Nach der Diagnose habe ich 30 Kilo abtrainiert

Foto von Mann am Strand (PantherMedia / Fabrice Michaudeau) Konrad, 56 Jahre

„Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in meinem Leben auf etwas Bestimmtes durch den Diabetes verzichten muss“

Mir war eigentlich schon immer klar, dass ich Diabetes bekommen könnte: Meine beiden Eltern haben auch Diabetes Typ 2.

Vor zehn Jahren, da war ich 46 Jahre alt, wurde bei mir zum ersten Mal Diabetes vom Typ 2 festgestellt. Zu diesem Zeitpunkt war ich etwa 20 Kilogramm schwerer als jetzt. Nach der Diagnose habe ich unter medizinischer Aufsicht circa 30 Kilogramm abtrainiert. Danach waren die Blutzuckerwerte wieder in Ordnung.

Auf einmal musste ich nachts viel trinken

Vor etwa drei oder vier Jahren musste ich plötzlich nachts sehr viel trinken. Das kann ja ein Hinweis für Diabetes sein. Ich bin dann zu meiner Hausärztin gegangen. In einer Laboruntersuchung wurden erhöhte Blutzuckerwerte bei mir festgestellt. Die Hausärztin und ich haben uns dann geeinigt, dass ich zu einem Diabetologen gehe, um die Werte näher analysieren zu lassen.

Im Gespräch mit dem Diabetologen kam dann der Vorschlag, Insulin zu spritzen. In den darauf folgenden drei bis sechs Monaten wurde ausprobiert, welche Kombination ideal ist. Ich benutze zwei verschiedene Pens, weil ich zwei verschiedene Insulinsorten benutze. Das muss man aber nicht.

Die Einheiten berechne ich immer daraus, was ich plane zu essen. Das ist für mich ganz einfach und ich kann damit sehr gut leben.

Das erste Mal musste ich mich überwinden, mich zu stechen und mich zu spritzen. Nach ein paar Tagen hatte ich das aber ganz gut heraus. Ich glaube, damit kann man gut klarkommen. Das ist nicht so dramatisch.

Es ist nicht so, dass ich wirklich grammgenau die Kartoffeln oder ähnliches abwiegen würde. Ich habe im Lauf der Zeit eine gewisse Vorstellung darüber entwickelt, wie viel Einheiten eine bestimmte Menge Kartoffeln oder andere Nahrungsmittel haben. Die Kohlenhydrate kann man ja relativ einfach berechnen. Das ist kein Problem, sondern nur eine Frage des Umrechnungsfaktors. Man kann das sehr gut über den Tag hochrechnen. Das ist in meinen Augen kein Problem. Man muss einfach dieses Rechnen verinnerlichen.

Meine Blutzuckerwerte waren nie extrem. Ich habe nur sehr selten Unterzuckerungen. Die größte Schwierigkeit ist für mich, nachts die richtige Dosis zu bestimmen. Man hat ja immer nachts irgendwann Tiefpunkte in den Blutzuckerwerten und die muss man entsprechend ausgleichen können – das Langzeitinsulin muss entsprechend dosiert sein. Am besten findet man das heraus, indem man ab und zu nachts misst. Und für Notfälle habe ich immer ein Stück Traubenzucker oder etwas ähnliches in der Tasche.

Am Anfang, kurz nach der Diagnose, musste ich mich darauf einstellen, dass ich jetzt von einem Medikament abhängig bin. Dafür habe ich eine gewisse Zeit gebraucht.

Die Familie stand hinter mir

Für mich war es wichtig, dass das Umfeld stimmt, dass die Familie hinter mir stand. Schon allein wegen der Umstellung der Ernährung.

Für mich war auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe sehr wichtig: die Gespräche mit Menschen, die ebenfalls an Diabetes Typ 2 erkrankt sind und schon länger Erfahrung mit dieser Erkrankung haben. Diese Gespräche waren für mich besonders während der Einstellungsphase in den ersten drei bis sechs Monaten wichtig. Ich fand es für mich wichtig, mit anderen Betroffenen zu sprechen und nicht irgendwo allein zu kämpfen.

Mit meinem Diabetologen verstehe ich mich sehr gut. Unsere Sitzungen, die mittlerweile in einem Abstand von etwa drei Monaten stattfinden, sind eher Gespräche über Ergebnisse und Tendenzen. Ich habe in der Sprechstunde mit dem Arzt immer alles erfragt, was für mich unklar war. Aber das liegt sicherlich an meiner Art zu leben und zu denken.

Hilfestellung statt Einschränkung

Wenn man eine solche Erkrankung hat, dann muss man natürlich regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Das ist klar. Man muss die Füße untersuchen lassen und die Augen und die Nieren. Aber ich sehe das nicht als Einschränkung für mich an, sondern als Hilfestellung. Ich muss damit rechnen, wenn ich nicht darauf achte, dass ich Probleme mit den Augen, den Füßen oder den Nieren bekomme. Ich gehe ja zu diesen Untersuchungen, weil ich etwas für mich und meine Gesundheit machen möchte.

Bei meiner Berufstätigkeit sehe ich durch die Erkrankung keine Einschränkungen. Ich bin selbstständig und habe keinen Acht-Stunden-Tag und das geht trotzdem ganz gut. Es ist sicherlich eine Sache der Lebensauffassung, ob man das positiv sieht oder nicht. Als ich vor Jahren noch bei einer großen Firma angestellt war, war meine Erkrankung auch für den Arbeitgeber nicht problematisch und ich habe keine Einschränkungen erlebt. Aber diese Ängste gibt es schon.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in meinem Leben auf etwas Bestimmtes durch den Diabetes verzichten muss. Ich muss ein wenig bewusster essen. Wenn man Appetit auf Schokolade oder ein Eis hat, dann kann man auch etwas davon essen. Aber eben in Maßen. Ich glaube nicht, dass ich wirklich etwas vermisse. Ich achte jetzt ein bisschen mehr auf meinen Körper und auf das, was in meinem Körper passiert. Ich sehe die Krankheit nicht unbedingt als negativ für mich an.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

Schlagwörter: Diabetes Typ 2, Drüsen und Hormone, E11, G62, G63, H54, N08, N28, R35, Verdauung und Stoffwechsel