Kann Lärm das Gehör schädigen?

Teenager beim Musikhören
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Dass extrem laute Geräusche den Ohren nicht guttun, merkt man in der Regel sofort. Manchmal setzen wir uns hohen Lautstärken aber freiwillig aus – etwa beim Musikhören oder Heimwerken. Lärm am Arbeitsplatz lässt sich manchmal schwer vermeiden. Ob im privaten oder beruflichen Bereich: Ohne Schutz kann Lärm dem Gehör schaden.

Das Gehör hat sich so entwickelt, dass etwa gesprochene Worte besonders gut wahrgenommen werden. Schallwellen, die für die Kommunikation oder allgemein zum Überleben unwichtig sind, hören wir dagegen schlechter oder auch gar nicht.

Sehr laute Geräusche empfinden die meisten Menschen als unangenehm. Extrem laute Geräusche – etwa durch eine Explosion – können Schmerzen bereiten und das Gehör schädigen. Es kann aber auch Schaden nehmen, wenn man im Alltag oft einem Geräuschpegel ausgesetzt ist, der zwar laut, aber noch erträglich ist.

Warum hören wir etwas laut oder leise?

Ob wir Schallwellen als laute oder leise Geräusche wahrnehmen, hängt zum einen von ihrer Frequenz und zum anderen von ihrem sogenannten Schalldruckpegel ab.

Welche Rolle spielt die Frequenz?

Die Frequenz bezeichnet die Tonhöhe. Sie gibt an, wie oft die Schallwelle pro Sekunde schwingt und wird in Hertz (Hz) gemessen: 60 Hertz bedeutet 60 Schwingungen in der Sekunde. Je größer die Frequenz ist, umso höher wird ein Ton wahrgenommen.

Unser Gehör ist nicht darauf ausgerichtet, alle Schallwellen wahrzunehmen. Ultraschall können wir zum Beispiel nicht hören, weil Ultraschallwellen eine zu hohe Frequenz haben. Auch Schallwellen mit sehr niedriger Frequenz – sogenannter Infraschall – ist für uns nicht hörbar. Schallwellen im Frequenzbereich dazwischen können wir wahrnehmen. Für bestimmte Frequenzen in diesem Bereich ist das Gehör sogar besonders empfindlich – unter anderem für diejenigen, die die menschliche Stimme erzeugt.

Was bedeutet Schalldruckpegel?

Der Schalldruckpegel gibt vereinfacht an, wie kräftig die Schallwellen sind. Der Schalldruckpegel wird in der Umgangssprache oft auch einfach als Lautstärke bezeichnet. Er wird in der Einheit Dezibel (dB) angegeben.

Ist der Schalldruckpegel zu niedrig, obwohl die Frequenz der jeweiligen Schallwellen im hörbaren Bereich liegt, können wir sie trotzdem nicht hören. Erst wenn der Schalldruckpegel einen bestimmten Wert überschreitet, hören wir sie. Man nennt diesen Wert auch Hörschwelle.

Grafik: Frequenz und Schalldruckpegel

Frequenz und Schalldruckpegel

Können Geräusche weh tun?

Je höher der Schalldruckpegel ansteigt, desto lauter wird das Geräusch wahrgenommen. Ab einer bestimmten Lautstärke fühlt man sich beim Zuhören aber nicht mehr wohl – die sogenannte Unbehaglichkeitsschwelle wird überschritten. Viele halten sich dann zum Beispiel spontan die Ohren zu.

Ist der Schalldruckpegel noch höher, schmerzt die Lautstärke sogar. Dann ist die Schmerzschwelle überschritten. Sie liegt – je nach Frequenz – ungefähr bei 120 bis 140 Dezibel. Geräusche, die in diesem Bereich und darüber liegen, können das Gehör unmittelbar schädigen. Fachleute bezeichnen das als akutes akustisches Trauma. Es kann zum Beispiel durch den Knall einer Explosion ausgelöst werden. Die sehr hohe Lautstärke schädigt die empfindlichen im Innenohr. Bei sehr hohem Schalldruck (etwa durch eine Explosion oder einen Schlag auf das Ohr) können auch Teile des Mittelohrs oder das Trommelfell verletzt werden.

Bei einem akuten akustischen Trauma kommt es zu kurzen stechenden Ohrenschmerzen. Das Hören ist danach für eine Weile, manchmal auch dauerhaft eingeschränkt. Oft tritt gleichzeitig ein Tinnitus auf, der nur langsam wieder verschwindet. Wenn die Trommelfelle geplatzt oder andere Bereiche der Ohren verletzt sind, kann es aus dem Gehörgang bluten.

Was passiert bei häufigem Lärm?

Anhaltende Hörprobleme können nicht nur die Folge eines akuten akustischen Traumas sein. Sie können auch durch eine dauerhafte Lärmbelastung unterhalb der Schmerzschwelle ausgelöst werden – ab welcher Lautstärke genau, lässt sich nicht pauschal sagen: Zum Beispiel kann sich die Lärmempfindlichkeit von Mensch zu Mensch etwas unterscheiden. Das Risiko für eine Lärmschwerhörigkeit gilt ab etwa 80 bis 85 Dezibel als erhöht. Es hängt aber davon ab, für wie lange man dem Lärm pro Tag oder pro Woche ausgesetzt ist. Wenn es dabei zusätzlich oft zu plötzlichen Lärmspitzen kommt, ist das ungünstiger als eine gleichbleibende Lautstärke.

Schädliche Lärmbelastungen können am Arbeitsplatz vorkommen, etwa wenn man ohne ausreichenden Gehörschutz mit lauten Maschinen arbeitet. Aber auch in der Freizeit kann das Gehör überlastet werden, zum Beispiel beim Heimwerken mit lauten Maschinen, durch häufige laute Musikbeschallung bei Konzerten, in Diskos, Clubs oder über Kopfhörer. Fachleute gehen davon aus, dass das Risiko für eine Schwerhörigkeit erhöht ist, wenn man über Jahre länger als eine Stunde pro Tag laut Musik hört. Mit „laut“ ist dabei mehr als die Hälfte der maximal einstellbaren Lautstärke des Geräts gemeint.

Nach jeder einzelnen Belastung können kurzfristige Hörprobleme auftreten: Man hört für einige Minuten, mitunter sogar Stunden etwas schlechter – ein Gefühl, als ob man Watte in den Ohren hätte. Manchmal kommen währenddessen auch ein Pfeifen oder andere Geräusche hinzu. Es kann auch sein, dass man erst einmal gar nichts merkt, aber die Haarzellen dennoch geschädigt werden. Im Laufe von Jahren kann sich eine dauerhafte Schwerhörigkeit entwickeln.

Diese chronische Lärmschwerhörigkeit hat ähnliche Merkmale wie die Altersschwerhörigkeit:

  • Beide Ohren sind betroffen.
  • Das Innenohr ist geschädigt (sogenannte Schallempfindungsstörung).
  • Das Hörvermögen ist zunächst im Bereich hoher Töne eingeschränkt. Dann hört man zum Beispiel Vogelzwitschern, Telefon- oder Türklingel schlechter. Im weiteren Verlauf wird es schwieriger, Gesprächen zu folgen – vor allem, wenn Hintergrundgeräusche wie Stimmengewirr, Straßenlärm oder Musik das Verstehen zusätzlich erschweren.

Letztlich kann die Lärmschwerhörigkeit bis zum kompletten Hörverlust führen.

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Erstellt am 10. Februar 2021
Nächste geplante Aktualisierung: 2024

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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