Was hilft schwerhörigen oder gehörlosen Kindern?

Foto von Mädchen mit Gebärdensprache
PantherMedia / Andriy Popov

Weil es verschiedene Ursachen und Ausprägungen von Schwerhörigkeit gibt, kommen unterschiedliche Behandlungen infrage. Bei dauerhafter Schwerhörigkeit können Hörgeräte oder sogenannte Cochlea-Implantate eine wichtige Hilfe sein.

Bei Kindern und Jugendlichen führen meist Belüftungsstörungen des Mittelohrs, Infektionen oder seltener genetische Veränderungen zu Problemen mit dem Hörsinn. Er kann eingeschränkt oder ganz ausgefallen sein.

Je nach Ursache kann das Gehör an verschiedenen Stellen geschädigt sein. Davon hängt auch ab, welche Behandlung jeweils am besten geeignet ist:

  • Wenn die Schallwellen nicht mehr bis ins Innenohr gelangen, spricht man von einer Schallleitungsstörung. Dann sind meist das äußere Ohr und das Mittelohr betroffen.
  • Im Innenohr, der sogenannten (), werden die Schallwellen von in elektrische Impulse umgewandelt. Der Hörnerv leitet diese Signale ins Gehirn, wo sie weiterverarbeitet werden. Schädigungen im Innenohr führen zu einer sogenannten Schallempfindungsstörung.
  • Sehr selten liegt die Störung im Gehirn, dann spricht man von einer zentralen Hörstörung.

Was tun bei vorübergehender Hörminderung?

Oft sind Hörstörungen bei Kindern nur vorübergehend. Dann ist der Schall zum Beispiel durch eine Verstopfung des Gehörgangs abgedämpft, oder es hat sich Flüssigkeit im Mittelohr angesammelt (Paukenerguss).

Diese Form der Schwerhörigkeit verschwindet wieder, wenn auch die Ursache beseitigt ist: Wenn etwa ein Ohrenschmalz-Pfropf oder Fremdkörper fachgerecht aus dem Gehörgang entfernt wurde, oder das Mittelohr wieder gut belüftet und Flüssigkeit abgelaufen ist.

Lässt sich eine dauerhafte Schwerhörigkeit beheben?

Angeborene Fehlbildungen oder nach der Geburt entstandene Veränderungen im Außen- oder Mittelohr können das Hören dauerhaft einschränken. Einige davon können chirurgisch behoben oder gemildert werden. Manchmal wird dabei im Mittelohr eine Prothese eingesetzt, die die Funktion eines Gehörknöchelchens übernimmt. Nach einem solchen Eingriff funktioniert das Hören dann besser, manchmal ist trotzdem ein Hörgerät nötig.

Hängen dauerhafte Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit bei Kindern jedoch mit Störungen im Innenohr zusammen, lassen sie sich zwar nicht beheben, aber oft mit Hörgeräten oder einem sogenannten Cochlea-Implantat ausgleichen.

Wann ist ein Hörgerät geeignet?

Wenn sich eine Schwerhörigkeit nicht von allein bessert oder behandeln lässt, kann ein Hörgerät helfen. Dazu muss das Innenohr aber noch bis zu einem gewissen Grad fähig sein, Schallwellen wahrzunehmen.

Die Krankenkasse übernimmt in der Regel die Kosten für ein ärztlich verordnetes Hörgerät, wenn die Schwerhörigkeit durch Hörtests nachgewiesen ist. Sind beide Ohren betroffen, sind zwei Hörgeräte sinnvoll und werden auch bezahlt.

Hörgeräte nehmen über ein Mikrofon die eintreffenden Schallwellen auf, verstärken sie und leiten sie ins Innenohr. Dort können sie dann besser wahrgenommen werden. Hörgeräte werden mit einer kleinen Batterie betrieben.

Es gibt unterschiedliche Hörgeräte-Typen. Welcher am besten geeignet ist, hängt von der Art der Schwerhörigkeit ab und davon, wie alt das Kind ist:

  • Hinter-dem-Ohr-Geräte: Sie werden mit einem Bügel über der Ohrmuschel eingehängt und hinter dem Ohr getragen. Über einen dünnen Schlauch leiten sie den verstärkten Schall in den Gehörgang.

Grafik: Hörgeräte

Hörgeräte

  • Knochenleitungshörgeräte: Diese Geräte wandeln den Schall in mechanische Wellen um und geben sie an den Schädelknochen weiter. Da das Innenohr im Knochen eingebettet ist, kann es die Wellen über ihn empfangen. Solche Geräte sind eine Möglichkeit, wenn die Schallleitung im Mittelohr gestört ist – etwa durch eine Fehlbildung, die erst später operativ behoben werden kann. Sie werden zum Beispiel am Bügel einer Brille oder an einem Stirnband befestigt oder hinter der Ohrmuschel aufgeklebt.
  • Implantierte Hörgeräte: Derzeit stehen im Wesentlichen teilimplantierte Gerätesysteme zur Verfügung. Man trägt dabei einen Teil hinter dem Ohr, der andere ist ins Körpergewebe implantiert. Der äußere Part nimmt die Schallwellen auf, verarbeitet sie und überträgt sie an den implantierten Teil. Dieser leitet sie – je nach System – an den Schädelknochen, die Gehörknöchelchen oder direkt ans Innenohr weiter. Sogenannte Knochenverankerungshörgeräte übertragen die Schallwellen über eine in den Schädel implantierte Schraube direkt an den Schädelknochen und damit ans Innenohr.

Grafik: Knochenverankerungshörgerät mit implantierter Schraube

Knochenverankerungshörgerät mit implantierter Schraube

Welche Nachteile können Hörgeräte haben?

Ein neues Hörgerät muss erst einmal individuell eingestellt werden. Das kann vor allem bei kleinen Kindern Geduld erfordern. Auch danach sind regelmäßige Kontrollen und Hörtests nötig, manchmal zudem ein spezielles Hör- und Sprachtraining.

Ein Kind muss sich daran gewöhnen, ein oder zwei Hörgeräte zu tragen und vor allem in der Anfangszeit üben, mit dem Gerät umzugehen. Bei kleinen Kindern müssen letzteres die Eltern übernehmen und zum Beispiel lernen, die Batterien auszuwechseln.

Hinter-dem-Ohr-Geräte können Gehörgangsentzündungen begünstigen. Bei implantierten Hörgeräten ist immer ein Eingriff nötig. Infektionen, Blutungen, Nervenverletzungen oder Gerätefehler sind mögliche Risiken, die aber eher selten auftreten. Sie können eine zusätzliche Behandlung oder einen erneuten Eingriff nötig machen.

Was hilft, wenn ein Kind kaum oder gar nichts hört?

Bei kompletter Gehörlosigkeit sind Hörgeräte wenig sinnvoll. Um vom Innenohr ausreichend wahrgenommen zu werden, würde eine alleinige Verstärkung des Schalls nicht genügen.

Es kann aber eine „Hörprothese“ infrage kommen. Sie übernimmt die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Signale. Dies passiert normalerweise im Innenohr, in den der (). Die Hörprothese heißt deshalb Cochlea-Implantat (CI). In der Regel wird gehörlosen Kindern in jedes Ohr ein Implantat eingesetzt.

Die Behandlung findet in spezialisierten HNO-Kliniken statt (Cochlea-Implantat-Zentren) mit angeschlossener Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie. An der Planung, Durchführung und Nachsorge sind verschiedene Fachleute beteiligt – unter anderem Fachärztinnen und -ärzte für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und speziell für Cochlea-Implantate ausgebildete Ingenieurinnen oder Ingenieure.

Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat?

Der sogenannte Sprachprozessor nimmt die Schallwellen per Mikrofon auf und verarbeitet sie zu digitalen Informationen. Diese werden mithilfe der runden Sendespule durch die Haut an den implantierten Empfänger übermittelt.

Der Empfänger wandelt die erhaltenen Informationen in elektrische Impulse um und leitet sie über ein feines Elektrodenkabel in die . Je nachdem, welche Töne vom Mikrofon aufgenommen werden, gibt das Elektrodenkabel die Reize an unterschiedliche Stellen in der ab. Diese Reize werden vom Hörnerv ins Gehirn geleitet und dort verarbeitet.

Das Empfänger-Implantat wird unter eingesetzt und das Elektrodenkabel in die vorgeschoben. Sprachprozessor und Sendespule werden hinter dem Ohr auf der Kopfhaut getragen.

Grafik: Cochlea-Implantat

Cochlea-Implantat

Bei welchen Hörstörungen ist ein Cochlea-Implantat sinnvoll?

Zunächst wird genau untersucht, ob ein Cochlea-Implantat die geeignete für ein Kind ist. Dazu wird gemessen, wie viel das Kind noch hört. Hört es so schlecht, dass Hörgeräte nicht ausreichen würden, spricht das für ein Cochlea-Implantat. Es muss aber auch geprüft werden, ob das Problem auch tatsächlich in der liegt. Ansonsten würde ein Cochlea-Implantat nichts bringen.

Ist der Hörnerv geschädigt, kann statt eines Cochlea-Implantats möglicherweise ein sogenanntes auditorisches Hirnstammimplantat eingesetzt werden. Es reizt bestimmte Gebiete im Gehirn. Auch dadurch kann ein Höreindruck entstehen. Dieses Verfahren kommt bei Kindern allerdings nur extrem selten infrage.

In welchem Alter sollten Cochlea-Implantate eingesetzt werden?

Kinder mit angeborener oder früh aufgetretener Hörstörung werden in der Regel so früh wie möglich behandelt, um Störungen der Sprachentwicklung vorzubeugen. Meist bekommen die Kinder ihre Implantate innerhalb der ersten beiden Lebensjahre. Der Eingriff ist bereits ab dem sechsten Lebensmonat möglich.

Ein Implantat kann auch noch bei älteren Kindern eingesetzt werden, die von Geburt an kaum oder nichts hören. Bei ihnen gilt es jedoch als weniger wahrscheinlich, dass sie die neuen Hörsignale verarbeiten, wahrnehmen und dadurch sprechen lernen können. Man vermutet, dass sich das Gehirn schon bei etwa Dreijährigen so auf die Gehörlosigkeit eingestellt hat, dass ein „Umlernen“ erschwert ist. Da Kinder sich unterschiedlich entwickeln, ist aber unklar, wann es für ein Cochlea-Implantat zu spät sein könnte.

Bei Kindern, die schon vor dem Hörverlust hören und sprechen konnten, ist die Behandlung mit einem Cochlea-Implantat aber auch sinnvoll, wenn sie schon älter sind.

Welche Risiken hat das Einsetzen des Cochlea-Implantats?

Der Eingriff wird von spezialisierten HNO-Ärztinnen und -Ärzten vorgenommen und gilt als risikoarm. Selten ist ein erneuter Eingriff aufgrund eines Gerätefehlers nötig. Wie bei jeder Operation zählen vor allem Blutungen, Verletzungen von Nerven, Narkoseprobleme, Wundheilungsstörungen und Infektionen zu den Komplikationen.

Was ist nach dem Eingriff wichtig?

Wenn die Operationswunde verheilt ist, muss die Hörprothese in mehreren Sitzungen optimal auf das Kind eingestellt werden. Das passiert oft in derselben Klinik, manchmal aber auch in einer speziellen Reha-Einrichtung. Auch wenn Cochlea-Implantate mehrere Jahrzehnte halten, werden sie regelmäßig kontrolliert und gegebenenfalls früher ausgetauscht. Außerdem beginnt nach der Operation ein spezielles Hör- und Sprachtraining.

Was bedeutet Hör- und Sprachtraining?

Kinder, die mit Cochlea-Implantaten behandelt wurden oder bereits von klein auf Hörgeräte tragen, hören die Welt anders als Ohrgesunde. Ein schrittweise aufbauendes Hör- und Sprachtraining bei einer spezialisierten Logopädin oder einem Logopäden soll sie zunächst an die Höreindrücke gewöhnen. Dann lernen sie allmählich, unterschiedliche Laute voneinander zu unterscheiden und selbst zu bilden. Außerdem wird vermittelt, wie man die Hörprothese selbstständig bedient.

Das Training setzt sich in der Regel über Jahre fort. Ziel ist es, Sprache gut zu verstehen und auch selbst gut sprechen zu können. Da das kindliche Gehirn noch in seiner Entwicklung beeinflusst werden kann, ist es Kindern durch einen frühen Cochlea-Implantat-Einsatz dann grundsätzlich und oft ohne intensives Training möglich, sich wie normal hörende Kinder mit anderen Menschen zu unterhalten. Wenn dies gelingt, ist auch der Besuch einer Regelschule gut möglich. Es gibt sogar Kinder, die mithilfe eines Cochlea-Implantats in der Lage sind, ein Musikinstrument zu erlernen.

Besteht weiter ein besonderer Förderbedarf, sind meist spezielle Schulen für hörbehinderte Kinder sinnvoll. Manche Kinder erlernen zusätzlich Lippenlesen oder die Gebärdensprache. Sie ermöglicht es, sich mit anderen gehörlosen Kindern oder ihren gehörlosen Eltern zu verständigen.

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Erstellt am 10. Februar 2021
Nächste geplante Aktualisierung: 2024

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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