Einleitung

Foto von Patient und Arzt mit Röntgenbild (Zsolt Nyulaszi / iStock / Thinkstock) Viele Menschen haben immer wieder einmal Rückenschmerzen. Meist lässt sich ihre Ursache nicht genau bestimmen. Wenn die Schmerzen jedoch über das Bein bis in den Fuß ausstrahlen, kann das auf einen Bandscheibenvorfall hinweisen.

Die Bandscheiben befinden sich zwischen den Wirbelkörpern der Rückenwirbel. Sie bestehen aus einer elastischen Hülle aus Knorpelfaser und einem gelartigen Kern (Gallertkern). Bei einem Bandscheibenvorfall tritt Bandscheibengewebe zwischen den Wirbelkörpern hervor. „Vorgefallenes“ Gewebe kann auf die Nerven der Wirbelsäule drücken und sie reizen.

Ein Bandscheibenvorfall kann sehr unangenehm sein. Die Beschwerden lassen aber bei den meisten Menschen innerhalb von sechs Wochen von selbst nach. Auch führt längst nicht jeder Bandscheibenvorfall zu Beschwerden.

Symptome

Ein Bandscheibenvorfall kann ganz plötzlich einen heftigen „einschießenden“ Schmerz auslösen. Bandscheibenvorfälle im Bereich der Lendenwirbelsäule sind die Hauptursache für Ischialgien (umgangssprachlich „Ischias“). Als Ischialgie werden Schmerzen bezeichnet, die über eines der Beine bis in den Fuß ausstrahlen. Neben den typischen ausstrahlenden Schmerzen kann sich ein Bandscheibenvorfall auch durch Schmerzen im unteren Rücken bemerkbar machen.

Selten kommt es neben den Schmerzen und der Bewegungseinschränkung auch zu Gefühlsstörungen im Gesäßbereich oder Lähmungserscheinungen. Diese Symptome weisen auf ein ernsthaftes Problem wie eine Nervenschädigung hin. Sind auch die Blasen- oder Darmfunktion gestört, ist eine sofortige Behandlung nötig. Dieses sogenannte Kauda-Syndrom ist ein medizinischer Notfall.

Nicht jeder Bandscheibenvorfall ist mit Beschwerden verbunden. Das zeigen Studien, in denen Erwachsene ohne Rückenschmerzen mittels Kernspintomografie untersucht wurden. Es zeigte sich, dass mehr als 50 von 100 Untersuchten eine vorgewölbte Bandscheibe hatten. Bei etwa 20 von 100 Untersuchten hatte der Bandscheibenkern bereits einige Schichten seiner Hülle durchbrochen oder war sogar in das umliegende Gewebe gelangt, ohne Beschwerden auszulösen.

Ursachen

Bei den meisten Menschen sind Bandscheibenvorfälle die Folge von Verschleißerscheinungen. Mit den Jahren nimmt die Elastizität der Bandscheiben ab: Sie verlieren Flüssigkeit, werden spröde und rissig. Solche Veränderungen sind Teil des normalen Alterungsprozesses, der bereits in der Jugend beginnt. Allerdings altern die Bandscheiben nicht bei allen Menschen gleich schnell. Sehr selten kann auch ein Unfall oder eine schwere Verletzung die Bandscheibe schädigen und in der Folge zu einem Gewebevorfall führen.

Die Bandscheiben wirken wie Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbeln der Wirbelsäule. Wenn eine Bandscheibe Belastungen nicht mehr so gut abfedern kann, kann es zu einem Bandscheibenvorfall kommen. Die Schmerzen entstehen vermutlich deshalb, weil Bandscheibengewebe auf einen Nerv im Bereich des Rückenmarks drückt.

 

Grafik: Gesunde Bandscheibe und Bandscheibenvorfall (Querschnitt durch die Lendenwirbelsäule - Ansicht von oben)Gesunde Bandscheibe und Bandscheibenvorfall (Querschnitt durch die Lendenwirbelsäule - Ansicht von oben)

 

Wenn vorgewölbtes oder ausgetretenes Gewebe eine Nervenwurzel im Bereich der Lendenwirbelsäule reizt, führt das häufig zu den typischen Ischiasschmerzen. Die Nerven, die im Wirbelkanal verlaufen (Spinalnerven), verbinden sich im Becken zum Ischiasnerv, der die Beine versorgt. Ein gereizter Ischiasnerv kann neben Schmerzen auch Kribbeln und Taubheitsgefühle auslösen.

 

Illustration: Verlauf der Spinal- und der IschiasnervenVerlauf der Spinal- und der Ischiasnerven

 

Fachleute unterscheiden folgende Schweregrade:

  • Die Bandscheibenvorwölbung (Protrusion): Dabei wölbt sich die Bandscheibe zwischen den Wirbelkörpern hervor. Ihre äußerste Hülle ist aber noch intakt.
  • Die Extrusion: Bei einer Extrusion ist die äußerste Hülle der Bandscheibe gerissen, sodass Bandscheibengewebe austreten kann. Das ausgetretene Gewebe ist jedoch noch mit der Bandscheibe verbunden.
  • Der sequestrierte Bandscheibenvorfall (Sequester): Bandscheibengewebe, das in den Wirbelkanal ausgetreten ist und keinen direkten Kontakt mehr zur Bandscheibe hat, wird als Sequester bezeichnet.

Diese Einteilung sagt wenig darüber aus, welche Beschwerden auftreten und wie stark sie sind. Allerdings kann die Art des Bandscheibenvorfalls für die Wahl der Behandlung und den Krankheitsverlauf von Bedeutung sein.

Häufigkeit

Schätzungsweise 1 bis 5 % aller Menschen bekommen in ihrem Leben irgendwann einmal Kreuzschmerzen, die von einem Bandscheibenvorfall herrühren. In der Altersgruppe über 30 Jahre treten Bandscheibenprobleme häufiger auf, bei Männern sind sie ungefähr doppelt so häufig wie bei Frauen.

Verlauf

Schmerzen und Bewegungseinschränkungen infolge eines Bandscheibenvorfalls lassen bei etwa 90 von 100 Menschen innerhalb von sechs Wochen von selbst nach. Man vermutet, dass der Körper mit der Zeit einen Teil des verlagerten oder ausgetretenen Gewebes beseitigt oder es sich so verschiebt, dass die Nerven nicht mehr gereizt werden.

Ein schmerzhafter Bandscheibenvorfall kann sehr unterschiedlich verlaufen: Die Schmerzen können plötzlich einsetzen und rasch von selbst wieder verschwinden. Manche Menschen haben über längere Zeit Schmerzen, andere immer wieder.

Wenn die Beschwerden länger als sechs Wochen anhalten, wird es zunehmend unwahrscheinlich, dass sie von allein oder durch eine nicht operative Behandlung wieder verschwinden.

Diagnose

Zur Abklärung von akuten Rückenschmerzen reichen eine Befragung und eine körperliche Untersuchung normalerweise aus. Röntgenaufnahmen sind zur Diagnose eines Bandscheibenvorfalls nur wenig geeignet. Weitere Untersuchungen mit anderen bildgebenden Verfahren wie einer Kernspintomografie sind nur selten nötig, nämlich wenn

  • an einem oder beiden Beinen Lähmungserscheinungen auftreten,
  • die Blasen- oder Darmfunktion gestört ist,
  • die Schmerzen trotz Behandlung kaum erträglich sind,
  • starke Beschwerden trotz Behandlung über Wochen anhalten oder
  • der Verdacht besteht, dass eine andere Erkrankung die Schmerzen verursacht, etwa ein Tumor.

Die Ärztin oder der Arzt hat also wahrscheinlich gute Gründe, bei Untersuchungen zunächst zurückhaltend zu sein: Bildgebende Untersuchungen können eine vermeintliche Ursache für die Kreuzschmerzen zeigen, die tatsächlich nichts mit den Beschwerden zu tun hat. Eine solche Fehldiagnose kann wiederum eine überflüssige Behandlung nach sich ziehen, die vielleicht sogar schadet.

Behandlung

Selbst heftige Ischiasbeschwerden können mit der Zeit von selbst wieder abklingen. Bis dahin können verschiedene schmerzlindernde Behandlungen helfen, mit den Beschwerden zurechtzukommen. Bisher ist allerdings nicht belegt, dass bestimmte Behandlungen die Genesung deutlich beschleunigen. Die Hauptarbeit leistet der Körper in der Regel selbst.

Wenn starke Ischiasbeschwerden länger als sechs Wochen andauern und die Diagnose eindeutig einen Bandscheibenvorfall als Ursache ausgemacht hat, kann eine Operation infrage kommen, um den betroffenen Nerv zu entlasten. Eine Operation wird außerdem immer dann durchgeführt, wenn die Nerven so stark beeinträchtigt sind, dass die Blase oder der Darm nicht mehr richtig funktionieren oder bestimmte Muskeln sehr geschwächt sind. Das kommt jedoch nur selten vor.

Mehr Wissen

Rehabilitation

Ziel einer Rehabilitation ist es, Beschwerden und Beeinträchtigungen infolge eines Bandscheibenvorfalls zu verringern, die Rumpfmuskulatur zu stärken und so die Stabilität der Wirbelsäule zu verbessern.

Eine Rehabilitation kann Rückenschule, Dehn- und Entspannungsübungen, Krafttraining und andere Maßnahmen beinhalten. Sie kommt für Menschen infrage, die durch ihre Rückenschmerzen stark beeinträchtigt sind und nicht arbeiten oder anderen Verpflichtungen nachgehen können. Auch nach einer Operation kann eine sogenannte Anschlussheilbehandlung sinnvoll sein.