Latente Schilddrüsenunterfunktion behandeln: Ja oder nein?

Foto von Mann beim Telefonieren (PantherMedia / CandyBox Images) Bei einer latenten Schilddrüsenunterfunktion werden noch genug Schilddrüsenhormone gebildet. Bestimmte Blutwerte können allerdings auf einen beginnenden Hormonmangel hinweisen. Fachleute sind unterschiedlicher Meinung, ob man eine latente Unterfunktion behandeln soll. Wann dies Vorteile hat, ist bisher noch unklar.

Bei Menschen mit einer bereits spürbaren (manifesten) Schilddrüsenunterfunktion produziert die Schilddrüse nicht mehr genug Schilddrüsenhormone. Das wichtigste Schilddrüsenhormon ist Thyroxin. Es regelt sehr viele Körpervorgänge und hält den Stoffwechsel im Gleichgewicht. Wenn zu wenig Thyroxin produziert wird, können verschiedene gesundheitliche Probleme auftreten. Die Symptome reichen von kalten Händen bis hin zu körperlicher Schwäche, Konzentrationsstörungen und Depressionen. Eine Schilddrüsenunterfunktion lässt sich durch die tägliche Einnahme einer Hormontablette behandeln. Dadurch wird das fehlende körpereigene Thyroxin ersetzt. Die Symptome verschwinden dann normalerweise vollständig.

Eine latente Schilddrüsenunterfunktion bemerkt man nicht, da sie keine Beschwerden verursacht. Der sogenannte TSH-Wert ist erhöht, es werden aber noch ausreichend Schilddrüsenhormone gebildet. TSH steht für „Thyroidea stimulierendes Hormon“. Dieses Hormon wird in der Hirnanhangsdrüse produziert und regt die Schilddrüse (Thyroidea) an, Schilddrüsenhormone zu bilden. Leicht erhöhte TSH-Werte können das erste Anzeichen für eine beginnende Schilddrüsenunterfunktion sein. Denn die Hirnanhangsdrüse reagiert auf einen Mangel an Schilddrüsenhormonen und regt mit verstärkter TSH-Produktion die Schilddrüse an.

Man schätzt, dass ungefähr 5 von 100 Menschen eine latente Schilddrüsenunterfunktion haben. Leicht erhöhte TSH-Werte werden meist zufällig bei einer Routineuntersuchung entdeckt. Sie stellen jedoch allein kein gesundheitliches Risiko dar. Oft sind die Werte auch nur vorübergehend erhöht, etwa nach starker körperlicher Anstrengung. Unter Fachleuten ist daher umstritten, wann eine latente Schilddrüsenunterfunktion behandelt werden soll.

Wie wird eine latente Schilddrüsenunterfunktion festgestellt?

Schilddrüsenwerte wie der TSH-Wert werden durch Bluttests ermittelt. Da ein einzelner Test irreführend sein kann, werden zwei Tests im Abstand von 2 bis 3 Monaten gemacht. Dabei wird das Blut jeweils zur selben Tageszeit abgenommen, weil die Werte im Tagesverlauf schwanken können. Von einer latenten Schilddrüsenunterfunktion spricht man, wenn die TSH-Werte bei beiden Messungen erhöht sind, das Schilddrüsenhormon Thyroxin aber im normalen Bereich liegt.

Fachleute sind sich allerdings nicht einig, ab wann der TSH-Wert als erhöht gelten sollte. Für manche ist bereits ein TSH-Wert von über 2,5 Millieinheiten pro Liter (mU/L) auffällig, für andere erst ein Wert von über 4 bis 5 mU/L.

Bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei älteren Menschen, ist der TSH-Wert höher als im mittleren Lebensalter. Es wird daher diskutiert, ob für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen ein höherer Grenzwert festgelegt werden sollte. Auch starkes Übergewicht und bestimmte Medikamente können den TSH-Wert erhöhen. In der Schwangerschaft kann der TSH-Wert etwas schwanken.

Wie verläuft eine latente Schilddrüsenunterfunktion?

Wie sich eine latente Hypothyreose entwickelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem von der Höhe des TSH-Werts: Leicht erhöhte TSH-Werte zwischen 5 und 10 mU/L normalisieren sich häufig von selbst. Menschen mit stark erhöhten Werten über 15 mU/L entwickeln dagegen innerhalb von einigen Monaten oder Jahren oft eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion mit Beschwerden.

In einer Studie wurden Menschen mit erhöhten TSH-Werten über etwa 2 bis 3 Jahre beobachtet. Sie hatten keine Beschwerden und auch keine bekannte Erkrankung der Schilddrüse. Die Teilnehmenden wurden nach ihrem TSH-Wert in drei Gruppen eingeteilt. In Zahlen ausgedrückt, sahen die Ergebnisse der Studie so aus:

  • leicht erhöhter TSH-Wert (zwischen 5 und 10 mU/L): In dieser Gruppe entwickelten pro Jahr 2 % der Teilnehmenden eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion.
  • mäßig erhöhter TSH-Wert (zwischen 10 und 15 mU/L): In dieser Gruppe entwickelten pro Jahr 20 % eine Schilddrüsenunterfunktion mit Beschwerden.
  • stark erhöhter TSH-Wert (über 15 mU/L): In dieser Gruppe entwickelten pro Jahr 73 % der Teilnehmenden eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion.

Leicht und auch mäßig erhöhte TSH-Werte müssen nicht unbedingt behandelt werden. Manche Menschen mit einem erhöhten TSH-Wert bekommen nie Beschwerden. Auch bei Kindern und Jugendlichen normalisieren sich erhöhte TSH-Werte sehr oft.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus einer latenten eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion entwickelt, ist höher, wenn die Schilddrüse vergrößert ist und Schilddrüsen-Antikörper im Blut nachweisbar sind. Frauen haben allgemein ein höheres Risiko als Männer.

Schilddrüsen-Antikörper weisen in der Regel auf eine sogenannte Hashimoto-Thyreoiditis hin. Diese Autoimmunerkrankung der Schilddrüse ist die häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion. Aber auch Schilddrüsen-Antikörper im Blut bedeuten nicht, dass sich zwangsläufig eine Unterfunktion entwickelt.

Hat eine Thyroxin-Behandlung bei erhöhten TSH-Werten Vorteile?

Einige Ärztinnen und Ärzte raten Menschen mit einer latenten Schilddrüsenunterfunktion direkt zu einer Behandlung. Der Grund: Es gibt Hinweise, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei TSH-Werten über 10 mU/L längerfristig etwas steigen könnte. Bei leicht erhöhten TSH-Werten unter 10 mU/L ist ein solcher Zusammenhang aber nicht beobachtet worden.

Bislang gibt es nur wenige gute Studien zur Frage, welche Vor- und Nachteile eine Thyroxin-Behandlung bei einer latenten Unterfunktion hat. An der bislang größten und aussagekräftigsten Studie nahmen knapp 800 Menschen über 65 Jahre teil. Zur Beantwortung der Frage, ob eine Thyroxin-Behandlung das Risiko für Folgeerkrankungen senkt, war die Studie nicht groß genug. Es gab auch keine Hinweise auf andere Vorteile einer Behandlung: Ohne Thyroxin entwickelten Menschen ähnlich selten Beschwerden einer Schilddrüsenunterfunktion wie mit Thyroxin.

Auch bei Kindern und Jugendlichen ist nicht durch Studien belegt, dass die Behandlung einer latenten Schilddrüsenunterfunktion Vorteile hat. Nicht selten sind erhöhte TSH-Werte bei Jugendlichen eine Folge von Übergewicht. Eine Behandlung mit Medikamenten ist dann meist nicht sinnvoll.

Hat eine Thyroxin-Behandlung Nebenwirkungen?

Die Nebenwirkungen einer Thyroxin-Behandlung bei Menschen mit latenter Schilddrüsenunterfunktion sind bisher nur schlecht untersucht. Thyroxin gilt aber grundsätzlich als sehr gut verträgliches Medikament. Da das Hormon normalerweise vom Körper selbst gebildet wird, treten bei richtiger Dosierung keine Probleme auf. Zu hoch dosiert, sind Nebenwirkungen aber nicht ausgeschlossen. Dazu gehören zum Beispiel Herzprobleme wie Vorhofflimmern oder Herzrasen.

Ist eine Behandlung in der Schwangerschaft sinnvoll?

Auch bei Schwangeren wird eine latente Unterfunktion manchmal behandelt. Um sie festzustellen, wird Schwangeren mitunter eine Früherkennungsuntersuchung als IGeL-Leistung angeboten.

Es gibt Hinweise, dass eine latente Schilddrüsenunterfunktion in der Schwangerschaft das Risiko für Fehl- und Frühgeburten erhöht. Dass eine Thyroxin-Behandlung dieses Risiko bei Frauen mit erhöhten TSH-Werten oder Schilddrüsen-Antikörpern senken kann, ist aber nicht nachgewiesen. Die bislang größte Studie zeigt keinen Vorteil einer Thyroxin-Behandlung in der Schwangerschaft – weder in Bezug auf das Risiko für eine Früh- oder Fehlgeburt noch was die Entwicklung des Kindes angeht.

Behandlung: Ja oder nein?

Bei Menschen, die nur einen leicht erhöhten TSH-Wert und keine Beschwerden haben, ist in der Regel keine Behandlung nötig. Viele Ärztinnen und Ärzte empfehlen sie, wenn der TSH-Wert deutlicher erhöht ist und über 10 mU/L liegt. Auch andere Faktoren können bei der Entscheidung für oder gegen eine Behandlung eine Rolle spielen – zum Beispiel, wie hoch das Risiko eines Menschen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt ist.

Bei Menschen mit erhöhten Schilddrüsen-Antikörpern (Hashimoto-Thyreoiditis) wird eine Behandlung manchmal bereits bei einem TSH-Wert über 6 mU/L empfohlen. Damit möchte man das Fortschreiten von einer latenten zu einer manifesten Unterfunktion verhindern. Ob eine Behandlung dies leisten kann, ist aber bisher kaum untersucht.

Ob man sich für oder gegen eine Behandlung entscheidet, ist angesichts der noch offenen Fragen eine Sache der persönlichen Abwägung. Manche Menschen verzichten lieber darauf, Hormone zu nehmen, wenn es nicht unbedingt nötig ist – auch wenn eine Thyroxin-Behandlung bei richtiger Dosierung als problemlos gilt. Vor allem, wenn man keine Beschwerden hat und die Wirkung des Medikaments daher nicht spürt, kann es schwerfallen, täglich Thyroxin-Tabletten einzunehmen.

Manche Menschen mit Beschwerden wie zum Beispiel Erschöpfung oder Verstopfung probieren eine Behandlung aus, weil sie vermuten, dass die latente Unterfunktion dafür verantwortlich ist – obwohl sie eigentlich keine Beschwerden auslöst. Solche Symptome können aber viele andere Ursachen haben.

Wenn Beschwerden durch eine Behandlung nicht verschwinden, sind sie wahrscheinlich nicht auf eine Schilddrüsenunterfunktion zurückzuführen. Dann kann man in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt das Medikament wieder absetzen.