Einleitung

Abemaciclib (Handelsname Verzenios) ist seit September 2018 für Frauen mit Hormon-Rezeptor-positivem Brustkrebs zugelassen, der Metastasen gebildet hat oder lokal fortgeschritten ist. Der Wirkstoff wird als Teil einer Antihormontherapie mit einem Aromatasehemmer oder dem Antiöstrogen Fulvestrant kombiniert.

Ein Tumor in der Brust wird, wenn möglich, operativ entfernt. Manchmal ist er dafür jedoch schon zu groß oder hat bereits über das Blut- oder Lymphsystem Absiedlungen in anderen Körperregionen (Metastasen) gebildet. In diesem Fall spricht man von fortgeschrittenem Brustkrebs.

Wie schnell sich Brustkrebs-Zellen vermehren, hängt beispielsweise davon ab, ob sie Rezeptoren für Hormone wie Östrogen oder Progesteron haben. Einen solchen Tumor nennen Fachleute auch Hormon-Rezeptor positiv (HR-positiv). Bei diesen Tumoren beschleunigen Hormone wie Östrogen oder Progesteron das Wachstum der Krebszellen.

Auch ein bestimmter Eiweißbaustein auf der Oberfläche der Krebszellen, der HER2-Rezeptor (humaner epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor 2), reagiert auf Wachstumssignale und regt so das Wachstum des Tumors an. Wenn diese Rezeptoren auf den Zellen eines Brusttumors weniger häufig vorkommen, spricht man von HER2-negativem Brustkrebs. Ein HER2-negativer Brustkrebs wächst vergleichsweise langsam. Abemaciclib ist nur für Frauen mit einem HER2-negativen Brustkrebs zugelassen.

Abemaciclib hemmt die Zellteilung der Krebszellen und soll so das Tumorwachstum bremsen.

Anwendung

Abemaciclib ist als Tablette in drei Dosierungen verfügbar: 50, 100 und 150 mg. Die empfohlene Dosis beträgt 150 mg zweimal täglich.

Die Dosierung hängt von der Verträglichkeit und den Nebenwirkungen ab und kann individuell angepasst werden.

Andere Behandlungen

Für Frauen mit fortgeschrittenem Hormon-Rezeptor-positivem und HER2-negativem Brustkrebs kommen folgende Standardtherapien infrage:

antihormonelle Ersttherapie:

  • Für Frauen nach den Wechseljahren kommen Aromatasehemmer wie Anastrozol oder Letrozol oder das Antiöstrogen Fulvestrant zur Blockade der Hormonproduktion infrage. Sind diese nicht geeignet, kann Tamoxifen eingesetzt werden.
  • Für Frauen vor Ende der Wechseljahre kann Tamoxifen eingesetzt werden. Zusätzlich werden die Wechseljahre medikamentös eingeleitet.

Folgetherapie, wenn eine vorherige antihormonelle Therapie erfolglos war:

  • Für Frauen nach den Wechseljahren kommen, abhängig von der Vortherapie und Krankheitsentwicklung, die Wirkstoffe Tamoxifen, Anastrozol, Fulvestrant, Letrozol, Exemestan oder die Kombination aus Everolimus und Exemestan infrage.
  • Für Frauen vor Ende der Wechseljahre kommen verschiedene antihormonelle Therapien gegen den Krebs infrage. Welche, hängt unter anderem davon ab, welche Behandlungen bereits versucht wurden. Sie wird durch die Ärztin oder den Arzt angepasst.

Bewertung

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2019 geprüft, ob Abemaciclib in Kombination mit einem Aromatasehemmer Vor- oder Nachteile für Frauen mit fortgeschrittenem Hormon-Rezeptor-positivem und HER2-negativem Brustkrebs im Vergleich zu den Standardtherapien hat.

Der Hersteller legte zu dieser Frage eine Studie vor. Die Studie untersuchte Abemaciclib als Teil der antihormonellen Ersttherapie bei Frauen nach den Wechseljahren. Von den 493 Teilnehmerinnen erhielten 328 Frauen Abemaciclib in Kombination mit entweder Anastrozol oder Letrozol und 165 Frauen Anastrozol oder Letrozol in Kombination mit einem Scheinmedikament (Placebo). Für diese Patientinnen zeigten sich folgende Ergebnisse:

Welche Vorteile hat Abemaciclib?

In der Studie zeigten sich keine Vorteile durch die zusätzliche Gabe von Abemaciclib.

Welche Nachteile hat Abemaciclib?

  • Durchfall: Erste Schätzungen deuten hier auf einen Nachteil von Abemaciclib hin. Bei Frauen, die zusätzlich Abemaciclib einnahmen, verschlechterte sich Durchfall bei etwa 33 von 100 Frauen dauerhaft. Bei Frauen, die die Standardtherapie erhielten, war dies nur bei etwa 16 von 100 der Fall.
  • Körperbild: Erste Schätzungen deuten hier ebenfalls auf einen Nachteil von Abemaciclib hin: Die Bewertung des eigenen äußeren Erscheinungsbilds verschlechterte sich dauerhaft bei etwa 28 von 100 Frauen, die zusätzlich Abemaciclib einnahmen. Dagegen war dies bei Frauen, die die Standardtherapie erhielten, nur etwa bei 16 von 100 der Fall. Bei allen anderen Aspekten der gesundheitsbezogenen Lebensqualität zeigte sich kein Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen.
  • Schwere Nebenwirkungen: Die Studie weist darauf hin, dass eine zusätzliche Gabe von Abemaciclib Nachteile hat. In der Gruppe, die zusätzlich mit Abemaciclib behandelt wurde, traten bei etwa 62 von 100 Frauen schwere Nebenwirkungen auf. In der Gruppe, die die Standardtherapie erhielt, war das bei etwa 26 von 100 Frauen der Fall.
  • Zu den schweren Nebenwirkungen gehört auch schwere Neutropenie: Bei einer Neutropenie hat der Körper zu wenig Abwehrzellen. Die Studie weist darauf hin, dass diese Nebenwirkung bei einer zusätzlichen Behandlung mit Abemaciclib häufiger auftritt. In der Gruppe, die zusätzlich mit Abemaciclib behandelt wurde, trat bei etwa 24 von 100 Frauen eine Neutropenie auf. In der Gruppe, die die Standardtherapie erhielt, war das bei etwa einer von 100 Frauen der Fall.
  • Behandlungsabbrüche wegen Nebenwirkungen: Auch hier deutet die Studie auf einen Nachteil von Abemaciclib hin. In der Gruppe, die zusätzlich mit Abemaciclib behandelt wurde, brachen etwa 25 von 100 Frauen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. In der Gruppe, die die Standardtherapie erhielt, war das bei etwa 4 von 100 Frauen der Fall.

Wo zeigte sich kein Unterschied?

  • Lebenserwartung: Hier zeigte sich kein Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen.
  • Krankheitsbeschwerden: Für verschiedene Krankheitsbeschwerden zeigte sich kein relevanter Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen:
    • Erschöpfung (Fatigue)
    • Übelkeit und Erbrechen
    • Appetitverlust
    • Schmerzen
    • Atemnot
    • Schlaflosigkeit
    • Verstopfung (Obstipation)
    • Brust- und Armbeschwerden
  • Gesundheitszustand: Auch hier gab es keinen Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen.

Weitere Informationen

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse eines Gutachtens zusammen, das das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im Rahmen der Frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln erstellt hat. Der G-BA beschließt auf Basis der Gutachten und eingegangener Stellungnahmen über den Zusatznutzen von Abemaciclib (Verzenios).