Ist ein intensives Telemonitoring bei fortgeschrittener Herzschwäche sinnvoll?

Foto von Mann bei der Blutdruckmessung
PantherMedia / Chris DeSilver

Gesundheitsdaten wie Blutdruck, EKG-Werte und Körpergewicht täglich an ein ärztliches Zentrum zu übermitteln, kann für Menschen mit fortgeschrittener Herzschwäche Vorteile haben: Ein Telemonitoring kann ersten Schätzungen zufolge das Risiko senken, an einem oder plötzlichem Herztod zu sterben.

Menschen mit einer fortgeschrittenen Herzschwäche sind oft bereits nach nur leichter Belastung kurzatmig und haben Luftnot. Dadurch sind normale Aktivitäten nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. Eine fortgeschrittene Herzschwäche kann außerdem Herzrhythmusstörungen und Lungenentzündungen auslösen. Sie zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland.

Bei einer fortgeschrittenen Herzschwäche wird der Gesundheitszustand regelmäßig kontrolliert: Dazu kommen die Patientinnen und Patienten in festgelegten Abständen in die Arztpraxis, um sich untersuchen und die Behandlung bei Bedarf anpassen zu lassen.

Telemonitoring auf dem Vormarsch

Eine relativ neue Entwicklung ist die Möglichkeit, den Gesundheitszustand von zu Hause aus zu überwachen. Bei diesem „Telemonitoring“ misst man zu Hause verschiedene Gesundheitswerte und übermittelt sie über einen Computer, ein Tablet oder Smartphone zum Beispiel täglich an ein ärztliches telemedizinisches Zentrum. Ziel ist, Auffälligkeiten früh zu entdecken und sofort reagieren zu können – schneller, als es mit regelmäßigen Arztterminen möglich ist. Die Überwachung soll das Risiko, zum Beispiel für einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder plötzlichen Herztod verringern. Auf Basis der übermittelten Werte können zum Beispiel Untersuchungen veranlasst, die Medikamentendosis angepasst oder im Notfall direkt der Krankenwagen gerufen werden.

Es gibt zahlreiche Formen des Telemonitorings, die sich in ihren Abläufen zum Teil deutlich unterscheiden. Dazu gehören:

  • Selbstmessung: Patientinnen und Patienten erhalten eine Schulung, wie man sich zum Beispiel wiegt, den Blutdruck misst, ein EKG macht oder seinen Gesundheitszustand einschätzt – und wie man die Gesundheitswerte anschließend elektronisch an das ärztliche telemedizinische Zentrum weiterleitet. Besondere technische Kenntnisse sind dafür nicht erforderlich.
  • Automatisierte Messung und Übertragung: Sie ist nur für Menschen mit fortgeschrittener Herzschwäche möglich, denen ein technisches Gerät wie etwa ein Defibrillator implantiert wurde. Defibrillatoren senden wenn nötig elektrische Impulse aus, die den Herzrhythmus normalisieren. Einige Modelle eignen sich für ein vollautomatisiertes Telemonitoring, bei dem die Gesundheitswerte ohne eigenes Zutun an ein ärztliches telemedizinisches Zentrum weitergeleitet werden.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für ein Telemonitoring bei fortgeschrittener Herzschwäche unter bestimmten Bedingungen: Zum Beispiel muss die Herzschwäche einen bestimmten Schweregrad erreicht haben oder im Krankenhaus behandelt worden sein. Außerdem muss das Telemonitoring bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Studien zum Telemonitoring

Eine Wissenschaftlergruppe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat die Vor- und Nachteile eines intensiven Telemonitorings bei fortgeschrittener Herzschwäche untersucht. Sie wertete die Ergebnisse von vier Studien mit insgesamt mehr als 3000 Teilnehmenden aus. Die meisten von ihnen waren Männer, mindestens 65 Jahre alt und körperlich begrenzt belastbar. Die Studien liefen über ein oder zwei Jahre.

Die eine Hälfte der Teilnehmenden erhielt eine herkömmliche Behandlung durch ihre Ärztin oder ihren Arzt, die andere Hälfte wurde zusätzlich mittels Telemonitoring überwacht. Beide Gruppen wurden in den Studien miteinander verglichen. In zwei der Studien wurden die Gesundheitswerte vollautomatisch ermittelt und übertragen, in den anderen beiden Studien von den Teilnehmenden selbst gemessen.

Welche Kriterien galten für die Studien und das Telemonitoring?

Es wurden nur Studien berücksichtigt, die ein sogenanntes intensives Telemonitoring untersucht hatten. Um als intensives Telemonitoring eingestuft zu werden, mussten verschiedene Mindestanforderungen erfüllt sein:

  • Beim Telemonitoring wurden mindestens Herzfrequenz und Herzrhythmus gemessen, der allgemeine Gesundheitszustand bewertet oder die körperliche Aktivität gemessen.
  • Die gemessenen Gesundheitswerte wurden täglich an ein ärztliches telemedizinisches Zentrum übermittelt.
  • Im Zentrum wurden die Gesundheitswerte täglich durch eigene Fachleute ausgewertet.
  • Das Zentrum und die behandelnde Arztpraxis reagierten schnell auf auffällige Gesundheitswerte, zum Beispiel innerhalb von 24 Stunden.

Intensives Telemonitoring kann Vorteile haben

Die Auswertung der Studien erlaubte erste Schätzungen: Demnach sterben Menschen mit fortgeschrittener Herzschwäche, die zusätzlich mittels intensiven Telemonitorings überwacht werden, seltener an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. In allen vier Studien starben aber insgesamt – das heißt, auch an anderen Ursachen – ähnlich viele Menschen, unabhängig davon, ob sie zusätzlich ein Telemonitoring erhielten oder nicht.

Eine Ausnahme zeigte sich, wenn für das intensive Telemonitoring die Selbstmessung genutzt wird. Die zwei Studien, die diese aktive Form des Telemonitorings über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren untersucht haben, deuten darauf hin, dass das Telemonitoring die Überlebenschancen erhöht – allerdings nur für Menschen ohne Anzeichen einer Depression:

  • Ohne Telemonitoring starben etwa 14 von 100 Personen
  • Mit Telemonitoring starben etwa 10 von 100 Personen

Das Telemonitoring, bei dem die Gesundheitswerte selbst gemessen werden, bewahrte also etwa 4 von 100 Personen (ohne Anzeichen einer ) vor dem Tod.

Offene Fragen

In den Studien hatte das Telemonitoring insgesamt keinen Einfluss auf typische Beschwerden einer Herzschwäche, auf Schlaganfälle, schwere Herzrhythmusstörungen oder Krankenhausaufenthalte. Bei Teilnehmenden mit Defibrillator zeigte sich zudem kein Unterschied in der Anzahl der elektrischen Impulse, die das Gerät abgeben musste, um den Herzrhythmus wiederherzustellen.

Welche Nebenwirkungen ein Telemonitoring hat, ließ sich anhand der Studien nicht auswerten. Außerdem fehlten zum Teil geeignete Daten zum Einfluss auf den Gesundheitszustand und die Lebensqualität.

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Datengestütztes, zeitnahes Management in Zusammenarbeit mit einem ärztlichen telemedizinischen Zentrum bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz: Rapid Report; Auftrag N19-01. 27.09.2019. (IQWiG-Berichte; Band 822).

IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.

Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Gesundheitsinformation.de kann das Gespräch mit Ärzten und anderen Fachleuten unterstützen, aber nicht ersetzen. Wir bieten keine individuelle Beratung.

Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Autoren-Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

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Erstellt am 24. Februar 2021
Nächste geplante Aktualisierung: 2024

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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