Was hilft bei Reizdarm – und was nicht?

Foto von Paar im Straßencafé (Jupiterimages / Photos.com) Behandlungen, die Reizdarm-Beschwerden lindern sollen, gibt es viele – es fehlt allerdings an aussagekräftiger Forschung. Da die Ursachen des Reizdarmsyndroms bislang kaum geklärt sind, ist es schwierig, geeignete Behandlungen zu finden. Zumindest zu einigen Mitteln und Maßnahmen liefern Studien aber Hinweise, dass sie helfen können.

Bauchschmerzen, Verstopfung und Durchfall sind die Hauptbeschwerden bei einem Reizdarmsyndrom. Die meisten Menschen haben nur leichte Beschwerden, mit denen sie ohne Behandlung zurechtkommen – sie lernen mit der Zeit, die Signale ihres Körpers zu verstehen. Bei manchen Menschen sind die Beschwerden allerdings so stark, dass sie das tägliche Leben erheblich einschränken und zu einer seelischen Belastung werden. Dann können verschiedene Behandlungen infrage kommen.

Forschungsergebnisse zu Reizddarm-Behandlungen

Leider haben viele Studien zur Behandlung des Reizdarmsyndroms nur eine begrenzte Aussagekraft. Da sie oft nur wenige Wochen dauerten, ist unklar, ob die geprüften Behandlungen auch über einen längeren Zeitraum oder bei längerfristiger Anwendung helfen. Außerdem lässt sich noch nicht einschätzen, ob die Art der Beschwerden oder die Schwere der Symptome für den Behandlungserfolg eine Rolle spielt. So könnte es einen Unterschied bedeuten, ob jemand eher mit Durchfall zu tun hat oder mit Verstopfung. Diese Frage ist in vielen Studien bislang nicht ausreichend berücksichtigt worden. Trotzdem liefern die Forschungsergebnisse Hinweise darauf, bei welchen Behandlungen es sich lohnt, sie auszuprobieren – und welche am verträglichsten und sichersten sind.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Viele Menschen mit einem Reizdarmsyndrom machen die Erfahrung, dass bestimmte Lebensmittel die Beschwerden begünstigen oder lindern. Leider gibt es zum Einfluss der Ernährung nur sehr wenig gute Forschung – was nicht bedeutet, dass sie keine Rolle spielt. Wie Menschen auf bestimmte Lebensmittel reagieren, ist aber sehr individuell – und meist braucht es eine Weile, um herauszufinden, was guttut und was nicht.

Dabei kann es helfen, über einige Wochen ein Ernährungs-Tagebuch zu führen. Darin notiert man, was man im Laufe des Tages gegessen hat, ob und welche Beschwerden an dem Tag auftraten und welche anderen Faktoren hinzukamen, die die Beschwerden erklären könnten (zum Beispiel Stress bei der Arbeit). Nach einer Weile lassen sich dann vielleicht bestimmte Muster erkennen, die dabei helfen, Unverträglichkeiten zu erkennen. Mithilfe des Tagebuchs kann man dann mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen, ob der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel sinnvoll ist.

Was bringt der Verzicht auf fermentierbare Kohlenhydrate (FODMAP-Diät)?

In den letzten Jahren wurde das Reizdarmsyndrom öfter mit Lebensmitteln in Verbindung gebracht, die fermentierbare (vergärbare) Kohlenhydrate enthalten. Diese werden als FODMAPs bezeichnet und sind in vielen Lebensmitteln enthalten, zum Beispiel in Fruchtzucker (Einfachzucker), Milchzucker und Stärke (Mehrfachzucker) oder Süßstoffen (Zuckeralkohole). Man vermutet, dass die Aufnahme von FODMAPs dazu führt, dass mehr Wasser in den Darm gelangt und Durchfall begünstigt. Durch die Gärung (Fermentierung) bildet sich auch mehr Luft im Darm, was zu Blähungen führen kann. Zudem wird die Zusammensetzung der Darmbakterien durch die Ernährung beeinflusst.

Bei einer FODMAP-Diät wird auf alle Lebensmittel verzichtet, in denen diese Zucker enthalten sind. Dabei besteht allerdings das Risiko einer Mangelernährung, weil es schwierig wird, genug Vitamine und Mineralstoffe aufzunehmen. Außerdem ist es schwer, eine so strenge Diät im Alltag einzuhalten.

Bislang gibt es keine aussagekräftigen Studien, die nachweisen, dass die FODMAP-Diät Reizdarm-Beschwerden lindern kann. Medizinische Fachgesellschaften sprechen zurzeit keine allgemeine Empfehlung für diese Diät aus.

Können zusätzliche Ballaststoffe helfen?

Menschen mit einem Reizdarmsyndrom wird oft empfohlen, mehr Ballaststoffe zu sich zu nehmen. Es gibt zwei verschiedene Arten von Ballaststoffen:

  • lösliche Ballaststoffe, die Wasser im Darm binden, wie etwa Flohsamen
  • nicht lösliche Ballaststoffe, die kaum Wasser binden, wie etwa Kleie

Dies sind auch die beiden Ballaststoffe, deren Nutzen am besten untersucht ist. Während Kleie in Studien Reizdarm-Beschwerden nicht lindern konnte, gibt es für Mittel aus Flohsamen Hinweise auf einen Nutzen: So besserten sich die Beschwerden bei 14 von 100 Personen, die täglich etwa 20 Gramm Flohsamen zu sich nahmen.

Können Nahrungsergänzungsmittel die Beschwerden lindern?

Pfefferminzöl

Viele Menschen nehmen Kapseln mit Pfefferminzöl ein. Dies soll die Darmmuskulatur entspannen und dadurch den Darm beruhigen. Tatsächlich zeigen einige Studien, dass manche Menschen zumindest kurzfristig von Pfefferminzöl profitieren: Es linderte die Reizdarm-Beschwerden bei etwa 32 von 100 Personen.

Das Pfefferminzöl wurde in den Studien in magensaftresistenten Kapseln eingenommen. Die Dosierung lag zwischen 500 und 800 mg pro Tag. Es ist unklar, ob auch andere Darreichungsformen wie Lösungen oder Tropfen helfen können.

Bei einigen Teilnehmenden lösten die Pfefferminzkapseln leichte Nebenwirkungen wie Sodbrennen oder Aufstoßen aus. In den Studien hatten 9 von 100 Personen mit solchen Beschwerden zu tun.

Probiotika

In der Darmflora befinden sich verschiedene Bakterien, die für die Funktion des Darms eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören zum Beispiel Milchsäurebakterien (Laktobazillen) und Bifidobakterien. Bei manchen Menschen mit einem Reizdarm ist die Darmflora verändert. Daher – so die Theorie – könnten probiotische Mittel mit solchen Bakterien helfen.

Einige Studien liefern Hinweise darauf, dass Probiotika bei einem Reizdarmsyndrom helfen können: Sie linderten die Beschwerden bei 14 von 100 Personen. Es ist jedoch mehr Forschung nötig, um beurteilen zu können, welche Bakterienart am nützlichsten ist und welche Dosis am besten wirkt. Im Allgemeinen sind Probiotika gut verträglich: In Studien hatten etwa 3 von 100 Teilnehmenden aufgrund von Probiotika mit leichten Nebenwirkungen wie Blähungen zu tun. Bei Menschen mit einem schwachen Immunsystem können Probiotika manchmal selbst Infektionen auslösen.

Welche Medikamente helfen bei einem Reizdarmsyndrom?

Krampflösende Mittel

Menschen, die vor allem mit Krämpfen zu tun haben, setzen oft krampflösende Medikamente ein, die die Darmmuskulatur entspannen und dadurch Schmerzen lindern sollen. Krampflösende Medikamente werden auch Spasmolytika genannt. Viele dieser Mittel sind zur Anwendung beim Reizdarmsyndrom noch nicht ausreichend untersucht. Für vier der Wirkstoffe gibt es aber Hinweise, dass sie helfen können: Butylscopolamin, Cimetropium, Pinaverium und Otilonium. Für den in Deutschland oft verschriebenen Krampflöser Mebeverin lässt sich mangels Studienergebnissen nicht sagen, ob er bei einem Reizdarmsyndrom hilft.

Von den krampflösenden Medikamenten, die sich als nützlich erwiesen haben, ist nur Butylscopolamin in Deutschland erhältlich. Dieses Mittel konnte die Beschwerden eines Reizdarmsyndroms in einer Studie bei 12 von 100 Personen lindern. Butylscopolamin ist ohne Rezept in der Apotheke erhältlich.

Zu den möglichen Nebenwirkungen von Krampflösern gehören ein trockener Mund, Schwindel und eine verschwommene Sicht. In Studien berichteten etwa 5 von 100 Personen von solchen Nebenwirkungen. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf.

Mittel gegen Durchfall oder Verstopfung

Je nachdem, ob sich ein Reizdarm vorwiegend durch Verstopfung oder Durchfall äußert, kommen auch Mittel gegen diese Symptome infrage. Wie gut sie die Beschwerden bei einem Reizdarm lindern können, ist bislang aber kaum untersucht. Viele Abführmittel (Laxantien) und Durchfallmedikamente (Antidiarrhoika) sind ohne Rezept in der Apotheke erhältlich.

Ein Nachteil dieser Medikamente ist, dass sie möglicherweise nur ein Problem gegen ein anderes tauschen: So kann ein Mittel gegen Durchfall Verstopfungen auslösen, wenn es zu stark wirkt. Umgekehrt können Mittel gegen Verstopfung zu Durchfall führen. Wenn sich Durchfälle und Verstopfungen abwechseln, ist es deshalb besonders wichtig, darauf zu achten, dass die Medikamente die Beschwerden nicht noch verstärken.

Antibiotika

Wenn das Reizdarmsyndrom Durchfall oder Blähungen verursacht, kommen manchmal Antibiotika als Behandlung infrage. Am besten untersucht ist das Antibiotikum Rifaximin. Dieses Medikament ist in Deutschland nur zur Behandlung von Reisedurchfall zugelassen. Trotzdem kann eine Ärztin oder ein Arzt es nach ausführlicher Aufklärung „off-label“ verordnen. „Off-Label-Use“ bedeutet, dass ein Arzneimittel gegen eine Krankheit eingesetzt wird, für die das Medikament von den Zulassungsbehörden keine Genehmigung hat. Wenn ein Medikament off-label verordnet wird, übernehmen die Krankenkassen die Kosten dafür nur in bestimmten Fällen.

In Studien konnte Rifaximin die Beschwerden eines Reizdarms bei 13 von 100 Menschen lindern. Allerdings ist bislang unklar, ob die Wirkung auch längerfristig anhält. Nach aktuellen Empfehlungen sollen Antibiotika zurückhaltend eingesetzt werden, da sie verschiedene Nebenwirkungen haben wie allergische Reaktionen, Übelkeit und Pilzinfektionen. Zudem kann der übermäßige und unsachgemäße Gebrauch von Antibiotika dazu führen, dass Bakterien Resistenzen entwickeln und die Medikamente dann in Zukunft nicht mehr so gut wirken. Außerdem beeinflussen Antibiotika selbst die Darmflora, was bei manchen Menschen die Beschwerden verstärken könnte.

Antidepressiva

Manchmal wird ein Reizdarmsyndrom mit Medikamenten behandelt, die normalerweise bei Depressionen eingesetzt werden. Dazu gehören sogenannte trizyklische Antidepressiva und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Diese Medikamente sind verschreibungspflichtig. Auch sie sind in Deutschland nicht zur Behandlung beim Reizdarmsyndrom zugelassen und können daher nur off-label eingesetzt werden.

Es gibt verschiedene Annahmen, warum bestimmte Antidepressiva bei einem Reizdarm helfen könnten. So wird einigen dieser Medikamente eine schmerzlindernde Wirkung zugesprochen. Außerdem beeinflussen sie teilweise die Muskulatur des Magen-Darm-Trakts.

Studien zeigen, dass trizyklische Antidepressiva und SSRI bei einem Reizdarmsyndrom helfen können: Sie linderten die Beschwerden bei etwa 22 von 100 Menschen, die eins dieser Mittel nahmen. Sie werden in der Regel aber nur in Erwägung gezogen, wenn andere Therapien nicht geholfen haben.

Antidepressiva können verschiedene Nebenwirkungen haben. In den Studien hatten 15 von 100 Personen mit Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit und Übelkeit sowie sexueller Unlust und Orgasmusstörungen zu tun. Manche Antidepressiva können selbst zu Verstopfung oder Durchfall führen.

Weitere Medikamente

In einigen Ländern sind zur Behandlung des Reizdarmsyndroms Arzneimittel aus der Gruppe der 5-HT3-Antagonisten und der 5-HT4-Antagonisten zugelassen. Hierzu gehören die Medikamente Alosetron und Cilansetron, die vor allem beim Reizdarmsyndrom mit Durchfall untersucht wurden, sowie Tegaserod, das vor allem beim Reizdarmsyndrom mit Verstopfung erprobt wurde.

In Deutschland sind diese Medikamente zurzeit nicht zugelassen. Es bestehen Sicherheitsbedenken, da sie mit ernsthaften Nebenwirkungen wie Herzinfarkten, Schlaganfällen und Durchblutungsstörungen des Darms in Verbindung gebracht werden.

Ein weiterer 5-HT4-Antagonist ist Prucaloprid. Es ist in Deutschland seit 2009 zur Behandlung von chronischer Verstopfung bei Frauen zugelassen, wenn herkömmliche Abführmittel nicht helfen.

Was kann man von Akupunktur, Reflexzonenmassagen und Darmspülungen erwarten?

Zu den weiteren Behandlungen, die beim Reizdarmsyndrom eingesetzt werden, gehören unter anderem Akupunktur, Reflexzonenmassagen und Darmspülungen (auch Colon-Hydro-Therapie genannt).

Viele Betroffene berichten, dass sie sich nach einer Akupunktur besser fühlen. Eine Reihe von Studien zeigt jedoch, dass das nicht an einer spezifischen Wirkung der Akupunktur liegt: Gegenüber einer Scheinbehandlung zeigte die Akupunktur keine Vorteile.

Reflexzonenmassagen und Darmspülungen sind bei Menschen mit einem Reizdarmsyndrom bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden. Ob sie einen Nutzen haben, ist also unklar. Bei Darmspülungen sind die Risiken zu bedenken: Dazu gehören etwa Störungen des Elektrolythaushalts, Infektionen, Verletzungen der Darmwand und sogar Darmdurchbrüche.

Kommen auch psychologische Behandlungen oder Hypnose infrage?

Da vermutet wird, dass Stress und psychische Belastungen zu einem Reizdarmsyndrom beitragen können, werden manchmal Entspannungstechniken und Methoden zur Stressbewältigung eingesetzt. Ob diese Verfahren helfen können, ist wissenschaftlich unzureichend untersucht. Einige Studien liefern jedoch Hinweise darauf, dass eine Kombination aus Entspannungstherapie, Stressbewältigung und Biofeedback helfen könnte.

Auch psychotherapeutische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) werden beim Reizdarmsyndrom eingesetzt. Ziel einer solchen Behandlung ist es, zu lernen, mit den Beschwerden besser umzugehen. Es gibt Hinweise, dass eine kognitive Verhaltenstherapie Menschen mit einem Reizdarm tatsächlich helfen kann: Ungefähr 30 von 100 Personen hatten nach einer Verhaltenstherapie weniger Beschwerden. Allerdings erfordert eine KVT Geduld und ausreichend Motivation. Sie kommt daher vor allem für Menschen mit ausgeprägten Beschwerden infrage.

Manche Menschen mit Reizdarmsyndrom probieren eine Hypnosebehandlung (Hypnotherapie) aus. Während einer Hypnosesitzung geht es darum, sich so sehr auf eine bestimmte Vorstellung zu konzentrieren, dass man nichts anderes mehr wahrnimmt und für Gedanken empfänglich wird, die die Therapeutin oder der Therapeut vorgibt. Beim Reizdarmsyndrom kann dies zum Beispiel die Vorstellung sein, einen gesunden, normal funktionierenden Darm zu haben. Es gibt Hinweise, dass eine Hypnotherapie die Beschwerden bei manchen Menschen für einige Monate lindern kann. In Studien besserte die Hypnotherapie die Beschwerden zumindest kurzfristig bei ungefähr 23 von 100 Teilnehmenden.

Schlagwörter: Colon irritabile, K58, K59, Nervöser Darm, R10, Reizdarmsyndrom, Verdauung und Stoffwechsel