ADHS: Wie wird die Diagnose gestellt?

Foto von einem Jungen bei der Untersuchung (PantherMedia / nyul) Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen. Fachleute sind uneinig, ob dies zu begrüßen oder kritisch zu sehen ist: Auf der einen Seite ist es wichtig, ausgeprägte Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität ernst zu nehmen. Auf der anderen Seite sollte eine Diagnose wie ADHS nicht unnötig gestellt werden.

Kinder und Jugendliche mit ADHS sind verglichen mit Gleichaltrigen besonders unaufmerksam, impulsiv oder unruhig (hyperaktiv). Bis zu einem bestimmten Grad sind solche Verhaltensweisen nichts Ungewöhnliches. Für die Diagnose ADHS ist die Frage entscheidend, ab wann man von einer Störung oder Erkrankung sprechen kann. Um Kinder nicht irrtümlich als krank einzustufen, haben sich Fachleute auf Kriterien geeinigt, die für eine ADHS-Diagnose erfüllt sein müssen.

Zum einen gibt es die Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation, die in der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“ festgelegt sind (ICD). Zum anderen gibt es die Kriterien aus dem „diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM). Der DSM wird durch die US-amerikanische psychiatrische Gesellschaft herausgegeben, die weltweit größte psychiatrische Fachgesellschaft. Die Diagnosekriterien des DSM sind weniger streng als die des ICD. Dies führt dazu, dass nach DSM mehr Kinder eine ADHS-Diagnose erhalten als nach ICD.

Was ist mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gemeint?

Beide Diagnose-Standards sind sich weitgehend einig, was genau unter Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität zu verstehen ist.

Demnach gilt als Unaufmerksamkeit, wenn ein Kind oder Jugendlicher

  • bei Aufgaben in der Schule, Ausbildung oder zu Hause viele Flüchtigkeitsfehler macht oder oft unachtsam ist, wenn es um Details geht.
  • sich nur schlecht über längere Zeit auf eine Sache konzentrieren kann, ob beim Spielen oder anderen Beschäftigungen.
  • in Gesprächen oder im Unterricht oft nicht zuhört.
  • Aufgaben oder Tätigkeiten oft nicht zu Ende ausführt, zum Beispiel die Hausaufgaben nicht fertig macht oder Spiele mit anderen abbricht.
  • sich damit schwer tut, seine Aufgaben und seinen Alltag zu organisieren.
  • eine starke Abneigung gegen Aufgaben hat, die längerfristige Konzentration erfordern und diese meidet.
  • oft Gegenstände verliert, die in der Schule oder Ausbildung benötigt werden, wie Stifte, Schulbücher oder Werkzeug.
  • häufig von Reizen aus der Umgebung abgelenkt wird.
  • im Alltag vieles vergisst.

Als Hyperaktivität wird bezeichnet, wenn ein Kind oder Jugendlicher

  • oft unruhig ist, mit den Händen oder Füßen zappelt oder auf dem Sitz herumrutscht.
  • oft aufsteht, auch wenn es gerade nicht passt, zum Beispiel in einer Unterrichtsstunde.
  • häufig wild herumläuft oder auf Gegenstände klettert, obwohl dies unangemessen ist (bei Kindern).
  • sich oft rastlos fühlt (bei Jugendlichen).
  • sich schwer damit tut, während des Unterrichts oder in der Freizeit leise zu sein.
  • immer in Bewegung ist oder wie angetrieben wirkt.

Von Impulsivität spricht man, wenn ein Kind oder Jugendlicher

  • häufig andere unterbricht, in Unterhaltungen oder Spiele „hineinplatzt“.
  • oft schon auf Fragen antwortet, bevor sein Gegenüber diese zu Ende gestellt hat.
  • sich damit schwer tut zu warten, bis sie oder er an der Reihe ist.

Welche Kriterien sind für eine Diagnose entscheidend?

Nach den ICD-Kriterien wird eine ADHS-Diagnose gestellt, wenn

  • mindestens sechs Anzeichen von Unaufmerksamkeit und drei Anzeichen von Hyperaktivität und ein Anzeichen von Impulsivität bestehen und
  • diese Anzeichen schon vor dem siebten Geburtstag aufgefallen sind.

Nach dem DSM wird eine ADHS-Diagnose bereits gestellt, wenn

  • mindestens sechs Anzeichen von Unaufmerksamkeit oder mindestens sechs Anzeichen von Hyperaktivität und Impulsivität bestehen und
  • diese Anzeichen schon vor dem zwölften Geburtstag aufgefallen sind.

Sowohl die ICD- als auch die DSM-Kriterien setzen für eine Diagnose zudem voraus, dass

  • die Verhaltensauffälligkeit über mindestens sechs Monate beobachtet wurde,
  • das Verhalten in mehr als einer Umgebung beobachtet wurde, etwa in der Schule und zu Hause,
  • das Verhalten den Alltag sehr beeinträchtigt, zum Beispiel die schulische Leistung, das Familienleben oder Freundschaften darunter leiden, und
  • andere psychische Erkrankungen als Ursachen für das auffällige Verhalten ausgeschlossen wurden.

Der ICD setzt das Alter, in dem die Störung erstmals aufgefallen sein muss, niedriger an als der DSM. Zudem erfordern die ICD-Kriterien, dass in allen drei Bereichen (Hyperaktivität, Impulsivität, Unaufmerksamkeit) Auffälligkeiten bestehen. Wenn der ICD angewendet wird, erhalten daher nur Kinder und Jugendliche mit einer ausgeprägten Verhaltensauffälligkeit die Diagnose ADHS. Werden die DSM-Kriterien angewendet, erhalten auch Kinder und Jugendliche mit leichten oder mittelschweren Auffälligkeiten eine Diagnose.

Eine Übereinkunft, wann genau man von leichter, mittelschwerer und schwerer ADHS spricht, gibt es nicht.

Die zwei Seiten der Diagnose

Kinder und Jugendliche mit ADHS haben Probleme, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und bleiben in der Schule oder Ausbildung oft hinter ihrer Leistungsfähigkeit zurück. Um Möglichkeiten zur Hilfe und weiteren Behandlung zu schaffen, ist es wichtig, dass sie zunächst die richtige Diagnose erhalten.

Auf der anderen Seite ist es wichtig, ADHS-Diagnosen sehr sorgfältig und keinesfalls voreilig zu stellen. Denn wenn Kinder oder Jugendliche irrtümlich mit ADHS diagnostiziert werden, können Selbstzweifel oder Minderwertigkeitsgefühle entstehen. Wird Kindern aufgrund einer Fehldiagnose zum Beispiel bewusst oder unbewusst vermittelt, sie seien weniger intelligent und leistungsfähig als andere, kann genau dies eintreten: Sie bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Familien empfinden eine ADHS-Diagnose unterschiedlich. Manche sind erleichtert, wenn es endlich eine Diagnose gibt, die das auffällige Verhalten erklärt. Andere tun sich schwer damit, die Diagnose zu akzeptieren, fühlen sich gebrandmarkt oder haben Zweifel daran, ob ihr Kind tatsächlich betroffen ist.

Wie lassen sich Fehldiagnosen vermeiden?

Manche Kinder und Jugendliche mit ADHS haben eine leichtere Form, bei der die Grenze zwischen noch normalem und behandlungsbedürftigem Verhalten fließend ist. Bei ihnen kann die Diagnose schwierig sein. Deshalb sind meist mehrere Untersuchungstermine erforderlich, die ausführliche Gespräche mit dem Kind oder Jugendlichen und den Eltern beinhalten. Dabei sollten möglichst auch Informationen aus der Schule oder dem Kindergarten berücksichtigt werden. Die Untersuchungen können zudem eine Beobachtung des Verhaltens umfassen.

Wichtig ist, die offiziellen Diagnosekriterien ernst zu nehmen. Eine Studie aus Deutschland deutet darauf hin, dass in der Praxis viele Diagnosen nicht genau genug gestellt werden:

  • Einerseits erfüllten nur 29 % der Kinder und Jugendlichen mit einer ADHS-Diagnose tatsächlich die DSM-Kriterien für eine ADHS.
  • Andererseits erhielten nur 43 % der Kinder und Jugendlichen, die die DSM-Kriterien erfüllten, auch wirklich eine ADHS-Diagnose.

Bei der Diagnose ist es sehr wichtig, das Alter eines Kindes zu berücksichtigen. Denn je jünger ein Kind ist, desto eher sind „unreife“ und impulsive Verhaltensweisen altersgerecht und damit normal. Mehrere Studien zeigten, dass Kinder, die bei der Einschulung zu den jüngsten eines Jahrgangs gehören, öfter eine ADHS-Diagnose erhalten als Kinder, die zu den ältesten gehören. Dies liegt vermutlich nicht daran, dass die jüngeren Kinder tatsächlich häufiger ADHS haben, sie sind nur im Vergleich zu den älteren Mitschülern unreifer und erscheinen daher impulsiver.

Zunahme der ADHS-Diagnosen

In Deutschland wurde im Jahr 2006 bei 2,3 % der Kinder und Jugendlichen, die in der AOK versichert waren, die Diagnose ADHS gestellt. Im Jahr 2012 waren es mit 4,6 % doppelt so viele.

Manche Fachleute sehen es als positiv an, dass heute mehr ADHS-Diagnosen gestellt werden. Sie gehen davon aus, dass die Erkrankung mehr in das Bewusstsein von Lehrern, Ärzten und Therapeuten gerückt ist und früher oft nicht genug Beachtung fand. Andere befürchten, dass Verhaltensweisen, die für Kinder und Jugendliche eigentlich normal sind, als krankhaft angesehen werden und dass die Diagnose zu rasch gestellt wird.

Über die Gründe für die Zunahme der ADHS-Diagnosen lassen sich nur Vermutungen anstellen. So sind das Wissen über ADHS und die Aufmerksamkeit für diese Erkrankung sicher größer als vor einigen Jahren. Auch suchen Eltern heute vielleicht früher und häufiger ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Nicht selten geht der Anstoß dazu von Lehrerinnen und Lehrern aus.

Zusätzlich vermuten manche Fachleute, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird, weil sich im Jahr 2013 die DSM-Diagnosekriterien geändert haben: In der aktuellen Version der Kriterien reicht es, wenn erste Verhaltensauffälligkeiten vor dem zwölften Geburtstag auftreten. In der vorherigen Version war es erforderlich, dass sie schon vor dem siebten Geburtstag auftreten.

Nicht zuletzt ist die ADHS-Behandlung ein lohnender Markt für die Pharmaindustrie. Einige Expertinnen und Experten sehen in den gestiegenen Diagnosezahlen einen Hinweis darauf, dass Hersteller von Medikamenten zur Behandlung von ADHS das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit bringen, um den Absatz zu steigern. Die Frage, wie oft Medikamente tatsächlich unnötig verschrieben werden, ist aber schwierig zu beantworten.

Bei der öffentlichen Debatte über ADHS geht es nicht um die Frage, ob es ADHS tatsächlich gibt. Fast alle Fachleute sind sich hierüber einig. Diskutiert wird vielmehr, welche Ausprägung des Verhaltens als behandlungsbedürftig angesehen wird – und welche gesellschaftlichen Entwicklungen und Interessen dies beeinflussen. Wichtig ist: Wenn ein Kind ADHS hat und die Lebensqualität und der Alltag aller darunter leiden, sollte man dies auch ernst nehmen.

Schlagwörter: ADHS, Aufmerksamkeitsstörung, F90, Hyperaktivitätsstörung, Kind und Familie, Psyche und Gemüt, R46