Depression nach der Geburt – was kann helfen?

Foto von junger Frau mit Depression nach der Geburt (PantherMedia / Iakov Filimonov) Schwangere Frauen freuen sich normalerweise auf glückliche Tage und Wochen nach der Geburt ihres Kindes. Viele haben aber auch vom „Baby blues“ gehört: Traurigkeit und heftige Stimmungsschwankungen, die oft ein paar Tage nach der Geburt auftreten. Hält die trübe Stimmung an, könnte dies auf eine beginnende Depression hinweisen.

Eine Depression nach der Geburt eines Kindes wird auch als „postpartale Depression“ oder „Wochenbettdepression“ bezeichnet. Sie unterscheidet sich kaum von einer Depression, wie sie auch in anderen Lebensphasen auftreten kann. Einen großen Unterschied gibt es jedoch: Die Mütter empfinden oft starke Schuldgefühle gegenüber ihrem Baby. Sie machen sich Sorgen, weil es ihnen schwerfällt, sich um ihr Kind zu kümmern. Viele trauen sich nicht, mit anderen über ihre Gefühle zu sprechen und haben Angst, nicht dem Bild einer „guten Mutter“ zu entsprechen. Dies kann dazu führen, dass sie sich zunehmend isolieren. Manche Frauen berichten, dass sie sich selbst gegenüber fremd gefühlt haben.

Ein Neugeborenes zu umsorgen, ist eine anspruchsvolle Leistung. Manche Frauen bekommen dabei nicht die emotionale und praktische Hilfe, die sie bräuchten. Es ist auch nicht immer leicht, mit den Veränderungen fertig zu werden, die die ständige Betreuung des Kindes für das eigene Leben bedeutet. Den Alltag zu bewältigen und sich auf das neue Leben einzustellen, kann an sich schon anstrengend sein – und manchmal auch deprimierend.

Doch solche Phasen dauern meist nur kurz an und gehen von selbst vorüber, wenn sich die Dinge einspielen. Werden sie aber zu einer anhaltenden Depression, können sie das Verhältnis zum Kind sehr belasten. Es ist deshalb wichtig, tiefe Traurigkeit und Stimmungsschwankungen nach der Geburt ernst zu nehmen und mehr Unterstützung zu bekommen.

Der erste Schritt dazu ist, sich klar zu werden, dass ein Problem vorliegt. Wer deprimiert ist, bemerkt manchmal nicht, wann es nötig wird, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine Depression zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es schwerfällt zu erkennen, wenn man sich mittendrin befindet – und ab wann Stimmungsschwankungen sich nicht mehr im „normalen“ Bereich bewegen.

Es kann auch sein, dass man sich so schlecht fühlt, dass man gar nicht in der Lage ist, sich um die Hilfe zu bemühen, die man braucht. Vielleicht müssen also die Ärztin oder der Arzt, die Hebamme, der Partner, Angehörige oder Freunde erkennen, was vor sich geht, und für mehr Unterstützung sorgen.

Woran erkennt man, dass eine Mutter Depressionen entwickelt?

Ein Stimmungstief nach der Geburt kann einige Tage andauern, manchmal auch bis zu zwei Wochen. Meist vergeht die schlechte Stimmung dann wieder und die Gefühle normalisieren sich. Weinen, Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit sind in dieser Zeit sehr häufig: Fast jede zweite Frau, die gerade geboren hat, hat damit zu tun. Normalerweise genügen Unterstützung und Verständnis, um einer Frau darüber hinwegzuhelfen.

Bei einer postpartalen Depression sind die negativen Gefühle deutlich stärker als beim „normalen“ Baby blues. Typische Anzeichen für eine postpartale Depression sind:

  • Stimmungstief (tiefe Traurigkeit, Weinen)
  • Gleichgültigkeit gegenüber Dingen, die normalerweise Freude bereiten
  • Ängstlichkeit
  • Schlafstörungen
  • Appetitlosigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Selbstzweifel
  • Gedanken an Selbstverletzung oder daran, dem Baby zu schaden

Es handelt sich erst dann um eine Depression, wenn diese Anzeichen und Gefühle über mehrere Tage vorhanden sind.

Bis zu 15 von 100 Frauen bekommen in den ersten drei Monaten nach der Geburt eine Depression, etwa die Hälfte von ihnen (8 von 100) eine milde bis moderate Form. Ungefähr 7 von 100 Frauen entwickeln eine stärkere Depression.

Ohne Behandlung dauert eine postpartale Depression meist vier bis sechs Monate, auch wenn manche Symptome noch nach einem Jahr fortbestehen können. Bei Frauen, die keine Behandlung in Anspruch nehmen, besteht eher die Gefahr, dass die Depression chronisch wird.

Viele Frauen mit einer postpartalen Depression haben schon eine depressive Phase erlebt, während sie schwanger waren.

Ist eine postpartale Depression gefährlich?

Normalerweise ist eine postpartale Depression weder für eine Frau noch für ihr Kind gefährlich. Es ist auch gar nicht so ungewöhnlich, wenn eine junge Mutter einmal daran denkt, ihrem Kind zu schaden – auch wenn sie so etwas überhaupt nicht denken will. Wenn man eine Depression hat, können solche Gedanken häufiger auftauchen. Solange sie nicht in Taten umgesetzt werden, ist dies kein Anzeichen für eine ernsthafte psychische Erkrankung. Wer jedoch eine starke Depression entwickelt hat, ist in Gefahr, über lange Zeit deprimiert zu bleiben oder gar, sich selbst zu töten (Suizidgefahr). Jeder Mensch, der beginnt, ernsthaft über eine Selbsttötung nachzudenken, braucht dringend medizinische Hilfe.

Nach einer Geburt kann auch noch eine andere ernsthafte Erkrankung auftreten, die „postpartale Psychose“. Diese psychische Erkrankung ist selten, sie kommt vielleicht bei 1 bis 2 von 1000 Frauen vor. Das Risiko ist allerdings für Frauen höher, die bereits eine manisch-depressive Erkrankung (bipolare Störung) hatten.

Menschen, die eine Psychose entwickeln, bekommen Wahnvorstellungen. Sie verlieren den Kontakt mit der Wirklichkeit und haben Schwierigkeiten, mit anderen Personen umzugehen und sich auszutauschen. Ihre Empfindungen und ihr Verhalten werden merkwürdig und manchmal bizarr. Bei einem Verdacht auf eine Psychose ist schnelle psychiatrische Hilfe sehr wichtig.

Was kann eine postpartale Depression auslösen?

Es gibt viele Theorien zur Ursache von Depressionen nach einer Geburt, aber keine ist eindeutig belegt. Lange dachte man, dass hormonelle Veränderungen im weiblichen Körper eine wesentliche Ursache sind. Ob das stimmt, ist aber nicht klar.

Mutterschaft wird oft als etwas besonders Natürliches und Erfüllendes dargestellt. Dies ist sie auch oft. Mutter zu sein kann aber phasenweise schwierig und fordernd sein, körperlich wie seelisch. Zudem bekommen Frauen oft nicht die Unterstützung und Hilfe, die sie benötigen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn manche Frauen nach einiger Zeit auf Probleme und Überforderung mit einer Depression reagieren. Manche Frauen entwickeln aber auch aus „heiterem Himmel“ eine Depression. Das kann zu jeder Zeit im Leben geschehen, nicht nur nach einer Geburt.

Frauen erkranken häufiger an einer postpartalen Depression, wenn sie

  • schon einmal Angststörungen oder Depressionen hatten.
  • Stress und belastende Erlebnisse während der Schwangerschaft und nach der Geburt haben.
  • in schlechten Beziehungen oder ohne Partner leben, häusliche Gewalt erfahren und allgemein wenig soziale Unterstützung haben.

Kann man postpartalen Depressionen vorbeugen?

Studien zeigen, dass psychosoziale und psychologische Unterstützung helfen können, postpartale Depressionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Hilfreich sind regelmäßige Hausbesuche von Hebammen oder speziell ausgebildeten Pflegekräften. Auch eine Behandlung wie die interpersonelle Psychotherapie (siehe unten) kann dazu beitragen, dass sich die Stimmung nicht verschlechtert. Studien mit Frauen, die ein erhöhtes Risiko für Depressionen hatten, zeigen folgende Ergebnisse:

  • Am Ende der Unterstützungsprogramme wurde bei durchschnittlich 3 bis 4 von 100 Teilnehmerinnen eine Depression festgestellt.
  • Dagegen wurde bei durchschnittlich 7 von 100 Frauen eine Depression festgestellt, die nicht an einem Unterstützungsprogramm teilgenommen hatten.

In anderen Worten: Bei durchschnittlich 3 bis 4 von 100 Frauen konnten die Programme einer Depression vorbeugen. Das bedeutet aber auch: Sie können Depressionen nicht in jedem Fall verhindern. Bisherige Studien sprechen zudem dafür, Unterstützungsprogramme nicht allen Frauen, sondern gezielt Frauen mit einem erhöhten Risiko anzubieten. Welche Methode sich am besten eignet, um solche Frauen zu erkennen, ist jedoch noch unklar.

Welchen Nutzen haben Beratung und Psychotherapie?

Bei einer leichten Depression kann es ausreichen, mehr emotionale Unterstützung und praktische Hilfe im Alltag zu erhalten. Dabei ist es sehr wichtig, dass die unterstützende Person sich nicht wertend äußert und nicht kritisiert. Vielleicht hilft es, mit anderen Frauen zu sprechen, die dieselbe Erfahrung gemacht haben – zum Beispiel im Bekanntenkreis oder in Selbsthilfegruppen.

Besonders bei einer mittleren oder starken Depression ist medizinische oder psychologische Hilfe jedoch wichtig. Die Forschung hat herausgefunden, dass es vielen Frauen zumindest etwas besser geht, wenn sie von ausgebildeten Psychotherapeutinnen oder -therapeuten und geschulten Beratungskräften unterstützt wurden.

Nachgewiesen hilfreich ist auch die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut mit KVT-Ausbildung arbeitet dabei zusammen mit der Frau an Gedanken, Überzeugungen und Verhaltensweisen, die ihr das Leben erschweren.

Eine andere Behandlungsmethode, die nachweislich helfen kann, ist die interpersonelle Psychotherapie. Sie besteht aus wöchentlichen Sitzungen bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten, die oder der herauszufinden versucht, was es erschwert, mit den Veränderungen im Leben zurechtzukommen. Das Ziel ist, eine individuelle Strategie zu entwickeln, die im Alltag helfen kann. Studien zeigten, dass die Depressionen ohne Behandlung bei etwa 57 von 100 Frauen nach einem Jahr noch andauerten. Zum Vergleich: Mit einer psychotherapeutischen Behandlung waren nach einem Jahr noch etwa 40 von 100 Frauen depressiv.

Was Studien sagen

Können Medikamente helfen? Können sie dem Kind schaden?

Antidepressiva sind für manche Frauen sehr wichtig. Sie können Depressionen nach einer Geburt lindern. Im Allgemeinen werden diese Medikamente während Schwangerschaft und Stillzeit aber zurückhaltend eingesetzt. Es ist bei vielen Wirkstoffen nicht genug darüber bekannt, welche Auswirkungen sie auf das Baby haben.

Wer in der Stillzeit Antidepressiva einnimmt, sollte mit der Ärztin oder dem Arzt genau besprechen, worauf zu achten ist. Denn Arzneimittel können über die Muttermilch in kleinen Mengen an das Baby weitergegeben werden und unter Umständen zu Nebenwirkungen führen. Zwar wurden bei gestillten Kindern bislang nur sehr selten Auffälligkeiten beobachtet, die durch Antidepressiva verursacht sein könnten. Vereinzelt wurde aber über Unruhe oder Benommenheit bei Kindern berichtet, deren Mütter bestimmte Antidepressiva nahmen. Diese Symptome verschwanden nach einem Umstieg auf Flaschennahrung.

Ob Johanniskraut bei postpartalen Depressionen helfen kann, ist nicht gut untersucht. Dieses pflanzliche Mittel kann bei manchen Menschen leichtere Depressionen lindern. Ob es auch während einer Schwangerschaft und in der Stillzeit hilft und welche Nebenwirkungen es dann haben kann, ist bisher kaum untersucht. Zudem sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten möglich.

Für Frauen, die vor einer Schwangerschaft Antidepressiva nehmen, ist es nicht ratsam, die Mittel abrupt abzusetzen, wenn sie schwanger werden. Oft ist es möglich, die Medikamente zum Beispiel in einer niedrigeren Dosis weiter zu nehmen. Darüber berät die Frauenärztin, der Frauenarzt oder die Hebamme. Wichtig ist, dass Ärzte, Hebammen und Angehörige darüber Bescheid wissen, wenn eine Frau sich entscheidet, die Medikamente für die Dauer der Schwangerschaft und Stillzeit abzusetzen. So können alle gemeinsam darauf achten, wie es ihr geht und wie sie im Alltag zurechtkommt.

Manchmal werden auch hormonelle Mittel aus Östrogen und Gestagen zur Behandlung und Vorbeugung einer postpartalen Depression empfohlen. Dies beruht auf der bislang unbewiesenen Annahme, dass sie durch ein hormonelles Ungleichgewicht ausgelöst werden könnte. Für eine Einnahme von Hormonen spricht derzeit nichts: Es gibt nur sehr wenige Studien, die die Einnahme von hormonellen Mitteln untersucht haben. Sie deuten sogar darauf hin, dass eine vorbeugende Einnahme die Stimmung negativ beeinflussen kann. Der Nutzen hormoneller Mittel für die Behandlung ist daher unklar, außerdem können sie Nebenwirkungen haben.

Gibt es noch weitere Behandlungsmöglichkeiten?

Es gibt eine Vielzahl anderer Behandlungen und Maßnahmen, die Frauen bei einer postpartalen Depression ausprobieren. Sport und Bewegung können depressive Beschwerden lindern. Ob dies auch bei einer postpartalen Depression so ist, lässt sich noch nicht sagen. Der Verzehr von Omega-3-Fettsäuren dagegen zeigte in Studien keine Wirkung. Andere Maßnahmen wie Massagen, Akupunktur und Lichttherapie sind bislang nicht gut genug untersucht worden, um sagen zu können, ob sie helfen oder nicht. Bei der Lichttherapie verbringt man mit offenen Augen eine bestimmte Zeit in der Nähe einer speziellen Lampe, sodass deren Licht auf die Netzhaut fällt.

Wie kommen andere Frauen und Familien mit einer Depression zurecht?

Mit einer postpartalen Depression fühlt man sich schnell sehr einsam – vor allem, wenn man oft mit dem Baby allein zu Hause ist. Viele Frauen erzählen nicht einmal den ihnen nahestehenden Menschen, wie sie sich fühlen. Für manche mag das der richtige Weg sein.

Auf diese Weise verbauen sich jedoch viele Frauen die Möglichkeit, zusätzliche Unterstützung zu erhalten, die helfen könnte, wieder Freude an ihrem Leben und ihrem Baby zu bekommen. Auch für ihre Partner kann diese Zeit sehr schwierig sein, und vielleicht benötigen sie ebenfalls Unterstützung.

Viele Frauen mit einer postpartalen Depression haben das Gefühl, sie hätten keine Kontrolle mehr über ihr Leben. Sie haben Angst, dass ihr Leben nie mehr „normal“ sein wird und fragen sich, ob sie jemals wieder Freude empfinden werden. Viele Frauen verlieren die Lust auf Sex, was zu Partnerschaftskonflikten führen kann.

Andere Frauen berichten, dass sie allmählich aus einem deprimierten Zustand wieder aufgetaucht sind, indem sie einfach Tag für Tag ums Durchhalten gekämpft haben. Nach und nach ist es ihnen gelungen, die Kontrolle über das eigene Leben zurück zu gewinnen.

Eine postpartale Depression ist irgendwann vorbei. Wichtig ist, ausreichend Unterstützung und Hilfe im Alltag zu erhalten. Andere Menschen um Hilfe zu bitten, kann sehr schwerfallen, wenn man depressiv ist und sich seiner Gefühle schämt. Meist gibt es aber Menschen im persönlichen Umfeld oder auch professionelle Helferinnen und Helfer, die einen nicht verurteilen, sondern darin unterstützen, mit der schwierigen Situation zurechtzukommen.

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