Lieber die Schienen tragen, sonst tut es mehr weh und dauert länger

Foto von einem Mädchen (PantherMedia / Chris DeSilver) Leyla, 13 Jahre

„Das Tolle an den Kunststoffschienen: Man kann sie zum Essen und Zähneputzen rausnehmen. Aber man braucht schon mehr Disziplin. Ständig hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie nicht getragen habe. Das wäre bei einer festen Spange so nicht passiert.“

Am Ende der fünften Klasse habe ich erfahren, dass ich eine feste Zahnspange bekommen soll, also vor ungefähr zweieinhalb Jahren. Weil ich einen Überbiss habe, das heißt, meine Backenzähne passen nicht richtig aufeinander.

Mein normaler Zahnarzt hat mir schon viel früher gesagt, dass ich mal eine feste Zahnspange brauchen werde. Irgendwann war ich dann beim Kieferorthopäden und der hat sofort gesagt: „Oh ja, da müssen wir dringend etwas machen.“

Richtig gefreut habe ich mich nicht, eine Spange zu bekommen

Ich dachte gleich: „Na super, ich freu mich nicht gerade.“ Viele aus meiner Klasse tragen schon seit der Grundschule eine Zahnspange, manche auch eine feste Spange. Und die meisten von ihnen berichten, dass diese festen Zahnspangen mit Brackets am Anfang ziemlich wehtun und auch nerven beim Essen.

Ich hatte sofort Angst und dachte mir „Ich will aber keine feste Zahnspange.“ Aber es hat sich ja alles zum Guten entwickelt. Erst bekam ich eine Zeitlang eine lose Spange, da konnte ich mir die Farbe auch aussuchen. Und danach dann durchsichtige Kunststoffschienen statt einer festen Spange, jeweils eine für oben und eine für unten.

Ich habe durchsichtige Kunststoffschienen und bin sehr froh darüber

Von diesen Kunststoffschienen bekommt man bei jedem Termin zehn verschiedene. Die muss ich dann wechseln: Jede Woche ist die nächste dran, die die Zähne wieder ein bisschen mehr verschiebt. Und nach zehn Wochen gehe ich zum Kieferorthopäden und der gibt mir dann die nächsten.

Das Beste: Dadurch, dass ich die Schienen rausnehmen kann, kann ich essen, was ich will. Aber andererseits war es schon so, dass ich mich immer dazu überwinden musste, die Schienen auch wirklich anzuziehen. Da braucht man schon Disziplin, und manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen. Wenn ich eine feste Spange gehabt hätte, hätte ich mich nicht immer gefragt, ob ich jetzt die Zahnspange reintue oder nicht.

Man braucht schon mehr Disziplin

Am Anfang hatte ich schon Probleme mit der Disziplin. Die lose Spange am Anfang habe ich auch nicht viel getragen. Da wurde dann gesagt, das geht nicht, wir brauchen eine andere Lösung. Und dann kamen die Kunststoffschienen.

Ich war oft unmotiviert und habe immer gedacht: „Habe ich sie schon genug Stunden getragen? Kann ich sie jetzt wieder rausnehmen?“ Eigentlich muss ich sie 22 Stunden am Tag tragen, beim Essen und beim Zähneputzen kann ich sie rausnehmen. Als Ausgleich habe ich immer versucht, sie wenigstens nachts zu tragen. Aber mit der Zeit wurde es besser.

Bei jeder neuen Schiene tun die Zähne zwei Tage lang weh

Wenn ich am Anfang einer Woche eine neue Zahnschiene anziehe, merke ich schon, dass es die ersten zwei Tage richtig zieht, das ist schon eine Umstellung. Außerdem passt die neue Schiene oft noch nicht richtig zu den Zähnen, ich habe ja einen Überbiss und hinten sind kleine, abstehende Flügel aus Plastik, die aber nicht richtig auf den Zähnen aufliegen.

Da stehe ich schon vor dem Spiegel und bin genervt. Das renkt sich erst nach ein paar Tagen ein. Manchmal haben die Zähne auch gewackelt, aber das war nicht so schlimm. Also nicht so stark, dass ich dachte, „Mein Zahn fällt gleich raus“, es war eher unangenehm.

Unangenehm finde ich, dass bei der Kontrolle neue Knöpfe auf den Zähnen aufgeklebt werden, auf denen die Schienen andocken, damit sie festsitzen. Und vorher wird der Kleber der alten Knöpfe mit so einer Maschine etwas abgerieben und die macht ein unangenehmes Geräusch, das ist komisch.

Was ich öfter hatte als vorher, ist Zahnfleischbluten. Und auch an der Innenseite der Wangen mehr Aphthen, wunde offene Stellen. Das ist unangenehm gewesen. Aber insgesamt konnte man das gut ertragen.

Beim Sprechen habe ich auch gemerkt, dass die Zahnschienen stören. Ich lispele mehr als früher. Und noch etwas: Man spuckt mehr beim Reden, meine Freundinnen haben mich darauf aufmerksam gemacht.

Ich hatte oft Streit mit meiner Mutter wegen des Tragens

Wir hatten viele Diskussionen, gerade am Anfang. Meine Mutter hat mich erinnert: „Du musst jetzt mal deine Zahnspange tragen“ – und ich habe immer gemeckert, weil es ja weh getan hat. Aber ich habe es selbst gemerkt, dass das nicht gut ist. Ich habe nämlich gelernt, dass es bei neuen Schienen doppelt wehtut, wenn ich die Schienen in der Woche vorher nicht viel getragen habe. Weil sich dann die Zähne ja wieder verformen.

Vor allem passt die Zahnspange nicht mehr richtig, weil die Versionen aufeinander abgestimmt sind. Dann musste ich manchmal statt in einer Woche die zehnte Schiene zu tragen, wieder zur achten zurückspringen und habe also zwei Wochen verloren.

Einmal musste ich sogar eine Zahnspangenreihe neu bestellen, weil ich die zu wenig getragen hatte. Die Behandlung dauert dann länger und ist teurer. Das habe ich dann eingesehen, weil ich darauf auch keine Lust habe. Ich will irgendwann fertig werden. Ich bin jetzt seit zwei Jahren dabei, bald bin ich durch: bei der 36. Schiene hört es auf.

Ich musste mir einen festen Platz für die Schienen überlegen

Vieles im Alltag musste ich mir erstmal angewöhnen – zum Beispiel, mir einen festen Platz für die Schienen zu überlegen. Gerade wenn ich unterwegs bin und etwas essen will und sie rausnehme. Ich habe sie mal einfach in ein Taschentuch einwickelt und in die Tasche gepackt. Und dann aus Versehen in den Müll geschmissen. Jetzt habe ich einen festen Platz im Bad und im Schulranzen.

Tragen, auch wenn es nervt – sonst dauert es länger!

Was mir sehr geholfen hat, dran zu bleiben, sind diese Aufkleber auf den Zahnschienen, die sich verfärben. Wenn man sie lange trägt, werden sie immer heller, vorher sind sie blau. Diese Kontrolle hatte ich am Anfang nicht, jetzt hilft es mir sehr. Das Blöde ist nur, dass die manchmal von den Zähnen abgehen. Da bin ich schon mal mitten in der Nacht aufgewacht und hatte ein Stück Plastik im Mund.

Was ich allen raten würde: tragen, auch wenn es nervt. Sonst tut es nur weh, wenn eine neue Schiene eingesetzt wird. Und es dauert länger. Meine Freundin hat dieselben Schienen wie ich und hat sie nicht getragen. Sie hat die Schienen immer noch, obwohl sie seit zwei Jahren schon fertig sein könnte. Außerdem ist Reinigen wichtig.

Trotz allem bereue ich es nicht. Meine Zähne sehen jetzt wesentlich schöner aus, und wenn der Überbiss weg ist, hat sich doch alles gelohnt.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.