Einleitung

Neratinib (Handelsname Nerlynx) ist seit August 2018 als erweiterte adjuvante Therapie für Erwachsene mit hormonrezeptor-positivem, HER2-überexprimiertem / amplifiziertem Brustkrebs in einem frühen Stadium zugelassen. Der Wirkstoff kommt für Personen infrage, die nach der Brustkrebsoperation eine adjuvante Therapie mit Trastuzumab abgeschlossen haben. Die Therapie mit Trastuzumab darf nicht länger als ein Jahr zurückliegen.

Wie sich Brustkrebs-Zellen vermehren, wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Dazu gehört ein bestimmter Eiweißbaustein auf der Oberfläche der Krebszellen, der HER2-Rezeptor (humaner epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor). HER2-Rezeptoren reagieren auf Wachstumssignale und regen so das Wachstum des Tumors an. Wenn diese Rezeptoren auf den Zellen eines Brusttumors besonders häufig vorkommen, spricht man von HER2-positivem Brustkrebs – manchmal auch von einem HER2-überexprimierten oder HER2-amplifiizierten Brustkrebs. Ein HER2-positiver Brustkrebs wächst vergleichsweise schneller und es kommt häufiger zu Rückfällen (Rezidiven).

Etwa zwei Drittel der Frauen mit Brustkrebs haben einen hormonempfindlichen Tumor. Das bedeutet, dass Hormone wie Östrogen beeinflussen, wie rasch das Tumorgewebe wächst. Wenn die Krebszellen Rezeptoren tragen, an denen die Hormone andocken können, bezeichnet man den Tumor als hormonrezeptor-positiv.

Neratinib bindet unter anderem – wie auch Trastuzumab – an den HER2-Rezeptor, blockiert diesen und soll so das Wachstum der Krebszellen hemmen.

Anwendung

Der Wirkstoff ist als Tablette in einer Dosierung von 40 mg verfügbar.

Die empfohlene Dosis beträgt 240 mg einmal täglich – das entspricht 6 Tabletten zu je 40 mg Neratinib. Der Wirkstoff wird zusammen mit einer Mahlzeit und vorzugsweise morgens eingenommen. Die empfohlene Behandlungsdauer beträgt ein Jahr.

Die Therapie mit Neratinib muss innerhalb eines Jahres nach dem Abschluss der Behandlung mit Trastuzumab begonnen werden.

Andere Behandlungen

Für Menschen mit hormonrezeptor-positivem, HER2-überexprimiertem / amplifizierten Brustkrebs in einem frühen Stadium, die vor weniger als einem Jahr eine adjuvante Therapie mit Trastuzumab abgeschlossen haben, kommt ein abwartendes Beobachten infrage. Das bedeutet: Es wird nicht weiter behandelt, aber regelmäßig untersucht, um ein Wiederauftreten der Krebserkrankung frühzeitig erkennen und behandeln zu können. Neu auftretende Beschwerden werden abgeklärt. Therapieentscheidungen werden gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt getroffen.

Bewertung

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2020 geprüft, ob Neratinib als erweiterte adjuvante Therapie für Frauen mit hormonrezeptor-positivem, HER2-überexprimiertem / amplifizierten Brustkrebs in einem frühen Stadium, die vor weniger als einem Jahr eine adjuvante Therapie mit Trastuzumab abgeschlossen haben, im Vergleich zu der Standardtherapie Vor- oder Nachteile hat.

Der Hersteller legte eine Studie vor, aus der die Daten von 1334‬ Patientinnen zu dieser Frage ausgewertet werden konnten. Alle Teilnehmerinnen wurden abwartend beobachtet. Von ihnen erhielten 670 Frauen zusätzlich Neratinib und 664 zusätzlich ein Scheinmedikament (Placebo).

Welche Vorteile hat Neratinib?

Rückfall: Die Studie weist auf einen Vorteil von Neratinib hin: Mit Neratinib bekamen innerhalb von ungefähr 2 Jahren etwa 4 von 100 Studienteilnehmerinnen einen Rückfall (Rezidiv) – ohne Neratinib dagegen etwa 9 von 100 Frauen.

Welche Nachteile hat Neratinib?

Schwere Nebenwirkungen: Hier weist die Studie auf einen Nachteil des Medikaments hin: Während der Behandlung mit Neratinib traten schwere Nebenwirkungen im Mittel (Median) innerhalb von knapp 9 Monaten auf. Patientinnen, die kein Neratinib erhielten, hatten erwartungsgemäß im Mittel (Median) auch nach gut einem Jahr noch keine schweren Nebenwirkungen.

Zu den schweren Nebenwirkungen gehören:

  • Magen-Darm-Erkrankungen: Die Studie weist hier auf einen Nachteil von Neratinib hin. In der Studie hatten während der Behandlung mit Neratinib etwa 42 von 100 Patientinnen Magen-Darm-Erkrankungen, ohne Neratinib etwa 2 von 100 Patientinnen. Zu den schweren Magen-Darm-Erkrankungen zählt auch schwerer Durchfall (Diarrhö). Daran erkrankten mit Neratinib etwa 39 von 100 Frauen und ohne Neratinib etwa 1 von 100 Frauen.
  • Erschöpfung: Nach ersten Schätzungen hatten mit Neratinib etwa 2 von 100 Frauen mit Erschöpfung zu tun, ohne Neratinib keine.
  • Ernährungs- und Stoffwechselstörungen: Erste Schätzungen deuten auch hier auf einen Nachteil von Neratinib hin. Mit Neratinib hatten etwa 3 von 100 Frauen Ernährungs- und Stoffwechselstörungen, ohne Neratinib nur 1 bis 2 von 100 Frauen.
  • Erkrankungen des Nervensystems: Erste Schätzungen deuten hier auf einen Nachteil von Neratinib hin. Mit Neratinib hatten etwa 3 von 100 Frauen mit Erkrankungen des Nervensystems zu tun, ohne Neratinib etwa eine von 100 Frauen.

Auch für die Nebenwirkungen Muskelkrämpfe und Erkrankungen der Haut deutet die Studie einen Nachteil von Neratinib an.

Therapieabbrüche aufgrund von Nebenwirkungen: Erste Schätzungen deuten hier ebenfalls auf einen Nachteil von Neratinib hin: In der Studie brachen während der Behandlung mit Neratinib etwa 27 von 100 Patientinnen ihre Behandlung ab, ohne Neratinib nur etwa 5 von 100 Patientinnen.

Wo zeigte sich kein Unterschied?

Beim Gesundheitszustand und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität zeigte sich kein Unterschied zwischen den Vergleichsgruppen.

Welche Fragen sind noch offen?

Lebenserwartung: Zur Lebenserwartung legte der Hersteller keine Daten vor.

Weitere Informationen

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse der Gutachten zusammen, die das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im Rahmen der Frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln erstellt hat. Der G-BA beschließt auf Basis des Gutachtens und eingegangener Stellungnahmen über den Zusatznutzen von Neratinib (Nerlynx).

Schlagwörter: C50, Neratinib, Nerlynx