Parkinson: Tiefe Hirnstimulation

Foto von Paar beim Kochen (PantherMedia / Rawpixel) Bei der Tiefen Hirnstimulation (THS) senden ein oder zwei ins Gehirn eingesetzte Elektroden elektrische Impulse an Nervenzellen, die bestimmte Bewegungen beeinflussen. Dies kann Parkinson-Beschwerden lindern. Ein solcher „Hirnschrittmacher“ kann aber auch Nebenwirkungen haben, und er eignet sich nur für bestimmte Menschen mit Parkinson.

Parkinson wird in der Regel mit Medikamenten behandelt. Sie wirken in den ersten Jahren der Erkrankung meist sehr gut, später lässt ihre Wirkung jedoch nach. Dies macht sich vor allem durch Bewegungsstörungen bemerkbar: Phasen der Muskelsteifheit wechseln sich mit Phasen ab, in denen es zu unkontrollierten Bewegungen kommt. Auch anhaltendes Zittern (Tremor) kann auftreten. Wenn diese Beschwerden trotz Medikamenten sehr belastend sind, wird unter Umständen eine Tiefe Hirnstimulation (umgangssprachlich: Hirnschrittmacher) angeboten. Sie kann die Beschwerden lindern, die Krankheit aber nicht heilen. Die Hirnelektroden werden nur in spezialisierten Kliniken eingesetzt (implantiert).

Was ist eine Tiefe Hirnstimulation?

Bei einer Operation werden ein oder zwei Elektroden an den äußeren Enden unter der Kopfhaut befestigt und durch die Schädeldecke tief in das Gehirn eingeführt. Über die Elektroden sendet das Gerät regelmäßig schwache Stromstöße (elektrische Impulse) an ganz bestimmte Zentren im Gehirn – deshalb der Name „Tiefe Hirnstimulation“. Die Elektroden sind über feine, unter der Haut liegende Kabel mit dem eigentlichen „Schrittmacher“ verbunden. Dieser Schrittmacher wird beispielsweise unter der Haut am Schlüsselbein eingesetzt.

Über bestimmte Regelkreise im Gehirn beeinflussen die Impulse die Muskelaktivität und können dadurch auch die Bewegungsfähigkeit verbessern. Wie die Tiefe Hirnstimulation genau wirkt, ist bislang aber noch ungeklärt. Man geht davon aus, dass sie das Zusammenspiel verschiedener Gehirnbereiche unterstützt.

 

Grafik: Bei der THS werden elektrische Impulse in bestimmte Hirnregionen gesendetBei der Tiefen Hirnstimulation (hier einseitige Elektrode) werden elektrische Impulse in bestimmte Hirnregionen gesendet

Für wen kommt der Eingriff infrage?

Die Tiefe Hirnstimulation eignet sich nur für bestimmte Menschen mit Parkinson. Von ihnen erhalten in Deutschland jedes Jahr einige Hundert einen Hirnschrittmacher.

Die wichtigste Voraussetzung ist, dass die Beschwerden trotz Medikamenten sehr belastend sind. Dazu gehören vor allem anhaltendes Zittern sowie der Wechsel zwischen unkontrollierten Bewegungen und Muskelsteifheit. Eine klare Altersgrenze gibt es zwar nicht, man sollte aber so „gesund“ sein, dass der Eingriff nicht zu riskant ist. So sollten beispielsweise keine schweren Herz- oder Lungenkrankheiten bestehen. Bei psychischen Erkrankungen wie einer Psychose oder einer Demenz kommt eine Tiefe Hirnstimulation ebenfalls nicht infrage.

Um zu klären, ob der Eingriff infrage kommt, sind zuerst verschiedene Untersuchungen nötig: eine allgemeine körperliche Untersuchung, eine Kernspintomografie des Kopfes, Gedächtnistests und eine psychiatrische Untersuchung. Zudem wird mithilfe eines bestimmten Tests geprüft, wie gut bestimmte Parkinson-Medikamente wirken (L-Dopa-Test genannt). Dadurch kann der Effekt der Tiefen Hirnstimulation abgeschätzt werden.

Die Ergebnisse der Untersuchungen werden gemeinsam mit den Betroffenen und den Angehörigen besprochen. Dabei werden auch die Chancen und Risiken eines Eingriffs abgewogen. Bei den Gesprächen sollten, wenn möglich, auch Angehörige dabei sein. Besonders wichtig ist es, die eigenen Erwartungen an den Eingriff zu klären und die Erfolgsaussichten realistisch einzuschätzen. Dies hilft, einer Enttäuschung vorzubeugen, falls die Hirnstimulation nicht so wirkt wie erhofft. Zu einer sorgfältigen Abwägung gehört auch, die Behandlungsalternativen zu besprechen.

Was passiert bei dem Eingriff?

Operiert wird in zwei Schritten, insgesamt dauert der Eingriff etwa 6 bis 8 Stunden. Davon ist die Patientin oder der Patient etwa 2 Stunden bei Bewusstsein.

Schritt 1: Einsetzen der Elektroden

Zunächst wird eine Computertomografie des Gehirns gemacht, um den Weg der Elektrode zum „Zielort“ festzulegen. Der „Zielort“ hängt davon ab, welche Beschwerden die Betroffenen haben.

Der Eingriff findet, wenn möglich, unter örtlicher Betäubung und einer leichten Narkose statt, sonst unter Vollnarkose. Während der Operation wird der Kopf in einer Halterung fixiert, damit er sich nicht bewegt. Die Kopfhaut wird teilweise oder ganz rasiert und an ein oder zwei Stellen eingeschnitten. Dann werden ein oder zwei kleine Löcher in die Schädeldecke gebohrt. Durch die Löcher wird jeweils eine Elektrode tief in das Gehirn eingeführt. Die äußeren Enden der Elektroden werden später am Schädel befestigt und liegen unter der Haut.

Kurz bevor die Elektrode den Zielort erreicht, wird die Narkose beendet und die Patientin oder der Patient wird wach. Die Ärztinnen und Ärzte können dann mit ihr oder ihm sprechen. Dies ist wichtig, weil die Wirkung der Elektroden getestet werden muss. Dazu werden Testimpulse gegeben und die Ärztin oder der Arzt überprüft, ob sich die Beschwerden dadurch bessern lassen. Testimpulse können auch Nebenwirkungen auslösen wie Sprechstörungen, Muskelkrämpfe oder Kribbeln an den Händen. Je nach Reaktion werden die Elektroden dann verschoben, bis die beste Position gefunden ist.

Schritt 2: Einsetzen des Schrittmachers

Der Schrittmacher wird unter Vollnarkose unter die Haut implantiert – meist unterhalb des Schlüsselbeins. Danach werden die dünnen Verbindungskabel unter der Haut zu den Elektroden vorgeschoben und angeschlossen.

Das Einsetzen des Schrittmachers ist meist an einem Tag zusammen mit dem Einsetzen der Elektroden möglich. In manchen Kliniken wird der Schrittmacher 1 bis 2 Tage später implantiert.

Wie wird der Schrittmacher bedient?

Bei weiteren Untersuchungsterminen stellt die Ärztin oder der Arzt den Schrittmacher über ein Programmiergerät ein. Die elektrischen Impulse können verstärkt oder verringert werden.

Als Patientin oder Patient erhält man zudem ein eigenes kleines Handgerät, mit dem sich der Schrittmacher eigenständig an- und ausschalten und bis zu einem gewissen Grad steuern lässt. Die Elektroden und der Schrittmacher schränken im Alltag nur wenig ein. Man sollte aber Sportarten vermeiden, bei denen der Kopf stark erschüttert wird. Manche Menschen spüren den Schrittmacher unter der Haut des Schlüsselbeins, die meisten stört das jedoch nicht.

Technische Geräte beeinflussen den Schrittmacher normalerweise nicht. Man muss also keine Sorgen haben, dass sich die Impulse des Schrittmachers beispielsweise durch Handys oder Mikrowellen verändern. Auch die Sicherheitsscanner am Flughafen sind in der Regel unbedenklich. Dennoch wird bislang meist empfohlen, den Schrittmacher-Ausweis beim Sicherheitspersonal vorzuzeigen. Dann kann man mit dem Metalldetektor oder per Hand überprüft werden.

Allerdings sind Behandlungen oder Untersuchungen nicht oder nur eingeschränkt möglich, bei denen stärkere elektromagnetische Felder wirken. Dazu zählt beispielsweise die Kernspintomografie (MRT), die nur mit modernen Schrittmachern und in spezialisierten Zentren möglich ist. Von Behandlungen mit Tiefenwärme (zum Beispiel therapeutischer Ultraschall) wird grundsätzlich abgeraten.

Wie gut hilft die Behandlung gegen Parkinson-Beschwerden?

Studien zeigen, dass die Hirnstimulation Parkinson-Beschwerden lindern kann. Sowohl Steifheit als auch unkontrollierte Bewegungen nehmen ab – die Lebensqualität und die Selbstständigkeit nehmen zu. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Alltagstätigkeiten wie Körperpflege oder Kochen wieder einfacher werden – oder bestimmte Hobbys wieder möglich sind. Zudem erleichtert es sehr, wenn das Zittern abnimmt und die Krankheit dadurch weniger sichtbar ist. Ihr Fortschreiten wird dadurch aber nicht aufgehalten, deshalb können die Beschwerden nach einiger Zeit wieder zunehmen.

Ein Hirnschrittmacher kann Medikamente nicht ersetzen. Aber ihre Dosis kann verringert werden, wodurch es seltener zu Nebenwirkungen kommt.

Auf Sprechprobleme oder die Gedächtnisleistung hat die Tiefe Hirnstimulation dagegen keinen oder nur wenig Einfluss. Bis der Hirnschrittmacher optimal eingestellt ist, dauert es einige Wochen oder Monate.

Bislang werden meist Menschen mit fortgeschrittenem Parkinson operiert, denen Medikamente kaum noch helfen. Mittlerweile gibt es aber auch erste Studien, die andeuten, dass auch eine frühzeitigere Hirnstimulation Parkinson-Beschwerden lindern kann.

Welche Nebenwirkungen hat die Hirnstimulation?

Zu Nebenwirkungen und Komplikationen kann es durch den Eingriff und auch später beim Betrieb des Hirnschrittmachers kommen.

Komplikationen durch den Eingriff

Bei etwa 2 von 100 Operationen kommt es zu einer Hirnblutung, die leicht bis schwer ausfallen kann. Es wird geschätzt, dass etwa 1 von 100 Operierten dauerhafte Folgeschäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen durch den Eingriff davonträgt.

Nach der Operation kann es zu Problemen an den eingesetzten Elektroden und am Schrittmacher kommen. So kann eine Hirnelektrode verrutschen, der Schrittmacher kann aussetzen, außerdem sind Entzündungen oder Hautreizungen möglich. Solche Probleme gehen entweder von selbst wieder weg oder können weitere Behandlungen wie einen Austausch der Elektroden nötig machen. Je nach Studie traten sie bei etwa 5 bis 20 von 100 Patientinnen und Patienten auf.

Unerwünschte Wirkungen der Hirnstimulation

Es ist möglich, dass die Hirnstimulation Verhaltensänderungen wie einen gesteigerten Antrieb oder Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen auslöst. Auch Bewegungsprobleme wie Verschlechterung des Ganges, Gleichgewichtsstörungen, verwaschene Sprache und vorübergehende Verwirrtheit können auftreten. Sie lassen sich oft durch eine veränderte Programmierung des Geräts oder eine Umstellung der Medikamente beheben. Manchmal sind solche Symptome aber auch Folgen der Parkinson-Erkrankung. Um sie von Nebenwirkungen der Hirnstimulation zu unterscheiden, ist eine sorgfältige Untersuchung wichtig.

Die Hirnstimulation kann auch das Empfinden, die Beziehungen und den Familienalltag beeinflussen. Neben positiven Auswirkungen sind auch belastende Situationen oder Konflikte möglich. Eine psychologische oder psychotherapeutische Begleitung kann dann sinnvoll sein.

Wenn die unerwünschten Folgen zu belastend sind, kann ein Hirnschrittmacher auch wieder entfernt werden.

Wie sieht die Nachsorge aus?

Nach der Operation bleibt man etwa zehn Tage in der Klinik. Danach schließt sich ein Aufenthalt in einer Rehaklinik an. Während der Rehabilitation werden die Einstellungen des Hirnschrittmachers solange angepasst, bis er die Parkinson-Beschwerden am besten lindert. Meist werden dann bereits die Medikamente neu angepasst. Zur Reha gehören außerdem Angebote wie Bewegungstherapie und Entspannungsverfahren.

Größere körperliche Anstrengungen sollten in den ersten Wochen nach der Operation vermieden werden – ebenso Schwimmen und Baden, um die Wundheilung nicht zu stören.

Zur Nachsorge gehören auch regelmäßige Untersuchungen: Alle 3 bis 6 Monate wird geprüft, wie sich die Parkinson-Beschwerden entwickeln und ob das Gerät einwandfrei funktioniert. Nach 3 bis 5 Jahren kann die Batterie des Schrittmachers nachlassen und muss gewechselt werden. Dies ist über einen kleinen Hautschnitt in örtlicher Betäubung möglich, die Elektroden im Gehirn müssen hierfür nicht neu gesetzt werden. Es gibt auch Geräte, die ohne Batterie auskommen und die beispielsweise wöchentlich über ein Ladegerät aufgeladen werden.

Von der Klinik erhält man einen Implantatausweis, den man immer bei sich tragen sollte. Es ist zudem wichtig, medizinisches Personal wie Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte sowie Physiotherapeutinnen und -therapeuten über das Implantat zu informieren.