Entwicklungsstörungen der Motorik

Foto von Vater und Sohn mit Ball (PantherMedia / Elena Elisseeva) Manche Kinder wirken besonders ungeschickt und grob in ihren Bewegungen. Oft ist dies nur vorübergehend. Manchmal steckt jedoch eine motorische Entwicklungsstörung dahinter.

Etwa 5 % der Kinder haben eine Entwicklungsstörung der Motorik (Bewegungsfertigkeit). Bei Jungen ist sie häufiger als bei Mädchen. Dabei können große Bewegungen wie etwa das Gehen (Grobmotorik) und kleine feine Bewegungen wie etwa beim Schreiben (Feinmotorik) gestört sein. Meist ist auch die Koordination beeinträchtigt.

Wie äußert sich eine motorische Entwicklungsstörung?

Manche Kinder haben vor allem grobmotorische Probleme: Sie lernen zum Beispiel deutlich später laufen, bewegen sich unsicherer als Gleichaltrige oder wirken tollpatschig. Sie können ihr Gleichgewicht schlecht halten, stolpern viel oder lassen häufig Gegenstände fallen. Es fällt ihnen auch schwer, Bälle zu fangen oder auf einem Bein zu hüpfen.

Feinmotorische Probleme zeigen sich beispielsweise bei Tätigkeiten wie Schreiben, Basteln oder Malen: Dabei sind die Kinder weniger geschickt und brauchen mehr Zeit. Ihre Handschrift kann schwerer zu lesen sein oder sie haben Probleme beim Ausschneiden und Zusammenfalten von Papier. Manche können einfache Gegenstände oder Figuren nur sehr ungenau malen.

Wie verläuft die Entwicklungsstörung?

Erste Anzeichen für motorische Probleme fallen meist im Alter zwischen drei und fünf Jahren auf. Leichte Schwierigkeiten wachsen sich mit der Zeit oft aus, denn manche Kinder entwickeln sich einfach etwas langsamer oder eigenwilliger als andere.

Bei einer Entwicklungsstörung bleiben die Schwierigkeiten dagegen meist bis zur Pubertät bestehen. Etwa die Hälfte von ihnen haben auch als Erwachsene noch motorische Probleme.

Durch die körperliche Reifung werden motorische Probleme meist geringer. Ein Grund, dass sie später nicht so ins Gewicht fallen: Für Kinder spielt die Motorik in ihrer Entwicklung – zum Beispiel beim Laufen, Schwimmen oder Schreiben lernen – eine größere Rolle als für Jugendliche. Viele Kinder lernen auch, besser mit ihren motorischen Defiziten umzugehen, wenn sie älter werden. Für andere bleiben sie jedoch eine dauerhafte Belastung.

Welche Folgen kann sie haben?

Meist sind Kinder mit motorischen Entwicklungsstörungen körperlich weniger aktiv als andere, haben schlechtere Noten im Schulsport und meiden Mannschaftssport.

Feinmotorische Schwächen können Schwierigkeiten bei Schreibarbeiten, im Kunst-, Musik- oder Werkunterricht bereiten. Auf die meisten Schulfächer wirken sich motorische Probleme aber nicht direkt aus. Trotzdem kann das Selbstwertgefühl geschwächt sein – zum Beispiel durch wiederholte Misserfolgserlebnisse oder durch Hänseleien. Dies kann psychisch belasten und auch das Verhältnis zu Freunden und Mitschülern beeinflussen.

Alltagsaktivitäten wie Anziehen, Essen oder Spielen können ebenfalls beeinträchtigt sein. Motorische Einschränkungen können zudem die Berufsausbildung und spätere Berufstätigkeit erschweren.

Wie wird eine motorische Entwicklungsstörung festgestellt?

Erste Hinweise können die U-Untersuchungen in der kinder- oder hausärztlichen Praxis geben. Eine Diagnose wird aber erst nach weitergehenden Untersuchungen in einer spezialisierten kinderärztlichen Praxis oder in einem sozialpädiatrischen Zentrum gestellt.

Mit Bewegungstests werden dabei die Koordination, die Wahrnehmung und die Motorik des Kindes geprüft. Eine gründliche körperliche Untersuchung dient auch dazu, andere Erkrankungen auszuschließen, die zu motorischen Problemen führen können. Dazu gehören vor allem Erkrankungen des Nervensystems. Als Eltern wird man in die Untersuchungen einbezogen – zum Beispiel durch Gespräche und das Ausfüllen von Fragebogen, die helfen sollen, die Entwicklung des Kindes einzuschätzen.

Die Diagnose „motorische Entwicklungsstörung“ sollte normalerweise nicht bei Kindern unter fünf Jahren gestellt werden. Der Grund: Bei jüngeren Kindern lässt sich nur schwer beurteilen, ob sie sich motorisch nur langsamer entwickeln als Gleichaltrige oder ob sie tatsächlich eine Entwicklungsstörung haben. Zudem können die Testergebnisse unzuverlässig sein, wenn die Kinder bei den Bewegungstests nicht durchgehend mitmachen.

Welche Förder- und Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Oft wird Eltern empfohlen, ihr Kind zu mehr Aktivität, Sport und Bewegung anzuregen. Dabei sollten aber vor allem Aktivitäten gewählt werden, die dem Kind Spaß machen und es nicht überfordern. Zu schwierige Bewegungsabläufe und Übungen führen meist nur zu Misserfolgserlebnissen und dazu, dass sich das Kind verweigert. Wichtig ist vor allem, die Koordination, Wahrnehmung und Steuerung von Bewegungsabläufen zu fördern. Ärzte und Physiotherapeuten können beraten, welche Aktivitäten sich dazu eignen.

Darüber hinaus gibt es folgende Behandlungsmöglichkeiten:

  • Ergotherapie: Bei einer Ergotherapie werden alltägliche Aufgaben und Bewegungsabläufe wie An- und Ausziehen, Malen und Schreiben unter Anleitung trainiert. Die Therapie umfasst Übungen zur Grob- und Feinmotorik. Dabei wird auch das Wahrnehmen und richtige Einordnen äußerer Sinnesreize wie Laute, Gerüche, Berührungen oder optische Eindrücke geübt, um die Koordination zu verbessern.
  • Physiotherapie: Verschiedene krankengymnastische Übungen trainieren auf spielerische Art Bewegungsabläufe, Koordination und Geschicklichkeit. Zusätzlich können die Wahrnehmung und die emotionalen Reaktionen des Kindes geschult werden – dieser Ansatz wird als „Psychomotorik“ oder auch „Motopädie“ bezeichnet.

Bei der Entscheidung, welche Art von Unterstützung nötig ist, spielen folgende Fragen eine Rolle: Wie groß sind die motorischen Probleme? Wie sehr beeinträchtigen sie das Kind? Reicht es aus, wenn es sich im Alltag mehr bewegt und vielleicht in einen Sportverein geht? Oder ist eine gezieltere Förderung und Behandlung nötig?

Neben der Verbesserung der Motorik geht es bei einer Behandlung auch darum, das Selbstvertrauen des Kindes zu stärken und es zu ermuntern, selbst aktiv zu werden. Dies soll auch helfen, die Beziehungen zu anderen Kindern zu verbessern.

Was können Eltern tun?

Eine Behandlung ist auf Dauer nur erfolgreich, wenn das Kind die Erfahrungen aus der Therapie auch im Alltag umsetzt. Deshalb ist es wichtig, sich beraten zu lassen, wie man sein Kind dabei fördern und unterstützen kann. Möglichkeiten sind zum Beispiel:

  • Das Kind zu Bewegung ermuntern.
  • Beobachten, welche Aktivitäten dem Kind Spaß machen und diese regelmäßig ermöglichen.
  • Therapeutische Übungen zu Hause umsetzen.
  • Selbst ein gutes Vorbild sein und sich mehr bewegen – zum Beispiel im Alltag: mehr zu Fuß gehen oder Radfahren, Rolltreppen meiden.
  • Dem Kind etwas zutrauen: Zum Beispiel, dass es selbstständig klettert oder sich allein anzieht. Das Kind im Haushalt mithelfen lassen.
  • Mit dem Kind spielen, rennen oder Ball spielen, gemeinsame Aktivitäten vorschlagen und viel rausgehen.
  • Geduldig sein, dem Kind Zeit lassen.