Einleitung

Foto von zwei Frauen im Gespräch (PantherMedia / Jaroslav Frank) Jeder kennt Beschwerden wie Kopfschmerzen, Durchfall oder Schwindel. Sie können unangenehm sein, verschwinden aber meist nach kurzer Zeit wieder. Wenn sie anhalten, gibt es oft eine bestimmte Ursache für die Beschwerden. Manchmal finden Ärztinnen oder Ärzte aber auch keine eindeutige Erklärung. Dann kann es sich um sogenannte funktionelle Körperbeschwerden handeln. Davon spricht man, wenn körperliche Beschwerden bestehen, ohne dass sich eine körperliche Ursache wie beispielsweise eine Entzündung oder eine Verletzung feststellen lässt.

Beschwerden, deren Auslöser unbekannt sind, können verunsichern – oft verschwinden sie aber innerhalb weniger Wochen von selbst wieder oder lassen sich lindern. Zunächst ist es wichtig, im Alltag aktiv zu bleiben und Wege zu finden, mit den Beschwerden umzugehen.

Wenn die Beschwerden lange andauern und sehr belastend werden, können weitergehende Hilfen infrage kommen – beispielsweise eine psychotherapeutische Unterstützung. Medikamente helfen auf Dauer, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt. Es kann frustrierend sein, wenn man anhaltende Beschwerden hat, die Ärztin oder der Arzt aber keine Ursache findet. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich nur etwas einbildet oder nichts tun kann.

In diesem Text geht es in erster Linie um Erwachsene. Bei Kindern unterscheiden sich Ursachen, Symptome und Behandlungen teilweise.

Symptome

Häufige Beschwerden ohne klare Ursache sind:

  • Schmerzen, vor allem Kopf-, Bauch-, Rücken- und Muskelschmerzen,
  • Magen- und Darmprobleme wie Übelkeit, Erbrechen, Blähungen, Durchfall und Verstopfung
  • Kreislaufstörungen wie Benommenheit, Herzrasen und Beklemmungsgefühle
  • Erschöpfung, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen
  • Schwindel
  • Atemnot und panikartige Anfälle, bei denen sich die Atmung stark beschleunigt und vertieft (Hyperventilation)
  • Verkrampfungen und Muskelverspannungen
  • Empfindungsstörungen wie Juckreiz, Kribbeln und Taubheitsgefühle
  • Blasenbeschwerden wie starker Harndrang und schmerzhaftes Wasserlassen

Ängste und depressive Gefühle können hinzukommen. Manche Menschen haben auch ein starkes Fremdkörpergefühl oder ertasten immer wieder etwas vermeintlich Auffälliges.

Eine Fibromyalgie oder ein Reizdarmsyndrom können ebenfalls Symptome verursachen, die belastend sind, sich zunächst aber nur schwer erklären lassen. Deshalb gibt es bei diesen Krankheitsbildern viele Überschneidungen zu funktionellen Körperbeschwerden.

Ursachen

Dass keine körperliche Ursache gefunden wird, heißt nicht, dass es keine Gründe für die Beschwerden gibt. Wahrscheinlich treffen oft körperliche Faktoren und psychische Einflüsse zusammen: zum Beispiel Überforderung, frühere Erkrankungen, eine familiäre Veranlagung, schwierige Lebensumstände oder zwischenmenschliche Konflikte.

Wie intensiv körperliche Beschwerden erlebt werden und wie mit ihnen umgegangen wird, ist unterschiedlich: Der eine erlebt sie als sehr stark und einschränkend, während ein anderer ihnen nur wenig Beachtung schenkt. Es spielt auch eine Rolle, wie jemand mit Belastungen umgeht.

Zudem kann es sein, dass ein Organ zwar gesund ist, aber nicht mehr richtig funktioniert. Deshalb spricht man auch von „funktionellen Körperbeschwerden“. Ein Beispiel ist der Darm: Vielleicht ist er weder verletzt noch entzündet oder bösartig verändert – und doch macht die Verdauung Probleme. Die Darmfunktion kann beispielsweise durch Stress gestört werden. Dann kommt es zu Durchfall, Blähungen oder Verstopfung.

Häufigkeit

Es wird geschätzt, dass etwa 10 % der Bevölkerung Beschwerden haben, für die keine eindeutige Erklärung gefunden wird. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Dabei können biologische Gründe eine Rolle spielen: Wie Schmerz empfunden wird, kann zum Beispiel von den Hormonen abhängen. Dies hat vermutlich auch soziale und kulturelle Ursachen – zum Beispiel unterschiedliche Rollenerwartungen und Lebenserfahrungen. Zudem suchen Frauen eher ärztliche Hilfe als Männer.

Folgen

Funktionelle Beschwerden sind in der Regel ungefährlich. Häufig sind sie leicht und vorübergehend, manchmal aber auch sehr belastend und lange anhaltend. Sie können sowohl körperlich als auch psychisch einschränken. Die Beschwerden können das Familien- und Arbeitsleben erschweren und es manchmal sogar unmöglich machen, den bisherigen Beruf weiter auszuüben.

Vielen Menschen fällt es schwer, bei anhaltenden Beschwerden aktiv zu bleiben oder sie glauben, sie müssten sich schonen. Dadurch kann ein Teufelskreis entstehen, denn bestimmte Probleme wie etwa Muskel- und Gelenkschmerzen verstärken sich durch Schonung oft noch.

Anhaltende Beschwerden können psychisch stark belasten und Stress verursachen. Etwa die Hälfte der Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden entwickeln depressive Symptome oder eine Angststörung. Anderen gelingt es, trotz ihrer Beschwerden gelassen zu bleiben. Dies fällt oft leichter, wenn man die Erfahrung macht, dass sich die Symptome verändern und mal stärker und mal schwächer sind. Optimistisch zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass die Beschwerden auch wieder nachlassen, kann den Umgang mit ihnen ebenfalls erleichtern.

Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden suchen häufig ärztlichen Rat und wechseln oft die Arztpraxis. Dies liegt manchmal daran, dass sie sich nicht ernst genommen und allein gelassen fühlen. Oder sie denken, dass sie noch nicht gründlich genug untersucht wurden. Oft bekommen Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden von verschiedenen Ärztinnen und Ärzten auch ganz unterschiedliche Erklärungen für ihre Probleme.

Funktionelle Körperbeschwerden können die Lebensqualität erheblich einschränken. Die Lebenserwartung beeinflussen sie jedoch in der Regel nicht: Menschen mit unerklärten Beschwerden leben im Durchschnitt genauso lange wie andere.

Diagnose

Am Anfang der Untersuchung steht ein Gespräch. Dann folgt eine körperliche Untersuchung, um die Beschwerden genauer zu bestimmen. Eine Blutabnahme oder Ultraschalluntersuchung können sich anschließen. Danach lässt sich oft schon einschätzen, ob eine eindeutige Ursache wahrscheinlich ist und eine Behandlung erforderlich. Ärztinnen und Ärzte suchen zunächst nach häufigen Ursachen für die Beschwerden. Zudem achten sie auf Hinweise für ernste Erkrankungen.

Ob weitere Untersuchungen oder eine Überweisung in eine fachärztliche Praxis nötig sind, hängt unter anderem von der Schwere der Beschwerden ab und davon, wie sie sich entwickeln. Da sich funktionelle Beschwerden oft nach wenigen Wochen wieder bessern, werden nicht sofort alle Untersuchungen gemacht, die möglich wären. Erst wenn belastende Beschwerden länger anhalten oder sich verschlechtern, können weitere Untersuchungen infrage kommen. Dass später doch noch eine organische Ursache oder eine Erkrankung festgestellt wird, ist eher selten.

Wichtig: Nicht jede Untersuchung, die möglich ist, ist auch sinnvoll. Manche Untersuchungen sind mit gesundheitlichen Risiken verbunden. Außerdem steigt mit der Zahl der Untersuchungen das Risiko, dass es zu falschen Verdachtsbefunden kommt. Damit ist gemeint, dass bei einer Untersuchung scheinbar etwas entdeckt wird, was sich aber später als harmlos herausstellt. Solche Befunde können aber Sorge bereiten und sinnlose weitere Untersuchungen nach sich ziehen.

Wenn die Beschwerden andauern, ist es wichtig, mit der Ärztin oder dem Arzt im Gespräch zu bleiben. Auch wenn nicht die eine Ursache gefunden wird, lässt sich gemeinsam besprechen, was zu den Beschwerden beitragen oder sie verstärken könnte. Wichtig ist aber auch, was hilft, sie leichter oder erträglicher zu machen. Ziel ist es, eine vorläufige Erklärung zu finden, zu überlegen, wie sie sich behandeln lassen und wie es gelingen kann, besser mit ihnen umzugehen. Diese Ansätze können dann beim nächsten Arztbesuch überprüft und wenn nötig angepasst werden. Es kann auch passieren, dass man sich bei einem weiteren Gespräch auf einen anderen Erklärungsansatz oder eine andere Vorgehensweise verständigt. Zusammen mit der Ärztin oder dem Arzt nach Erklärungen und sinnvollen Maßnahmen zu suchen, ist häufig der beste Weg.

 

Grafik: Abbildung Checkliste zur Vorbereitung auf das ArztgesprächCheckliste zur Vorbereitung auf das Arztgespräch (Vorlage)

 

Halten belastende Beschwerden länger an, kann ein Gespräch in einer psychosomatischen oder psychotherapeutischen Praxis oder Klinik sinnvoll sein. Psychosomatische Einrichtungen sind meist auf die Behandlung funktioneller Körperbeschwerden spezialisiert.

Behandlung

Oft bessern sich die Beschwerden auch ohne Behandlung innerhalb weniger Wochen. Deshalb halten sich Ärztinnen und Ärzte zunächst mit Behandlungen zurück. Bei leichteren Beschwerden geben sie zunächst oft nur Tipps, wie die Betroffenen mit den Beschwerden im Alltag umgehen können.

Empfohlen wird,

  • körperlich aktiv zu sein,
  • weiter am sozialen Leben teilzunehmen, Freunde zu treffen und Hobbys zu pflegen,
  • Überlastung zu erkennen und möglichst zu vermeiden, Konflikte zu klären und den Umgang mit Belastungen zu überdenken,
  • zu beobachten, was dabei hilft, Beschwerden zu lindern,
  • auf einen gesunden Lebensstil zu achten und zum Beispiel genug zu schlafen.

In bestimmten Situationen können auch Medikamente eine Möglichkeit sein. Sie kommen beispielsweise bei Schmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden infrage – meist aber nur für kurze Zeit.

Manchmal dauern die Beschwerden länger an oder betreffen mehrere Organe und werden zu einer starken Belastung. Dann kann eine psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. In bestimmten Situationen sind auch andere Ansätze möglich. Dazu gehören zum Beispiel Krankengymnastik, Ernährungsberatung und Ergotherapie. Es gibt auch die Möglichkeit, Entspannungsverfahren oder ein Achtsamkeitstraining auszuprobieren, um mit Belastungen besser zurechtzukommen.

Grundsätzlich gilt: Selbst aktiv zu werden, ist hilfreicher, als sich auf „passive“ Maßnahmen zu konzentrieren. Zu letzteren gehören zum Beispiel Massagen: Sie werden, wenn überhaupt, nur vorübergehend und ergänzend zu anderen Methoden empfohlen. Sinnvoller ist es, sich Aktivitäten zu suchen, die nachhaltiger wirken. Dies lässt sich zum Beispiel mit mehr Bewegung und Stressbewältigung erreichen. Vielleicht ist dazu erst einmal Überwindung und etwas Geduld nötig, doch viele gewöhnen sich schnell daran und fühlen sich dadurch besser. Sportliche Aktivitäten sollten nicht überfordern, sondern vor allem Spaß machen und positive Erfahrungen bieten.

Vor allem bei hartnäckigen und belastenden Beschwerden braucht man häufig Geduld. Deshalb ist es oft besser, sich kleine Ziele zu setzen. Es kann sinnvoll sein, vor allem darauf hinzuarbeiten, trotz Beschwerden ein aktives Leben zu führen – das heißt, aktiv zu bleiben, sich abzulenken und zunächst nur zu erwarten, dass die Beschwerden etwas nachlassen.

Hauptansprechpartner zur Behandlung funktioneller Körperbeschwerden sind Hausärztinnen und -ärzte. Viele haben die Zusatzqualifikation „Psychosomatische Grundversorgung“. Diese Zusatzqualifikation schult für den Umgang mit Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Beschwerden. Wenn es nötig ist, stimmen sie die Behandlung mit fachärztlichen Praxen oder Kliniken ab.

Mehr Wissen

Rehabilitation

Nur wenige Menschen mit funktionellen Beschwerden benötigen eine Rehabilitation. Sie kann beispielsweise sinnvoll sein, wenn jemand nicht mehr arbeitsfähig ist. Die Reha kann dann dabei helfen, die Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen. Ziel einer Reha kann es auch sein, einem Fortschreiten der Beschwerden vorzubeugen, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern und die Erwerbsfähigkeit zu erhalten. Eine Reha kann je nach Situation unterschiedliche Schwerpunkte haben. Jede Reha beinhaltet körperliche und psychologische Behandlungen.

Je nach Art und Stärke der gesundheitlichen Probleme ist eine ambulante oder stationäre Behandlung sinnvoll. Zuständig für die medizinische Rehabilitation ist vor allem die Deutsche Rentenversicherung, manchmal aber auch die Krankenkasse oder die gesetzliche Unfallversicherung.

Weitere Informationen

Menschen mit unklaren Beschwerden nutzen oft eine Vielzahl von Informationsquellen, auch im Internet. Dabei sollte man skeptisch sein und auf die Qualität der Angebote achten. Wer unzufrieden mit seinen Ärztinnen und Ärzten ist, gerät leicht an Scharlatane und falsche Versprechungen. Checklisten helfen da bei der Beurteilung eines Informationsangebots.

Auch an Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen kann man sich wenden. Die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung bietet auf ihrer Internetseite eine Suche nach Psychotherapeutinnen und -therapeuten an. Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vermitteln Termine in Praxen.

Die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE) informiert über seltene Erkrankungen.