Der Kopf wird nicht mit operiert

Foto von Frau (PantherMedia / Jennifer Keddie de Cojon) Miriam, 30 Jahre

„Ich habe immer gedacht: Ich sehe ja gar nicht so schlecht aus und mir geht es gut. Das waren aber einfach Schutzbehauptungen mir selber gegenüber. Letzten Endes war gar nichts in Ordnung!“

Bei mir fing es mit dem Übergewicht in der Pubertät an: Ich habe einfach stetig zugenommen. Meine Eltern haben versucht, dagegen zu lenken, aber ich habe immer einen Weg gefunden, heimlich Essbares in mich hinein zu stopfen. Meine Gewichtszunahme war mir zuerst egal. Auch was meine Eltern oder andere in meinem Umfeld dazu gesagt haben, hat mich zunächst nicht gestört. Später habe ich gemerkt, dass das alles irgendwie nicht gut gelaufen ist.

Ich habe dann mit vielen verschiedenen Diäten versucht, dauerhaft abzunehmen, habe alles Mögliche ausprobiert und auch Sport gemacht. Nichts hat wirklich geholfen. Ich habe höchstens 6 Kilo abgenommen und dann immer wieder zugenommen. Ich war sehr frustriert.

Essen war mein Tröster

Irgendwann habe ich aufgegeben und gedacht, ich bin wohl einfach ein übergewichtiger Mensch. Da ist nichts zu machen. Mit dieser Einstellung habe ich erstmal gelebt.

Essen war für mich ein Tröster: In diesem Moment war ich glücklich. Ich habe immer gedacht: Ich sehe ja gar nicht so schlecht aus und mir geht es gut. Das waren aber einfach Schutzbehauptungen mir selber gegenüber. Letzten Endes war gar nichts in Ordnung!

Ich hatte gar kein Sättigungsgefühl mehr. Ich konnte essen, essen und essen. Mein Körper hat mir nicht mehr gesagt, wenn er satt war.

Selbsthilfegruppe und mehr Bewegung

Mit zunehmendem Gewicht hat sich mein Blutdruck erhöht und ich bekam auch Angst um meine Gelenke. Deshalb habe beschlossen, mich mal etwas genauer zum Thema Übergewicht und Abnehmen zu informieren und habe mit einer Selbsthilfeorganisation Kontakt aufgenommen.

Dort habe ich viele Informationen erhalten und konnte mit anderen Betroffenen sprechen. Auch mit Menschen, die sich wegen ihres Übergewichts einer Operation unterzogen haben. Sie haben mir von Erfolgen berichtet, aber auch von den negativen Seiten eines solchen schweren Eingriffs in den Körper. So konnte ich mir ein gutes Bild machen.

Ich habe mich dann entschieden, bei einem multimodalen Programm mitzumachen. Es wird auch „multimodales Konzept“ bezeichnet und ist eine Kombination aus Bewegung und Sport, aus Ernährungstherapie und psychologischer Betreuung. Das Ziel ist, Gewicht zu verlieren und den Lebensstil zu ändern. Die Krankenkassen fordern derzeit die Teilnahme an einem solchen Programm, bevor man die Kostenübernahme für eine OP beantragt.

In dieser Zeit habe ich auch mit Aquafitness begonnen. Da ist man mit Gleichgesinnten im Wasser. Und man braucht sich nicht für seine Dellen und Fettpolster zu schämen. Jeder dort hat seine Problemzonen. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mache das heute noch.

Nebenbei bin ich mit den Hunden meiner Eltern spazieren gegangen und habe angefangen, mich im Hundesportverein zu engagieren. Durch die Hunde war ich schon täglich in Bewegung. Mittlerweile habe ich auch selber einen Hund.

Die Entscheidung für eine Operation

Ich habe mich dann im Rahmen dieses Krankenkassen-Programms intensiv bezüglich einer Operation beraten lassen und mich mit dem Thema auseinandergesetzt. Mir ist damals klargeworden: Ich habe nicht das Durchhaltevermögen, längere Zeit so konsequent zu leben. Besonders schwierig war für mich, dass sich bei mir auch nach der Umstellung meiner Ernährung kein Sättigungsgefühl eingestellt hat.

Ich war dann bei verschiedenen Ärzten, um zu prüfen, ob eine Operation für mich eine gute Option sein könnte. Alle fanden es eine sehr gute Wahl. Dann war für mich klar: Die Operation ist mein Weg.

Etwa zwei Monate vor der geplanten Operation habe ich die Diagnose einer chronischen Erkrankung bekommen. Ich hatte große Angst, nicht mehr operiert werden zu können. Aber die Ärzte meinten, es sei kein Problem. Allerdings rieten sie mir eher zu einem Schlauchmagen als zu einem Magenbypass. So haben wir es dann auch gemacht.

Die Operation

Innerhalb von 14 Tagen nach der Antragstellung bei der Krankenkasse zur Kostenübernahme der Operation habe ich die Genehmigung erhalten und konnte operiert werden.

Als ich dann zur Operation ins Krankenhaus aufgenommen wurde, gab es noch mal einen Moment des Zögerns und Hinterfragens: Soll ich mich wirklich operieren lassen? Ich hatte große Angst vor der Narkose, gar nicht mal vor der Operation an sich. Ich hatte Sorge, nicht wieder aufzuwachen. Aber dann kam der Chirurg noch mal zu mir, hat mich beruhigt und mir erklärt, was bei der Narkose und Operation gemacht wird. Das ganze Personal war sehr fürsorglich und toll zu mir! Das hat mir sehr geholfen, die Sorgen ein wenig wegzuschieben.

Und dann bin ich aufgewacht, war operiert und glücklich! Es gab keine Komplikationen, ich hatte keine Schmerzen. Das einzige, was unangenehm war, war zu viel Luft im Körper. Man wird ja ein wenig aufgepumpt, damit die Ärzte besser operieren können. Da wacht man erstmal etwas dicker auf als vor der Operation. Und die Luft muss ja wieder aus dem Körper … aber es war nicht so schlimm. Ansonsten hatte ich weder Schmerzen noch Probleme mit den Narben oder ähnliches. Ich habe mich auch schnell erholt. Schon am Tag nach der Operation konnte ich den Stationsflur entlanglaufen.

Von der Ernährung her habe ich zu Beginn nur Flüssigkeiten bekommen, dann breiige Nahrung, bevor ich wieder festere Nahrung zu mir nehmen konnte. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte ich schon 11 Kilo verloren. Damit hätte ich nie gerechnet!

Die Zeit nach der Operation

Wieder daheim musste ich mich langsam wieder an jedes Lebensmittel herantasten, ob ich es noch vertrage oder nicht mehr. Dabei habe ich für mich völlig überraschend regelrechte Geschmacksexplosionen erlebt! Ich habe angefangen, das Essen zu genießen – jeden Bissen habe ich richtig genossen, auch wenn er noch so klein war! Denn mein Magen hat mir sehr schnell und sehr deutlich gesagt, wenn er voll war. Das war irgendwie schön. Ich kannte dieses Gefühl des Sattseins ja nicht mehr.

Eine Herausforderung und besonders schwierig war: mein Kopf! Der Kopf wird ja nicht mit operiert. Der sagt öfter mal: Es ist so lecker und ein Löffel geht noch. Aber das rächt sich hinterher. Der eine Löffel mehr tut dann richtig weh, es schmerzt oder ich muss mich übergeben.

Ich musste lernen, wieder auf meinen Körper, auf meinen Magen zu hören. Wenn mein Magen mir sagt, er ist satt, dann ist er auch satt. Ich habe auch nur einmal über diesen Punkt des Sattseins hinweg gegessen. Danach ging es mir so richtig schlecht! Seit dieser Erfahrung ist auch wirklich Schluss mit essen, wenn ich satt bin. Das hat sich mittlerweile sehr gut eingespielt.

Ich verzichte auf nichts

Vor der OP hatte ich auch die Sorge, dass ich nicht mehr alles essen kann. Diese Sorge war gar nicht nötig! Ich kann ja nach wie vor alles essen. Aber eben nur in kleinen Mengen.

Ich muss auf nichts verzichten. Ich habe nach der Operation aber angefangen, das Essen zu genießen, mir Zeit zu nehmen. Und hochwertiger zu essen. Ich esse keine Fertigprodukte mehr. Ich gönne mir bessere Produkte und zelebriere das Essen dann. Ich nehme mir die Zeit zum Kochen und setze mich dann ganz in Ruhe hin. Und ich esse nichts mehr zwischendurch, so wie früher.

Im Herbst vor zwei Jahren wurde ich operiert. Zu Weihnachten war es dann ein echtes Highlight, ein ganz kleines Stückchen von der Roulade zu essen, ein kleines Kartoffelstück und etwas Rotkohl. Das war für mich toll! Ich konnte etwas essen und war satt. Jetzt nach zwei Jahren kann ich schon etwas mehr essen, aber dieses Sättigungsgefühl ist immer noch da! Es ist mir auch egal, wie voll der Teller noch ist. Wenn ich satt bin, dann bin ich satt.

Ich sehe mich immer noch als dick an

Andere haben die körperlichen Veränderungen an mir nach der Operation schneller gesehen als ich selbst. Viele sagen mir, dass ich nur noch „die Hälfte bin“. In meiner eigenen Wahrnehmung und wenn ich mich im Spiegel anschaue, dann sehe ich mich immer noch als Dicke.

Aber wenn ich mir Fotos von früher anschaue, dann sehe ich, dass ich jetzt doch ganz schön schlank geworden bin. Das merke ich auch an meiner Kleidung: Ich kann jetzt ganz andere Größen und ganz andere Kleidung als früher tragen. Meine alten Hosen wurden mit der Zeit immer weiter und ich musste mir oft neue, kleinere Sachen kaufen. Was ja auch schön war. Ich habe jetzt eine ganz andere Auswahl an Kleidung. Oft nehme ich mir aber immer noch viel zu große Größen mit in die Umkleide, weil ich eben in meiner Wahrnehmung immer noch dick bin.

Momentan verliere ich nicht weiter an Gewicht. Aber mein Körper verändert sich dennoch, also die Proportionen ändern sich. Am Bauch habe ich jetzt viel überflüssige Haut durch das Abnehmen. Die bildet sich durch Sport auch nicht zurück. In Zukunft will ich daher mal eine Bauchdeckenstraffung durchführen lassen.

Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens

Vor der Operation bin ich nicht ins Fitnessstudio gegangen, ich fand mich einfach zu schwer und hatte Sorge um meine Gelenke. Ich habe damals viel Wassergymnastik gemacht, das ist gelenkschonend und man glaubt ja nicht, wie sehr man im Wasser schwitzen kann!

Als ich dann mein Gewicht auf 100 Kilo verringern konnte, habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet. Dort wurde ein Trainingsplan für mich zusammengestellt und ich gehe jetzt regelmäßig etwa zweimal pro Woche hin und arbeite meinen Plan ab. Dazu kommt einmal Wassergymnastik und dreimal pro Woche im Hundesportverein. Ich bin jetzt wirklich sehr aktiv, bin jeden Tag draußen und drehe mit dem Hund große Runden.

In diesem Jahr habe ich auch an einem Wettkampf über 5 Kilometer Walken teilgenommen. Das hätte ich mir zu meinen „dicken Zeiten“ nie träumen lassen! Im Herbst möchte ich an einem Wettkampf durch Schlamm und Wasser und über Hindernisse teilnehmen. Darüber bin ich mega stolz! Es geht mir nicht um Bestzeiten, sondern einfach ums Mitmachen und ins Ziel kommen.

Ich lebe jetzt ganz anders. Ich mache andere Dinge, traue mir mehr zu und gehe die Dinge einfach an. Ich lasse mir von keinem mehr Vorschriften machen oder mir einreden, dass ich etwas nicht kann oder nicht schaffe.

Die Nachsorge ist wichtig

Ab und zu stehen Kontrolluntersuchungen an. Die lasse ich in dem Adipositas-Zentrum machen, in dem ich auch operiert wurde. Sie haben meine komplette Akte und besser kann man es nicht haben. Ich fühle mich dort sehr gut aufgehoben. In der ersten Zeit war ich alle drei Monate zur Kontrolle, mittlerweile stehen die Nachsorgeuntersuchungen alle sechs Monate an.

Der Arzt nimmt dabei Blut ab und ich werde untersucht, mein Gewicht geprüft und gefragt, wie es mir geht und wie gut ich zurechtkomme. Es wird auch geschaut, ob meinem Körper Vitamine und Mineralien fehlen. Letztens wurde bei mir eine Magenspiegelung durchgeführt, da ich etwas Probleme mit dem Magen hatte und es wurde eine Magenschleimhautentzündung festgestellt. Die wird jetzt mit Medikamenten behandelt.

Meine Ernährung habe ich umgestellt

Meine Ernährung hat sich seit der Operation stark verändert. Früher habe ich immer ganz viel Fleisch, viel Fast Food wie Pommes und Pizza gegessen. Viel, was schnell und einfach zuzubereiten und dazu noch lecker ist.

Ich esse immer noch Fleisch, aber nur noch wenig. Ich esse jetzt viel mehr Beilagen, vor allem Gemüse. Das Fleisch beziehe ich von einem Hofschlachter, mit einer super Qualität. Das genieße ich dann. Dazu viel Gemüse. Und Kartoffeln und Reis, seltener Nudeln. Ich koche sehr viel. Und als Snack finde ich Karotten- oder Kohlrabistäbchen mit Quark lecker. Früher griff ich eher zu Chips und Schokolade.

Aber ich verbiete meinem Körper nichts. Wenn ich Bock auf Schokolade habe, dann esse ich auch mal einen Schokoriegel. Auch wenn ich bei Feiern oder Geburtstagen bin, dann gibt es auch mal eine Hand voll Chips oder etwas Pizza.

Ich zähle keine Kalorien und wiege mein Essen nicht. Ich verlasse mich auf mein Körpergefühl. Bis man dieses Gefühl für den Körper entwickelt hat, dauert es aber etwas. Mein Körper sagt mir jetzt schon, was er haben will und wann er satt ist.

Ich habe insgesamt etwa 50 Kilo abgenommen: 5 Kilo vor der Operation und etwa 45 Kilo nach der Operation. Darauf bin ich mega stolz! Meine Erwartungen haben sich übertroffen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so eine Figur haben würde!

Ich möchte jetzt noch gern fünf weitere Kilo abnehmen. Dann denke ich, habe ich mein Wohlfühlgewicht erreicht und mehr möchte ich dann auch nicht mehr abnehmen. Das wäre in Ordnung so. Wichtig ist es mir, nicht mehr in den dreistelligen Bereich zu kommen. Momentan bin ich davon weit entfernt.

Selbst aktiv zu werden ist wichtig

Mir hat die Selbsthilfegruppe auf meinem Weg sehr geholfen. Mich mit anderen auszutauschen, die die gleichen Probleme, Sorgen und Hindernisse haben, hat mir gutgetan. Man fängt sich untereinander auf und unterstützt sich. Am Anfang hatte ich etwas Angst und habe mich nicht getraut, zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen. Aber es hat mich keiner ausgelacht! Man braucht keine Angst zu haben, denn alle kommen mit dem gleichen Gefühl dahin. Und bei mir haben sich mit der Zeit aus der Gruppe heraus sehr gute Freundschaften entwickelt.

Wichtig ist es, im Umgang mit dem Übergewicht und dem Abnehmen selbst die Entscheidung zu treffen, etwas zu verändern. Selber aktiv zu werden. Das kann kein anderer entscheiden, das muss man selbst machen. Aber es ist schön, diesen Weg nicht allein zu gehen, also jemanden im Hintergrund zu haben, der einen auffängt, sei es der Partner, die Familie oder gute Freunde.

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

Schlagwörter: Adipositas, Drüsen und Hormone, E66, Fettleibigkeit, Prävention, Übergewicht, Verdauung und Stoffwechsel