt viele andere Krankheiten, zum Beispiel des Herz-Kreislauf-Systems. Auch das Risiko für Darmkrebs ist bei Rauchern vermutlich etwas höher. Der Zusammenhang ist allerdings viel schwächer als etwa bei Lungenkrebs.

Nahrungsergänzungsmittel

Glaubt man der Werbung, haben Nahrungsergänzungsmittel alle möglichen günstigen Einflüsse auf die Gesundheit. Einen triftigen Grund, Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, gibt es aber nur bei einer Mangelernährung – oder wenn sie zur Behandlung einer Erkrankung eingesetzt werden. Und auch dann sollte nachgeprüft werden, ob die Mittel tatsächlich vor Krankheiten schützen oder Beschwerden lindern.

In randomisierten Studien wurden bereits viele Nahrungsergänzungsmittel zum Schutz vor Darmkrebs untersucht: unter anderem Kalzium, Folsäure, Selen und die Vitamine A, C und E. Nicht alle sind gleich gut untersucht. Klar ist aber, dass bislang für keins dieser Mittel nachgewiesen wurde, dass es vor Darmkrebs schützen kann. Einige Studien deuten sogar darauf hin, dass bestimmte Nahrungsergänzungsmittel das Risiko für Darmkrebs oder Krebs allgemein erhöhen oder die Lebenserwartung verkürzen könnten. Gezeigt wurde ein möglicher schädlicher Effekt für hohe Dosierungen von:

Die Studienergebnisse dürfen allerdings nicht missverstanden werden: Der Körper braucht Vitamine und Mineralstoffe und bekommt sie normalerweise durch eine ausgewogene Ernährung. Ist das nicht der Fall oder besteht in bestimmten Lebenslagen ein erhöhter Bedarf (wie etwa an Folsäure vor und während einer Schwangerschaft), kann eine Nahrungsergänzung sinnvoll sein.

Eine dauerhafte Überdosierung mit bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln ohne konkreten Grund könnte aber riskant sein.

Medikamente

Bestimmten Arzneimitteln wird manchmal eine vor Darmkrebs schützende Wirkung zugesprochen. Der Einsatz von Medikamenten zur Vorbeugung von Krebs ist aber heikel: Um einen Schutz zu bieten, müssen sie regelmäßig über einen sehr langen Zeitraum, womöglich Jahrzehnte, eingenommen werden. Damit steigt auch das Risiko von Nebenwirkungen.

Zu den Medikamenten, die möglicherweise das Risiko für Darmkrebs senken könnten, gehört die Acetylsalicylsäure (ASS). Dieses Medikament wird oft gegen Schmerzen oder als Blutverdünner eingesetzt. In Studien zur Vorbeugung von Folgeerkrankungen bei Menschen mit eine Herzkrankheit hat man beobachtet, dass ASS anscheinend auch einen gewissen Schutz vor Darmkrebs bietet. Allerdings waren bisher nur wenige Studien darauf angelegt, dies gezielt zu untersuchen. Eine abschließende Bewertung des Nutzens ist deshalb noch schwierig. Klar ist: Das Mittel muss über mindestens zehn Jahre eingenommen werden, damit sich überhaupt eine vorbeugende Wirkung zeigen kann.

Die Nebenwirkungen von ASS sind zum Beispiel Magengeschwüre und Blutungen, vor allem im Magen-Darm-Trakt. Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland und anderen Ländern sprechen sich bislang gegen den Einsatz von ASS zur Vorbeugung von Darmkrebs aus.

Was kann ich denn überhaupt tun, um Darmkrebs vorzubeugen?

Für Menschen ohne bestimmte Risikofaktoren ist die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, nicht besonders hoch. Die Frage, ob eine Änderung des Lebensstils und der Ernährung oder die Einnahme von Medikamenten das Risiko senken können, lässt sich nicht sicher beantworten. Bestimmte Nahrungsergänzungsmittel können sogar schaden. Die am besten untersuchte Möglichkeit der Vorbeugung liegt darin, die Untersuchungen zur Früherkennung wahrzunehmen. Dies sind der Stuhltest und die Darmspiegelung (Koloskopie).

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