Ich versuche, jeden Tag zu gestalten und zu genießen

Foto von zwei Frauen beim Kochen (Jupiterimages / Pixland / Thinkstock) Doris, 62 Jahre

„Es ist eine unberechenbare Erkrankung. Aber momentan sieht es so aus, als hätte ich noch eine ganze Weile auf dieser Welt.“

Ende des Jahres 2006 war ich bei meinem Gynäkologen und er hat bei der Untersuchung zwei Knoten in der Brust festgestellt. Er hat mich in ein Krankenhaus zur Mammografie überwiesen und dort wurde die Diagnose bestätigt. Im Krankenhaus haben sie direkt nach der Mammografie angefangen, verschiedene weitere Untersuchungen zu machen: Lunge, Herz und alles Mögliche. Ich war geschockt und wusste nicht, wie mir geschieht. Ich kam mir vor wie ein Päckchen auf einem Fließband. Ich kam überhaupt nicht zum Denken. Die Ärzte hätten mich am liebsten gleich im Krankenhaus behalten. Da habe ich gesagt: „Stopp!“ Ich musste das für mich erst mal sortieren und bin einfach nach Hause gegangen. Diese Nachricht musste ich erst mal verinnerlichen.

Ich bin dann an beiden Brüsten operiert worden und das Krankenhaus hat mir eine Chemo- und Strahlentherapie vorgeschlagen. Das hat mich alles sehr erschreckt. Chemotherapie war das Schlimmste auf der Welt, was ich mir vorstellen konnte. Obwohl ich es ja noch nie erlebt hatte. Ich habe mich dann mit verschiedenen Ärzten in Verbindung gesetzt und mich informiert. Ich habe mich gegen die Chemotherapie entschieden. Der behandelnde Onkologe meinte darauf: „Dann kann ich nichts mehr für sie tun.“ Mein Frauenarzt war ähnlicher Meinung. Daraufhin habe ich mir eine neue Gynäkologin gesucht.

Im Anschluss an die Operation und Bestrahlung war ich bei einer Rehabilitation, um mich von der Behandlung und der psychischen Belastung zu erholen.

Ich hatte gedacht, dann ist mein Leben vorbei

Im Jahr 2008 kam der Krebs wieder. Damals hat sich bei mir privat auch sehr viel verändert: Mein Sohn ist ausgezogen, das Haus wurde mir zu groß, ich war nicht mehr kräftig genug, Vollzeit zu arbeiten und habe die Stundenzahl reduziert. Das alles hat mich sehr belastet.

Bei der ersten Operation wurden ziemlich viele Lymphknoten aus beiden Achselhöhlen entfernt, dadurch schmerzen immer wieder meine Arme. Im Herbst 2008 kam dann die zweite Operation. Dabei wurde eine Brust entfernt. Das habe ich ganz gut überstanden.

Im Januar darauf war ich bei der Nachsorgeuntersuchung. Die Gynäkologin hat einen Bauchultraschall gemacht und dabei ist ihr etwas aufgefallen, was ihr nicht gefallen hat und hat mich zum MRT (A.d.R. Magnetresonanztomografie) geschickt. Die Ärztin, die das MRT durchgeführt hat, meinte zuerst, da sei nichts Gefährliches zu sehen.

Beim nächsten Termin bei meiner Gynäkologin wurde mir dann aber doch gesagt, dass ich Beckenmetastasen habe. Da bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich hatte ja nichts gespürt! Ich hatte nur in der Schulter Beschwerden, zu denen der Orthopäde sagte, dass die von einer eingeklemmten Sehne kommen. Dann standen wieder die vielen Untersuchungen an und es wurde immer schlimmer: Metastasen im Becken, in der Wirbelsäule, an der Brustkorbwand, in der Schulter, in der Wirbelsäule. Ich habe die Ärztin dann nur noch gefragt: Können Sie denn überhaupt noch etwas für mich tun? Ich hatte gedacht, ich komme in den Rollstuhl und dann ist mein Leben vorbei. Die Ärztin hat mich dann angelächelt und gesagt: „Das kriegen wir wieder in den Griff.“

Das Warten auf die Behandlungsergebnisse finde ich sehr schwierig

Ich bekam dann Bestrahlungen. Dadurch hatte ich immer wieder mal Schmerzen in den Knochen, aber die haben sich wieder gelegt. Im Moment bin ich häufig schlapp und auch müde als Folge der Bestrahlungen. Das ist schon anstrengend. Von der Bestrahlung selbst spüre ich aber nichts. Ich bekomme auch alle zwei beziehungsweise alle vier Wochen verschiedene Medikamente verabreicht. Im Moment geht es mir körperlich ganz gut. Psychisch ist die Belastung noch da. Bei jeder Kontrolluntersuchung denke ich, ob sie wohl wieder etwas finden werden.

Das Warten auf die Behandlungsergebnisse finde ich auch sehr schwierig. Es dauert ja eine Weile, bis man prüfen kann, ob die Behandlungen anschlagen.

Als der Tumor wiederkam, da ging es mir ganz schlecht. Auch mit meiner privaten Situation. Ich war immer chronisch müde, kaputt und alles war mir zu viel. Ich fühlte mich von allem überfordert. Ich wurde in dieser Zeit auch psychologisch begleitet und habe eine Therapie gemacht. Sonst hätte ich das, denke ich, nicht geschafft. Ich habe kein familiäres Umfeld, das mich stützt und mein Sohn wohnt weit weg von mir. Ich hatte das Gefühl, ich kann nicht mehr, ich habe keine Kraft mehr und ich will das alles nicht mehr. Neben der Therapie hat mir in dieser Zeit die Unterstützung durch meine Freunde geholfen.

Mir sieht man die Erkrankung nicht an

Ich habe trotz der Entfernung ein sehr enges Verhältnis zu meinem Sohn und wir reden auch über die Erkrankung. Wir können ganz offen reden und das tut mir gut. Es ist mir wichtig, dass er Bescheid weiß. Aber dadurch, dass er weit weg von mir wohnt, kann er mich nicht im Alltag unterstützen.

Meinem Bruder fällt der Umgang mit meiner Erkrankung eher schwer. Er kann irgendwie nicht damit umgehen, wenn es mir schlecht geht. Mir sieht man die Erkrankung nicht an, ganz im Gegenteil. Ich kann mich ja viel ausruhen und das sieht man auch. Schmerzen habe ich keine, da zerrt also körperlich momentan nichts an mir. Es gibt auch Reaktionen von anderen nach dem Motto „Stell dich nicht so an, du siehst doch gut aus“.

Ich bin mittlerweile Rentnerin, weil ich gar nicht mehr die Kraft habe, so viel zu arbeiten. Von meinem Arbeitgeber hatte ich damals große Unterstützung. Er hatte vollstes Verständnis für mich und auch die Kolleginnen waren sehr lieb mit mir. Ich war sehr lange krankgeschrieben und ich habe dann eine Teilzeitrente bekommen und nur noch ein paar halbe Tage die Woche gearbeitet. Das war für mich sehr erleichternd. Jetzt bin ich Vollrentnerin und arbeite momentan an zwei halben Tagen pro Woche und bessere meine Rente auf. Das ist wunderbar für mich. Dadurch habe ich auch noch einen Bezug zur Arbeitswelt.

Irgendwann findet man sich mit der Situation ab

Ich bin aktiv in der Selbsthilfe tätig und das tut mir gut. Da sind Frauen, die alle Ähnliches erlebt haben und wissen, wovon sie sprechen. Ich fühle mich da sehr gut aufgehoben.

Irgendwann findet man sich mit der Situation ab. Das ist dann einfach so. Ich lebe ja nun schon seit 2006 damit. Man arrangiert sich. Ich schaue, dass es mir so gut wie möglich geht und dass ich etwas unternehme.

Ich spiele zum Beispiel Klavier. Das ist ein Kindheitstraum von mir. Ich wollte immer schon spielen, aber als Kind war das nicht möglich. Jetzt habe ich jede Woche Klavierunterricht, übe täglich und ich freue mich immer wieder sehr darüber. Was ich auch sehr gern mache, ist das Reisen. Momentan bin ich noch nicht so belastbar und ich mache eher Kurzreisen. Aber ich werde weitere und längere Reisen unternehmen, wenn ich wieder kräftiger bin. Und ich lerne über das Internet Englisch. Das macht viel Spaß.

Wenn in der nächsten Zeit wieder Ruhe einkehrt, dann möchte ich auch wieder mal schwimmen gehen. Obwohl das mit dem Badeanzug so eine Sache ist. Ich brauche dann einen Badeanzug, wo die Prothese reinpasst. Wenn ich zu Hause und in meiner gewohnten Umgebung bin, dann ist das mit der Prothese überhaupt kein Problem. Ich habe eine kleine Brust und manchmal gehe ich auch ohne Prothese und ziehe eine weite Bluse an. Aber ich habe auch mal eine Situation im Hallenbad erlebt, da kam in der Dusche eine Schulklasse mit kleinen Mädchen herein und ich dachte mir nur: Was mache ich jetzt? Dann sind mir die Tränen gekommen. Das war schon heftig. Es gibt auch Frauen, denen macht das gar nichts aus, die gehen auch in die Sauna. Aber das kann ich noch nicht, da bin ich noch nicht so weit.

Seminar zum Thema Sterben war regelrecht erleichternd

Meine erste Frage nach der Operation war: Wie lange habe ich noch zu leben? Mir schoss bei der Diagnose ja sofort in den Kopf: Krebs ist tödlich. Inzwischen denke ich über den Tod nach. Ich finde Sterben nicht so schlimm wie langes Leiden. Ich habe ein Seminar zum Thema Sterben mitgemacht, das hat mir sehr gut getan. Das war regelrecht erleichternd. Ich bin ja jetzt auch nicht mehr ganz so jung. Ich habe ein schönes Leben gehabt und habe sehr viel erleben dürfen und viel von der Welt gesehen. Meine größte Sorge ist, dass ich über Monate starke Schmerzen habe und leiden muss. Ich denke, wenn der liebe Gott mich holen will, dann holt er mich.

Ich habe nach der Erstdiagnose sofort verschiedene Dinge geregelt. Auch damit mein Sohn handeln kann, wenn ich nicht mehr da bin. Das was mir sehr wichtig.

Brustkrebs ist eine ganz individuelle und schwer vorhersehbare Erkrankung. Da ist es schwer, irgendwelche allgemeinen Ratschläge zu geben. Ich finde es sehr wichtig, dass man zu seinem Arzt Vertrauen hat. Dass man sich aufgehoben fühlt, sich die entsprechenden Informationen einholt und sich Dinge erklären lässt. Normalerweise muss nichts sofort entschieden werden. Man kann und darf sich auch erst mal zurückziehen und darüber nachdenken und dann für sich entscheiden, was man macht.

Ich war damals sehr unsicher, weil die Ärzte sich zum Teil widersprochen haben: Der eine wollte so behandeln, der andere anders. Ich war mir dann nicht mehr sicher, ob sie mir die Wahrheit sagen. Die Ärztin im Tumorzentrum hat mir in dieser Zeit sehr geholfen. Die hat mich angelächelt und gesagt „Na klar, wir können etwas machen.“ Sie hat mir wieder Hoffnung gegeben. Ich weiß, der Brustkrebs ist nicht mehr heilbar und ich bin jetzt chronisch krank. Aber man kann damit leben. Im Moment habe ich keine Schwierigkeiten. Wenn das so noch für viele Jahre bleibt, dann wäre ich sehr dankbar.

Es ist eine unberechenbare Erkrankung. Aber momentan sieht es so aus, als hätte ich noch eine ganze Weile auf dieser Welt. Ich versuche jeden Tag so zu gestalten und zu genießen, wie es gerade geht.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.