Was kann ich als Angehöriger tun?

Foto von Paar (PantherMedia / lucidwaters) Alkoholprobleme sind ein Tabuthema. Deshalb ist Fingerspitzengefühl gefragt, wenn man jemanden auf seine Trinkgewohnheiten ansprechen möchte. Verschiedene Tipps können dabei helfen, ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist aber auch, an sich selbst zu denken.

Wenn Sie einen Angehörigen mit Alkoholproblemen haben, ist eines besonders wichtig: Achten Sie auf sich selbst. Seien Sie realistisch, was Sie leisten und an Unterstützung anbieten können. Achten Sie auch auf Ihre eigene Gesundheit und Ihr eigenes Wohlbefinden. Wenn Sie merken, dass Ihnen alles zu viel wird, nehmen Sie auch mal Abstand oder gönnen Sie sich eine Auszeit.

Mit jemandem zusammenzuleben, der ein Alkoholproblem hat, kann auf Dauer sehr belastend sein. Zu den Problemen des Alltags kommt die Sorge um Ihren Angehörigen hinzu. Es kostet viel Energie, ihr oder ihm zu helfen und durch den Alkohol entstandene Probleme aufzufangen oder zu lösen. Wenn noch Kinder im Haushalt leben, kann das ganze Familienleben beeinträchtigt sein.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen die Situation über den Kopf wächst, holen Sie sich am besten selbst Beratung und Unterstützung. Als Angehöriger können Sie sich an dieselben Beratungsstellen wenden, die auch für Betroffene da sind. Diese Angebote sind kostenlos und auf Wunsch anonym. Scheuen Sie sich nicht, sie in Anspruch zu nehmen. Beratungsstellen können Ihnen nicht nur Möglichkeiten zeigen, wie Sie mit Ihrem Angehörigen umgehen. Es kann auch für Sie selbst sehr entlastend sein, mit einer neutralen Person offen über die Probleme zu sprechen.

Eine weitere Möglichkeit sind Selbsthilfegruppen für Angehörige, in denen Sie sich mit Menschen austauschen können, die das Gleiche erlebt haben oder gerade durchmachen wie Sie. Selbsthilfegruppen für Angehörige findet man unter anderem über die Dachverbände der Selbsthilfe, zum Beispiel den Kreuzbund oder die Guttempler.

Wie kann ein Gespräch verlaufen?

Wenn Sie sich wegen seines Alkoholkonsums um einen nahestehenden Menschen sorgen, fragen Sie sich wahrscheinlich, wie Sie ihn am besten darauf ansprechen können. Vielleicht haben Sie auch schon mal versucht, auf sie oder ihn zuzugehen, und wurden zurückgewiesen. Eine verärgerte Reaktion ist ganz normal – niemand wird gern mit einem unangenehmen Thema konfrontiert. Häufig braucht es zudem Zeit, bis jemand bereit ist, sich ein Alkoholproblem einzugestehen.

Je nach Situation kann es sinnvoll sein, eine dritte Person einzubeziehen und sich vorher gut mit ihr abzusprechen. So können Sie auch verhindern, dass Sie beim gemeinsamen Gespräch zu dritt gegeneinander ausgespielt werden. Sich Unterstützung zu holen, ist zudem wichtig, wenn Sie befürchten, dass es zu einer Auseinandersetzung kommen könnte.

Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie zunächst auf Ablehnung stoßen. Auf Ihr Engagement können Sie stolz sein – achten Sie aber auch auf sich selbst und überfordern Sie sich nicht. Wichtig ist außerdem, sich immer wieder klarzumachen: Sie sind nicht für das Verhalten einer anderen Person verantwortlich und tragen auch nicht die Verantwortung dafür, welche Entscheidungen sie trifft.

Wie komme ich ins Gespräch?

Bevor Sie das Gespräch suchen, ist es sinnvoll, sich gedanklich darauf vorzubereiten und eine passende Gelegenheit für das Gespräch zu finden.

Viele Menschen schämen sich für ihren Alkoholkonsum. Ein geschützter Rahmen, in dem keiner mithören kann, ist daher eine wichtige Voraussetzung für ein Gespräch. Nehmen Sie sich Zeit und sorgen Sie dafür, dass Sie möglichst nicht unterbrochen werden. Dies ist zu Hause oft am einfachsten – vielleicht fällt es aber auch leichter, sich außerhalb der Wohnung zu unterhalten, etwa bei einem Spaziergang im Park.

Ihr Gesprächspartner sollte nüchtern und Sie beide in einem entspannten Gemütszustand sein. Damit das Gespräch ruhig und konstruktiv verlaufen kann, ist es zudem wichtig, die eigenen Gefühle möglichst zurückzuhalten – auch wenn dies schwerfällt.

Folgende Tipps können für ein Gespräch hilfreich sein:

  • Äußern Sie Ihre Beobachtungen und Sorgen der letzten Zeit, zum Beispiel: „Ich habe festgestellt, dass wir kaum noch etwas unternehmen.“
  • Sie können Ihr Gegenüber fragen, wie es ihm oder ihr mit dem Alkoholkonsum geht oder ob sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht hat.
  • Verwenden Sie „Ich-Botschaften“, um Ihr Anliegen vorzubringen, zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen darüber, wie viel Du in letzter Zeit trinkst“.
  • Hören Sie gut zu und unterbrechen Sie den anderen nicht.
  • Versuchen Sie, sich in Ihr Gegenüber hineinzuversetzen und seine Sicht zu verstehen.
  • Vermeiden Sie den Begriff „Alkoholiker“, und seien Sie zurückhaltend mit Worten wie Abhängigkeit und Sucht.
  • Urteilen Sie nicht über Ihren Gesprächspartner oder seine Trinkgewohnheiten.
  • Achten Sie darauf, Ihr Gegenüber nicht zu belehren oder zu erziehen und keine Vorwürfe zu machen – dies führt oft zu Abwehrreaktionen.
  • Sprechen Sie ihr oder sein Verhalten offen und ehrlich an (zum Beispiel: „Ich habe den Eindruck, dass Du Dich öfter mit X streitest, wenn Du trinkst“), aber kritisieren Sie nicht die Person selbst.
  • Bieten Sie Unterstützung an, zum Beispiel bei der Suche nach einer Beratungsstelle oder dem Gang dorthin.

Bedenken Sie immer, dass sie oder er vielleicht noch nicht bereit ist, sich ein Alkoholproblem einzugestehen. Diese Einsicht können Sie nicht erzwingen, aber Unterstützung und Hilfe anbieten. Die Entscheidung, Hilfe anzunehmen und etwas zu ändern, muss jeder selbst treffen.

Welche konkreten Hilfen kann ich anbieten?

Sie können Ihrem Angehörigen, Freund oder Kollegen zuhören, für ihn da sein und konkrete Unterstützung geben. Dazu ist es hilfreich, die verschiedenen Anlaufstellen für Menschen mit Alkoholproblemen zu kennen – zum Beispiel Selbsthilfegruppen, Online-Programme, anonyme Beratungsstellen oder Beratungstelefone.

Zuzugeben und anzunehmen, dass der eigene Alkoholkonsum problematisch ist, kann leichter sein, wenn diese Einschätzung von einer unabhängigen Stelle kommt als vom Partner, engen Freund oder Verwandten. Möglicherweise kann auch der Hinweis auf einen Selbsttest oder ein Trinktagebuch dabei helfen, das Trinkverhalten einzuschätzen.

Wenn Ihr Gegenüber versuchen möchte, das Problem selbst in den Griff zu bekommen, können Sie Tipps geben, wie sich der Alkoholkonsum besser kontrollieren lässt. Denken Sie aber daran, dass dieses Ziel nicht realistisch ist, wenn jemand bereits alkoholabhängig ist. Dann ist professionelle Unterstützung unerlässlich.

Was kann ich erwarten – und was nicht?

Wer ein Alkoholproblem hat, muss die Entscheidung, weniger zu trinken oder sich Hilfe zu holen, selbst treffen. Dies setzt voraus, sich das Alkoholproblem einzugestehen. Das fällt meist schwer und braucht oft Zeit. Als Angehöriger ist es deshalb wichtig, Geduld mitzubringen. Oft braucht es mehrere Anläufe, um das Trinkverhalten dauerhaft zu verändern. Das ist ganz normal und kein Grund, jemandem Vorwürfe zu machen.

Für eine Verhaltensänderung reicht Willenskraft allein zudem nicht immer aus. Das hat auch damit zu tun, dass das Trinken oft eine Funktion hat – zum Beispiel, zu beruhigen und Probleme in den Hintergrund treten zu lassen. Eine Veränderung des Trinkverhaltens setzt voraus, dass diese Probleme nicht mehr verdrängt, sondern aktiv angegangen werden. Nicht zuletzt ist so eine Veränderung zunächst viel anstrengender, als einfach alles beim Alten zu lassen.

Bei Menschen, die aus Gewohnheit viel Alkohol trinken – etwa zum Entspannen oder zur „Belohnung“ nach Feierabend –, können Alternativen zum Alkohol hilfreich sein, wie zum Beispiel ein Hobby, das Freude bereitet und entspannt. Vielleicht gelingt es Ihnen gemeinsam, etwas Neues auszuprobieren.

Es kann passieren, dass andere Freunde oder Familienangehörige die Entscheidung, weniger oder keinen Alkohol mehr zu trinken, nicht unterstützen oder infrage stellen. Wenn sie selbst viel Alkohol trinken oder ein problematisches Trinkverhalten haben, kann ihnen das Verständnis fehlen. Als Angehöriger können Sie dann helfen, den Kontakt zu Menschen herzustellen, die die Entscheidung unterstützen oder selbst keinen Alkohol trinken – zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe.

Nicht zuletzt ist es wichtig zu wissen, wann die eigenen Bemühungen nicht mehr ausreichen: Große Mengen Alkohol können körperlich abhängig machen. Eine Sucht ist eine Erkrankung – keine Willensfrage und auch keine moralische Schwäche. Wenn jemand bereits eine Abhängigkeit entwickelt hat, geht es nicht ohne professionelle Unterstützung. Jeder Betroffene ist aber selbst dafür verantwortlich, diese Unterstützung anzunehmen und zu nutzen – auch wenn Sie als Angehöriger ihm oder ihr die Entscheidung auch noch so gerne abnehmen würden.

Was sollte ich vermeiden?

Als Angehöriger kann es einem passieren, dass man das Problem verdrängt oder das Trinkverhalten des Betroffenen unabsichtlich unterstützt – zum Beispiel, um ihn zu schützen, um Problemen im Alltag aus dem Weg zu gehen oder indem man ihm seine Pflichten abnimmt. Um dies zu vermeiden, können Sie auf Folgendes achten:

  • Verleiten Sie die Person nicht zum Trinken.
  • Trinken Sie nicht mit ihr zusammen oder in ihrer Gegenwart.
  • Übernehmen Sie keine Aufgaben, für die sie selbst verantwortlich ist (außer sie bringt sich oder andere dadurch in Gefahr).
  • Kaufen Sie keinen Alkohol für sie.
  • Helfen Sie der Person nicht, ihr Trinkverhalten zu verheimlichen.
  • Suchen Sie keine Ausreden für sie.
  • Setzen Sie klare Grenzen.

Sie können einen Menschen unterstützen, ihm Hilfe anbieten und ihn ermutigen, professionelle Hilfe anzunehmen. Den entscheidenden Schritt muss er jedoch selbst tun. Wenn dies (noch) nicht gelingt, müssen Sie das akzeptieren. Es ist jedoch Ihr gutes Recht, klarzustellen, welches Verhalten Sie akzeptieren und welches nicht. Wenn Sie einen Freund einladen, müssen Sie zum Beispiel nicht hinnehmen, dass er in Ihrer Wohnung trinkt. Wichtig ist, Grenzen zu setzen, auf ihre Einhaltung zu achten und die angekündigten Konsequenzen auch umzusetzen.