Schützt Oseltamivir (Tamiflu) vor Komplikationen?

Foto von Tabletteneinnahme (PantherMedia / 91010ra) Bei bestimmten Personengruppen kann eine Grippe manchmal zu ernsthaften Komplikationen wie einer Lungenentzündung führen. Medikamente wie Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) sollten vor allem solche schweren Verläufe verhindern. Studien zeigten bislang aber nur, dass allgemeine Grippebeschwerden durch eine Behandlung mit Oseltamivir etwas früher abklingen können.

Die Grippe (Influenza) ist eine Virusinfektion der oberen Atemwege. Sie kann eine Vielzahl von Beschwerden hervorrufen, darunter Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, starke Abgeschlagenheit, Kopf- und Halsschmerzen, Husten und eine verstopfte Nase.

Fast alle, die an Grippe erkranken, erholen sich innerhalb einer Woche wieder. Husten und Krankheitsgefühl können aber noch ein bis zwei Wochen länger anhalten.

Kinder, ältere und chronisch kranke Menschen haben ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Grippe: Bei ihnen sind Komplikationen wie zum Beispiel eine Lungenentzündung (Pneumonie) häufiger, und sie können auch tödlich verlaufen. Für ansonsten gesunde Menschen ist das Risiko, an einer Grippe zu sterben, dagegen sehr gering.

Wirkung und Anwendung von Oseltamivir (Tamiflu)

Wie bei den meisten Erkältungskrankheiten helfen Antibiotika auch bei einer Grippe nicht – weil sie nicht gegen Viren wirken, sondern nur gegen Bakterien. Es gibt jedoch Arzneimittel, die die Vermehrung von Viren im Körper bekämpfen. Sie werden Virostatika oder antivirale Medikamente genannt. Oseltamivir ist ein solches Mittel. Es wird unter dem Handelsnamen Tamiflu vertrieben und ist verschreibungspflichtig.

Oseltamivir gehört zur Klasse der sogenannten Neuraminidase-Hemmer: Es soll ein Protein (Neuraminidase) hemmen, das Grippeviren brauchen, um sich im Körper zu vermehren. Man hoffte, durch den Einsatz der Medikamente schwere Krankheitsverläufe mit Komplikationen abwenden zu können.

Oseltamivir-Tabletten müssen innerhalb von 48 Stunden nach Erkrankungsbeginn eingenommen werden. Wenn die Symptome länger bestehen, hat der Wirkstoff auf den Verlauf der Grippe keinen Einfluss mehr.

Studienergebnisse zur Behandlung

Eine Wissenschaftlergruppe des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration hat nach Studien zur Behandlung mit Oseltamivir gesucht. Oseltamivir wurde bereits in einer großen Zahl von Studien untersucht. Trotzdem ließen sich seine Vor- und Nachteile bislang nicht verlässlich bewerten, da viele Ergebnisse dieser Studien nicht oder nur unvollständig veröffentlicht worden waren. Schließlich haben der Hersteller von Tamiflu sowie die US-amerikanische und europäische Zulassungsbehörde bis dahin unveröffentlichte Daten zur Verfügung gestellt. In ihrer erneuten Analyse wertete die Wissenschaftlergruppe der Cochrane Collaboration dann die Ergebnisse von insgesamt 20 Studien aus, an denen knapp 10.000 Kinder und Erwachsene teilgenommen hatten.

Im Ergebnis fand die Wissenschaftlergruppe keine Belege dafür, dass Oseltamivir bei einer Grippewelle ernsthafte Verläufe und Komplikationen verhindern könnte. Nachgewiesen ist lediglich, dass Tamiflu die Dauer der Grippebeschwerden etwas verkürzen kann:

  • Ohne Tamiflu halten die Beschwerden bei ansonsten gesunden Kindern und Erwachsenen im Durchschnitt über 7 Tage an.
  • Mit Tamiflu verkürzte sich die Beschwerdedauer bei den Erwachsenen um einige Stunden (von 7 auf 6,3 Tage), bei Kindern um gut einen Tag.

Bei Kindern mit Asthma hatte das Medikament allerdings keinen Einfluss auf die Beschwerdedauer. Ob Grippekranke, die Oseltamivir nehmen, weniger ansteckend sind, ist unklar.

Die häufigsten Nebenwirkungen von Oseltamivir sind Erbrechen und Übelkeit. In den Studien waren jeweils 4 von 100 Personen davon betroffen.

Studienergebnisse zur Vorbeugung

Einige Studien haben untersucht, ob man sich mit Oseltamivir vor einer Grippe schützen kann. Diese Frage ist für Angehörige und andere Menschen wichtig, die vorübergehend intensiven Kontakt zu Grippekranken haben. Die Studienergebnisse zeigen eine geringe Schutzwirkung: Ungefähr 3 von 100 Teilnehmenden, die Oseltamivir vorbeugend eingenommen hatten, wurden zwar nicht vor einer Ansteckung, aber vor Grippebeschwerden bewahrt.

Allerdings traten auch in diesen Studien oft Nebenwirkungen auf: Etwa 2 von 100 Personen hatten nach der Einnahme von Oseltamivir Kopfschmerzen, 3 von 100 Personen wurde übel. Zudem liefern die Studien Hinweise darauf, dass Oseltamivir – wenn auch selten – Nierenprobleme und psychiatrische Probleme wie Halluzinationen, Depressionen oder Verwirrung auslösen könnte. Die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA empfiehlt daher, auf ungewöhnliche Verhaltensänderungen zu achten und gegebenenfalls eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen.