Ich habe nach jedem Strohhalm gegriffen

Foto von Frau beim Radfahren (Jupiterimages / Stockbyte / Thinkstock) Lena, 25 Jahre

„Ich habe irgendwann gezweifelt, ob ich diese Schmerzen überhaupt habe, oder ob ich mir das nur einbilde. Das war psychisch sehr belastend für mich.“

Im Jahr 2008 fing es an, dass mir an besonders stressigen Tagen nach der Arbeit öfter mal ein Schmerz vom Rücken ausgehend in die Beine schoss. Meistens war er aber nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Als die Schmerzen immer häufiger auftraten, bin ich zum Arzt gegangen.

Der Arzt meinte, dass da eigentlich nichts weiter sein dürfte. Zur Sicherheit hat er mich aber zu einer MRT-Untersuchung (Anmerkung der Redaktion: Magnetresonanztomografie) überwiesen. Auf diesen Termin musste ich fünf Wochen warten. In dieser Zeit wurde es immer schlimmer mit den Schmerzen.

Nach dem MRT sagte der Radiologe zu mir, dass ich einen Bandscheibenvorfall hätte. Er hat mich dann sehr schnell aus der Praxis geschickt, ohne mich weiter zu informieren. Ich war geschockt. Der Neurochirurg, zu dem ich anschließend gegangen bin, hat mich erst mal zwei Wochen krankgeschrieben und mir Schmerztabletten verordnet.

Ich bin dann zu verschiedenen Ärzten gegangen, um mir die Diagnose bestätigen zu lassen. Aber je mehr Ärzte ich gesehen habe, desto mehr Diagnosen hatte ich. Manchmal hieß es, es ist gar nicht die Bandscheibe, sondern Arthrose oder Wirbelgleiten. Es kam immer mehr dazu. Das hat mich am Ende so verunsichert, dass ich nur ungern zu neuen Ärzten gehen wollte. Und meine Beschwerden wurden nicht besser.

Die Schmerzen haben sich mit der Zeit so verändert, dass sie nicht mehr nur unter Belastung, sondern auch im Ruhezustand auftraten. Der Schmerz zog in beide Beine, links zog er fast bis zum Knie, rechts bis zum Oberschenkel. Es wurde dann so schlimm, dass ich gar nicht mehr richtig laufen oder mich aufrichten konnte. Aus den zwei Wochen Krankmeldung wurden erst vier, dann sechs Wochen und dann bin ich in das Krankengeld gerutscht.

Keine der Behandlungen hat mir langfristig geholfen

Es wurde immer schlimmer und ich immer verzweifelter. Ich habe versucht, alles wahrzunehmen, was mir irgendwie helfen könnte oder wozu Freunde mir geraten haben. Ich war beispielsweise bei einer Heilpraktikerin und einem Osteopathen. Diese Dinge haben mich viel Geld gekostet, aber nicht geholfen.

In meiner Verzweiflung habe ich nach jedem Strohhalm gegriffen. Wenn jemand gesagt hat, dieses oder jenes hat mir geholfen, dann wollte ich das unbedingt ausprobieren. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, alles zu versuchen.

Ein Arzt hat mir dann zu einer mikrochirurgischen Operation der Bandscheibe geraten. Nach der Operation ging es für zwei Wochen gut, danach war es schlimmer als vorher. Daraufhin wurde mir eine Rehabilitation bewilligt.

In der Rehabilitation wurde ich darauf angesprochen, vielleicht meinen Beruf als Krankenschwester zu wechseln. Das hat mir einen richtigen Schlag versetzt. Ich bin regelrecht in eine Depression gerutscht. Ich wollte unbedingt wieder in meinem Beruf arbeiten, das war mein Ziel und das hat mich in der Krankheitsphase aufrecht gehalten. Es gab auch Beratungstermine für Umschulungen. Da habe ich mich geweigert. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich so krank bin, dass ich meinen Beruf wechseln muss.

Keine der Behandlungen hat mir langfristig geholfen. Es wurden auch sehr oft MRTs gemacht um zu prüfen, ob nicht doch etwas kaputt ist. Aber es war immer alles in Ordnung: keine Nerven eingeklemmt oder so etwas. Aber die Schmerzen waren permanent da. Ich habe irgendwann gezweifelt, ob ich diese Schmerzen überhaupt habe, oder ob ich mir das nur einbilde. Das war psychisch sehr belastend für mich. Es hat mich regelrecht fertig gemacht, dass ich solche Schmerzen hatte, aber keine Ursache dafür zu finden war.

Ich bin am Ende nur noch zu einem Arzt gegangen – zu dem ich medizinisch und auch persönlich das größte Vertrauen hatte. Er hat mich ernst genommen und auch gesagt, dass er wirklich nicht mehr weiß, wie er mir helfen kann. Auf der einen Seite hört man das als Patientin nicht so gern, aber auf der anderen Seite war ich erleichtert, dass er das so direkt angesprochen hat. Ich habe mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt.

Mein ganzes Leben hat sich um die Schmerzen gedreht

Mein Alltag hat sich komplett verändert. Meinen Hobbys konnte ich nicht mehr nachgehen. Es ging nicht, einfach mal ins Kino zu gehen, weil ich nicht so lange sitzen konnte. Die einfachsten Unternehmungen mit Freunden gingen nicht mehr. Am Abend auszugehen war nicht möglich, da ich zu große Angst hatte, dass mich einer schubst oder ich ausrutschen könnte. Schwimmen wollte ich auch nicht mehr, da ich durch den Beinschlag die Schmerzen nur noch provoziert habe. Meist war ich in meiner Wohnung oder habe einen kurzen Spaziergang gemacht. Mein Leben war ganz schön begrenzt. Ich konnte nicht lange sitzen, ich konnte nicht lange liegen. Das war immer ein Wechsel aus Stehen, Liegen und Sitzen.

Mein ganzes Leben hat sich in diesem Jahr um die Schmerzen gedreht. Habe ich Schmerzen? Wo sind die? Wie tief gehen sie? Zu den Schmerzen und der Sorge um meinen Arbeitsplatz kam, dass ich meine langjährige Beziehung beendet habe. Mein damaliger Partner konnte meinen Leidensdruck nicht aushalten und war mir keine Unterstützung mehr. Das war alles ziemlich viel für mich und ich habe eine Psychotherapie begonnen. Das hat mir geholfen, schrittweise aus diesem Loch zu kommen.

Weg von den Katastrophengedanken

Zum Beispiel haben wir einen Plan gemacht, wie ich mich verhalten soll, wenn die Schmerzen auftreten. Die Schmerzen haben bei mir ja sofort Katastrophengedanken ausgelöst: Ich kann nicht mehr arbeiten, ich muss in die Klinik…Ich war innerlich regelrecht verkrampft und zu sehr auf meinen Rücken fixiert. In meiner Wahrnehmung war das ganz schrecklich, aber in der Realität gingen die Schmerzen immer relativ schnell weg. Daran haben wir gearbeitet. Wenn ich jetzt eine Schmerzattacke bekomme, dann sage ich mir immer, dass mir Ruhe und Wärme gut helfen und dass die Schmerzen bisher immer wieder weg gegangen sind. Das hilft mir, ruhiger zu werden und nicht gleich diese Katastrophengedanken zu entwickeln.

Eine Psychotherapie zu machen ist sicher kein einfacher Schritt, da man ja eigentlich nur Schmerzen hat und keine psychischen Probleme. Aber ich habe mich durch die Schmerzen schon verändert, mein Alltag hat sich verändert, mein Umfeld hat sich verändert. Es hat ja auch meine Familie und Freunde belastet, wenn ich erzählt habe, dass es nicht besser wird und ich eigentlich nicht mehr kann. Es hat mir gut getan, jemanden zu haben, der mir zuhört und mir hilft und unabhängig ist. Das hat mir sehr viel gebracht.

Was mir auch sehr geholfen hat, war die Physiotherapie. Dort habe ich gelernt, wie ich gerade sitze, wie ich richtig stehe und richtig laufe. Ich war ja total verkrampft und hatte dadurch ein ganz falsches Gangbild. Ich habe viele Kraftübungen gemacht, die ich teilweise auch zu Hause durchführen konnte. Am Anfang hatte ich Schmerzen dabei, aber die Erklärungen der Physiotherapeuten, dass die Muskeln der Stabilität dienen und dass ich sie unbedingt brauche, haben dazu geführt, dass ich die Übungen auch mit Schmerzen gemacht habe.

Wieder zu arbeiten, hat mir gut getan

Ein Jahr nachdem meine Schmerzen begonnen hatten, habe ich mit einer beruflichen Wiedereingliederung angefangen. Zuerst stundenweise, später wurde der Umfang langsam gesteigert. Ich habe mit meinem Arbeitgeber gesprochen und in einem anderen Bereich angefangen, mit einer eher sitzenden und körperlich nicht so anstrengenden Tätigkeit. Die Wiedereingliederung hat zweieinhalb Monate gedauert, dann bin ich wieder in Vollzeit arbeiten gegangen.

Der Gedanke meiner Therapeutin und meines Arztes war, dass es vielleicht gut wäre, wenn ich wieder einen geregelten Tagesablauf bekäme. Und das war auch gut so. Ich wurde auf der Arbeit wieder gebraucht und hatte einen ganz normalen Alltag. Mit der Zeit ließ der Schmerz auch nach.

Dann und wann habe ich bei der Arbeit noch Rückenschmerzen. Auch beim Putzen merke ich es oft. Da nimmt man ja manchmal schon Haltungen ein, die nicht immer rückengerecht sind. Oder beim Einkaufen muss ich die Taschen tragen, auch wenn ich die Last verteile, merke ich das im Rücken.

Ich bin jetzt wieder aktiver

Wenn ich andere Schmerzen habe, dann nehme ich das ziemlich locker hin. Wenn es Rückenschmerzen sind, fällt mir das nach wie vor schwer. Ich habe immer noch Angst, dass es etwas Größeres sein könnte. Wenn ich mir damals beispielsweise mal das Knie gestoßen habe, dann war das eher eine Erleichterung für mich, da ich einen anderen Schmerz gespürt habe als diese Rückenschmerzen, die permanent da waren.

Meinen Freunden habe ich damals regelrecht verboten nachzufragen, wie es mir geht. Man wird ja ständig gefragt. Weil es aber keine Besserung gab, hat mich diese Frage eher runtergezogen als aufgebaut. Im Nachhinein sagen jetzt schon viele Freunde, dass der Kontakt mit mir in dieser Zeit unangenehm war. Ich war auch oft in depressiver Stimmung, so dass man mit mir nicht viel anfangen konnte. Umso zufriedener bin ich jetzt, dass wir trotzdem Freunde geblieben sind. Auch, dass wir über diese Zeit reden können. Für mich ist dadurch klar geworden, dass es auch für mein Umfeld eine schwierige Zeit war. Ich habe mir in diesem Frühjahr ein neues Fahrrad gekauft und kann jetzt endlich wieder Rad fahren. Das war ein echtes Highlight für mich. Ich bin jetzt wieder aktiver und gehe mehr raus. Das tut mir gut. Auch kann ich wieder mit ausgestreckten Beinen auf dem Rücken liegend schlafen. Das hört sich für Außenstehende vielleicht banal an, aber wenn man so Sachen gar nicht kann und diese dann wieder möglich sind, dann ist das sehr erleichternd.

Ich würde nicht mehr zu einem dritten, vierten oder fünften Arzt gehen

Was mir wichtig ist: Viele Menschen mit Rückenschmerzen haben das Bedürfnis, zu allen möglichen Ärzten, Heilpraktikern und Osteopathen zu gehen und jede Therapie auszuprobieren, die irgendjemand empfohlen hat. Man soll meiner Meinung nach nicht irgendwohin gehen, nur weil jemand das gesagt hat. In der Verzweiflung probiert man alles, aber dabei kann man leicht an Menschen geraten, die nur ihr Geld machen wollen. Am Ende haben die meisten Dinge nichts gebracht.

Ich denke heute, dass es schon gut ist, wenn ein anderer Arzt die Diagnose überprüft. Aber ich würde nicht mehr zu einem dritten, vierten oder fünften Arzt gehen. Das hat mich nicht nur verunsichert, sondern war auch ein extremer zeitlicher Aufwand bei den vielen Terminen.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.