Wie wirksam sind Antidepressiva?

Foto von Mann bei der Einnahme von Antidepressiva (PantherMedia / Diego Cervo) Antidepressiva sind wie die Psychotherapie ein wichtiger Baustein bei der Behandlung von Depressionen. Sie sollen die Beschwerden lindern und Rückfällen vorbeugen.

Es gibt unterschiedliche Ansichten dazu, wie hilfreich Antidepressiva sind, um die Symptome einer Depression zu lindern. Manche zweifeln an ihrer Wirksamkeit, andere halten sie für unverzichtbar. Dabei ist es bei diesen Medikamenten wie mit vielen anderen Behandlungen auch: Sie können in bestimmten Situationen helfen, in anderen nicht. Wirksam sind sie bei mittelschweren, schweren und chronischen Depressionen, bei leichten vermutlich nicht. Außerdem können sie Nebenwirkungen haben. Wichtig ist, die Vor- und Nachteile einer Behandlung mit Antidepressiva gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt abzuwägen.

Ziel einer Behandlung mit Antidepressiva ist es vor allem, die depressiven Beschwerden wie starke Niedergeschlagenheit und Erschöpfung zu beseitigen und ein erneutes Auftreten zu vermeiden. Die Medikamente sollen helfen, das seelische Gleichgewicht wieder zu erreichen und einen normalen Alltag gestalten zu können. Sie sollen aber auch Beschwerden wie innere Unruhe, Angst, Schlafstörungen oder Gedanken an Selbsttötung (Suizid) lindern.

Dieser Text beschäftigt sich mit der medikamentösen Behandlung der häufigsten depressiven Erkrankung, der sogenannten unipolaren Depression. Die Therapie einer manisch-depressiven Erkrankung (bipolare Störung) wird hier nicht beschrieben.

Welche Antidepressiva gibt es?

Zur Behandlung von Depressionen stehen viele verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung, die sich zu unterschiedlichen Gruppen zusammenfassen lassen. Dieser Text informiert vor allem über die folgenden, am häufigsten verwendeten Antidepressiva:

  • Trizyklische Antidepressiva (TZA)
  • Selektive Serotonin-Rückaufnahmehemmer (SSRI)
  • Selektive Serotonin-Noradrenalin-Rückaufnahmehemmer (SSNRI)

Trizyklische Antidepressiva sind am längsten auf dem Markt. Sie werden als Antidepressiva der ersten Generation bezeichnet. SSRI und SSNRI gehören zu den Antidepressiva der zweiten Generation.

Weniger häufig verschrieben werden:

  • Alpha-2-Rezeptor-Antagonisten
  • Monoaminoxidase(MAO)-Hemmer
  • Selektive-Noradrenalin-Rückaufnahmehemmer
  • Selektive Noradrenalin-/Dopamin-Rückaufnahmehemmer
  • Melatonin-Rezeptor-Agonist und Serotonin-5-HT2C-Rezeptor-Antagonist

Darüber hinaus gibt es Medikamente wie Trazodon und Lithium, die keiner Gruppe zugeordnet werden; außerdem pflanzliche Arzneimittel wie das Johanniskraut.

Wie wirken Antidepressiva?

Nervenzellen des Gehirns verwenden verschiedene Botenstoffe, um Reize weiterzuleiten. Auch wenn noch nicht alle Details geklärt sind, gehen Fachleute davon aus, dass bei einer Depression das Gleichgewicht von bestimmten Botenstoffen wie zum Beispiel Serotonin verändert ist und manche Nervenverbindungen deshalb gehemmt sind. Antidepressiva sollen die Verfügbarkeit dieser Botenstoffe im Gehirn wieder verbessern. Die verschiedenen Wirkstoffe erreichen dies auf unterschiedliche Weise.

Wie verläuft die Behandlung?

Antidepressiva werden normalerweise täglich eingenommen. In den ersten Wochen und Monaten geht es darum, die Beschwerden zu lindern und die Depression möglichst sogar zum Verschwinden zu bringen. Wenn dieses Ziel erreicht ist, wird die Behandlung noch mindestens vier bis neun Monate fortgesetzt. Diese sogenannte Erhaltungstherapie ist wichtig, um erneuten Beschwerden vorzubeugen. Manchmal werden die Medikamente auch noch länger eingenommen, um Rückfälle zu vermeiden (Rückfall-Prophylaxe). Die Dauer der Einnahme hängt unter anderem davon ab, wie sich die Beschwerden entwickeln und ob ein erhöhtes Rückfall-Risiko besteht. Manche Menschen nehmen über mehrere Jahre Antidepressiva.

Es ist wichtig, dass die Ärztin oder der Arzt regelmäßig den Verlauf der Therapie überprüft.  Man bespricht, ob sich die Beschwerden der Depression bessern und ob Nebenwirkungen aufgetreten sind. Wenn nötig, wird die Medikamentendosis angepasst. Keinesfalls sollte man die Dosierung der Tabletten selbstständig erhöhen oder verringern: Das kann dazu führen, dass die Tabletten nicht ausreichend wirken oder mehr Nebenwirkungen auftreten.

Zum Ende der Behandlung wird die Dosis über Wochen allmählich verringert. Es kann beim Absetzen vorübergehend zu Schlafstörungen, Übelkeit oder Unruhe kommen. Solche Beschwerden treten vor allem dann auf, wenn Antidepressiva abrupt abgesetzt werden. Ein eigenständiges Absetzen der Medikamente, sobald es einem besser geht, erhöht außerdem das Risiko für ein erneutes Auftreten der Depression. Anders als viele Schlaf- und Beruhigungsmittel machen Antidepressiva aber nicht körperlich abhängig oder süchtig.

Wie gut lindern Antidepressiva die Beschwerden?

Es gibt zwar viele verschiedene Wirkstoffe gegen Depressionen. Wie gut ein bestimmtes Medikament aber einem einzelnen Menschen hilft, ist schwer vorhersehbar. Ärztinnen und Ärzte schlagen deshalb zu Beginn einer Behandlung oft einen Wirkstoff vor, den sie als wirksam und relativ verträglich einschätzen. Wenn sich das nicht bewahrheitet, besteht die Möglichkeit, auf ein anderes Medikament zu wechseln. Manchmal müssen erst verschiedene Mittel ausprobiert werden, um ein wirksames zu finden.

Studien zeigen, dass allgemein der Nutzen vom Schweregrad der Depression abhängt: Je schwerer eine Depression, desto eher überwiegen die Vorteile. Das heißt, bei chronischen, mittelschweren und schweren Depressionen sind Antidepressiva wirksam. Bei leichten Depressionen ist ihr Nutzen zweifelhaft.

Es gibt zahlreiche Vergleiche verschiedener Antidepressiva untereinander. Zusammengefasst zeigt sich dabei, dass die häufig eingesetzten trizyklischen Antidepressiva, SSRI und SSNRI insgesamt ähnlich abschneiden. Bei Menschen mit einer mittelschweren oder schweren Depression zeigen Studien:

  • Ohne Antidepressiva: Bei etwa 20 bis 40 von 100 Menschen, die Tabletten ohne Wirkstoff (Placebos) einnahmen, besserten sich die Beschwerden innerhalb von sechs bis acht Wochen.
  • Mit Antidepressiva: Bei etwa 40 bis 60 von 100 Menschen, die ein Antidepressivum einnahmen, besserten sich die Beschwerden innerhalb von sechs bis acht Wochen.

Das bedeutet: Bei zusätzlich etwa 20 Menschen besserten sich die Beschwerden durch die Einnahme der Antidepressiva. Es kann aber auch sein, dass in den Studien allein die Erwartung an die Behandlung sowie die regelmäßige Betreuung eine Rolle spielten – in diesem Fall hätte auch das Scheinmedikament (Placebo) einen Beitrag geleistet.

 

Grafik: Wie gut Antidepressiva Beschwerden lindern können - wie im Text beschrieben

 

Antidepressiva können auch lange anhaltende depressive Beschwerden (chronisch depressive Verstimmung (Dysthymie) oder chronische Depression) lindern und zu ihrem Verschwinden beitragen.

Die Wirkung der Antidepressiva kann schon innerhalb von ein bis zwei Wochen einsetzen, es kann aber auch länger dauern, bis sich die Beschwerden der Depression bessern.

Die Behandlung kann auch um ein zusätzliches Medikament erweitert werden. Vielleicht gelingt es damit, die Beschwerden zu lindern – eine Garantie dafür gibt jedoch kein Antidepressivum. Bei manchen Menschen dauert es längere Zeit, bis ihnen ein Mittel hilft. Bei anderen bleiben die Beschwerden auch nach mehreren Behandlungsversuchen bestehen. Gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt kann dann besprochen werden, welche Behandlungsalternativen infrage kommen.

Wie gut beugen Antidepressiva Rückfällen vor?

Um Rückfällen vorzubeugen, werden Antidepressiva meist über etwa ein bis zwei Jahre, manchmal auch länger, eingenommen. Eine Rückfall-Prophylaxe kann für Menschen sinnvoll sein, die

  • schon mehrere Rückfälle erlebt haben,
  • einen Rückfall unbedingt vermeiden wollen oder
  • eine chronische Depression haben.

Studien zeigen, dass die Einnahme von häufig eingesetzten Antidepressiva wie TZA, SSRI und SSNRI das Risiko für Rückfälle senkt, sie aber nicht ganz verhindern kann:

  • Ohne Prophylaxe: Etwa 50 von 100 Menschen, die ein Placebo einnahmen, hatten innerhalb von ein bis zwei Jahren einen Rückfall.
  • Mit Prophylaxe: Etwa 23 von 100 Menschen, die ein Antidepressivum einnahmen, hatten in dieser Zeit einen Rückfall.

Durchschnittlich 27 von 100 Menschen konnten also durch eine längere Einnahme eines Antidepressivums einem Rückfall vorbeugen.

 

Grafik: Wie gut Antidepressiva Rückfällen vorbeugen können - wie im Text beschrieben

Welche Nebenwirkungen haben Antidepressiva?

Wie alle Medikamente können auch Antidepressiva Nebenwirkungen haben. Manche dieser Nebenwirkungen hängen vermutlich direkt von ihrer Wirkung auf das Gehirn ab und sind bei verschiedenen Wirkstoffen einer Gruppe relativ ähnlich. Während der Einnahme von Antidepressiva berichten Patientinnen und Patienten zum Beispiel über Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, innere Unruhe und Störungen der Sexualität. Solche Beschwerden werden oft als Nebenwirkung der Medikamente wahrgenommen. Aber nicht bei allen dieser Beschwerden lässt sich sicher sagen, ob sie wirklich Nebenwirkungen sind oder eher Auswirkungen der Depression.

Über die Hälfte der Menschen berichtet von Nebenwirkungen ihrer Behandlung mit Antidepressiva. Sie treten meist in den ersten Wochen der Einnahme auf, später zeigen sie sich dann seltener.

Ob, wie häufig und welche Nebenwirkungen auftreten, hängt außer vom Zeitpunkt der Behandlung auch vom Wirkstoff und der jeweiligen Dosierung ab. Außerdem reagiert jeder Mensch etwas anders. Das Risiko für Nebenwirkungen steigt, wenn zusätzlich noch andere Medikamente eingenommen werden. Dann kann ein Medikament die Nebenwirkungen des anderen verstärken, Fachleute sprechen dann von Wechselwirkungen. Sie kommen häufig bei älteren Menschen oder Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen vor, die mehrere Medikamente einnehmen.

Es ist deshalb wichtig, die Vor- und Nachteile der einzelnen Präparate mit der Ärztin oder dem Arzt genau zu besprechen.

Manche Nebenwirkungen sind bei bestimmten Wirkstoffen häufiger:

  • SSRI führen häufiger als trizyklische Antidepressiva zu Durchfall, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Übelkeit.
  • Trizyklische Antidepressiva führen häufiger als SSRI zu Sehstörungen, Verstopfung, Schwindel, trockenem Mund, Zittern und Problemen beim Wasserlassen.

Die Nebenwirkungen der trizyklischen Antidepressiva sind oft belastender als die der SSRI oder SNRI. Deshalb wird die Einnahme trizyklischer Antidepressiva eher wieder abgebrochen: In Studien taten dies etwa 15 von 100 Menschen – im Vergleich zu ungefähr 10 von 100 Menschen, die SSRI einnahmen. Zudem besteht bei trizyklischen Antidepressiva eher die Gefahr, dass es infolge einer Überdosierung zu schweren Nebenwirkungen kommt.

Schwere Nebenwirkungen

Antidepressiva können Schwindel und Gangunsicherheit auslösen und damit vor allem bei älteren Menschen das Risiko für Stürze und Knochenbrüche erhöhen. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten können dieses Risiko noch verstärken.

Bei sehr wenigen Menschen ist es während der Einnahme von Antidepressiva zu Herzproblemen, epileptischen Anfällen oder Leberschäden gekommen. Man vermutet, dass es sich dabei um seltene Nebenwirkungen von Antidepressiva gehandelt hat. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Jugendliche häufiger an Selbsttötung (Suizid) denken, wenn sie SSRI oder SSNRI einnehmen und auch häufiger tatsächlich versuchen, sich das Leben zu nehmen. Jugendliche sollten deshalb in der ersten Zeit der Behandlung vorsichtshalber öfter zu ihrer Ärztin, ihrem Arzt oder Therapeuten gehen, damit Anzeichen dafür frühzeitig erkannt werden können.

Was ist bei der Entscheidung für ein Antidepressivum wichtig?

Ob Antidepressiva zur Behandlung infrage kommen, hängt unter anderem von der Stärke der Beschwerden ab. Vor allem bei stärkeren Beschwerden können Antidepressiva eine wirksame Hilfe sein. Weitere Aspekte können eine Rolle spielen:

  • Wird gleichzeitig eine Psychotherapie gemacht oder ist eine geplant?
  • Wurden früher schon Antidepressiva genommen und haben diese geholfen?
  • Wie schwer wiegen die Nebenwirkungen im Verhältnis zum möglichen Nutzen?

Bei der Entscheidung für ein bestimmtes Mittel kann auch die Frage nach den Nebenwirkungen ausschlaggebend sein: Die einen stören vielleicht eher mögliche Verdauungsbeschwerden. Andere möchten vielleicht eher Schwindel, sexuelle Unlust oder Erektionsstörungen vermeiden.

Die entscheidende Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von Antidepressiva ist eine sorgfältig gestellte Diagnose. Fachleute gehen davon aus, dass manchen Menschen die Mittel unnötigerweise verschrieben werden. Ein Hinweis dafür ist unter anderem, dass heute deutlich mehr Menschen Antidepressiva einnehmen als früher. So werden die Medikamente manchmal schon bei leichteren Beschwerden eingesetzt, obwohl Vorteile dann zweifelhaft sind.

Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass eine schwere Depression erkannt und ausreichend behandelt wird. Hier können Antidepressiva hilfreich sein und manche Menschen zum Beispiel erst in die Lage versetzen, ihren Alltag zu gestalten oder eine Psychotherapie zu beginnen.

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