Mittlerweile vergesse ich den Brustkrebs oft

Foto von Frau beim Telefonieren (Michael Blann / Photodisc / Thinkstock) Roswita, 56 Jahre

„Als ich diese Diagnose bekam, war ich am Boden zerstört. Da dachte ich, das war es jetzt.“

Im Sommer 2004 wurde bei mir Brustkrebs festgestellt. Der Tumor war noch relativ klein und die Tumorwerte waren ganz gut. Ich wurde an der Brust operiert und im Anschluss mit Bestrahlungen und Tabletten behandelt. Die Diagnose und die Behandlung habe ich mit der Zeit sehr gut weggesteckt.

Im Herbst 2005 war ich bei einer Rehabilitation. Da werden ja verschiedene Kontrolluntersuchungen gemacht, zu denen ich ohne Sorge gegangen bin. Der Arzt hat dann gesagt, dass er etwas an der Leber sieht, was ihm gar nicht gefällt. Da habe ich sofort gedacht „Oh je - an der Leber, das ist nicht gut!“ und bin in ein Loch gefallen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Es waren ja keine Anzeichen dafür da: Ich hatte keine Beschwerden und beim Ultraschall ein halbes Jahr zuvor war nichts zu sehen. Um den Verdacht genauer abzuklären, wurden nach einem Ultraschall noch eine Computertomografie und eine Magnetresonanztomografie gemacht. Diese Tage waren sehr hart für mich.

Was damals für mich auch ganz schlimm war: Meine Nachbarinnen hatten mir einen Blumenstrauß geschickt mit vielen guten Wünschen und dass ich gesund nach Hause kommen soll. Da hatte ich aber schon den Verdacht auf Lebermetastasen. Da habe ich viel geweint. Das war ja so lieb gemeint, aber in diesem Moment war es für mich einfach ganz furchtbar.

Ich hatte fünf Metastasen über die ganze Leber verteilt

Als ich von der Reha zurückkam hat meine Frauenärztin die Diagnose angezweifelt, weil mein Tumor damals in einem ganz frühen Stadium festgestellt wurde. Sie hat mich zu erneuten Untersuchungen in ein Krankenhaus geschickt. Aber die Diagnose Lebermetastasen hat sich bestätigt: Ich hatte fünf Metastasen über die ganze Leber verteilt.

Als ich diese Diagnose bekam, war ich am Boden zerstört. Da dachte ich, das war es jetzt. Bei dieser Diagnose haben viele Angst vor dem Sterben, das ist ganz normal. Ich habe dann eine Chemotherapie bekommen und die Zeit bis zur ersten Zwischenuntersuchung war sehr belastend und voller Angst. Aber bei dieser Untersuchung konnte man sehen, dass die Behandlung anschlägt. Da war ich sehr erleichtert.

Ich war erst letzte Woche wieder bei einer Kontrolluntersuchung und der Arzt meinte, dass man auf der einen Seite gar nichts mehr sieht und auf der anderen Seite sieht man einen Knoten, aber der ist verkapselt und unverändert.

Was ich nicht will, das mache ich auch nicht mehr

Mittlerweile habe ich es sehr gut verkraftet. Ich vergesse den Brustkrebs oft und in erster Linie denke ich daran, mein Leben so zu gestalten, dass es mir Spaß macht und ich nur das mache, was ich gerne tun möchte und was ich nicht will, das mache ich auch nicht mehr. Ich achte jetzt viel mehr auf mein Wohlbefinden.

Psychisch ging es mir die erste Zeit nach der Diagnose der Metastasen nicht gut. Im Umgang mit meiner Familie war ich sehr empfindlich und habe überhaupt nichts vertragen, war sehr schnell beleidigt und habe viel geweint. Ich habe jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und es anders gedeutet, als es eigentlich gemeint war. Das geht am Anfang vielen so, wird aber mit der Zeit besser. Man braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man zu Hause auch mal wütend ist.

Mein Mann war immer für mich da. Er hatte da sehr viel Verständnis. Auch im Sexualleben. Dass man in dieser Zeit nicht allzu viel Lust hat, ist ganz normal. Durch die Erkrankung ist die Beziehung von meinem Mann und mir aber sogar besser geworden. Wir haben andere Werte kennen gelernt und wir regen uns nicht mehr über alles so auf. Manches sieht man auch mit anderen Augen. Man lernt die Dinge zu schätzen, die auch wirklich wichtig sind. Auch dass die weitere Familie für mich da war, hat mir sehr geholfen.

Viele Menschen können mit dieser Situation nicht umgehen

Die endgültige Diagnose, dass ich Metastasen habe, bekam ich damals kurz vor Weihnachten. Da haben es nur mein Mann und meine Mutter gewusst. Ich habe zwei Kinder, denen haben wir es dann nach Weihnachten gesagt. Wir haben nicht allzu viel darüber gesprochen. Meine Tochter war damals 16. Das war schwierig für sie. Mit mir hat sie nicht viel gesprochen, aber ich denke, mit ihrer Freundin hat sie sich viel ausgetauscht. Mein Sohn ist ein paar Jahre älter. Mit ihm habe ich mehr darüber gesprochen.

Während der Erkrankung habe ich auch meine richtigen Freunde kennen gelernt. Wir mussten uns damals leider von einigen verabschieden. Ich glaube, es ist normal, wenn sich in dieser Zeit einige Freundschaften lösen. Viele Menschen können mit dieser Situation nicht umgehen. Sie wissen nicht, wie sie einen ansprechen sollen.

Ganz wichtig ist für mich die Selbsthilfegruppe. Diese Treffen und die Kontakte sind mir sehr viel wert. Ich gehe ziemlich offen mit meiner Erkrankung um, damit hatte ich von Anfang an ziemlich wenig Probleme. Die Gruppe macht viel Spaß und es tut mir gut, auch für andere da zu sein und anderen zu helfen.

Es gab bei der Reha auch Angebote für psychotherapeutische Unterstützung und Begleitung. Das habe ich nicht gebraucht. Aber das muss jeder für sich entscheiden. Vielen bringt es auch sehr viel, sich Hilfe von einem Psychologen zu holen.

Ich hatte Glück, ich habe die Chemo sehr gut vertragen

Für mich war es immer sehr wichtig, dass meine Familie hinter mir steht, dass ich nicht allein bin. Mein Mann hat mich zu den Untersuchungen begleitet. Beispielsweise als ich zur ersten Chemotherapie musste, das war ein ganz schwerer Tag für mich. Ich war sehr unruhig, hatte große Angst und habe mich gefragt, was mich wohl erwarten wird. Das war ein ganz komisches Gefühl an diesem Tag. Aber ich hatte Glück. Ich habe die Chemo sehr gut vertragen, ohne große Nebenwirkungen. Am Anfang hatte ich ein wenig Knochenschmerzen. So etwas wie Übelkeit hatte ich gar nicht.

Die Ärzte haben mir damals ein Medikament verschrieben, das ich seit der Behandlung der Metastasen jahrelang eingenommen habe. In diesem Frühjahr habe ich mich entschieden, dass ich dieses Medikament nicht mehr nehmen möchte, weil ich vom Nutzen für mich nicht mehr überzeugt war. Diese Entscheidung habe ich aber nicht leichtsinnig getroffen. Ich habe mit meiner Gynäkologin gesprochen und sie steht hinter mir. Der Arzt im Krankenhaus ist da anderer Meinung, aber er hat mir gesagt, dass es meine Entscheidung ist und er mich weiter begleiten wird und die Kontrolltermine etwas enger setzen wird. Das ist für mich völlig in Ordnung. Ich muss sagen, ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Und die Kontrolltermine nehme ich regelmäßig war, das ist mir sehr wichtig.

Mir ist es wichtig, weiter am Leben teilzunehmen

Nach der Brustoperation war ich eine Zeit lang krankgeschrieben. Nach einer Einarbeitungszeit habe ich wieder angefangen Vollzeit zu arbeiten. Der Betriebsarzt und die Betriebskrankenschwester haben mich betreut. Dann bin ich zur zweiten Rehabilitation gefahren, bei der die Metastasen diagnostiziert wurden und ich wurde wieder krankgeschrieben. Dann habe ich Erwerbsunfähigkeitsrente beantragt und das ging auch alles sehr problemlos. Ich war nur sehr enttäuscht zu sehen, wie wenig Rente ich nach 40 Jahren Arbeit bekomme. Das war sehr schlimm für mich. Mittlerweile gehe ich ein wenig zusätzlich zur Rente arbeiten. Das ist nicht nur wegen des Geldes, sondern ich komme raus, ich mache etwas und bin abgelenkt. Mir ist es wichtig, weiter am Leben teilzunehmen.

Damals, als ich die Diagnose bekam, habe ich gemacht, was man von den Ärzten gesagt bekommt. Man kennt sich ja mit den Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten nicht aus. Das lernt man mit der Zeit. Wenn ich noch mal in einer solchen Situation wäre, dann würde ich gelassener vorgehen und mich erst informieren.

Irgendwann rappelt man sich wieder auf

Tiefpunkte hat am Anfang jeder. Die Diagnose, da ist jeder geschockt. Und ich denke, jeder hat Angst. Das Leben verändert sich schon. Es ist nicht mehr ganz so unbeschwert wie vorher. Dass man da in ein Loch fällt, ist ganz normal. Irgendwann rappelt man sich aber wieder auf und konzentriert sich wieder auf andere Dinge. Das braucht seine Zeit, das ist ganz normal. Bei mir haben die Untersuchungen viel dazu beigetragen, bei denen alles in Ordnung war. Das macht einen etwas ruhiger.

Ich bin mir schon im Klaren, dass die Erkrankung immer wieder kommen kann. Ich achte viel auf mein Wohlbefinden, nutze pflanzliche Mittel und versuche mich gut zu ernähren und mich auch etwas zu bewegen. Ich hatte mal mit einer Bekannten angefangen zu walken, das war in der letzten Zeit ein wenig eingeschlafen, aber wir wollen wieder damit anfangen. Das hat mir gut getan. Und ich gehe mit meinem Mann regelmäßig tanzen. Das ist für uns etwas ganz Tolles!

Heute ist Brustkrebs durch die Medien viel bekannter als früher. Was ich aber sehr erschreckend finde ist, dass so viel geschrieben wird, was gar nicht stimmt. Es wird vielen Menschen unbegründet Hoffnung gemacht. Es wird so viel Geld für Dinge ausgegeben, die gar nichts bringen. Wichtig finde ich, sich genau zu informieren, bevor man sich für eine Behandlung entscheidet. Ich will ja auch wissen, was mit mir und meinem Körper geschieht.

Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Lösung. Das Leben geht ja weiter und man kann selber etwas dazu beitragen. Zum Beispiel indem man auf sein Wohlbefinden achtet und darüber redet, wie es einem geht. Ich finde es unheimlich wichtig, das nicht in sich hineinzufressen.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.