Wann sind Medikamente gegen hohen Blutdruck sinnvoll?

Foto von Enkelin und Großmutter
PantherMedia / Sergey Galushko

erhöht auf Dauer das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Medikamente können es wirksam senken. Ihr Nutzen ist umso größer, je höher der Blutdruck ist. Das Risiko für Folgeerkrankungen ist aber auch noch von vielen anderen Faktoren abhängig.

Wenn man sich entscheidet, Medikamente gegen hohen Blutdruck zu nehmen, ist das eine Entscheidung für mehrere Jahre. Deshalb lohnt es sich, das Für und Wider der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten abzuwägen. Jeder hat das Recht, sich die Vor- und Nachteile erklären zu lassen – und auch selbst zu entscheiden, ob er Blutdrucksenker einnehmen möchte.

Bei einem leicht erhöhten Blutdruck lohnt der Versuch, ihn durch eine Gewichtsabnahme, salzärmere Kost und mehr Bewegung zu senken. Wenn das nicht ausreicht, kommt eine Behandlung mit Blutdrucksenkern infrage. Manche Menschen entscheiden sich auch direkt für Medikamente.

Welche Faktoren erhöhen das Risiko für Herz und Kreislauf?

Ob eine Behandlung mit blutdrucksenkenden Medikamenten sinnvoll ist, hängt nicht allein vom Blutdruckwert ab. Das persönliche Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, wenn folgende Faktoren hinzukommen:

  • höheres Lebensalter
  • männliches Geschlecht
  • Übergewicht
  • Rauchen
  • Diabetes mellitus Typ 2
  • hohe Cholesterinwerte im Blut
  • familiäre Veranlagung: Ein erhöhtes Risiko haben Menschen mit einem Bruder oder Vater, der bereits mit unter 55 Jahren einen oder hatte sowie Menschen mit einer Schwester oder Mutter, die mit unter 65 Jahren einen oder hatte.

Ob es sich lohnt, Blutdrucksenker zu nehmen, hängt also davon ab,

  • wie hoch der Blutdruck ist,
  • welche zusätzlichen Risikofaktoren man hat und
  • wie man die Vor- und Nachteile der Medikamente für sich persönlich abwägt.

Wie hoch ist mein Risiko?

Das persönliche Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen lässt sich zusammen mit einer Ärztin oder einem Arzt ermitteln. Dazu sind genaue Angaben zu den einzelnen Risikofaktoren nötig, außerdem müssen der aktuelle Blutdruck, die Cholesterin- und Blutzuckerwerte bestimmt werden. Alles zusammen wird in ein Computerprogramm eingegeben, das eine Risikoabschätzung ermittelt. Grundlage der Berechnung sind Daten aus Studien, in denen viele tausende Menschen über Jahre beobachtet wurden.

Als Ergebnis der Schätzung erhält man einen Prozentwert, der die Wahrscheinlichkeit angibt, in den nächsten zehn Jahren einen oder zu bekommen.

Beispiel: Zwei Männer – zwei Risikowerte

Stellen Sie sich zwei Männer vor: Joachim und Heinz. Beide sind 60 Jahre alt und haben einen leicht erhöhten Blutdruck von 142/93 mmHg.

Joachim hat

  • keine weiteren Risikofaktoren.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass er in den nächsten zehn Jahren einen oder bekommt, liegt bei 11 %. Das bedeutet: 11 von 100 Männern mit dem gleichen Risiko wie Joachim müssen in den nächsten zehn Jahren mit einem oder rechnen.

Heinz dagegen

  • raucht,
  • hat einen leichten Typ-2-Diabetes und
  • ungünstige Cholesterinwerte.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass er in den nächsten zehn Jahren einen oder hat, ist dreimal so hoch wie bei Joachim: Sie liegt bei 33 %.

Die Risikoabschätzung zeigt: Obwohl beide Männer den gleichen Blutdruckwert haben, unterscheidet sich ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich.

Wie beeinflusst das persönliche Risiko den Nutzen der Medikamente?

Blutdruck-Medikamente können das Zehn-Jahres-Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 20 bis 30 % des persönlichen Ausgangswerts senken. Eine Risikosenkung um 20 % würde für die Männer in unserem Beispiel bedeuten:

  • Wenn Joachim Blutdrucksenker nimmt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er einen oder bekommt, um 2 %: von 11 auf 9 %. Das heißt: 2 von 100 Männern wie Joachim bleibt ein oder erspart, wenn sie über zehn Jahre ein Medikament nehmen.
  • Bei Heinz bedeutet eine Risikosenkung um 20 %, dass seine Wahrscheinlichkeit für einen oder um 7 % sinkt: von 33 auf 26 %. Weil Heinz ein viel höheres Ausgangsrisiko hat als Joachim, profitiert er auch mehr von der Behandlung mit Medikamenten.

Die folgende Grafik stellt dies noch einmal anschaulich dar:

Bluthochdruck: Nutzen der Behandlung hängt von den Risikofaktoren ab - wie im Text beschrieben

Wie entscheiden sich Joachim und Heinz?

Joachim und Heinz haben zusammen mit ihren Hausärztinnen ihr Herz-Kreislauf-Risiko ermittelt und die nächsten Schritte besprochen.

Joachim

  • hat sich gegen Blutdrucksenker entschieden. Er fühlt sich gesund und möchte deshalb nicht jeden Tag Medikamente nehmen – zumal sein Erkrankungsrisiko dadurch nur um 2 % sinken würde. Joachim findet außerdem, dass er schon sehr gesund lebt: Er nimmt jedes Jahr an mehreren Volksläufen teil, ernährt sich ausgewogen und trinkt wenig Alkohol. Er sagt sich: „Falls mein Blutdruck in ein paar Jahren stark steigen sollte, kann ich immer noch Medikamente nehmen“.

Heinz

  • hat sich für die Medikamente entschieden, will aber auch ernsthaft versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Die Zahlen, die ihm seine Hausärztin erklärt hat, haben ihn zum Nachdenken gebracht. Ein Erkrankungsrisiko von 33 % findet er schon sehr hoch. Auf seine Frage nach möglichen Nebenwirkungen hat ihm seine Ärztin versichert, dass die meisten Menschen Blutdrucksenker gut vertragen.

Die Geschichten von Joachim und Heinz zeigen: Ob jemand Medikamente nehmen möchte oder nicht, ist auch eine Frage der persönlichen Abwägung.

Wann sind Medikamente unverzichtbar?

Je höher der Blutdruck ist, desto eher profitieren Menschen von blutdrucksenkenden Medikamenten. Bei einem sehr hohen Blutdruck steigt das Risiko für Folgeerkrankungen so deutlich, dass eine unmittelbare Behandlung mit Medikamenten empfohlen wird. Das gilt, wenn der systolische Blutdruck über 180 mmHg liegt.

Steigt der Blutdruck zeitweise noch höher, zum Beispiel deutlich über 200/100 mmHg, kann er Beschwerden auslösen wie Nasenbluten, Kopfschmerzen oder Schwindel. Dies kommt aber nur selten vor. Meist haben solche Symptome eine andere Ursache. Beschwerden wie Schmerzen in der Brust und Seh- oder Sprachstörungen können jedoch auf einen akuten Notfall wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hindeuten. Dann ist es sehr wichtig, sich ruhig hinzulegen und ärztliche Hilfe zu rufen, besser noch rufen zu lassen.

Arriba. Kardiovaskuläre Prävention: Kardiovaskuläres Risiko berechnen. 2007.

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Medikamentöse Behandlung des Bluthochdrucks – Ergänzungsrecherche: Rapid Report; Auftrag A09-04. 25.02.2010. (IQWiG-Berichte; Band 71).

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Vergleichende Nutzenbewertung verschiedener antihypertensiver Wirkstoffgruppen als Therapie der ersten Wahl bei Patienten mit essentieller Hypertonie: Abschlussbericht; Auftrag A05-09. 15.07.2009. (IQWiG-Berichte; Band 44).

IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.

Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Gesundheitsinformation.de kann das Gespräch mit Ärzten und anderen Fachleuten unterstützen, aber nicht ersetzen. Wir bieten keine individuelle Beratung.

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Aktualisiert am 08. Mai 2019
Nächste geplante Aktualisierung: 2022

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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