Kreuzbandriss: Operieren oder nicht operieren?

Foto von zwei Möbelpackern (PantherMedia / CandyBox Images)

Ein Riss am vorderen Kreuzband kann erfolgreich konservativ behandelt oder operiert werden. Der Vorteil der konservativen Behandlung ist die schnellere Genesung. Ein Nachteil kann sein, dass das Knie danach nicht immer stabil genug ist. Etwa jeder Zweite lässt sich deshalb später doch noch operieren.

Bei einer Operation wird das gerissene Kreuzband durch ein körpereigenes Transplantat ersetzt. Dazu wird ein Stück eines Sehnenstrangs aus der Innenseite der Oberschenkelmuskulatur, ein Teil der Patella-Sehne oder ein Teil der Quadrizeps-Sehne entnommen. Die Ersatzsehne wird dann mit Schrauben, Knöpfen oder Stiften so wie das ursprüngliche Kreuzband im Knie verankert. Danach wird eine mehrmonatige Rehabilitation empfohlen.

Bei einer konservativen Behandlung wird das Kreuzband nicht operiert, sondern sobald wie möglich mit einer Rehabilitation begonnen. Ziel der Reha ist, die Muskeln, die das Knie stabilisieren, soweit zu stärken, dass sie die Aufgaben des fehlenden Kreuzbands übernehmen können. Manchmal verwachsen Teile des gerissenen vorderen Kreuzbands mit dem hinteren Kreuzband, was für zusätzliche Stabilität sorgt.

Eine schwedische Wissenschaftlergruppe hat die Vor- und Nachteile der beiden Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich untersucht.

Wer nahm an der Studie teil?

An der Studie nahmen 121 Sportlerinnen und Sportler im Alter von 18 bis 35 Jahren teil, deren vorderes Kreuzband gerissen war. Mehr als die Hälfte von ihnen hatte sich zudem einen oder beide Menisken verletzt.

Sportlerinnen und Sportler, bei denen auch das Innen-, Außen- oder hintere Kreuzband gerissen war, nahmen nicht an der Studie teil – ebenso keine Personen, bei denen das Knie aufgrund von Verletzungen am Innen- oder Außenband sehr instabil war. Ausgeschlossen wurden auch Personen mit bestimmten Meniskusrissen, die genäht wurden. Der Grund: Ein genähter Meniskus kann eine längere Entlastung des Beins und andere Reha-Maßnahmen erfordern.

Wie wurden die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer behandelt?

Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Dies erlaubt einen fairen Vergleich.

  • 62 Teilnehmende wurden operiert. Ihnen wurde ein Kreuzbandersatz aus eigenem Sehnengewebe in das Knie eingebaut. Im Anschluss an die Operation erhielten die Teilnehmenden eine 24-wöchige Rehabilitation.
  • 59 Teilnehmende wurden konservativ behandelt. Sie erhielten ebenfalls eine 24-wöchige Rehabilitation. Allerdings hatten sie die Möglichkeit, sich zu einem späteren Zeitpunkt doch noch für eine Operation zu entscheiden.

Die Rehabilitation hatte in beiden Gruppen das Ziel, den normalen Bewegungsumfang des Knies wiederherzustellen, die Muskulatur zu stärken und eine gute Kniefunktion zu erreichen. Dazu wurden neben Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen verschiedene Übungen zur Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten und des Gleichgewichts eingesetzt.

Was wurde untersucht?

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prüften und verglichen verschiedene, für Menschen mit einem vorderen Kreuzbandriss wichtige Behandlungsergebnisse:

  • den Rückgang der Beschwerden
  • die Fähigkeit zu sportlichen Aktivitäten
  • Nebenwirkungen und Folgen (zum Beispiel, wie oft sich später eine Kniearthrose entwickelte)

Um die Beschwerden zu erfassen, beantworteten die Teilnehmenden Fragen zu vier Bereichen:

  • Schmerzen bei verschiedenen Aktivitäten wie Laufen, Knien und Springen
  • Symptome wie Schwellungen und Bewegungseinschränkungen
  • der Kniefunktion beim Sport und in der Freizeit
  • subjektiven Problemen wie fehlendes Vertrauen in das Knie oder die Notwendigkeit, Aktivitäten wegen Kniebeschwerden anzupassen.

Welche Ergebnisse hatte die Studie?

Die Studienergebnisse zeigen, dass beide Behandlungen langfristig erfolgreich sind. In der Studie konnten sie die Schmerzen und andere Beschwerden soweit beheben, dass langfristig kaum Unterschiede zu Menschen mit gesunden Knien feststellbar waren. Die Kniefunktion beim Sport war nur geringfügig schlechter als bei einem gesunden Knie. Subjektive Knieprobleme waren jedoch etwas häufiger.

Die folgende Grafik veranschaulicht die Ergebnisse der Studie. Kniebeschwerden und die Kniefunktion wurden auf einer Skala von 0 bis 100 gemessen. Dabei bedeutet

  • 0 = extrem starke Beschwerden und
  • 100 = keinerlei Beschwerden.

  Grafik: Verlauf von Kniebeschwerden nach Behandlung eines KreuzbandrissesVerlauf von Kniebeschwerden nach Behandlung eines Kreuzbandrisses

Die Studie zeigt außerdem:

  • Insgesamt entschieden sich 50 % der Teilnehmenden, die zunächst eine konservative Behandlung hatten, sich später doch operieren zu lassen.
  • Etwa 25 % der Teilnehmenden entwickelten innerhalb von fünf Jahren Anzeichen einer im Röntgenbild sichtbaren Arthrose – egal, ob sie konservativ oder operativ behandelt worden waren. Wegen der kleinen Teilnehmerzahl und weil sich Arthrose über viele Jahrzehnte entwickeln kann, ist dieses Ergebnis aber nicht sehr aussagekräftig.

Was bedeuten diese Ergebnisse für Menschen mit einem Riss des vorderen Kreuzbands?

Es zeigten sich langfristig keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen. Die Vor- und Nachteile der beiden Alternativen ergeben sich vielmehr aus der Art der Behandlung:

  Rehabilitation Operation mit anschließender Rehabilitation
Vorteile
  • Etwa 50 % der Betroffenen können eine Operation vermeiden – einschließlich der damit verbundenen Risiken.
  • Man erholt sich bei erfolgreicher konservativer Therapie schneller (vor allem innerhalb der ersten sechs Monate macht man schneller Fortschritte).
  • Wer sich direkt operieren lässt, geht nicht das Risiko ein, dass eine spätere Operation nötig wird.
Nachteile
  • Etwa 50 % der Betroffenen lassen sich später doch noch operieren, weil sich das Knie nicht ausreichend stabil anfühlt.
  • Die Genesung dauert länger (vor allem in den ersten sechs Monaten sind die Fortschritte kleiner).
  • Operationsrisiken und Komplikationen

Die Studienergebnisse können dabei helfen, die Vor- und Nachteile der beiden Behandlungsmöglichkeiten abzuwägen. Für eine persönlich passende Entscheidung spielen noch andere Faktoren eine Rolle – unter anderem, welche sportlichen Ziele man hat, wie instabil das Knie nach dem Kreuzbandriss ist und ob andere Kniestrukturen verletzt sind. Die Vor- und Nachteile verschiedener Alternativen bespricht man am besten mit der Ärztin oder dem Arzt.

Wichtig zu wissen: Nach aktuellem Wissen hat es keine Nachteile für die Kniefunktion, wenn man das Knie zunächst konservativ behandelt und es dann später doch operieren lässt. Weil nicht operierte Knie immer etwas instabiler sind, ist das Risiko für weitere Verletzungen dann aber etwas höher – zum Beispiel an den Menisken.

Welche Komplikationen können nach einer Operation auftreten?

Mögliche Komplikationen einer Kreuzband-Operation sind Infektionen des Kniegelenks, Venenthrombosen und Lungenembolien. Das ersetzte Kreuzband kann auch erneut reißen. Dann ist in der Regel eine weitere Operation notwendig.

Die schwedische Studie war zu klein, um aussagekräftige Ergebnisse zur Häufigkeit solcher Komplikationen zu liefern. Aus anderen Untersuchungen liegen jedoch Schätzungen dazu vor. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick:

Mögliche Komplikation Häufigkeit
Riss des Kreuzbandersatzes (über einen Zeitraum von bis zu 14 Jahren) Etwa 60 von 1000
Infektion des Gelenks Etwa 5 von 1000
Tiefe Venenthrombose Etwa 20 von 1000
Lungenembolie Etwa 1 von 1000

Sehr selten können auch andere Komplikationen auftreten, zum Beispiel Schäden an den Nerven oder Probleme bei der Befestigung des Kreuzbandersatzes.

Welche Einschränkungen hat diese Studie – und gibt es andere Untersuchungen?

Die Studie der schwedischen Wissenschaftlergruppe ist die bislang einzige aussagekräftige Behandlungsstudie zum Vergleich von konservativer Behandlung und Operation bei Menschen mit einem akuten vorderen Kreuzbandriss. Ähnliche Studien laufen derzeit in den Niederlanden und den USA. Ihre Ergebnisse werden in den nächsten Jahren erwartet.

Die begrenzte Zahl an Studien lässt einige Fragen offen – unter anderem:

  • Fallen die Vor- und Nachteile bei anderen Personengruppen anders aus, zum Beispiel bei Kindern und Jugendlichen, älteren Menschen oder weniger sportlichen Personen?
  • Gibt es langfristige Unterschiede zwischen den Behandlungen – zum Beispiel in Bezug auf das spätere Arthrose-Risiko?

Diese Fragen lassen sich bislang nicht sicher beantworten. Deshalb gibt es dazu unter Fachleuten teilweise sehr unterschiedliche Meinungen.