Wie lässt sich Bettnässen behandeln?

Foto von Kindern auf dem Spielplatz (PantherMedia / Warren Goldswain) Bettnässen kommt bei Kindern und Jugendlichen häufiger vor, als viele Menschen denken. Die nächtlichen „Unfälle“ können für die ganze Familie sehr belastend sein. Meist erledigt sich das Problem mit der Zeit von selbst. Bis dahin gibt es einige Möglichkeiten, dem Kind zu helfen. Wichtig ist vor allem Geduld.

In Studien haben sich vor allem elektronische Wecksysteme wie Klingelhöschen und Klingelmatten als nützlich erwiesen. Auch bestimmte Medikamente können zumindest einem Teil der Kinder helfen.

Da fast alle Kinder früher oder später von selbst trocken durch die Nacht kommen, ist es aber schwierig zu beurteilen, ob ein Mittel tatsächlich geholfen hat oder ob die Blasenkontrolle während der Anwendung von ganz allein ausgereift ist.

Wichtig ist vor allem, das Kind nicht auszuschimpfen oder gar mit Strafen unter Druck zu setzen. Für die Blasenkontrolle ist ein Zusammenspiel von verschiedensten Körpervorgängen erforderlich und ein Kind kann nichts dafür, wenn es bei ihm länger dauert, bis sie ausgereift sind. Dies ist nichts Ungewöhnliches. Auch die Eltern trifft keine Schuld.

Wann ist es sinnvoll, über eine Behandlung nachzudenken?

Viele Kinder, die mit fünf Jahren noch einnässen, werden mit der Zeit von allein trocken. Drängender werden die Probleme oft erst, wenn die Kinder eingeschult werden. Abgesehen vom Alter des Kindes sind bei der Abwägung für oder gegen eine Behandlung noch andere Faktoren wichtig: Wie belastend ist das Bettnässen für Kind und Eltern? Übernachtet es öfter zum Beispiel bei Freunden? Hat das Kind von sich aus den Wunsch, trocken zu werden und ist es bereit, eine Behandlung auszuprobieren?

Wenn das Kind spürbar unter dem Bettnässen leidet, kann eine Behandlung selbst dann sinnvoll sein, wenn es nur selten ins Bett macht. Anders herum nützt eine Behandlung wenig, wenn das Kind sie nicht will oder dafür noch nicht reif genug ist.

Was kann man selbst tun?

Ein einfaches Verhaltenstraining ist häufig das Erste, was Eltern und Kinder bei Bettnässen versuchen. Es gibt verschiedene Ansätze, zum Beispiel:

  • Belohnungssysteme: Dabei belohnt man das Kind, wenn es sich an gemeinsame Ziele hält – zum Beispiel, dass es vor dem Zubettgehen regelmäßig zur Toilette geht oder dabei hilft, die Bettlaken neu zu beziehen, wenn es ins Bett gemacht hat. Dazu legt man gemeinsam mit dem Kind fest, wofür und wie es belohnt wird. Eine Möglichkeit sind Sticker oder Klebe-Tattoos. Für erreichte Ziele darf sich das Kind einen Sticker in den Kalender kleben, wenn es eine Woche lang durchgehalten hat, bekommt es ein Tattoo oder ein anderes kleines Geschenk. Belohnungssysteme eignen sich vor allem bei jüngeren Kindern.
  • geplante Toilettengänge in der Nacht: Der Toilettengang kurz vor dem Zubettgehen ist für die meisten selbstverständlich. Zusätzlich kann man das schlafende Kind aus dem Bett holen und zur Toilette bringen oder es planmäßig aufwecken, damit es selbst gehen kann. Dies wirkt sich nicht direkt auf das Bettnässen aus, kann aber helfen, wenn ein Kind in einer bestimmten Nacht möglichst trocken bleiben soll. Ältere Kinder können einen Wecker benutzen, der sie nachts aufweckt, um selbstständig zur Toilette zu gehen.
  • Flüssigkeitszufuhr begrenzen: Manche Eltern versuchen, Bettnässen vorzubeugen, indem sie darauf achten, dass das Kind abends nichts oder nur noch wenig trinkt. Wenn ein Kind durstig ist, sollte es aber trinken dürfen. Von harntreibenden, zucker- und koffeinhaltigen Getränken wie Cola wird aber abgeraten.

Zum Nutzen von einfachem Verhaltenstraining bei Bettnässen gibt es nur wenig Forschung. Belohnungssysteme und vorbeugende Toilettengänge sind aber eine einfache Möglichkeit, das Kind zu unterstützen.

Nicht regelhaft empfohlen wird das sogenannte Blasentraining. Dabei übt das Kind tagsüber, das Wasserlassen hinauszuzögern. Dadurch soll es sein Blasenvolumen vergrößern und lernen, wie sich eine volle Blase anfühlt. Es ist aber nicht durch Studien belegt, dass Blasentraining das Bettnässen beeinflussen kann. In Studien, in denen das Training mit anderen Behandlungen verglichen wurde, war es weniger wirksam.

Wie funktionieren elektronische Wecksysteme?

Elektronische Wecksysteme registrieren Nässe und lösen einen Alarm aus, wenn die Blase des Kindes beginnt, sich zu leeren. Der Alarm soll das Kind möglichst bei den ersten Tropfen aufwecken, damit es die Blasenentleerung stoppen und zur Toilette gehen kann – allein oder mit Hilfe der Eltern. Mit der Zeit soll es lernen, schon vor dem Alarm aufzuwachen, wenn die Blase voll ist.

Es gibt verschiedenste Wecksysteme wie zum Beispiel Klingelhöschen, Klingelmatten oder Mini-Wecksysteme, die an der Unterhose oder am Schlafanzug angebracht werden. Manche Systeme arbeiten mit Lichtsignal oder Vibrationsalarm, andere funktionieren über Funk. In Deutschland werden die Kosten für bestimmte Weckgeräte in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, wenn sie als Hilfsmittel anerkannt sind und ärztlich verschrieben werden. Elektronische Wecksysteme sind für den Einsatz über mehrere Wochen gedacht.

Eltern und Kind müssen Willen und Geduld mitbringen, wenn sie ein Wecksystem einsetzen, werden aber oft mit einem langfristigen Erfolg belohnt. Der Nachteil: Während der Behandlung wird der Schlaf gestört und das Kind kann tagsüber müde sein – sowie manchmal auch der Rest der Familie.

Wie wirksam sind elektronische Wecksysteme?

Wecksysteme wie Klingelhöschen und -matten sind in vielen Studien erprobt worden. Eine zusammenfassende Auswertung zeigt, dass nach einigen Wochen Anwendung

  • ohne Wecksystem nur 3 von 100 Kindern mindestens 14 Tage hintereinander trocken waren,
  • mit Wecksystem 62 von 100 Kindern mindestens 14 Tage hintereinander trocken waren.

Einige Kinder hatten erneut Probleme, wenn sie aufhörten, das Wecksystem zu benutzen. Die meisten waren aber auch einige Wochen oder Monate nach dem Einsatz des Wecksystems noch trocken.

Es wird empfohlen, das Wecksystem so lange zu benutzen, bis das Kind über zwei bis vier Wochen nachts trocken geblieben ist. Eine einheitliche Empfehlung hierzu gibt es aber nicht. Wie lange es dauert, bis sich ein Erfolg einstellt, ist unterschiedlich und schwankt von wenigen Wochen bis zu sechs Monaten.

Ein Grund dafür, warum Wecksysteme nicht allen Kindern helfen, ist, dass manche Kinder sehr tief schlafen und auch durch den Alarm des Wecksystems nicht aufwachen.

Das Risiko für einen Rückfall lässt sich verringern, wenn sich an eine erfolgreiche Behandlung mit Wecksystemen eine zweite Lernphase anschließt. Dabei gibt man dem nun trockenen Kind in der Stunde vor dem Schlafengehen mehr als sonst zu trinken (etwa 0,2 Liter zusätzlich). So kann es lernen, auch bei besonders voller Blase schnell genug aufzuwachen.

Welche Medikamente gibt es und wann kommen sie infrage?

Bettnässen kann auch mit Medikamenten behandelt werden. Für zwei Mittel ist nachgewiesen, dass sie Bettnässen bei manchen Kindern vorübergehend stoppen können: für das hormonähnliche Medikament Desmopressin und das Antidepressivum Imipramin. Beide müssen von einer Ärztin oder einem Arzt verordnet werden.

Wenn man Bettnässen mit Medikamenten behandeln möchte, wird in der Regel der Wirkstoff Desmopressin eingesetzt. Er wirkt relativ schnell und kann bereits nach der ersten Einnahme helfen.

Der Einsatz von Desmopressin bietet sich zum Beispiel an, wenn das Kind bei Freunden übernachtet und es in dieser Zeit möglichst trocken bleiben soll. Um zu testen, ob das Mittel ausreichend wirkt und richtig dosiert ist, probiert man es am besten schon mal vorher aus.

Medikamente kommen auch infrage, wenn Wecksysteme ungeeignet sind – zum Beispiel, weil ihr Alarm das Kind nicht aufwecken kann.

Medikamente haben den Nachteil, dass sie meist nur solange wirken, wie sie eingenommen werden. Nach dem Absetzen kehrt das Bettnässen bei vielen Kindern zurück.

Wenn ein Medikament längerfristig eingesetzt wird, ist es wichtig, die Behandlung in Abständen von ungefähr drei Monaten für etwa eine Woche zu unterbrechen. Dann zeigt sich, ob überhaupt noch Bedarf für eine Behandlung besteht – oder ob das Kind inzwischen trocken geworden ist.

Wie wirksam sind Medikamente?

Desmopressin wirkt ähnlich wie das körpereigene Hormon Vasopressin, das nachts vom Gehirn ausgeschieden wird, um die Urinproduktion zu verringern.

Studien haben gezeigt:

  • Ohne Desmopressin bleiben 3 von 100 Kindern über mindestens 14 Tage trocken.
  • Mit Desmopressin bleiben 19 von 100 Kindern über mindestens 14 Tage trocken.

Bei etwa 5 von 100 Kindern, die Desmopressin-Tabletten einnehmen, treten Nebenwirkungen wie Kopf- oder Bauchschmerzen auf. Sie entstehen meist, weil die Kinder zu viel Wasser im Körper behalten. Um Nebenwirkungen zu vermeiden, sollen Kinder und Jugendliche in der Stunde, bevor sie das Medikament einnehmen, nichts mehr trinken. Auch danach sollten sie in den nächsten acht Stunden nicht mehr als ein Glas Flüssigkeit trinken. Dies ist auch wichtig, um eine zwar seltene, aber schwere Nebenwirkung zu vermeiden, die sogenannte Wasservergiftung. Dazu kommt es, wenn der Körper zu viel Wasser speichert. Erste Anzeichen können Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder Gewichtszunahme sein.

Wenn eine Behandlung mit Desmopressin beendet werden soll, kann es sinnvoll sein, die Dosis über einige Wochen nach und nach zu verringern. Dadurch lässt sich das Risiko für einen Rückfall senken.

Imipramin

Imipramin gehört zur Gruppe der trizyklischen Antidepressiva. Es wird vor allem zur Behandlung von Depressionen eingesetzt, ist aber auch bei Bettnässen zugelassen. Das Mittel verkürzt die Traumphasen (REM-Phasen) des Schlafs, regt die Vasopressin-Produktion an und beeinflusst die Blasenmuskulatur.

Imipramin ist ähnlich wirksam wie Desmopressin, führt allerdings häufig zu Nebenwirkungen. In Studien hatten etwa 17 von 100 Kindern, die das Mittel einnahmen, mit Nebenwirkungen zu tun. Dazu gehören ein niedriger Blutdruck, Herzrasen, Mundtrockenheit, Verstopfung, Schwitzen, Übelkeit, Müdigkeit und Schlafstörungen. Wenn Imipramin angewendet wird, ist es wichtig, das Mittel außerhalb der Reichweite von Kindern aufzubewahren, da eine Überdosierung für sie lebensgefährlich sein kann.

Andere Arzneimittel und Therapien

Für andere Arzneimittel und Behandlungen ist nicht belegt, dass sie gegen Bettnässen helfen. Auch für Therapien der komplementären oder alternativen Medizin, wie zum Beispiel Heilkräuter, Chiropraktik, Homöopathie, Hypnose und Akupunktur ist ein Nutzen bei Bettnässen nicht belegt. Viele dieser Therapien wurden bislang nur in Studien mit geringer Aussagekraft untersucht.