Ich trainiere wieder

Foto von Frau beim Radfahren (PantherMedia / Andrea Krawczyk) Heike, 54 Jahre

„Es hat sich angefühlt, als wenn eine Horde Pferde in meinem Körper rennt und trampelt. Es war nicht schmerzhaft, aber ich war total unruhig.“

Anfang 2004 hatte ich zum ersten Mal Vorhofflimmern. Ich bin von der Arbeit nach Hause gekommen und mir ging es irgendwie nicht gut. Ich habe mich hingelegt und plötzlich begann mein Herz zu rappeln und zu rattern. Ich habe gedacht: Was ist jetzt los? Dann dachte ich, dass es bestimmt gleich wieder vorbei ist, aber es ging nicht vorbei.

Ich habe damals meine Mutter gepflegt und die Schwester vom ambulanten Pflegedienst, die auch an diesem Tag vorbei kam, meinte, ich sollte doch zum Arzt gehen. Der Arzt hat dann ein EKG gemacht und mir gesagt, dass ich Vorhofflimmern hätte.

Er hat mir Medikamente gegeben und mich mit dem Hinweis nach Hause geschickt, wenn das Flimmern am nächsten Tage nicht weg wäre, sollte ich wiederkommen. Aber nach etwa zwölf Stunden ging es von allein weg.

Das Herz flimmerte immer öfter

Danach ging es eine Weile gut. Irgendwann hatte ich es wieder. Es dauert bei mir immer etwa zwölf Stunden. Dann hatte ich zwei, drei Jahre lang jedes halbe Jahr, danach alle Vierteljahre Vorhofflimmern. Oft trat es im Urlaub, nach dem Schwimmen oder Bergwandern auf oder auch nach dem Trinken von Rotwein. Später bin ich an einem gutartigen Tumor erkrankt. Ich weiß nicht, ob es vielleicht mit dem Stress damals zusammenhing, in dieser Zeit hatte ich manchmal alle zehn Tage Vorhofflimmern.

Wenn ich Vorhofflimmern hatte, habe ich mich anfangs immer ins Bett gelegt. Ich konnte nicht aufstehen. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und sogar trotz Vorhofflimmern weiter gearbeitet. Es hat sich angefühlt, als wenn eine Horde Pferde in meinem Körper rennt und trampelt. Es war nicht schmerzhaft, aber ich war total unruhig. Ich konnte auch nicht schlafen. Ich wollte aber keine Beruhigungsmittel einnehmen.

Das Flimmern blieb meistens so zwölf Stunden und war dann plötzlich weg. Manchmal habe ich versucht, das Herz durch Bewegung dazu zu bringen, wieder in den normalen Rhythmus zu fallen, oder ich habe mich abgelenkt oder auch Atemübungen gemacht. Manchmal war dann das Flimmern weg, aber auch nicht immer.

Die Angst belastete mich sehr

Ich war psychisch ganz schön am Ende. Das häufige Vorhofflimmern hat mich total angestrengt. Ich musste während des Vorhofflimmerns auch ständig auf Toilette. Ich konnte allgemein nicht mehr gut schlafen und hatte Angst vor den nächsten Episoden. Zusätzlich hat mich die Unsicherheit der Ärzte, die oft nicht wussten, ob sie mich stationär aufnehmen sollten oder ob es wieder von allein weggeht, belastet. Das war alles nicht gut für mich. Andere halten es psychisch gut aus, bleiben gelassen und können ihr Herz einfach flimmern lassen. Ich kann das nicht so gut.

Ich habe bei jedem Flimmern überlegt, was es ausgelöst hatte. Ich habe dann viele Dinge gemieden, von denen ich dachte, dass sie ein Flimmern auslösen können. Ich habe meinen Alltag darauf eingestellt. Mein Puls war lange Zeit quasi das Zentrum meines Lebens. Ich bin da wirklich sehr extrem und das muss wieder anders werden. Ich arbeite daran.

Ich war etwa vier Mal im Krankenhaus. Manchmal sprang das Herz von alleine wieder um, einmal wurde eine Kardioversion mit elektrischen Impulsen gemacht. Davon habe ich aber nichts mitbekommen, weil das unter Narkose passierte.

Ich habe auch längere Zeit einen Betablocker genommen. Eine Zeit lang musste ich zu Hause den Blutdruck messen. Das war kein Problem für mich.

Ich habe mich zu einer Operation entschlossen

Im Jahr 2008 habe ich mich dann zu einer Ablation durch einen Herzkatheter-Eingriff entschlossen. Die Operation verlief sehr gut und ich hatte seitdem kein Vorhofflimmern mehr. Nach der Ablation habe ich einige Zeit gerinnungshemmende Medikamente eingenommen, die ich gut vertragen habe. Die Gerinnungswerte wurden wöchentlich beim Arzt gemessen. Nachdem eine ganze Weile kein Vorhofflimmern mehr aufgetreten ist, hat der Arzt die gerinnungshemmenden Medikamente abgesetzt.

Psychisch bin ich aber immer noch sehr angeschlagen. Ich traue mich nicht, in den Bergen zu wandern oder bin ängstlich in Stressituationen. Ich denke, mein Herz muss dann so viel pumpen und kommt vielleicht wieder aus dem Rhythmus. Irgendwie hat mein Selbstbewusstsein darunter ganz schön gelitten. Obwohl ich weiß, dass das Vorhofflimmern nicht zum Tod führt, ist die Angst dennoch da.

Langsam finde ich in einen normalen Alltag zurück

Langsam fange ich an, wieder Sport zu treiben und mich körperlich zu belasten. Ich bin zwar immer noch sehr ängstlich und habe Angst vor diesem Herzstolpern, das ich ab und zu habe. Aber ich fange wieder an, Fahrrad zu fahren und zu laufen. Ich trainiere wieder. Mein Ziel ist es auch, wieder schwimmen zu gehen. Dazu muss ich jedoch meinen inneren Schweinehund ganz schön überwinden.

Ich versuche jetzt, mein Leben relativ normal zu leben. Für mich wäre es schlimm gewesen, wenn die Ablation nicht geklappt hätte. Dann hätte ich es sicher nochmal machen lassen. Ich glaube, für mich wäre von Anfang an psychologische Unterstützung hilfreich gewesen. Aber mein Hausarzt hat mich toll betreut. Ich konnte ihn jederzeit anrufen. Es hat mich schon beruhigt, wenn er am Telefon gesagt hat, dass beim Vorhofflimmern nichts passieren kann. Das hat mir schon gereicht. Aber es ist für mich auch wichtig zu wissen, dass das Vorhofflimmern immer wiederkommen kann.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.