Fand mein Gewicht lange nicht problematisch

Foto von Mann (PantherMedia / jbryson) Mathias, 46 Jahre

„Eine Operation allein reicht nicht für eine dauerhafte Gewichtsabnahme. Bekannte von mir haben es auch mit einer Operation nicht geschafft, langfristig abzunehmen. Einige haben jetzt sogar mehr Gewicht als vorher.“

Ich hatte mein ganzes Leben lang mit Übergewicht zu tun. Schon in der Schule war ich „der kleine Dicke“. Ich war recht unsportlich, konnte mein Gewicht aber nur über Bewegung im Rahmen halten. Zu Hause haben wir uns auch nicht besonders gesund ernährt. Meine Mutter stammt noch aus der Generation, in der es wichtig war, einen guten Stich Butter ins Essen zu geben.

Viele vergebliche Versuche

Ich habe immer wieder versucht, abzunehmen. Mit Sport und verschiedenen Diäten hat es manchmal kurzfristig geklappt, aber das Gewicht kam immer wieder zurück. Dazu kamen Schicksalsschläge, die ich emotional versucht habe, mit Essen zu kompensieren. Wenn ich mir etwas Gutes tun wollte, dann habe ich gegessen.

Als junger Mensch hatte ich dann aber ein großes Ziel: Ich wollte Soldat werden. Dafür habe ich alles getan. Ich habe sportlich richtig aufgedreht und habe mein Ziel auch erreicht. Dennoch hatte ich immer wieder mit Übergewicht zu kämpfen. Es war anfangs bei der Bundeswehr sogar schwierig, Kleidung zu bekommen, weil ich so groß und stämmig war.

Nach meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich weiter Sport getrieben, bin aber immer wieder in psychische Löcher gefallen. Dann habe ich nicht mehr auf meine Ernährung geachtet. Das Gewicht wurde mehr und mehr und mit Anfang 30 wog ich so um die 140 Kilo.

Ich fand mein Gewicht lange nicht problematisch

Lange Zeit fand ich das nicht so problematisch: Ich habe mich im Spiegel angeschaut und gedacht, das ich gar nicht so schlimm aussehe. Meine Wahrnehmung war regelrecht gestört.

Später habe ich mich aber nicht mehr getraut raus zu gehen, ins Schwimmbad zu gehen und ich hatte auch Angst, dass mich mein Fahrrad nicht mehr tragen kann. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen und verschlossen.

Beruflich habe ich mich hochgearbeitet, bis ich eine Position mit großer Verantwortung hatte. Ich war sehr viel unterwegs und es standen viele Treffen mit Kunden an.

Ich musste etwas ändern – diese Einsicht hat Zeit gebraucht

Irgendwann konnte ich keine Anzüge mehr von der Stange tragen, sondern musste in einem Übergrößenladen einkaufen. Mein Gewicht war mir vor den Kollegen peinlich und machte mir mehr und mehr zu schaffen. Ich habe viel geschwitzt, das Treppensteigen war anstrengend und meine Knochen schmerzten. Alles ist mir einfach schwergefallen. Ich hatte auch massive Schlafprobleme. Ich konnte weder gut ein- noch durchschlafen, habe stark geschnarcht und hatte Atemaussetzer in der Nacht. Nach einem Unfall musste mein Knie operiert werden und es bestand die Gefahr, auch aufgrund meines Gewichtes, dauerhaft an Krücken zu gehen.

Dies alles führte dazu, dass ich mich emotional sehr schlecht gefühlt habe. Das habe ich wiederum versucht mit Essen zu kompensieren. Und ich habe weiter zugenommen – bis ich etwa 185 Kilo auf die Waage brachte.

Mein Arzt wies mich darauf hin, dass ich ein höheres Risiko für einen Herzinfarkt und Schlaganfall habe. Ich hatte hohen Blutdruck, kaputte Knie, passte nicht mehr richtig auf unsere Couch, was mir sehr unangenehm war, ging immer weniger unter Leute. Dazu kamen die Sticheleien aus dem Freundeskreis sowie die Sorge, nicht mehr viel Zeit zum Leben zu haben. Das alles führte dazu, dass ich Angst bekam. Damals war ich Anfang 40. Und ich wollte leben!

Ich habe während und nach der Zeit der Trennung von meiner damaligen Frau gemerkt, dass es nicht gesund ist, was ich mache: die „Belohnung“ durch das Essen und das schlechte Gewissen danach. Mir wurde klar: Ich brauche Hilfe. Es hat lange gedauert, bis ich eingesehen habe, dass ich selbst etwas ändern muss.

Teilnahme am multimodalen Programm

Meine Ärztin hat mir dann eine operative Magenverkleinerung vorgeschlagen. Aber ich wollte das nicht, ich wollte es alleine schaffen. Meine Ärztin hat mich dann bei meinem Versuch begleitet, auf konventionellem Weg das Gewicht zu reduzieren. Ich habe an einem multimodalen Programm teilgenommen. Da wurde ich durch einen Ernährungstherapeuten beraten, nahm an einem Sportprogramm und an einer Selbsthilfegruppe teil, wurde psychologisch betreut und hatte verschiedene körperliche Untersuchungen. Ich habe meine Schritte gezählt und an Vorträgen teilgenommen.

Und wir haben ganz langsam und Schritt für Schritt versucht, meine Ernährung umzustellen. Ich habe damals extrem viel Fleisch gegessen, fast nur weißes Brot und das in rauen Mengen. Kein Obst und Gemüse. Und viel Cola. Meine Ernährung umzustellen, hat etwa ein halbes Jahr gedauert.

Die Operation

Durch die Ernährungsumstellung habe ich aber nur relativ wenig abgenommen. Nach diesen Monaten im multimodalen Programm waren die Ärzte und ich uns einig: Ich sollte es mit einer Magenverkleinerung versuchen. Bis der Antrag bei der Krankenkasse genehmigt war, hat es etwas gedauert, aber letztlich wurde der Antrag doch bewilligt und ich wurde 2016 operiert.

Ich hatte große Angst vor der Vollnarkose. Die wurde weniger, weil ich sehr gut von den Ärzten aufgeklärt wurde. Allerdings gab es bei meiner Operation Komplikationen: Nach dem Aufwachen hatte ich starke Magenblutungen. Ich wurde dann direkt noch einmal operiert.

Als ich nach der OP wieder essen durfte, erhielt ich fast lächerlich klein wirkende Portionen, wie etwa 20 g Joghurt. Nicht mal davon habe ich alles aufessen können! Es ging einfach nichts in den Körper. Nach drei Tagen hatte ich sechs Kilo verloren.

Nach der Entlassung purzelten die Kilos

Nach der Entlassung muss man sich zu Hause erstmal zurechtfinden. Das ist nicht einfach! Aber das Krankenhaus hatte eine gute Nachsorge organisiert. Im Rahmen der Ernährungsberatung bin ich auch alle drei bis vier Wochen in eine Gruppe gegangen. Dort haben wir unter anderem das Einkaufen geübt.

Die Kilos purzelten dann so schnell, dass der Kopf irgendwie nicht mitkam. Ich habe mich immer noch als sehr dick gefühlt, obwohl ich schon so viel an Gewicht verloren hatte. Das dauerte bei mir sehr, sehr lange, bis ich das annehmen konnte.

Die Operation allein reicht nicht aus

Das Abnehmen ist aber nicht auf die Operation allein zurückzuführen. Diese Magenverkleinerung ist nur eine Stütze, ein Hilfsmittel. Der Magen weitet sich mit der Zeit ja wieder. Ich muss ganz unabhängig davon auf meine Ernährung achten und sie dauerhaft umstellen.

So eine Operation hat außerdem viele Nachteile. Zum Beispiel muss ich zusätzlich verschiedene Vitamine einnehmen, damit sie mir nicht fehlen.

Eine Operation allein reicht auch nicht für eine dauerhafte Gewichtsabnahme. Bekannte von mir haben es trotz einer Operation nicht geschafft, langfristig abzunehmen. Einige haben jetzt sogar mehr Gewicht als vorher.

In der ersten Zeit nach der Operation hatte ich massive Schmerzen, wenn ich zu viel gegessen hatte. Eine Gabel zu viel reichte da oft. Weil sich der Magen mit der Zeit weitet, kann ich jetzt wieder etwas mehr essen. Da muss ich sehr aufpassen!

Ich weiß, dass es bei mir schwierig wird, wenn emotional sehr belastende Situationen eintreten. Im letzten Jahr ist meine Frau schwer erkrankt. Ich habe dann wieder angefangen falsch zu essen, zum Beispiel bei den Fahrten ins Krankenhaus habe ich im Auto gegessen oder schnell eine Wurst in der Krankenhauskantine. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass da etwas schiefläuft. Dass ich das erkannt habe, war super! Früher hätte ich das gar nicht bemerkt. So konnte ich gegensteuern und mir Hilfe bei der Ernährungsberatung holen. Ich habe mein Gewicht dann auch in dieser schwierigen Zeit halten können.

Jetzt ernähre ich mich wieder ausgewogen und nehme weiter ab, wenn auch in ganz kleinen Schritten. Mein Ziel ist, noch weitere 25 Kilo zu verlieren. Wichtig dafür ist aber neben der Ernährung regelmäßige Bewegung.

Die Art der Ernährung musste ich anpassen

Es gibt viele Unverträglichkeiten. Einiges, was ich vor der OP problemlos essen konnte, habe ich nach der Operation nicht mehr vertragen oder es schmeckt nicht mehr. Ich habe auch oft immer noch ein schlechtes Gefühl für die Mengen, die ich vertrage. Mir hilft, nicht mehr die Töpfe auf den Tisch zu stellen, sondern das Essen in der Küche auf den Tellern anzurichten.

Schwierig ist es, ins Restaurant zu gehen. Ich kann ja nur wenig essen und bestelle oft eine Kinderportion oder eine halbe Portion. Ich bin ja nach wie vor sehr groß und massiv. Dann werde ich schon auch komisch angeschaut. Aber wir haben Erfahrungen gesammelt und wissen, wo wir hingehen können und wo es kein Problem darstellt, wenn ich nur die Vorspeise oder eine halbe Portion essen mag.

Seit der Operation vertrage ich Fleisch nur noch schlecht. Aber Fisch geht gut. Oft bestelle ich mir den Fisch ohne Kohlenhydrate als Beilage, dann schaffe ich die Portion auch. Man gewöhnt sich daran. Auch, dass für mich ein Latte macchiato jetzt eine ganze Mahlzeit ist und ich danach satt bin.

Generell weiß ich jetzt, wann ich satt bin. Das kannte ich vorher gar nicht mehr. Wichtig ist es für mich, in Ruhe und mit Zeit zu essen. Nicht mehr im Stehen, auf der Couch oder beim Fernsehen.

Das Leben mit geringerem Gewicht

Was für mich ein sehr schönes Gefühl war: im Kaufhaus nicht mehr in die XXL-Abteilung zu müssen, sondern in der ganz normalen Abteilung Kleidung zu finden. Ich habe jetzt auch eine viel größere Auswahl.

Die Körperwahrnehmung ist eine große Herausforderung für mich. Ich hatte trotz Gewichtsverlust von etwa 70 Kilo lange Zeit das Gefühl, dass vom Aussehen her gar nichts mit meinem Körper passiert ist. Das kommt erst jetzt so ganz langsam auch im Kopf an.

Vom BMI her bin ich ja immer noch übergewichtig. Und die richtige Kleidung zu finden, ist trotz einer viel größeren Auswahl nach wie vor nicht einfach. Zum Beispiel sind die Pullover häufig zu kurz, weil ich eine Bauchschürze habe. Das bedeutet, dass die Haut am Bauch nach der Gewichtsabnahme etwas ausgeleiert ist und herunterhängt. So etwas geht durch weiteres Abnehmen und Sport nur sehr schlecht weg. Das wird in Zukunft wahrscheinlich operiert werden müssen.

Derzeit mache ich etwa dreimal in der Woche Sport. Bei der Abnahme wurde viel Fett und auch Muskeln abgebaut. Die baue ich jetzt langsam wieder auf. Auch meine Körperhaltung hat sich stark verändert nach der Gewichtsabnahme. Ich bin recht krumm gegangen und hatte wenig Körperspannung. Eine gute Körperhaltung musste ich erst wieder neu erlernen. Das war auch nicht einfach.

Alles in allem hat die Gewichtsabnahme mir ein neues Leben beschert. Meine Ernährung umzustellen, mich zu bewegen und die Operation – das waren sicher die besten Entscheidungen in meinem Leben.

Ich bin selbstbewusster geworden

Ich bin viel selbstbewusster geworden und mein Freundeskreis wächst, auch durch die Selbsthilfegruppe. Ich nehme wieder am sozialen Leben teil, gehe raus und treffe Leute.

Früher habe ich immer gedacht, dass mich alle anstarren: Im Schwimmbad, wenn ich mir beim Bäcker ein Brötchen holte … wahrscheinlich war das gar nicht so und es hat im Grunde niemanden interessiert. Aber ich habe es so empfunden. Jetzt ist das anders. Ich fühle auch keine komischen Blicke mehr. Allerdings gehe ich nach wie vor nur ungern ins Schwimmbad.

Mit den ganzen Veränderungen habe ich auch gemerkt, dass mein bisher ausgeübter Beruf eigentlich nichts für mich ist. Ich brauche etwas anderes für mich und möchte in Zukunft einen anderen beruflichen Weg einschlagen.

Ich stehe jetzt öfter vor dem Spiegel und sage mir selber: Respekt, dass du das geschafft hast. Das ist toll! Ich weiß jetzt, ich kann einiges bewegen und einiges schaffen.

Die Beziehungen verändern sich

Das hohe Gewicht hat mein Sozial- und Privatleben stark verändert. Zum Beispiel fand Sexualität vor der Gewichtsabnahme fast gar nicht mehr statt. Meine Frau hat zwar immer gesagt, dass sie es nicht schlimm findet und es sie nicht stört. Aber ich bin mir da nicht sicher. Wir haben jedoch diese Zeit zusammen durchgestanden und sogar geheiratet.

Jetzt gehe ich viel aus: auf Geburtstagsfeiern und zum Karneval. Alles das, worauf ich die Jahre davor verzichtet habe. Ich habe mich äußerlich sehr verändert und bekomme von anderen Frauen Komplimente. Meine Frau bekommt das auch mit und das belastet sie und uns schon. Das sind jetzt Herausforderungen, mit denen ich nicht gerechnet habe. Die Beziehung muss sich jetzt auch weiter entwickeln.

Der Erfahrungsaustausch in der Selbsthilfe hat mir bei all den Herausforderungen geholfen. Ich finde es sehr wichtig, sich schon vor der Operation intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen und auch Menschen zu fragen, die Erfahrungen damit gemacht haben.

Eine Erkenntnis ist für mich ganz wichtig: Ich kann jederzeit wieder dick werden. Es schützt mich nichts davor, auch keine Operation. Nur ich selber kann eine erneute Gewichtszunahme verhindern. Ich habe mein Gewicht und mein Leben in der eigenen Hand.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.