Wie sehen Zahn- und Kieferfehlstellungen aus?

Foto von Jugendlichem bei einer zahnärztlichen Untersuchung
PantherMedia / Marko Volkmar

Bei einer Zahn- oder Kieferfehlstellung ist das Gebiss eines Menschen anders geformt als bei den meisten anderen. Solche Fehlstellungen können dazu führen, dass das Gebiss schlechter funktioniert oder anfälliger für Schäden ist.

In der Werbung, im Film oder in den sozialen Medien wird viel Wert auf ein makelloses Aussehen gelegt. Dabei spielen nicht zuletzt die Zähne eine Rolle: Sie sollen strahlend weiß und ebenmäßig sein und das „perfekte Lächeln“ formen. Nur die wenigsten Menschen haben solche Zähne. Ein ganz normales Gebiss entspricht diesem Schönheitsideal also meistens nicht, ist aber trotzdem gesund und funktioniert einwandfrei.

Das Gebiss sieht zwar bei jedem Menschen etwas anders aus – bei manchen weicht es jedoch stärker von einem normalen Gebiss ab. Dabei kann ein einzelner Zahn betroffen sein, manchmal auch mehrere Zähne, oder Ober- und Unterkiefer passen nicht richtig zusammen. Man fasst diese Abweichungen als Zahn- und Kieferfehlstellungen zusammen.

Solche Fehlstellungen können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Manche sehen nur ungewöhnlich aus und können dazu führen, dass sich ein Mensch schämt und seine Zähne nur ungern zeigt. Schwerere Formen können beim Essen, Sprechen oder Atmen stören und das Risiko für Schäden an Zähnen, Zahnfleisch oder Kiefergelenken erhöhen.

Wie sieht ein normales Gebiss aus?

Die Zähne sind in kleinen Mulden in den Kieferknochen, den Zahnfächern (), fest verankert. Sie sind im Halbkreis angeordnet, sodass die Zähne im Ober- und Unterkiefer jeweils einen Bogen bilden.

Schließt man den Mund, legen sich die beiden Zahnbögen passend aufeinander – sie „verzahnen“ buchstäblich: Die Backenzähne haben breite Kauflächen mit erhabenen Höckern und kleinen Vertiefungen. Beim Zusammenbeißen legen sich die Höcker der oberen Zähne in Vertiefungen der unteren – und umgekehrt.

Im vorderen Gebiss haben die Zähne keine Kauflächen: Die Eckzähne enden spitz, die Schneidezähne haben eine schmale Kante. Beim Zubeißen schieben sich die unteren Schneidezähne an die Rückseiten der oberen Schneidezähne. Diese normale Zahnstellung beim Zubeißen bezeichnen Fachleute als Neutralbiss.

Grafik: Beim normalen Gebiss greifen die Zähne leicht versetzt ineinander

Beim normalen Gebiss greifen die Zähne leicht versetzt ineinander

Welche Zahn- und Kieferfehlstellungen gibt es?

Eine Fehlstellung kann einen einzelnen Zahn oder den gesamten Kiefer betreffen.

Ein einzelner Zahn kann zum Beispiel

  • schräg stehen,
  • zur Wange oder Zunge hin gekippt sein,
  • außerhalb der Zahnreihe stehen,
  • im Knochen verbleiben (sogenannte Verlagerung oder Retention) oder
  • ganz fehlen.

Solche Fehlstellungen können auch an mehreren Stellen im Gebiss auftreten. Mehrere Zähne können verschoben oder schief sein, wenn im Kiefer zu wenig Platz ist – zum Beispiel, weil zu viele Zähne angelegt sind oder der Kieferknochen zu klein ist. Bei zu viel Platz – etwa, weil Zähne fehlen – können die Abstände zwischen den Zähnen zu groß sein, sodass Zahnlücken entstehen.

Oft weichen auch die Stellung und die Größenverhältnisse von Ober- zu Unterkiefer vom normalen Gebiss ab. Häufige Beispiele sind:

  • Überbiss (Distalbiss)
  • Unterbiss (auch Vorbiss oder Mesialbiss)
  • offener Biss
  • Kreuzbiss

Außerdem können die beiden Kieferknochen gegeneinander verdreht oder seitlich verschoben sein (Laterognathie).  Zahn- und Kieferfehlstellungen kommen auch bei schweren Fehlbildungen vor, etwa bei der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte.

Wie sieht ein Überbiss aus?

Dass die oberen Schneidezähne die unteren leicht überragen, ist normal. Man spricht meist erst von einem Überbiss oder Distalbiss, wenn die oberen und unteren Schneidezähne mehr als drei Millimeter voneinander abstehen. Dies fällt auf, wenn man die Zähne von der Seite betrachtet. Der Oberkiefer reicht dann zu weit nach vorne oder – was häufiger vorkommt – der Unterkiefer liegt zu weit hinten.

Die oberen Schneidezähne können bei einem Überbiss schräg nach vorne stehen und manchmal über die Unterlippe hinausragen. Sie können aber auch gerade gewachsen sein, oder leicht nach hinten in Richtung Gaumen zeigen. Von vorn betrachtet überdecken sie die unteren Schneidezähne dann oft komplett – diese Sonderform des Überbisses wird als „Deckbiss“ bezeichnet. Bei einem „Tiefbiss“ reichen sie so weit nach unten, dass sie das Zahnfleisch am Unterkiefer erreichen.

Ein Überbiss beschränkt sich nicht nur auf die vorderen Zähne. Auch die oberen Backenzähne treffen beim Zubeißen etwas weiter vorne auf die unteren Backenzähne. Die Zahnhöcker fügen sich dann in weiter vorn liegende Vertiefungen. Es kann auch vorkommen, dass die Höcker des oberen und des unteren Zahnbogens genau aufeinanderstoßen. Dann spricht man von einem „Kopfbiss“ im Bereich der Backenzähne.

Grafik: Überbiss mit vorstehenden oberen Schneidezähnen

Überbiss mit vorstehenden oberen Schneidezähnen

Was ist ein Unter- oder Vorbiss?

Den Unter- oder Vorbiss, auch Mesialbiss genannt, kann man sich als Gegenteil vom Überbiss vorstellen: Die unteren Schneidezähne stehen zu weit vorn. Wenn man den Mund schließt, stoßen ihre Kanten auf die Kanten der oberen Schneidezähne (Kopfbiss im Bereich der Schneidezähne). Bei stark ausgeprägtem Unterbiss können sich die unteren Schneidezähne beim Zubeißen sogar vor die oberen schieben.

Meist ist ein vorstehender Unterkiefer die Ursache. Ein Unterbiss kann aber auch dadurch entstehen, dass die oberen Schneidezähne stark zum Gaumen hin geneigt sind oder die unteren Schneidezähne schräg nach vorne abstehen.

Wie beim Überbiss ist auch die Position der Backenzähne wichtig: Beim Unterbiss treffen die oberen Backenzähne beim Zubeißen etwas weiter hinten auf die unteren Backenzähne. Die Zahnhöcker fügen sich dann in weiter hinten liegende Vertiefungen ein oder treffen – bei einem zusätzlichen Kopfbiss – genau aufeinander.

Grafik: Unterbiss mit vorstehenden unteren Schneidezähnen

Unterbiss mit vorstehenden unteren Schneidezähnen

Was bedeutet „offener Biss“?

Wenn man zubeißt, verschließen die beiden Zahnbögen normalerweise die Mundhöhle. Beim offenen Biss bleibt jedoch etwas Platz zwischen den oberen und unteren Zähnen. Die offene Stelle befindet sich oft im Bereich der Schneidezähne (vorderer oder anterior offener Biss). Sie kann aber auch im seitlichen oder hinteren Bereich des Gebisses liegen (hinterer oder posterior offener Biss). Ein offener Biss kann die Folge von häufigem Daumenlutschen sein. Auch Fehlbildungen des Kieferknochens oder die Größe und Lage der Zunge kommen als Ursachen infrage.

Grafik: Vorderer offener Biss

Vorderer offener Biss

Was ist ein Kreuzbiss?

Beim Kreuzbiss sind ein oder mehrere obere Seitenzähne nach innen – also in Richtung Zunge – versetzt.

Wenn beim Zubeißen dadurch die oberen auf die unteren Zahnhöcker stoßen, spricht man von einem Kopfbiss. Wenn die Zähne noch stärker von der normalen Position abweichen, beißen sie ganz aneinander vorbei. Solch ein Kreuzbiss ist einseitig oder beidseitig möglich. Ursachen können Fehlstellungen einzelner Zähne sein, oder die Kieferknochen passen in Form und Größe nicht richtig zusammen.

Grafik: Beidseitiger Kreuzbiss – die hinteren Zähne beißen aneinander vorbei

Beidseitiger Kreuzbiss – die hinteren Zähne beißen aneinander vorbei

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Erstellt am 18. Dezember 2019
Nächste geplante Aktualisierung: 2022

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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