Welchen Nutzen haben Hörtests bei Neugeborenen?

Foto von Paar mit Baby (PantherMedia / nyul) Durch die Reihenuntersuchung (Screening) für alle Neugeborenen können Hörstörungen bei Säuglingen früh erkannt und behandelt werden. Dies kann die sprachliche Entwicklung von Kindern mit Hörstörungen verbessern.

Wenn ein Kind schlecht hört, lernt es oft später sprechen als andere Kinder. Dies kann wiederum seine Lernfähigkeit und allgemeine persönliche und soziale Entwicklung beeinträchtigen. Man hofft, dass die frühe Behandlung einer angeborenen Hörstörung, zum Beispiel mit einem Hörgerät, solchen Folgen vorbeugen kann. Um Hörprobleme möglichst früh erkennen und behandeln zu können, wird bei allen Neugeborenen routinemäßig ein Hörtest (Hörscreening) gemacht. Bei den leicht durchzuführenden, schmerzfreien Tests wird geprüft, ob das Innenohr eines Babys den Schall richtig aufnimmt und die Übertragung der Schallsignale ins Gehirn richtig funktioniert.

Analyse der Ergebnisse von Neugeborenen-Hörscreenings

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben zusammen mit Forschern aus England und des deutschen Cochrane Zentrums untersucht, welchen Nutzen ein routinemäßiges Hörscreening für Neugeborene hat. Sie wollten insbesondere wissen,

  • wie viele Babys mit Hörstörung durch ein regelmäßiges Screening zusätzlich erkannt werden können,
  • ob eine frühere Behandlung von Babys mit Hörstörung kurz- oder langfristig wirksamer ist als eine spätere, und
  • ob sich das Screening und eine möglicherweise anschließende Behandlung direkt auf die persönliche und schulische Entwicklung der Kinder sowie auf deren Lebensqualität auswirken.

Ein Screening ist zum Beispiel dann sinnvoll, wenn sich herausstellt, dass eine frühe Behandlung für die Kinder vorteilhaft ist. Sollte eine frühe Behandlung jedoch keinen Unterschied bedeuten oder sogar bestimmte Risiken haben, würde ein Screening keinen Sinn ergeben.

Studien zu Screening und früher Behandlung

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben nach geeigneten Studien gesucht. Am aussagekräftigsten sind Studien, bei denen Forscherinnen und Forscher die Entwicklung zweier Gruppen von Kindern – eine, in der die Kinder getestet und eine, in der sie nicht getestet wurden – über längere Zeit verfolgen und so die Auswirkungen der Tests vergleichen können.

Die Forscherinnen und Forscher fanden zwei vergleichende Studien, in denen man Kinder aus unterschiedlichen Regionen oder zu verschiedenen Zeiten untersucht hatte. Die eine wurde in England, die andere in den USA durchgeführt. Vier weitere Studien verglichen den Nutzen einer frühen Behandlung von Hörstörungen mit einer späteren. Die Qualität vieler dieser Studien war allerdings nicht gut genug, um verlässliche Antworten auf die Frage zu geben, welche Folgen ein routinemäßiges Hörscreening hat.

Ergebnisse der Screeningprogramme und der frühen Therapie

Es gab nur zwei Studien zu Screeningprogrammen. Keine davon war eine randomisierte kontrollierte Studie. Diese Studien können am verlässlichsten Auskunft über den Nutzen von Untersuchungen oder Behandlungen geben. In vier Studien wurde eine frühe Behandlung mit einer späteren verglichen. Zusammen weisen sie darauf hin, dass eine frühe Diagnose und ein Screening Kindern mit einem angeborenen Hörverlust helfen könnten.

Ein Screeningprogramm wurde in den USA, das andere in England durchgeführt. Die Studien und auch die jeweiligen Programme waren sehr verschieden. Die Untersuchungen zeigen aber, dass eine Hörstörung bei einem Neugeborenen-Screening meist viel früher diagnostiziert wird als ohne routinemäßiges Screening. Die englische Untersuchung zeigte beispielsweise folgendes Ergebnis:

  • Bei 3 von 10 schwerhörigen Kindern, die nicht direkt nach der Geburt untersucht worden waren, wurde die Hörstörung innerhalb der ersten neun Monate nach Geburt erkannt.
  • Bei 7 von 10 schwerhörigen Säuglingen, die direkt nach der Geburt untersucht worden waren, wurde die Hörstörung innerhalb der ersten neun Monate nach Geburt erkannt.

Das frühe Hörscreening konnte also bei zusätzlich 4 von 10 Säuglingen frühzeitig eine Hörstörung erkennen.

Wie wichtig ist eine frühe Diagnose?

Die Untersuchungen zeigten, dass Kinder, deren Hörstörung durch ein Screening festgestellt wurde, sich zu Beginn sprachlich besser entwickelten als Kinder, deren Hörstörung erst spät erkannt wurde. Dieser Hinweis wird in den vier Studien bestätigt, in denen früh behandelte Kinder mit spät behandelten Kindern verglichen wurden. Verschiedene Therapien wurden untersucht, insbesondere gezielte Schulungen oder der Einsatz von Hörgeräten. Wie sich ein Neugeborenen-Hörscreening langfristig auf andere für die Kinder wichtige Bereiche auswirkt, etwa die schulische Entwicklung, das psychische Wohlbefinden und die Lebensqualität, ist bisher nicht ausreichend untersucht.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG kamen zu folgendem Schluss: Ein allgemeines Hörscreening für Neugeborene kann die Chancen verbessern, dass ein Kind mit einem angeborenen Hörverlust früher diagnostiziert und behandelt wird, als wenn es nicht an einem Screening teilnimmt. Dies kann die frühe sprachliche Entwicklung von Kindern mit Hörstörungen verbessern. Es ist jedoch nicht sicher, welche längerfristigen Auswirkungen dies für die untersuchten Kinder hat, weil es nicht genug gute Studien gibt, die den Einfluss einer frühen Diagnose und Behandlung auf die Hörstörung von Babys untersuchten.

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