Was können Eltern bei einer Mittelohrentzündung tun?

Foto von schlafendem Jungen (Comstock Images / Stockbyte / Thinkstock)

Kinder mit akuter Mittelohrentzündung (akute Otitis media) haben meist Schmerzen und Fieber. Sie schlafen schlecht, sind unruhig und schreien viel. Wie kann man die Beschwerden behandeln und wann ist ärztlicher Rat wichtig?

Eine Mittelohrentzündung klingt meist nach einigen Tagen wieder ab. Komplikationen sind sehr selten. Viele Kinder sind sogar nach einem Tag wieder schmerzfrei. Schmerzlindernde und fiebersenkende Mittel wie Ibuprofen und Paracetamol können die Beschwerden bis dahin lindern. Darüber hinaus hilft viel Zuwendung. Manche Kinder fühlen sich auch nach der Anwendung bestimmter Hausmittel besser.

Antibiotika helfen oft nicht und können Nebenwirkungen haben. Deshalb ist es meist sinnvoll, zwei bis drei Tage abzuwarten, ob die Mittelohrentzündung von selbst verschwindet. Falls die Ohrenschmerzen nicht abklingen, kann man dem Kind immer noch Antibiotika geben. Nützlich sind Antibiotika auch bei eitrigem Ausfluss aus dem Ohr sowie bei Kindern unter zwei Jahren mit einer Entzündung beider Ohren.

Wenn es dem Kind nicht gut geht, kann es wichtig sein, frühzeitig ärztlichen Rat zu suchen. Die Ärztin oder der Arzt kann einschätzen, ob es sich um eine Mittelohrentzündung handelt und wie schwer sie ist. Gemeinsam lässt sich dann besprechen, welche Form der Behandlung angebracht ist. Bessern sich die Beschwerden trotz Behandlung nicht oder treten Probleme wie Hörstörungen auf, ist ein erneuter Arztbesuch ratsam.

Schmerzstillende und fiebersenkende Medikamente

Eine schnelle Linderung der Ohrenschmerzen steht im Mittelpunkt der Behandlung. Für Kinder sind in Deutschland die Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen rezeptfrei erhältlich. Beide Wirkstoffe lindern den Schmerz und senken das Fieber. Sie können als Zäpfchen oder Saft gegeben werden. Ibuprofen kann zusätzlich Entzündungen hemmen.

Die Dosierung der Medikamente richtet sich nach dem Alter und dem Körpergewicht des Kindes. Bei der Anwendung ist zudem ein Mindestabstand zur vorhergehenden Einnahme nötig. Weitere Informationen zur Anwendung und zu möglichen Nebenwirkungen finden sich im Beipackzettel des jeweiligen Medikaments. Bei Unsicherheiten kann man sich in der Arztpraxis oder Apotheke beraten lassen.

Acetylsalicylsäure (ASS) darf Kindern und Jugendlichen nur auf ärztliche Anweisung gegeben werden, weil hier das Risiko einer seltenen, aber gefährlichen Nebenwirkung besteht („Reye-Syndrom“).

Antibiotika

Antibiotika beeinflussen den Verlauf einer Mittelohrentzündung nur wenig, können aber Nebenwirkungen haben. Die Mittel können die Ohrenschmerzen in den ersten 24 Stunden der Erkrankung nicht lindern. Ein Unterschied lässt sich erst etwas später feststellen: Studien zeigen, dass nach zwei bis drei Tagen Antibiotika-Einnahme etwa 15 von 100 Kindern noch Schmerzen haben – im Gegensatz zu 22 von 100 Kindern, die keine Antibiotika erhielten.

Antibiotika können auch das Risiko verringern, dass das Trommelfell reißt. In Studien riss das Trommelfell nur bei einem von 100 Kindern, die Antibiotika erhielten – aber bei etwa 3 von 100 Kindern, die keine Antibiotika nahmen. Ein Riss im Trommelfell ist meist klein und heilt innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen von selbst ab. Problematischer ist es, wenn das Trommelfell immer wieder einreißt oder ein größerer Riss entsteht.

Zwei Gruppen von Kindern können Antibiotika deutlich besser helfen:

  • Kinder unter zwei Jahren mit einer Entzündung beider Ohren
  • Kinder aller Altersgruppen mit eitrigem Ausfluss aus dem Ohr

Beides weist auf bakterielle Infektionen hin, die sich mit Antibiotika gut behandeln lassen. Bei etwa 25 bis 35 von 100 Kindern mit solchen Problemen können Antibiotika nach drei bis sieben Tagen Schmerzen und Fieber lindern.

Nebenwirkungen von Antibiotika

Antibiotika können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Hautausschlag hervorrufen. Bei ungefähr 5 von 100 Kindern lösen Antibiotika eine dieser Nebenwirkungen aus. Zum anderen trägt die allzu häufige Verwendung von Antibiotika dazu bei, dass sich Keime entwickeln und ausbreiten, die nicht mehr auf Antibiotika ansprechen (resistente Bakterien).

Abwartende Behandlung

Den größten Vorteil haben Antibiotika für Kinder mit Beschwerden, die auf eine bakterielle Infektion hinweisen (siehe oben). Bei anderen Kindern spricht viel dafür, zunächst auf Antibiotika zu verzichten und sie erst einzunehmen, wenn sich die Ohrenschmerzen nach zwei bis drei Tagen nicht bessern oder sogar verschlechtern. Es ist auch möglich, dass die Ärztin oder der Arzt nach der Diagnose ein Rezept für ein Antibiotikum ausstellt und die Eltern bittet, das Rezept erst einmal nicht einzulösen, sondern abzuwarten. Gegen Ohrenschmerzen erhalten die Kinder bis dahin schmerzstillende und falls nötig fiebersenkende Mittel.

Dieses abwartende Vorgehen vermeidet mögliche Nebenwirkungen durch Antibiotika und hat keine längerfristigen Nachteile. Man hat in Studien untersucht, ob es dadurch häufiger zu Komplikationen oder neuen Erkrankungen kommt. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Bei diesem Vorgehen ist es wichtig, die Beschwerden des Kindes aufmerksam zu beobachten und mit der Ärztin oder dem Arzt in Kontakt zu bleiben, um angemessen reagieren zu können, falls sich die Infektion nicht bessert oder sogar verschlechtert.

Was Studien sagen

Abschwellende Nasentropfen oder Nasensprays

Nasentropfen oder Nasensprays können die Schleimhäute abschwellen lassen. Sie werden angewendet, um die Belüftung des Mittelohrs zu verbessern. Es ist jedoch nicht erwiesen, dass sie die Heilung einer Mittelohrentzündung unterstützen oder die Beschwerden lindern.

Viele Kinder mit Mittelohrentzündung haben auch eine verstopfte Nase. Nasensprays und Nasentropfen können dann für einige Stunden die Nase freier machen und die Atmung erleichtern. Sie sollten aber für wenige Tage und nur in der für das Alter des Kindes empfohlenen Dosierung angewendet werden. Bei zu langer, zu häufiger oder zu hoch dosierter Anwendung können die Mittel die Nasenschleimhaut dauerhaft schädigen. Abschwellende Nasentropfen und Nasensprays sind ohne Rezept in Apotheken erhältlich.

Ohrentropfen

Gegen die Ohrenschmerzen können auch lokal wirkende Ohrentropfen angewendet werden. In Deutschland bestehen solche Mittel meist aus einer Kombination der Wirkstoffe Phenazon und Procain. Ob Ohrentropfen Kindern und Babys unter drei Jahren helfen, ist nicht untersucht. Bei Kindern über drei Jahren können sie die Schmerzen möglicherweise lindern.

Wenn das Trommelfell gerissen ist, kann die Anwendung von Ohrentropfen problematisch sein. Im Zweifel ist es besser, vorher mit der Ärztin oder dem Arzt zu sprechen.

Trommelfellschnitt (Parazentese)

Manchmal wird das Trommelfell leicht eingeritzt, damit Flüssigkeit aus der Paukenhöhle nach außen ablaufen kann. Der kleine Eingriff wird aber nur bei kompliziertem Verlauf vorgenommen – zum Beispiel, wenn das angestaute Sekret zu sehr starken Schmerzen führt.

Hausmittel und komplementäre Verfahren

Viele Eltern wenden bei ihrem erkrankten Kind auch Hausmittel oder Methoden der Komplementärmedizin an. Die Wirksamkeit der meisten Verfahren gegen Ohrenschmerzen oder Fieber wurde bisher allerdings entweder gar nicht in wissenschaftlichen Studien geprüft oder konnte nicht bestätigt werden.

Zum Beispiel verwenden manche Eltern Wadenwickel zur Fiebersenkung. Einige Eltern behandeln ihr Kind auch mit Zwiebelsäckchen, die auf das schmerzende Ohr gelegt werden, oder wärmen das erkrankte Ohr mit Rotlicht. Für eine Wirksamkeit dieser Hausmittel gibt es keine Belege. Manche Kinder empfinden sie jedoch als wohltuend.

Andere Eltern greifen auf homöopathische oder pflanzliche Medikamente zurück. Doch auch für solche Mittel gibt es keine Belege, dass sie bei einer akuten Mittelohrentzündung helfen können.

Paukenröhrchen

Wenn die Schleimhäute infolge einer Mittelohrentzündung anschwellen und Sekret absondern, füllt sich die Paukenhöhle mit Flüssigkeit. Dies wird Paukenerguss genannt. Meist bildet sich ein Paukenerguss nach einigen Tagen oder Wochen zurück. Bei einigen Kindern bleibt er jedoch bestehen und verschlechtert das Hören. Dadurch kann sich bei Kleinkindern auch die Sprachentwicklung verzögern.

Bei einem anhaltenden Paukenerguss wartet man zunächst einige Monate ab, ob er sich nicht doch von selbst zurückbildet. In dieser Zeit werden die Ohren regelmäßig ärztlich untersucht. Löst sich der Paukenerguss nicht auf, kommt ein Trommelfellschnitt in Betracht: Dadurch kann das Sekret nach außen abfließen, oder es wird abgesaugt.

Wenn sich trotzdem immer wieder Flüssigkeit ansammelt und das Kind schlecht hört, wird oft empfohlen, ein Paukenröhrchen einzusetzen. Die feinen Röhrchen aus Kunststoff oder Metall sorgen für die Belüftung des Mittelohrs von außen. Paukenröhrchen beseitigen zwar schnell den Paukenerguss und verbessern in den ersten Monaten das Hören – ob sie es aber auch längerfristig verbessern und Sprachentwicklungsstörungen vorbeugen, ist nicht nachgewiesen.

Paukenröhrchen können auch eingesetzt werden, wenn ein Kind sehr häufig Mittelohrentzündungen hat. Dann können sie das Risiko für erneute Entzündungen wahrscheinlich senken.

Paukenröhrchen werden gewöhnlich unter Vollnarkose eingesetzt und fallen meist nach sechs bis zwölf Monaten von selbst aus dem Ohr. Der Eingriff verläuft in der Regel komplikationslos. Mögliche Risiken sind beispielsweise Infektionen oder ein Verrutschen eines Röhrchens in die Paukenhöhle. Selten kann es nach dem Eingriff zu Hörproblemen kommen, weil der Schnitt nach der Behandlung nicht verheilt oder das Trommelfell vernarbt.

Was Studien sagen

Schlagwörter: H65, H66, H68, H69, Immunsystem und Infektionen, Kind und Familie, Kopf und Nerven, Mastoiditis, Mittelohrentzündung, Ohren, Ohrenschmerzen, Otitis media, Trommelfell, Z23, Z24, Z25, Z26, Z27