Dranbleiben ist das Motto

Foto von zwei Freunden vor Laptop (PantherMedia / Kati Neudert) Alexander, 45 Jahre

„Früher hat man mich oft nur als Dicken gekannt, jetzt kennt man mich mit meinem Namen.“

Das Thema Übergewicht begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Lange Zeit hatte ich mein Gewicht einigermaßen im Griff. Als Jugendlicher habe ich zwei- bis dreimal pro Woche Fußball gespielt. Das klappte ganz gut. Ich war immer etwas stämmiger als die anderen, aber das machte nichts.

Starke Gewichtszunahme nach der Zeit bei der Bundeswehr

Durch einen Zufall bin ich bei der Bundeswehr gelandet. Dort blieb ich dann zwölf Jahre. Diese ganze Zeit lang habe ich um mein Gewicht gekämpft. Durch den vielen Sport bei der Bundeswehr konnte ich aber mein Gewicht bei etwa 105 bis 110 Kilogramm halten. Das war in Ordnung.

Als ich aber aus der Bundeswehr entlassen wurde, hatte ich nur noch sitzende Tätigkeiten. Dann ging es los: Mein Gewicht ist auf knapp 160 Kilo gestiegen.

Mir ging es damals eigentlich ganz gut. Ich hatte keine Probleme, fühlte mich gut und redete mir ein, dass ich ja gar nicht so viel wiege und andere viel mehr wiegen. Tief in meinem Inneren wusste ich aber, dass es mir schlecht geht. Und dass ich durch mein Übergewicht meine Gesundheit aufs Spiel setze. Gerade bei meinen Knochen, Sehnen und Bändern, da habe ich das Gewicht schon gespürt. Das ist ja eine große Belastung für den Körper. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das früher alles geschafft habe. Mit der Zeit wird man Meister, sich alles schön zu reden. Das ist aber ein Verhalten, welches man nicht so schnell ablegt. Ich habe mir immer eingeredet, dass ich einfach nur 5 Kilo abnehmen muss und es dann schon wieder gehen würde. Aber ich habe nicht ab-, sondern eher zugenommen.

Durch Diäten habe ich zwischendurch immer mal wieder 30 oder 40 Kilo abgenommen. Aber sobald ich mit den Diäten aufgehört habe, ging das Gewicht wieder hoch. Ich weiß gar nicht, wie viele Kilo ich in diesen 7 bis 8 Jahren zu- und wieder abgenommen habe.

Als ich meinen Job erneut gewechselt habe, habe ich festgestellt, dass ich besonders viel bei Stress esse. Ich war damals sehr viel unterwegs und bin immer erst spät nach Hause gekommen. Dann habe ich nicht mehr gekocht, sondern mir oft eine oder auch zwei Pizzen bestellt.

Ein einschneidendes Erlebnis

Im Jahr 2009 hatte ich einschneidendes Erlebnis: Ich war auf einer Baustelle und musste ein längeres Stück gehen. Als ich zurück am Auto war, hätte ich ein Sauerstoffzelt und einen Arzt gebraucht. Ich war komplett durchgeschwitzt und mein Kreislauf war völlig im Eimer. In diesem Moment dachte ich, dass ich jetzt etwas tun muss.

Ich habe mich nach diesem Erlebnis an einen Ernährungsmediziner gewandt. Als Ergebnis dieses Gesprächs wurde ich durch eine Ernährungstherapeutin betreut und ich habe wieder angefangen, mich zu bewegen. Nach etwa 18 Monaten dieser Umstellung haben sich meine Blutwerte gebessert, ich bin vitaler geworden und habe mich viel wohler in meiner Haut gefühlt. Aber ich hatte nicht viel abgenommen.

Magenoperation als Behandlungsmöglichkeit

Im Jahr 2010 habe ich mich bei einem Chirurgen vorgestellt, um die Möglichkeit einer Magenoperation zu besprechen. Ich war mir lange nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung ist. Ich kannte damals schon einige, die sich einer Magenoperation unterzogen hatten. Manche hatten im Anschluss an die Operationen Probleme mit Komplikationen. Es ist eine schwerwiegende Entscheidung, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Einerseits, weil es eine große Operation ist. Andererseits, weil sich im Anschluss an eine Operation das Leben ändern muss, wenn die Operation erfolgreich sein soll. Nach langem Abwägen habe ich mich dann für eine Operation entschieden. Ich habe lange versucht, es allein hinzubekommen und es einfach nicht geschafft. Die OP war die letzte Option für mich, aber es war eine Option.

Die Operation

Der Antrag für eine Kostenübernahme für einen Magenbypass wurde von der Krankenkasse genehmigt. Anfang 2011 wurde ich operiert. Vor der Operation wog ich 160 Kilo.

In den ersten 6 bis 8 Wochen nach der Operation habe ich nur flüssigen Brei gegessen. Und das Gewicht ist sehr schnell und sehr stark gefallen. Nach etwa zehn Wochen hatte ich schon 25 Kilo verloren.

Man verliert durch die starke Gewichtsabnahme viele Muskeln und dann hängt die Haut oft ein wenig am Körper. Deshalb habe ich dann wieder mit dem Sport angefangen. Etwa zwei- bis dreimal pro Woche bin ich ins Fitnessstudio gegangen. Dabei bin ich konsequent geblieben und konnte mein Gewicht nach der Operation von 160 auf 85 Kilogramm verringern.

Nach der starken Gewichtsabnahme sind bei mir große Hautfalten übriggeblieben. Der Körper hat sich verändert. Mit der Zeit sind sie aber ganz gut zurückgegangen, da hatte ich Glück.

Das Gewicht nach der Operation

Mittlerweile habe ich wieder etwas an Gewicht zugenommen. Derzeit wiege ich 101 Kilogramm und bemühe mich, wieder unter 100 Kilo zu kommen. Diese schleichende Gewichtszunahme habe ich mir dann auch wieder schöngeredet. Als ich wieder bei 108 Kilo war, habe ich leichte Panikattacken bekommen. Das war wieder das alte Muster. Der Kopf wird ja nicht mit operiert. Wenn ich meine Verhaltensweisen im Leben nicht ändere, dann bringt die ganze Operation nichts.

Mit der Gewichtsabnahme nach der Operation hat sich meine Außenwirkung stark verändert. Früher hat man mich oft nur als Dicken gekannt, jetzt kennt man mich mit meinem Namen. Ich werde jetzt ganz anders wahrgenommen und ich werde auch nicht mehr diskriminiert. Die Blicke und Fragen von anderen lösten früher oft Frust bei mir aus, der dann mit dem Weg zum Kühlschrank bekämpft wurde.

Die ersten Monate nach der OP ist die Gewichtsabnahme so einfach. Man gewöhnt sich daran, dass das Gewicht ständig runtergeht. Aber irgendwann kommt der Punkt und es schwenkt um. Und wenn man dann wieder zunimmt, besteht die Gefahr, sich als Versager zu sehen und sich für das Zunehmen zu schämen. Was ja Quatsch ist! Eine erneute Gewichtszunahme kann auch körperliche Ursachen haben, beispielsweise eine Erweiterung des verkleinerten Magens mit der Zeit. Also, ich finde es bei einer erneuten stärkeren Gewichtszunahme sehr wichtig, das von einem Arzt prüfen zu lassen. Es ist sehr wichtig, immer wieder an der Ernährungs- und der Verhaltensumstellung dran zu bleiben.

Das Leben nach der Operation

Die Operation war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Auch wenn sie Probleme nach sich gezogen hat. Ich hatte vorher noch nie ein Magengeschwür, jetzt habe ich immer wieder eins.

Mit dem Bypass muss ich auch zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe einnehmen.

Mein Geschmack hat sich nach der Operation auch verändert: Ich kann die Gewürze viel besser wahrnehmen. Das Kochen macht viel mehr Spaß. Wir kochen jetzt fast ausschließlich mit frischen Gewürzen.

Meine Ernährung habe ich nach der Operation komplett umgestellt. Die Menge des Essens ist ja aufgrund der Operation eingeschränkt. Wenn ich zu viel esse, dann werde ich direkt bestraft. Das Essen bleibt dann im Mageneingang hängen. Dann drückt das stark und schmerzt sehr. Und wenn ich deutlich zu viel esse, dann muss ich mich auch übergeben. Das ist sehr unangenehm.

Der Magenbypass hat manchmal auch seinen eigenen Kopf: Manches vertrage ich nicht mehr und diese Unverträglichkeiten ändern sich bei mir öfter. Das, was ich an einem Tag vertrage, kann ich am nächsten nicht mehr essen und umgekehrt.

In meinem Kopf bin ich immer noch dick

Vom Gewicht her bin ich nicht mehr adipös, sondern übergewichtig. Aber im Kopf bin ich eigentlich immer noch dick. Wenn ich heute irgendwo hinkomme und da stehen Stühle mit Lehnen, dann habe ich sofort die Sorge im Kopf, ob ich da auch hineinpasse. Oder wenn ich Kleidung einkaufen möchte, dann gehe ich automatisch in die XXXL-Abteilung. Das ist irgendwie automatisiert und so im Kopf gespeichert.

Die Ärzte und Therapeuten können mir das Gewicht nicht nehmen, sie können mir nur den Weg zeigen, zum Beispiel mit Stress und Frust umzugehen.

Ich hatte Probleme, meine Schuhe zu binden. Das Treppensteigen und das Tragen schwerer Dinge, wie einen Kasten Wasser, wurde immer schwieriger. Ich hatte Rückenschmerzen und im Sommer habe ich beim Spazierengehen immer extrem geschwitzt. Diese ganzen Beschwerden habe ich jetzt nicht mehr!

Derzeit finde ich immer wieder einen Grund, nicht zum Sport zu gehen. Das ist ein Thema, an dem ich wieder arbeiten muss. Ich will wieder regelmäßig Sport treiben.

Ich bin von Anfang an offen mit dem Thema der Operation in der Familie umgegangen. Und es wurde auch von jedem akzeptiert.

Die Vorbereitung auf eine solche Operation ist extrem wichtig. Es funktioniert nicht, wenn man sich sagt, ich gehe ins Krankenhaus und lasse mich operieren und dann ist alles gut. Man muss sich darauf einstellen und sich um die Nachbetreuung kümmern. Für mich war auch der Austausch in einer Selbsthilfegruppe vor und nach der Operation eine große Hilfe.

Die Operation ist ein schwerer Eingriff in das Leben. Es sollte wirklich der letzte Weg sein, wenn man alles vorher ausprobiert hat und sich richtig gut vorbereitet hat.

Aber die Operation nimmt einem nicht die Verantwortung für sich selbst: Dranbleiben ist das Motto, Zeit für sich nehmen und darin investieren, den Hintern hochbekommen. Es ist ja mein Leben und ich will etwas daran ändern.

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

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