Welchen Nutzen hat die Bestimmung des Rhesusfaktors vor der Geburt?

Foto von Blutabnahme (PantherMedia / iakovenko123) Ein neuer Bluttest kann den Rhesusfaktor eines Kindes bereits während der Schwangerschaft bestimmen. Dies hilft zu erkennen, ob eine Anti-D-Prophylaxe für rhesus-negative Frauen sinnvoll ist. Nachteile dieses vorgeburtlichen Tests sind nicht zu erwarten.

Der Rhesusfaktor ist ein wichtiges Merkmal der Blutgruppe. Er zeigt an, ob sich das Blut zweier Menschen verträgt, wenn es vermischt wird – wie zum Beispiel das Blut von Mutter und Kind bei der Geburt. Haben sie verschiedene Blutgruppenmerkmale, kann dies zu Problemen führen.

Ob sich das Blut von Mutter und Kind verträgt, hängt vom Rhesusfaktor D ab, einem bestimmten Eiweißstoff auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen. Er wird auch Antigen D genannt und findet sich bei den meisten Menschen; sie sind „rhesus-positiv“. Einigen Menschen fehlt er; sie sind „rhesus-negativ“. In Europa betrifft dies etwa 15 % der Bevölkerung.

Erwarten Frauen mit positivem Rhesusfaktor ein Kind, ergeben sich daraus keine gesundheitlichen Probleme – ganz gleich, ob das Kind rhesus-negativ oder rhesus-positiv ist.

Schwangerschaft bei negativem Rhesusfaktor D

Etwa die Hälfte der Schwangeren mit negativem Rhesusfaktor erwartet ein rhesus-negatives Kind. Dann sind keine Probleme zu erwarten: Das Blut von Mutter und Kind verträgt sich.

Erwartet eine rhesus-negative Frau aber ein rhesus-positives Kind, kann das mütterliche Blut Abwehrstoffe (Anti-D-Antikörper) gegen den Rhesusfaktor des Kindes bilden. Das kann passieren, wenn sich das kindliche Blut mit dem der Mutter mischt – zum Beispiel bei der Geburt durch kleine Verletzungen des Mutterkuchens (Plazenta) oder der Nabelschnur. Auch während der Schwangerschaft kann es zu einer Vermischung kommen, entweder ohne äußere Einwirkung oder durch Eingriffe wie etwa eine Fruchtwasseruntersuchung.

Anti-D-Antikörper schaden dem Kind normalerweise nicht, wenn eine Frau zum ersten Mal schwanger ist. Wird sie aber erneut schwanger und erwartet wieder ein rhesus-positives Kind, können die Antikörper dessen Entwicklung beeinträchtigen. Die sogenannte Anti-D-Prophylaxe soll dies vermeiden: Dabei bekommen rhesus-negative Schwangere eine Spritze mit Anti-D-Immunglobulinen. Sie können meistens verhindern, dass Abwehrstoffe gebildet werden.

Aktuelle Anti-D-Prophylaxe in Deutschland

In den Mutterschafts-Richtlinien ist die Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Geburt festgelegt. Ärztinnen, Ärzte und Hebammen orientieren sich an diesen Richtlinien. Zu den Vorsorgeuntersuchungen für schwangere Frauen gehört beispielsweise eine Blutuntersuchung, um ihren Rhesusfaktor zu bestimmen.

Stellt sich heraus, dass eine schwangere Frau rhesus-negatives Blut hat, erhält sie eine Anti-D-Prophylaxe. Ob das ungeborene Kind aber rhesus-positives oder rhesus-negatives Blut hat, ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bekannt. Seine Blutgruppe wird erst nach der Geburt aus dem Nabelschnurblut bestimmt. Erst dann weiß man, ob sich seine Blutgruppe mit der seiner Mutter verträgt.

Ist das Kind rhesus-positiv, erhält die Mutter innerhalb von 72 Stunden eine weitere Spritze mit Anti-D-Immunglobulinen. Diese zweite Dosis soll bereits übergetretene Blutkörperchen des Kindes im Blut der Mutter rasch abbauen und so die Bildung von Antikörpern verhindern.

Bei diesem Vorgehen erhält etwa die Hälfte aller rhesus-negativen Schwangeren eine unnötige Anti-D-Prophylaxe. Denn nur wenn sie ein rhesus-positives Kind erwarten, kann ihr Immunsystem Antikörper bilden – und nur dann kann eine Anti-D-Prophylaxe überhaupt Vorteile haben.

Anti-D-Prophylaxe mit Pränataltest

Seit einigen Jahren ist ein Bluttest verfügbar, der den Rhesusfaktor des Kindes bereits vor der Geburt bestimmt. Der Pränataltest soll vermeiden, dass rhesus-negative Frauen eine unnötige Anti-D-Gabe während der Schwangerschaft erhalten: Sie bekommen die Spritze nur dann, wenn der Test ergibt, dass das Kind rhesus-positives Blut hat.

Für den Pränataltest wird eine Blutprobe der schwangeren Frau benötigt. Das mütterliche Blut enthält zellfreies Erbmaterial des Kindes, das sich zur Bestimmung des kindlichen Rhesusfaktors eignet.

Studienlage zum Pränataltest

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat die Vor- und Nachteile des Pränataltests für rhesus-negative schwangere Frauen im Vergleich zum derzeit üblichen Vorgehen untersucht. Beim gegenwärtigen Vorgehen erhalten alle rhesus-negativen Frauen während der Schwangerschaft eine vorbeugende Anti-D-Prophylaxe. Beim Pränataltest erhalten rhesus-negative Frauen nur dann eine Anti-D-Prophylaxe, wenn der Test ergibt, dass das ungeborene Kind rhesus-positiv ist.

Die Wissenschaftlergruppe des IQWiG fand keine aussagefähige Studie, die beide Herangehensweisen miteinander vergleicht. Sie untersuchte deshalb eine weitere wichtige Frage: Kann der Pränataltest den Rhesusfaktor des ungeborenen Kindes zuverlässig bestimmen?

Zu dieser Frage wertete die Forschergruppe elf Studien aus. Sie bestätigen, dass der Test den Rhesusfaktor des Kindes zuverlässig bestimmen kann. Wie genau der Test bei Mehrlingsschwangerschaften ist, bleibt allerdings unklar.

Die aktuellen Erkenntnisse sprechen dafür, dass der Pränataltest weder für Schwangere noch für ihre Kinder erkennbare Nachteile hat. Der Test kann Schwangeren mit rhesus-negativem Blut, die ein rhesus-negatives Kind erwarten, eine Anti-D-Prophylaxe und somit die unnötige Verabreichung eines Blutproduktes ersparen. Nebenwirkungen der Anti-D-Prophylaxe sind extrem selten.