Langsam wurde es immer mehr Alkohol

Foto von Paar beim Radfahren
PantherMedia / iakovenko123

Franz, 67 Jahre

„Es ist erstaunlich, wie tief ich fallen musste, um dann noch mal zu fallen und noch mal zu fallen. Und wie gut ich die Alkoholprobleme vor mir und anderen verstecken konnte. Bis ich dem Ganzen ein Ende gesetzt habe.“

Ich werde bald 67 Jahre alt. Seit zwei Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr, nachdem ich etwa 1970 mit dem Trinken angefangen habe. Ich habe über eine lange Zeit sehr viel getrunken.

Ich bin in einem Arbeiterviertel groß geworden. Mein Stiefvater war alkoholabhängig. Das war in der Umgebung damals nichts Ungewöhnliches. Ich hatte deshalb als Kind eine große Abneigung gegen Alkohol. Vor meinem 19. Lebensjahr habe ich quasi gar nicht getrunken. Ich habe Feiern und Menschen, die Alkohol getrunken haben, wenn möglich gemieden.

Trotz der familiären Schwierigkeiten habe ich erfolgreich eine Ausbildung abgeschlossen. Ich habe viel gearbeitet: neben der Ausbildung schon früh morgens vor und auch abends nach der Berufsschule. Ich hatte mir vorgenommen, mich aus meinem sozialen Umfeld herauszuarbeiten, und das auch geschafft.

Ich habe die Einsamkeit mit Alkohol betäubt

Der Preis dafür war: wenig soziale Kontakte und wenig Partys. Für Vergnügungen blieb keine Zeit. Ich war oft sehr einsam. Irgendwann habe ich mir gedacht: Ich will mal probieren, wie Wein wirkt. Ich habe mir Rotwein gekauft, weil ich dachte, er wäre süß. Das Zeug schmeckte schrecklich, und ich bekam Kopfschmerzen. Aber irgendwann hatte ich diese Phase „überwunden“. Ich trank nie große Mengen, dennoch spürte ich mit der Zeit eine angenehme Wirkung. Ich fühlte mich geborgen, ein bisschen wie betäubt und warm. Ich dachte: Mit diesem Gefühl komme ich gut durch den Tag und die Nacht. Ich habe vorwiegend abends getrunken, zum Einschlafen. Das ging bis zum Ende meiner Ausbildung ganz gut so.

Nach der Ausbildung hatte ich mehr Geld. Der soziale Aufstieg war mein Ziel. Und ich wollte mich mit Freunden umgeben, die ein höheres Bildungsniveau hatten als ich. In diesen Kreisen wurde kein Bier getrunken und kein harter Alkohol. Wir tranken Wein und waren sogenannte Genusstrinker. Und das sehr gediegen, zum Beispiel zu französischem Essen.

Später habe ich ein Studium angefangen. Damals kamen die sogenannten Szenekneipen in Mode. Da verkehrte man am Abend, es herrschte eine gute Atmosphäre. Das blieb alles in Maßen mit dem Alkohol, aber wir haben regelmäßig getrunken. Es war eine schöne Zeit. Wir hatten viel Spaß und es gab ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Ich war nie betrunken und ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass ich ein Problem mit Alkohol habe. Ich hatte nur dieses angenehme Gefühl, wenn ich trinke. Das hat mich beruhigt. Der Alkohol war wie ein wärmender und schützender Mantel.

Langsam wurde es immer mehr Alkohol

Das hat sich die darauffolgenden Jahre weiter so stabil gehalten. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich jeden Tag getrunken habe. Inzwischen war es eine Flasche Wein pro Tag. Ich habe trotzdem viel Sport gemacht, und alle anderen tranken ja auch. Ich hatte keinerlei Probleme und man sprach mich auch nicht auf den Alkohol an. Also dachte ich: alles im Rahmen, alles ok.

Ich habe mein Studium abgeschlossen, gearbeitet und ein zweites Studium angefangen, war politisch aktiv. Mein Aufstieg lief wie geplant: Ich war raus aus dem Sumpf, in dem ich aufgewachsen bin. Aber ich war weiter in Studentenkneipen – und in der politischen Gruppe, in der ich aktiv war, gehörte zur Pizza auch immer das Wein trinken dazu. Das war normal. Oft trank ich dann noch ein Bier hinterher, hatte aber auch in dieser Zeit keine alkoholbedingten Ausfälle.

Irgendwann fing ich an, auch tagsüber zu trinken. Ich habe das erstaunlich gut vertragen und mir keine Gedanken darüber gemacht. Mir war es wichtig, anderen gegenüber lustig und witzig zu sein, aber nicht aggressiv zu werden. Das klappte damals ganz gut. Ich hatte das Gefühl, alles im Griff zu haben.

Dann habe ich zum ersten Mal gemerkt: Hier stimmt etwas nicht

Nach dem Studium bin ich viel umgezogen und war beruflich sehr erfolgreich. Wenn die Einsamkeit durch die Umzüge größer wurde, habe ich teilweise viel getrunken. Um diese Ereignisse herum dachte ich dann schon: Hier ist etwas nicht in Ordnung. Ich habe gemerkt, dass ich mehr Alkohol trinke, wenn ich einsam bin. Dieser Zusammenhang wurde mir klar. Das hat mich leider nur kurz verunsichert. Ich bin dann wieder in eine WG gezogen und damit war die Einsamkeit weg, dort wurde viel gefeiert und auch viel Alkohol getrunken.

Meinen ersten Zusammenbruch durch Alkoholkonsum hatte ich, als mich meine Freundin verlassen hat. Da wurde mir klar, wie gefährlich mein Verhalten für mich war. Ich habe meinen Konsum dann eingeschränkt und weniger getrunken. Das hat geklappt und ich dachte mir: Es funktioniert. Alles kein Problem und ich habe es im Griff. Wenn ich nicht will, dann muss ich auch nicht trinken.

Dann folgte eine durch viel Arbeit geprägte Zeit. Beruflich war das sehr spannend und toll. Aber der Alkohol war immer mit dabei.

Ich entwickelte Ängste rund um den Alkoholkonsum

Nach dieser intensiven Phase wollte ich den Tätigkeitsbereich wechseln. Dazwischen war ich dann ein paar Monate arbeitslos. Als das soziale Gefüge meiner Arbeit wegbrach, trank ich wieder sehr viel mehr. Und ich hatte rund um den Alkoholkonsum erste Angstattacken, die mich sehr belasteten. Ich habe gemerkt: Sobald der Alkoholpegel sinkt, kommen die Ängste. Wenn ich trinke, gehen die Ängste wieder weg.

Ich habe dann wegen der Ängste eine gemacht, den Therapeuten aber meinen Alkoholkonsum verschwiegen. Ich hatte damals noch keine Entzugserscheinungen wie Zittern oder ähnliches – aber diese Angstzustände, die dann durch Trinken wieder weggingen.

Weil ich mich für meinen Alkoholkonsum geschämt habe, habe ich angefangen, heimlich zu trinken. Das weiß ich noch ganz genau. In Gesellschaft habe ich immer mitgetrunken, aber nie viel und es ist niemandem aufgefallen. Wenn ich allein war, habe ich dann mehr getrunken. Das funktionierte erstmal ganz gut so. Ich habe gedacht: Ich mache eine wegen der Ängste. Und wenn die weg sind, brauche ich ja auch nicht mehr zu trinken. Ich habe den Zusammenhang zwischen den Ängsten und dem Alkoholkonsum nicht gesehen und wollte einen Ausweg finden, ohne auf den Alkohol zu verzichten. Das war natürlich völlig absurd.

Vermeintlich alles im Griff

Von der Alkoholmenge her blieb es eine ganze Weile mehr oder weniger gleich. Meine größte Angst war, die Kontrolle zu verlieren und auffällig zu werden. Ich habe also immer versucht, mich zu beherrschen, so dass es nicht zu viel wurde, und andere nichts davon mitbekamen. Ich wurde auch nie darauf angesprochen. In Gesprächen im Nachhinein hat sich gezeigt, dass meine damalige Frau es lange Zeit wirklich nicht gemerkt hatte.

Ein paar Jahre nach der Geburt unseres Kindes haben meine Frau und ich uns getrennt. Ich habe den Alkohol dann wieder mehr gebraucht, um die Situation zu bewältigen. Ich dachte mir, das sei schon in Ordnung so. Es war ja alles „gediegen“, mit schöner Musik und zur Entspannung. Ich habe jeden Tag getrunken – aber solange, wie ich alles unter Kontrolle hatte, war für mich ja alles in bester Ordnung. Ich war gesund und fit und war oft joggen. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, was kein Problem war. Da dachte ich, dass ich das mit dem Alkohol nicht so wichtig zu nehmen brauche. Damit würde ich auch aufhören können, wenn ich wollte. Später wurde mir klar, wie typisch ich für einen Menschen mit Alkoholproblemen reagiert habe.

Dann habe ich die Kontrolle verloren

Als ich mit meiner neuen Freundin und jetzigen Frau die erste große Krise hatte, habe ich angefangen, extrem viel zu trinken. Das dauerte dann so etwa drei Tage. Als es vorbei war, war mir klar: Das war eine krasse Situation. Ich habe die Kontrolle verloren. Die Angst war wieder da, die Sorge vor dem Verlassenwerden, das ganze Programm. Und das alles ließ sich durch den Alkohol nicht mehr betäuben, so wie früher. Es wurde dadurch sogar nur schlimmer. Ich war wieder schockiert und habe versucht, es in den Griff zu bekommen. Das ist mir auch einigermaßen gelungen. Aber niemand sollte davon erfahren.

Ich musste etwa 30 Kilometer mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Irgendwann merkte ich, dass ich immer eine kleine Flasche Sekt dabei hatte. Das entspannte mich. Beruflich war ich erfolgreich und bin aufgestiegen. Ein paar Jahre vor meiner Rente bin ich in eine Leitungsposition gekommen. Das stellte sich aber als viel schwieriger heraus, als ich dachte. In meiner früheren Position hatte ich ein ganz anderes Verhältnis zu den Kollegen als die, die ich dann in der Leitungsposition hatte. Das und der Arbeitsdruck belasteten mich sehr – aber ich hatte wie immer das Gefühl, dass ich schon irgendwie klarkomme. Das stimmte aber nicht. Man schafft von sich selber ein Trugbild.

Ich habe weiter verheimlicht und mich selbst betrogen

Bei dem ganzen Druck habe ich angefangen, schon morgens zu trinken – das heißt, schon während der Autofahrt zur Arbeit. Ich hatte viel Glück, nie kontrolliert zu werden. Ich habe den Alkohol gebraucht, um zu funktionieren. Das habe ich zwar erkannt, mich aber niemandem offenbart. Ich wollte es einfach bis zur Rente durchstehen.

Ich wohnte nicht mit meiner Partnerin zusammen und war sehr gut im Verheimlichen, so dass sie von meinen wahren Problemen nichts wusste. Es ist ihr tatsächlich nicht aufgefallen. Im Rückblick weiß ich nicht, wie ich das die ganze Zeit geschafft habe. Ich konnte es so kontrollieren, dass ich meine Ausfälle nur daheim hatte. Ich war auch immer sehr lange im Büro und habe die Zeiten, wenn keiner anderer da war, zum Trinken ausgenutzt. Ich habe „nur“ Sekt getrunken und Pfefferminz gelutscht, um nicht nach Alkohol zu riechen. Ich war überzeugt: das funktioniert.

Bis mich irgendwann mein Chef in sein Büro gebeten und gefragt hat, ob ich ein Problem mit Alkohol hätte. Das war ein Gefühl, als wenn mich jemand auf frischer Tat ertappt hätte. Mit wurde heiß und kalt zugleich, ich fing an zu stottern und habe alles von mir gewiesen. Selbst nach diesem Erlebnis war ich nicht bereit, mir Hilfe zu suchen. Das Gespräch hatte außerdem keine Konsequenzen. Mit meinen „Strategien“ habe ich mich dann noch bis zur Rente gerettet.

Mit Eintritt in die Rente dachte ich: Jetzt hast du es geschafft! Der Stress ist weg. Jetzt bekomme ich die Kurve. Ich habe wieder angefangen Sport zu treiben, war viel mit dem Fahrrad unterwegs. Aber ich hatte immer eine Sektflasche dabei.

Ich habe mich entschieden: Ich gehe in eine Klinik und lasse mir helfen

Dann ging plötzlich alles sehr schnell: Ich wurde nachts wach und musste trinken, damit ich weiterschlafen konnte. Ich musste mich oft übergeben, um dann wieder Alkohol zu trinken. Der Alkohol war schon lange mein Lebensinhalt.

Dann habe ich mich entschieden, in eine psychosomatische Klinik zu gehen. Aber nicht aus der Überzeugung heraus, ein Alkoholiker zu sein. Sondern weil ich dachte, ein Burnout zu haben. Das habe ich vorgeschoben. Ich war dann drei Wochen in der Klinik und habe in dieser Zeit keinen Alkohol getrunken. Mir ging es sehr gut. Ich dachte mir: Super, du hast es wieder geschafft. Es gibt kein Problem mehr.

Der Kreislauf begann von Neuem

Es war auch tatsächlich gut, nur hätte ich abstinent bleiben müssen. Das habe ich nicht geschafft. Auf meinen Krankenhausaufenthalt habe ich daheim erstmal ein Glas Sekt getrunken. Und bin genau wieder dort eingestiegen, wo ich ausgestiegen war. Nach zwei, drei Wochen war ich wieder auf dem Level wie vor dem Klinikaufenthalt. Das ging dann ein paarmal so weiter: in die Klinik und nach der Entlassung wieder getrunken.

Das Ganze hat sich immer weiter gesteigert. Ich hatte meine Strategien, wie ich den Alkohol verheimlichen konnte. Ich hatte mit der Zeit überall Depots angelegt. Den Sekt habe ich in unauffällige Flaschen abgefüllt, sodass man nicht erkennen konnte, dass da Alkohol drin ist. Wenn wir im Urlaub waren, habe ich immer irgendwo eine Flasche versteckt. Das ist verrückt, dass andere das so lange nicht mitbekommen haben. Ich bin auch sehr oft alkoholisiert Auto gefahren. Aber ich bin nie angehalten worden.

Irgendwann ging es nur noch darum, dass der Körper funktioniert. Aber er funktionierte selbst mit Alkohol irgendwann nicht mehr. Es war eine Spirale, die sich immer weitergedreht hat.

Kalter Entzug: Ich hatte großes Glück!

Ich habe dann auch öfters mit meiner Frau gesprochen, als sie von meinem Alkoholproblem wusste. Sie meinte, sie stehe den Ausfällen immer hilfloser gegenüber. Ich habe mich immer weiter isoliert. Aber so richtig unter Druck gesetzt hat mich keiner. Kurz vor meinem vierten Klinikaufenthalt habe ich das gemacht, was man auf gar keinen Fall tun soll: Ich habe kalt entzogen. Das ist brandgefährlich! Während dieses kalten Entzugs daheim bin ich ins Delirium gefallen und wurde daraufhin in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Meine Frau hat das eingeleitet. Ich hatte wohl auch Selbstmordabsichten geäußert. Ich war in einer anderen Welt und habe nichts mehr gemerkt. Und ich hatte großes Glück, dass mein Körper das mitgemacht hat. In der geschlossenen Psychiatrie zu sein, war für mich sehr schlimm. Da habe ich sehr dran geknabbert.

Ich habe endlich den Schlussstrich gezogen

Ich kann heute so vieles nicht mehr nachvollziehen – und besonders nicht, dass ich nach dieser Entlassung wieder angefangen habe zu trinken. Ich steckte zu tief im Sumpf des Alkohols. Immerhin habe ich irgendwann gemerkt, dass ich wieder psychische Probleme bekam, sobald ich nur ein wenig trank. Das war dann zu viel. In diesem Moment habe ich mich ins Auto gesetzt und bin zurück in die psychiatrische Klinik gefahren. Ich habe dem Chefarzt gesagt: „Jetzt ist Schluss“. Im Unterschied zu den Jahren zuvor habe ich tatsächlich für mich diesen Schlussstrich gezogen.

Im Krankenhaus habe ich angefangen, intensiv an mir und meiner Geschichte zu arbeiten. Ich habe angefangen zu schreiben, sehr viel über mich. Ich habe viele lange Spaziergänge gemacht. Nach drei Wochen wurde ich entlassen. Körperlich war ich recht schnell wieder beieinander. Aber ich wusste, der Körper ist das eine – der Kopf das andere. Daher habe ich mich bei einer Suchtberatungsstelle vor Ort um eine in einer Klinik bemüht.

Diese dauerte drei Monate. Ich hatte einen sehr guten Therapeuten und war in einer gemischten Männergruppe. Da ging es teilweise recht herb zu. Es waren fast alles alkoholabhängige Männer, aber auch ein paar jüngere Männer mit anderen Drogenproblemen. Es ging auch darum zu sehen, wie es anderen geht und wie sie sich mit dem Thema auseinandersetzen. Das war für mich manchmal wie ein Spiegel. Die Gruppenarbeit in der fand ich sehr spannend. Man erfährt viel über andere, aber noch mehr über sich selbst. Das finde ich toll! Auch die Gespräche mit dem Therapeuten waren für mich nicht schwierig. Als ich das Problem für mich wirklich erkannt hatte, wusste ich ja, wo der Stachel sitzt und dann fiel es mir auch nicht schwer, mit einem Therapeuten zu sprechen.

Zurück im Leben

Mit dem Therapeuten habe ich intensiv meine Lebensgeschichte aufgearbeitet. Für mich war eine der wichtigsten Erkenntnisse: Ich muss aufhören auf jemanden zu warten, der mich in den Arm nimmt. Ich muss mich selber um mich kümmern. Wir haben dann einige Strategien besprochen, wie ich diese Umstellung schaffen kann. Die habe ich dann nach der Entlassung ausprobiert. Ich war zurück im Leben.

Ich habe großes Glück, dass sich bei mir alles regeneriert hat. Körperlich bin ich gesund und fit. Das ist bei meiner Geschichte sehr ungewöhnlich, und ich bin sehr dankbar dafür.

Ich bin glücklich mit meiner Frau. Obwohl sie sagt, dass sie mir nicht wirklich verzeihen kann. Das ist nicht möglich nach all den Geschehnissen. Das erwarte ich auch nicht. Wir haben jetzt eine andere, neue Ebene und das ist so wie es ist okay! Mit diesen Konsequenzen muss und will ich leben. Und ich lebe gut! Gesund und trocken.

Ich brauchte Hilfe, aber die Entscheidung musste ich selber treffen

Es ist erstaunlich, wie tief ich fallen musste, um dann noch mal zu fallen und noch mal zu fallen. Und wie gut ich die Alkoholprobleme vor mir und anderen verstecken konnte, bis ich dem Ganzen ein Ende gesetzt habe. Das konnte ich nur ganz allein. Diesen Schritt konnte mir niemand abnehmen. Auch trocken bleiben kann man nur selbst. Das ist meine Entscheidung und meine Verantwortung. Das ist ein Schritt, den jeder alkoholabhängige Mensch gehen muss: Verantwortung für sich selbst übernehmen. Das ist verdammt schwierig. Aber man kann sich Hilfe holen.

Meine Frau trinkt sehr wenig Alkohol. Wenn wir essen gehen, trinkt sie meist ein Glas Wein. Das ist kein Problem für mich. Auch wenn wir Familientreffen haben, wird getrunken. Auch das ist für mich kein Problem. Nur wenn der Alkoholpegel bei allen langsam steigt und die Gespräche flacher werden, wird es mir irgendwann langweilig. Dann gehe ich nach Hause. Ich weiß ganz genau: Ein Gläschen Sekt und ich bin wieder da, wo ich hergekommen bin.

Heute bin ich topfit. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs, treibe 4- bis 5-mal die Woche Sport und bin in einem Sportverein. Ich stehe morgens auf und habe keinen Kater, keine Kopfschmerzen und kein schlechtes Gewissen. Dieser Rucksack ist weg.

Ein Rückfall ist immer möglich

Für mich ist es auch wichtig, das Vergangene nicht zu beschönigen, so nach dem Motto: Es war doch manchmal auch schön und gar nicht so schlimm. Diese Gefahr besteht. Ein kann immer passieren. Es geht nicht darum zu sagen: „nie mehr“. Falls es einmal passieren sollte, weiß ich, was ich zu tun habe: sofort ins Krankenhaus. Keine Sekunde zögern. Ich habe einen Notfallplan. Man weiß nie, was im Leben so passiert. In Situationen, in denen ich merke, dass es schwierig wird, ziehe ich mich für ein paar Minuten zurück. Ich warte ab und merke, dass ich in solchen Situationen keinen Alkohol mehr brauche.

Ein alkoholabhängiger Mensch darf nie denken: Ich habe es geschafft. Ich bin ein trockener Alkoholiker. Ich trinke keinen Alkohol mehr, habe aber dennoch ein Problem mit Alkohol. Es ist eine Krankheit. Und ich muss mich an Regeln halten, wenn ich sie unter Kontrolle haben will.

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

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Erstellt am 10. Februar 2021
Nächste geplante Aktualisierung: 2022

Autoren/Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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