Nicht operative Behandlungsmöglichkeiten

Foto von zwei Personen beim Fitnesstraining
Arne Trautmann / iStock / Thinkstock

Die meisten Menschen mit einem Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich werden „konservativ“ behandelt, das heißt ohne Operation. Dazu gehören vor allem Bewegung, Entspannung und Entlastung, schmerzstillende oder lokal betäubende Medikamente sowie manuelle und physikalische Therapien.

Ein Bandscheibenvorfall kann unbemerkt bleiben, aber auch zu heftigen Rückenschmerzen führen. Ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbel kann auf den Ischiasnerv drücken und Schmerzen auslösen, die häufig über ein Bein bis in den Fuß ausstrahlen. Bei den meisten Menschen heilt ein Bandscheibenvorfall innerhalb von sechs Wochen von allein aus. Bis dahin stehen viele Behandlungen zur Verfügung, die dabei helfen sollen, die Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern.

Bewegung, Entspannung und Entlastungshaltung

Früher war es üblich, Menschen mit einem Bandscheibenvorfall 1 bis 2 Wochen Bettruhe zu verordnen. Heute wird im Gegenteil dazu geraten, aktiv zu bleiben. Denn durch längeres Liegen werden Muskeln und Knochen schwächer, was zu weiteren Problemen führen kann.

Studien zeigen, dass körperliche Aktivität die Beweglichkeit verbessern kann. Auf die Rückenschmerzen selbst hatte es in Studien jedoch keinen Einfluss, ob man aktiv bleibt oder sich schont. Soweit die Schmerzen es erlauben, ist es also sinnvoll, weiter den normalen Tätigkeiten nachzugehen. Zudem ist nachgewiesen, dass ein Bewegungstraining erneuten Beschwerden wirksam vorbeugen kann.

Auch Entspannungsübungen können bei Rückenschmerzen einen Versuch wert sein. Denn wie jemand Schmerzen empfindet und wie gut es einem Menschen gelingt, mit Schmerzen zurechtzukommen, kann von der Psyche beeinflusst werden.

Bei starken Schmerzen bleibt allerdings manchmal keine andere Möglichkeit, als sich erst einmal in einer möglichst entlastenden Haltung hinzulegen. Viele Menschen empfinden die Stufenlagerung als angenehm: Dabei werden die Unterschenkel auf eine Ablage gelegt, die etwa so hoch ist, dass Unter- und Oberschenkel einen 90-Grad-Winkel bilden. Wichtig ist aber, nicht zu lange inaktiv zu bleiben. 

Illustration: Stufenlagerung

Stufenlagerung

Medikamente gegen Beschwerden

Um Ischiasbeschwerden (eine ) nach einem Bandscheibenvorfall zu lindern, können verschiedene Medikamente eingesetzt werden. Dazu gehören vor allem Schmerzmittel, aber auch entkrampfende und entzündungshemmende Wirkstoffe. Am häufigsten werden die folgenden, in niedriger Dosierung rezeptfrei erhältlichen Medikamente verwendet:

  • Nicht steroidale Antirheumatika ():Diese Schmerzmittel gehören zur selben Gruppe von Medikamenten wie die (, wie in „Aspirin“). Zu den , die bei einer infrage kommen, gehören zum Beispiel Diclofenac, und Naproxen. Sie wirken schmerzstillend und entzündungshemmend. Da die teilweise hemmen, können die Medikamente zu Blutungen führen. Diese können leicht sein, wie zum Beispiel Nasen- oder Zahnfleischbluten, manchmal können aber auch schwerwiegendere Blutungen auftreten, etwa im Magen-Darm-Trakt. In einigen Fällen können auch Magengeschwüre verursachen. Außerdem können die Funktion der Nieren beeinträchtigen. Wer Asthma, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder ein Magengeschwür hat, fragt vor dem Einsatz von am besten zunächst die Ärztin oder den Arzt. Die Mittel können auch in einen Muskel gespritzt werden. Das wird jedoch heute in der Regel nicht mehr gemacht, denn eine solche Spritze wirkt vermutlich nicht besser als Tabletten oder Zäpfchen. Sie kann jedoch Nervenverletzungen, Blutungen oder Entzündungen im Bereich der Einstichstelle verursachen.
  • Paracetamol: Auch Paracetamol ist ein Schmerzmittel, gehört aber nicht zur Gruppe der . Paracetamol gilt als gut verträglich und kann eine Alternative zu sein – insbesondere für Menschen, die Schmerzmittel aus der Gruppe der nicht vertragen, etwa weil sie Magenprobleme oder haben. Allerdings kann Paracetamol in höherer Dosierung Leber und Nieren schädigen. Daher sollen Erwachsene laut Beipackzettel eine Höchstmenge von 4 Gramm (4000 Milligramm) pro Tag nicht überschreiten. Dies entspricht zum Beispiel 8 Tabletten mit je 500 Milligramm Paracetamol. Neben der korrekten Dosierung ist bei der Anwendung zudem ein zeitlicher Mindestabstand zur vorhergehenden Einnahme einzuhalten.

Zu den verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, die nur auf Rezept erhältlich sind, gehören:

  • : starke Schmerzmittel, die nur unter ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden dürfen. unterscheiden sich in ihrer Stärke, manche werden auch als Pflaster angeboten. Morphin ist zum Beispiel ein sehr starkes Mittel, Tramadol ein schwächeres. können eine Reihe von zum Teil schwerwiegenden Nebenwirkungen haben. Diese reichen von Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung bis hin zu Schwindel, Atemproblemen und Blutdruckschwankungen. Eine längere Einnahme kann zu Gewöhnung und körperlicher Abhängigkeit führen.
  • Kortikoide: entzündungshemmende Mittel, die bei verschiedenen Erkrankungen als Tabletten, Infusionen oder Spritzen in den Muskel eingesetzt werden können. Dabei verteilen sich die Wirkstoffe im gesamten Körper („systemisch“), können Entzündungen dämpfen und damit Schmerzen lindern. Systemisch wirksame Kortikoid-Präparate können unter anderem das Risiko für Magengeschwüre, Osteoporose, Infektionen, Hautprobleme, Grünen Star () und Störungen des Zuckerstoffwechsels erhöhen.
  • Muskelrelaxantien: Beruhigungsmittel, die auch die Muskeln entspannen. Wie andere können sie zu Müdigkeit und Benommenheit führen und die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Außerdem können Muskelrelaxantien die Leberfunktion stören und zu Magen-Darm-Komplikationen führen. Mittel wie zum Beispiel Tetrazepam aus der Gruppe der sogenannten Benzodiazepine können abhängig machen, wenn sie länger als zwei Wochen eingenommen werden.
  • Antikonvulsiva: Diese Mittel werden normalerweise bei Epilepsie angewendet, einige sind aber auch zur Behandlung von Nervenschmerzen (Neuralgien) zugelassen. Zu ihren Nebenwirkungen gehören Benommenheit und Müdigkeit. Dadurch können die Medikamente die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen.
  • : Sie werden normalerweise gegen Depressionen eingenommen. Einige dieser Mittel sind auch zur Behandlung von Schmerzen zugelassen. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Mundtrockenheit, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen und Müdigkeit.

Antikonvulsiva und werden in der Regel erst bei länger andauernden Beschwerden und unzureichender Wirkung der Schmerzmedikamente eingesetzt.

Manuelle und physikalische Therapien

Bei der Behandlung von Ischiasbeschwerden nach einem Bandscheibenvorfall werden auch manuelle und physikalische Therapien angewendet. Zu den manuellen Behandlungen gehören Massagen und bestimmte Handgriffe, mit denen verspannte Muskeln oder blockierte Gelenke gelockert werden sollen. Physikalische Therapien nutzen Wärme und Kälte, um Schmerzen zu lindern. Diese Behandlungen werden auch als passive Therapien bezeichnet, da die Patientinnen und Patienten dabei nicht aktiv mitarbeiten. Häufig eingesetzte Behandlungen sind:

  • Massagen:Verschiedene Massagetechniken werden genutzt, um die Muskeln zu lockern und Verspannungen zu lösen.
  • Wärme- und Kälteanwendungen: Hierzu gehören zum Beispiel Wärmepflaster oder -packungen, ein heißes Bad, ein Saunagang oder eine Infrarot-Bestrahlung. Wärme kann bei verspannten Muskeln guttun. Bei Nervenreizungen werden auch Kältepackungen eingesetzt, wie kalte Umschläge oder Gelkissen.
  • : Hierbei wird der untere Rücken mit Schallwellen behandelt, die durch feine Vibrationen Wärme erzeugen und so das Gewebe lockern sollen.

Insgesamt ist bislang nicht belegt, dass passive Behandlungen die Genesung nach einem Bandscheibenvorfall beschleunigen oder die Schmerzen besonders gut lindern können. Viele Menschen empfinden eine Massage oder Wärmeanwendung jedoch als angenehm und wohltuend.

Fernöstliche Therapierichtungen

Beispiele für Behandlungstechniken aus fernöstlichen Therapierichtungen sind:

  • : Bei der sticht die Therapeutin oder der Therapeut feine Nadeln in bestimmte Punkte des Körpers. Das soll Schmerzen lindern.
  • Reiki: Reiki ist eine aus Japan stammende Behandlung, bei der Schmerzen durch Handauflegen gelindert werden sollen.
  • Moxibustion: Bei dieser Methode werden bestimmte Körperstellen (sogenannte Therapiepunkte) gezielt erwärmt, zum Beispiel indem glimmende Stangen aus getrocknetem Beifuß („Moxa“) oder erhitzte Nadeln nah an die Therapiepunkte gebracht werden.

Zu diesen Techniken gibt es nur sehr wenige aussagekräftige Studien. Eine Wirkung gegen Schmerzen ist nicht nachgewiesen. Lediglich für die gibt es Hinweise, dass sie Schmerzen lindern könnte – allerdings unabhängig davon, an welchen Körperstellen die Nadeln gesetzt wurden.

Wirbelsäulennahe Spritzen

Bei der sogenannten Injektionsbehandlung werden meist örtliche Betäubungsmittel und / oder entzündungshemmende Medikamente wie Kortikoide in die unmittelbare Umgebung der gereizten Nervenwurzel gespritzt. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Bei der lumbalen Spinalnervenanalgesie (LSPA), auch Wurzelblockade genannt, wird das Medikament direkt an die Austrittsstelle der Nervenwurzel aus dem Wirbelkanal gespritzt. Dadurch wird die Nervenwurzel betäubt.
  • Bei der lumbalen Periduralanalgesie werden die Medikamente in den sogenannten gespritzt („peridurale Injektion“). Der umgibt das Rückenmark und die Rückenmarksflüssigkeit im Wirbelkanal. Hier liegen unter anderem auch die Nervenwurzeln. Während dieser Behandlung stellt eine oder Röntgendurchleuchtung der Wirbelsäule sicher, dass die Spritze an der richtigen Stelle gesetzt wird.

Die Spritzen können Nebenwirkungen wie Nachblutungen, Infektionen und Nervenverletzungen haben. Eine längerfristige Behandlung mit Spritzen kann zudem zu einer Muskelschwächung führen und geht wegen der Röntgenkontrolle mit einer Strahlenbelastung einher. Daher darf nur eine begrenzte Zahl von Spritzen gegeben werden. Es ist wichtig, die mehrfache Behandlung sorgsam abzuwägen.

Eine Auswertung der Studien zu Spritzen-Behandlungen zeigt, dass sie eine für einige Wochen lindern können. Die Personen konnten sich dadurch im Alltag besser bewegen. Kortisonhaltige Spritzen scheinen etwas besser zu wirken als andere Spritzen.

Schmerzen behandeln, aktiv bleiben

Akute Kreuzschmerzen haben meist keine bestimmte Ursache und verschwinden in der Regel innerhalb einiger Tage von selbst. Aber auch wenn ein Bandscheibenvorfall dahintersteckt, bekommt der Körper das Problem normalerweise innerhalb von sechs Wochen allein in den Griff. Die meisten Behandlungen können die Genesung kaum beschleunigen. Vielleicht können Wärmepackungen oder Massagen helfen, das Wohlbefinden etwas zu verbessern. Bei starken Schmerzen können Entspannung in Entlastungshaltung und entzündungshemmende oder lokal betäubende Medikamente die Beschwerden kurzfristig lindern. Die Hauptarbeit leistet der Körper aber in der Regel selbst.

Wenn die Beschwerden bei einem Bandscheibenvorfall länger andauern, kann eine Operation infrage kommen, um den betroffenen Nerv zu entlasten. Dennoch werden in Deutschland nach Auffassung der meisten Fachleute wesentlich mehr Bandscheiben-Operationen durchgeführt als nötig. Es kann daher sinnvoll sein, sich eine zweite Meinung einzuholen, wenn die Ärztin oder der Arzt zu einer Operation rät und man unsicher ist, ob dies die richtige Behandlung ist.

Wichtig ist vor allem, trotz der Beschwerden möglichst aktiv zu bleiben. Bewegung hält nicht nur den Körper fit, sie wirkt sich meist auch auf das Gemüt positiv aus. Damit Kreuzschmerzen nicht chronisch werden, ist es wichtig, sich ausreichend zu bewegen und die Rumpfmuskulatur kräftig zu halten. Die vorbeugende Wirkung körperlicher Aktivität ist wissenschaftlich nachgewiesen – und vielleicht das Wichtigste, was man für sich selbst tun kann.

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Aktualisiert am 11. März 2020
Nächste geplante Aktualisierung: 2023

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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