Ich war davon überzeugt, dass ich es schaffe

Foto von älterem Paar am Strand (Stockbyte / Thinkstock) Hannelore, 67 Jahre

„Mir ging es wie vielen anderen Frauen: Ich war heillos überfordert. Ich habe einfach alles gemacht, was der Arzt vorgeschlagen hat. Ich wusste ja von nichts und hatte mich auch nie über dieses Thema informiert.“

Ich habe ein gesundes Leben geführt und war jahrelang felsenfest davon überzeugt, dass ich nie Krebs bekommen würde. 1986 habe ich dann morgens beim Duschen einen Knoten in einer Brust ertastet. An Krebs habe ich dabei aber nicht gedacht. Ich ging zum Arzt und er stellte Brustkrebs fest: Das war wie ein Bombenschlag. Ich habe gedacht, der Boden unter meinen Füßen rutscht weg.

Auf der Fahrt nach Hause war ich allein im Auto und mir liefen die Tränen. Zu Hause musste ich meinem Mann und meinen beiden Söhnen, die damals 18 und 14 Jahre alt waren, sagen, was los ist. Es war auch für sie katastrophal. Das Entsetzen in den drei Gesichtern zu sehen, war für mich ein furchtbarer Schmerz. Es war für mich noch schlimmer als die Diagnose „Krebs“. Auch meinen beiden Schwestern davon zu erzählen, zu denen ich ein sehr gutes Verhältnis habe, war furchtbar.

Ich hatte Glück mit meinem Gynäkologen

Mir ging es wie vielen anderen Frauen: Ich war heillos überfordert. Ich habe einfach alles gemacht, was der Arzt vorgeschlagen hat. Ich wusste ja von nichts und hatte mich auch nie über dieses Thema informiert. Ich hatte Glück mit meinem Gynäkologen. Er war sehr fürsorglich und hat lange Gespräche mit mir geführt. Im Endeffekt musste mir aber die Brust entfernt werden.

In dieser Zeit haben mich mein Mann und meine Familie sehr unterstützt. Mein Mann hat gleich gesagt, dass ihn das nicht stört und ich mir keine Gedanken machen soll.

Was für uns sehr schwierig war: Im Jahr nach der Diagnose bekamen wir große Probleme mit unserer Firma und das hat uns alle sehr belastet. Wir mussten Konkurs anmelden. Die Sorgen waren riesengroß. Wir haben gedacht, dass wir das nicht mehr schaffen. Ich hatte keine Zeit, über mich und meine Erkrankung nachzudenken.

Rezidiv nach 13 Jahren

Ich war trotzdem felsenfest davon überzeugt, dass ich es schaffe. Es ging 13 Jahre gut. Dann wurde während einer Routineuntersuchung in der anderen Brust ein Knoten festgestellt. Dieser Zweittumor musste auch operiert werden. Mein Körper und meine Psyche waren dann so geschwächt, dass mich die Sorgen um meine Gesundheit und unsere wirtschaftlichen Sorgen regelrecht überrollten. Ich habe mich innerlich leer gefühlt. Zwei Jahre später hatte ich dann ein Rezidiv in einer Achselhöhle.

In dieser Zeit wurde bei unserem Sohn ein gutartiger Tumor an der Nebenniere festgestellt. Man wusste erst nachdem man ihn operiert hatte, dass der Tumor gutartig war. Das war einfach zu viel für mich. Meine Kraft war am Ende.

Das hat mich alles sehr mitgenommen. Ich konnte mich körperlich nicht so schnell erholen und hatte Ende 2006 wieder ein Rezidiv. Seitdem geht es mir aber gut und ich habe auch keine Metastasen.

In der größten Verzweiflung habe ich angefangen mehr, beziehungsweise intensiver zu beten und zu meditieren als vorher. Das gab und gibt mir noch immer Kraft und Stärke. Es ist in mir eine Energie entstanden, über die ich heute immer wieder staune. Durch die Meditation und das Gebet konnte ich auch allen verzeihen, die mir früher sehr wehgetan haben. Heute lebe ich in Frieden, habe keinen Groll oder Hass in mir. Heute geht es mir gut.

Die Familie hat zusammengehalten

Die Familie hat bei der Bewältigung der Krankheit zusammengehalten. Mein Mann und ich haben aber am Anfang einige Fehler mit den Kindern gemacht. Wir haben gedacht, dass sie das Ganze noch nicht verstehen und haben ihnen nicht wirklich alles gesagt. Das haben sie irgendwann gemerkt und uns gefragt, warum wir sie nicht mit eingeweiht haben. Heute weiß ich, dass das damals ein Fehler war.

Darüber, wie es mir geht, habe ich mit meiner Familie nicht groß gesprochen. Ich wusste ja, dass sie sich Sorgen machen. Und ich wollte diese Sorgen nicht noch vergrößern. Mein Mann hat aber sehr wohl gemerkt, wenn wieder eine Untersuchung anstand. Dann war ich oft kopflos, hatte Durchfall, war überempfindlich. Die Angst war bei mir einfach zu groß. Und ich wusste, dass so ein Leben nicht gut für mich ist.

Wir haben damals generell über viele Dinge nicht gesprochen. Wir hatten beide Angst, uns gegenseitig zu verletzen. Mein Mann hat allerdings noch nie viel von sich gesprochen. Er wusste von meinem Seelenleben nichts und ich nichts von seinem. Wir hätten eigentlich Hilfe gebraucht und wussten nicht, wohin wir uns wenden können. Uns ging es ja auch in dieser Zeit finanziell schlecht.

Unterstützung durch Psychotherapie, Selbsthilfe und Sport

Nach meiner letzten Operation habe ich mir eine Psychotherapeutin gesucht. Sie ist sehr gut. Sie hat mir sehr geholfen. Zum Beispiel bei der Bewältigung meiner Angst: Vieles, was ich nicht mit meinem Mann besprechen konnte, habe ich mit ihr besprochen. Sie hat mir gute Anregungen für Gespräche gegeben und wie wir das alles miteinander aufarbeiten konnten. Mein Mann hatte bei meiner Wiedererkrankung riesige Angst, dass ich ihn allein zurücklasse. Diese Möglichkeit ins Auge zu fassen war sehr schmerzhaft für ihn. Dies alles konnte ich mit meiner Psychotherapeutin besprechen und mir Rat holen.

Was mir auch sehr geholfen hat, war die Selbsthilfegruppe. Die meisten Frauen hatten ja auch zu ihrer Erkrankung noch familiäre Probleme. Wir haben uns gegenseitig den Rücken gestärkt. Wir sprechen in der Gruppe über unsere Sorgen, tauschen Erfahrungen aus, laden Referenten zu verschiedenen Themen ein, geben Informationen weiter, machen Ausflüge und feiern Feste. Das tut mir gut.

Heute mache ich viel Sport: Mindestens einmal in der Woche walke ich, mache Yoga, im Sommer gehe ich Radfahren und jede Woche Schwimmen. Das Schwimmen ist ganz gut für meinen Arm. Nach der Operation in der Achselhöhle habe ich ein Lymphödem bekommen und beide Arme waren ganz dick und der Körper regelrecht aufgequollen. Nach sechs Monaten Lymphdrainage und regelmäßigem Schwimmen habe ich bis heute keine Probleme mehr damit.

Ich muss mir meine Arbeit gut einteilen

Meine Enkelkinder zeigen ihre Liebe zu mir ganz offen. Das ist purer Balsam für meine Seele. Mein Mann, meine Schwester und ich machen oft kleine Ausflüge zusammen, trinken einen Kaffee oder machen einen Spieleabend. Wir genießen diese Dinge sehr.

Ich habe nicht mehr die körperliche Kraft wie früher. Ich muss mir meine Arbeit gut einteilen und auch mal etwas für die folgenden Tage oder Wochen liegen lassen. Manchmal kann ich das ganz gut, oft ist es aber auch sehr schwer für mich diese Grenzen zu akzeptieren.

Ich setzte mich auch mit dem Tod auseinander. Mein Mann und ich sprechen auch darüber. Solange ich in mir die Kraft und Energie zum Kämpfen fühle, werde ich alles daran setzen ein lebenswertes Leben zu führen. Wenn dies nicht mehr gegeben ist, werde ich mich Gott empfehlen.

Mit negativen Gedanken komme ich nicht weiter

Was ich heute anderes machen würde, wäre die Kinder viel mehr zu informieren und auch ihren Rat zu hören. Sie haben mir – nicht im Bösen – den Vorwurf gemacht, dass ich mich so abgekapselt habe. Dass ich mich nicht geöffnet und Informationen nur gefiltert weitergegeben habe. Aber damals konnte ich irgendwie nicht anders.

Ich war früher eher ein negativer Mensch, ich weiß auch nicht warum. Das hat sich geändert. Mir wurde irgendwann klar, dass ich mit negativen Gedanken nicht weiter komme. Es war ein langer Weg, meine eher negative Lebenseinstellung in eine positive zu wandeln. Das war schwer und gelegentlich kämpfe ich immer noch dagegen an. Heute weiß ich, dass für mich die Seele gesund sein muss, um auch den Körper gesund zu halten. Das Leben ist für mich immer noch schön und ich kann so vieles genießen.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank. Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung.

Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar. Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen.

Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

 

Was möchten Sie uns mitteilen?

Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Bewertungen und Kommentare werden von uns ausgewertet, aber nicht veröffentlicht. Ihre Angaben werden von uns vertraulich behandelt. Pflichtfelder sind mit einem Sternchen (*) markiert.

Bitte beachten Sie, dass wir Sie nicht persönlich beraten können. Hinweise auf Beratungsangebote finden Sie in unserem Text "Wie finde ich Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen?"

Auf der IQWiG-Plattform „ThemenCheck Medizin“ können Bürgerinnen und Bürger Forschungsfragen stellen. Fachleute werten dann das Wissen zu ausgewählten Themen aus. Die Ergebnisse sollen in künftige Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung einfließen.

Empfehlen Sie diesen Artikel

Hier können Sie einen Button dauerhaft aktivieren. Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.