Wir können jetzt besser mit der Angst umgehen

Foto von Paar (Deam Mitchell / iStock / Thinkstock) Hans, 56 Jahre, Partner einer Frau mit Brustkrebs

„Ich habe neben meiner Frau gestanden und gesehen, wie sie durch die Behandlung schwächer wurde. Das war für mich das Schwierigste, weil ich das Gefühl hatte, nichts machen zu können.“

Im Jahr 2004 wurde bei meiner Frau Brustkrebs festgestellt. Mit der Diagnose ist sehr viel auf uns eingestürzt. Wir hatten anfangs gar nicht richtig Zeit, uns damit auseinanderzusetzen. Meiner Frau hat man immer wieder versichert, dass es gute Behandlungsmöglichkeiten gibt und es gut gehen wird.

Nach einer gewissen Zeit war die Behandlung dann tatsächlich scheinbar erfolgreich abgeschlossen. Dann haben wir uns gedacht: Jetzt fangen wir wieder an zu leben. Das haben wir auch gemacht, sind viel gereist und haben Dinge gemacht, die wir früher immer ein wenig aufgeschoben haben. Wir haben weiter ein normales Leben geführt, nur ein wenig intensiver als vorher.

Im Jahr 2009 kam der Krebs bei meiner Frau wieder: Diagnose Rezidiv. Mir hat diese Mitteilung regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war ja nach der ersten Behandlung so guter Hoffnung und dann das. Ich habe das erste Mal darüber nachgedacht, dass ich vielleicht irgendwann alleine bin.

Wir sollten sofort entscheiden

In der Klinik hat mir vieles nicht gefallen. Das Augenmerk der Ärzte lag allein nur auf der medizinischen Behandlung. Sie sahen nicht unsere psychische Belastung durch die neue Diagnose.

Ich habe neben meiner Frau gestanden und gesehen, wie sie durch die Behandlung schwächer wurde. Das war für mich das Schwierigste, weil ich das Gefühl hatte, nichts machen zu können.

Die Ärzte haben uns im Krankenhaus mitgeteilt, dass die Brust amputiert werden sollte, weil das Tumorgewebe besonders bösartig war. In der gleichen Besprechung haben sie vorgeschlagen, schon während der Operation einen Brustaufbau vorzubereiten. Unsere Entscheidung dazu wollten sie sofort wissen, da dann ein anderer Operationsschnitt mit der Anlage eines vorläufigen Brustexpanders erforderlich war.

Ich habe nachgefragt, was passiert, wenn ein Brustaufbau zu einem späteren Zeitpunkt vorgenommen wird. Darauf haben die Ärzte geantwortet, dass dann eine weitere Operation nötig sei. Das habe ich als ein sehr sinnvolles Argument für einen sofortigen Brustaufbau erachtet und meiner Frau zu dieser Entscheidung geraten.

Ich habe mir Vorwürfe gemacht

Sie hat sich dann trotz ihrer Bedenken dafür entschieden. Später hat sie sich gefragt, warum sie den Brustaufbau überhaupt machen lassen hat, zumal das Ergebnis nicht besonders gut ausgefallen war. Da habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich ihr zugeraten habe, statt zu warten, bis sie den Verlust ihrer Brust verkraftet hat. Bevor sie dies überhaupt verarbeiten konnte, wurde schon der nächste Schritt geplant. Nach dieser Erfahrung denke ich, dass man in einer solchen Situation eine Entscheidung mit diesem Ausmaß gar nicht treffen kann.

Diese Hilflosigkeit und der leise Vorwurf haben mich in ein tiefes Loch stürzen lassen. Ich wäre über diese ganze Situation fast depressiv geworden, wenn ich nicht Hilfe bei einer Psychologin gefunden hätte. Sie hat mir sehr geholfen nicht nur die Krankheit zu sehen, sondern auch unsere Beziehung und mich selbst. Das war ganz wichtig. Dadurch konnte ich mit der Erkrankung meiner Frau ganz anders umgehen. Wir haben es geschafft, bis heute ein relativ normales Leben zu führen.

Dabei wurde ein Satz der Psychologin für mich ganz wichtig: „Ihre Frau ist an Krebs erkrankt, sie ist aber dadurch nicht entmündigt.“ Das war ein entscheidender Satz für mich, da ich jetzt akzeptieren kann, dass nicht ich die Entscheidungen treffe, sondern meine Frau. Das macht es mir wesentlich leichter. Mir war am Anfang manchmal nicht klar, was sie für sich wollte. Dann habe ich sie zu Entscheidungen gedrängt, für die ich mich später schuldig fühlte. Sie hat mich damals auch darauf hingewiesen, dass ich etwas tun muss, sonst würde unsere Beziehung scheitern. Auf einmal befand sich unsere bisher glückliche Ehe nach 30 gemeinsamen Jahren in einer Krise.

Die Gespräche mit der Psychologin waren für mich auch sehr positiv, weil ich meine Not woanders loswerden konnte. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, ich belaste meine Frau mit meinen Ängsten und Sorgen. Ich glaube, dass ich meiner Frau jetzt wesentlich besser helfen kann. Das Gleiche gilt für unsere Beziehung. Wir können jetzt besser mit der Angst umgehen.

Ich wollte alle Entscheidungen für sie übernehmen

Bei jeder Nachuntersuchung begleitet uns die Sorge, dass die Krankheit wiederkommen könnte. Meine Frau und ich teilen die Meinung, dass der Krebs im Moment schlummert, aber wir hoffen, dass er nie wieder aufwacht.

Man hat meiner Frau die Müdigkeit und Erschöpfung durch die Chemotherapie angesehen. Ich dachte, ich müsste sie beschützen, weil sie schwer krank und schwach ist und sie alles alleine nicht schaffen könne. Ich wollte alle Entscheidungen für sie übernehmen. Aber das war gar nicht notwendig. Sie hat sich nur nicht getraut, mich zu bremsen.

Wir reden jetzt darüber und ich weiß, an welcher Stelle sie es allein schafft und wann ich ihr beistehen muss. Das ist für mich eine große Erleichterung. Nun stehe ich ihr bei, indem ich sie begleite und zuhöre. Formelle und schriftliche Erledigungen mache immer noch ich, da ich darin versierter bin. Aber am wichtigsten ist es für mich, in ihr weiterhin die Frau zu sehen, die ich liebe. Dann kann ich sie in den Arm nehmen und ihr Trost und Kraft geben. Dies könnte ich nicht, wenn ich sie nur als Kranke sähe.

Durch die Psychologin habe ich gelernt, mir auch mal eine Auszeit zunehmen und etwas für mich selber zu tun. Zum Beispiel bin ich sehr aktiv in einer Selbsthilfegruppe.

Endlich behandelst du mich wieder normal

Ein weiteres Problem war für mich, dass sich meine Partnerin selber nicht mehr schön fand. Ich konnte ihr noch so oft sagen, dass es mich nicht stört, dass sie nur eine Brust hat und die Haare durch die Behandlung ausgefallen sind. Doch das ist nicht bei ihr angekommen.

Meine Frau ist, wenn sie vor etwas Angst hat, leicht reizbar. Selbst wenn sie dabei ungerecht wurde, habe ich nicht darauf reagiert, auch wenn es mir dabei schlecht ging. Heute weiß ich, dass sie nur aus Angst so reagiert. Gegen offensichtliche Ungerechtigkeit wehre ich mich heute und sie findet das gar nicht schlecht. Sie meinte dann nur: „Endlich behandelst du mich wieder normal.“

Unsere Beziehung hat sich mit der Erkrankung verändert. Wir haben uns immer geliebt, aber jetzt ist das noch viel intensiver geworden.

Auch die Sexualität klappt wieder. Das war damals eine große Belastung. Meine Frau hat sich aufgrund der körperlichen Veränderungen und der Nebenwirkungen der Chemotherapie nicht als Frau gefühlt. Für mich war das nicht so. Sie ist für mich auch mit einer Brust eine sehr schöne Frau und das wird auch immer so bleiben. Damals konnte aufgrund unserer Beziehungskrise und der Chemo keine Sexualität zwischen uns stattfinden. Mit den körperlichen Veränderungen meiner Frau hatte das weniger zu tun.

Für mich steht auch die Arbeit nicht mehr so im Vordergrund

Wir gehen, soweit es möglich ist, immer gemeinsam zu den Nachsorgeuntersuchungen. Die Ärzte drücken sich manchmal sehr kompliziert aus und wenn der eine vielleicht im Moment ein wenig blockiert ist, dann bekommt der andere aber die Informationen mit. Am Ende kann man sich darüber austauschen.

Ich kann jetzt auch mit anderen darüber reden, was mich bewegt und was ich fühle. Früher konnte ich das nicht und habe versucht, alles mit mir selber auszumachen. Wenn ich innerliche Not hatte, habe ich mich in Arbeit gestürzt. Irgendwann half auch das Arbeiten als Ablenkung nicht mehr. Dann habe daran gedacht, wie schlecht es meiner Frau geht und mir die typische Frage gestellt: „Warum hat es uns getroffen?“ Ich habe das alles mit mir ausgemacht, weil ich sie in der akuten Erkrankungssituation nicht belasten wollte. Dann haben wir, auch durch die Hilfe der Psychologin, schon während der Erkrankung angefangen über unsere jeweiligen Bedürfnisse zu sprechen.

Für mich steht auch die Arbeit nicht mehr so im Vordergrund. Ich muss weiter arbeiten, denn ich muss ja von etwas leben. Die Selbsthilfegruppe gibt mir viel, aber am wichtigsten ist mir die innige Nähe zu meiner Frau, die wir jetzt erreicht haben. Dass wir viel miteinander reden, dass wir zusammen Dinge machen, aber ich allein auch etwas unternehmen kann. Was mir in der schwierigen Situation sehr geholfen hat, war das Schreiben. Ich habe mir meine Sorgen und Gedanken von der Seele geschrieben. Das tat mir gut.

Ich finde es in einer solchen Situation wichtig, viel miteinander zu reden, besonders über die Nöte, Ängste und Bedürfnisse. Es ist wichtig, sich Hilfe zu holen und nicht alleine gegen die Krankheit zu kämpfen. Es ist so schon schwer genug und die Krankheit wird immer da sein. Wir haben versucht, mit dem Krebs zu leben und das Beste daraus zu machen. Das hört sich zwar etwas theoretisch an, aber wenn man beispielsweise schon immer eine schöne Reise machen wollte, dann sollte man das einfach in Angriff nehmen.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.