Was hilft beim Absetzen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln?

Foto von Frau bei der Tabletteneinnahme (PantherMedia / Ralph Glaser) Um von Schlaf- und Beruhigungsmitteln loszukommen, ist es am besten, die Dosis mit ärztlicher Hilfe schrittweise zu verringern. Psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung können den Erfolg wahrscheinlicher machen.

Es gibt Situationen, in denen man das Gefühl hat, dass alles aus dem Ruder läuft: Eine zerbrochene Beziehung oder eine schwere Krankheit etwa können zu Lebenskrisen führen und extrem belastend sein. Starke Unruhe, Schlaflosigkeit, Angst oder Erschöpfung sind mögliche Folgen.

Viele Menschen finden Mittel und Wege, mit derartigen Belastungen umzugehen. Bei anderen wollen Beschwerden wie Schlaflosigkeit einfach nicht verschwinden. Manche Menschen nehmen in solchen Phasen Benzodiazepine oder Medikamente mit den Wirkstoffen Zolpidem oder Zopiclon (sogenannte „Z-Drugs“). Diese Medikamente gehören zu den am häufigsten von Ärztinnen und Ärzten verschriebenen Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Wer Benzodiazepine oder Z-Drugs zu lange oder in zu hohen Dosen einnimmt, kann leicht in eine Abhängigkeit geraten. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind in Deutschland etwa 1,1 Millionen Menschen von diesen Medikamenten abhängig.

Benzodiazepine können beruhigend, angstlösend, muskelentspannend und entkrampfend wirken. Sie werden auch eingesetzt, um besser ein- und durchzuschlafen. Z-Drugs sollen vor allem bei Einschlafstörungen helfen. Die Schlaf- und Beruhigungsmittel können starke Nebenwirkungen haben. Sie können unter anderem zu Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Benommenheit, Muskelschwäche, Verhaltensauffälligkeiten und Schlafstörungen führen. Sie können die Fahrtüchtigkeit einschränken und besonders bei älteren und kranken Menschen die Sturzgefahr erhöhen.

Abhängigkeit von Schlafmitteln

Benzodiazepine und Z-Drugs können abhängig machen, wenn sie zu lange oder in zu hoher Dosis eingenommen werden. Daher ist es wichtig, diese Medikamente so kurz wie möglich und in möglichst niedriger Dosis einzunehmen. Eine Grenze, ab wann die Einnahme problematisch ist, lässt sich nicht eindeutig ziehen – das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Eine Abhängigkeit kann aber schon nach wenigen Wochen eintreten. Nicht wenige Menschen nehmen die Mittel jedoch über mehrere Monate oder sogar dauerhaft ein. Werden sie dann plötzlich nicht mehr angewendet, treten Entzugssymptome auf – beispielsweise Schlafstörungen, Unruhe, Angst, Zittern, Schwindel oder Kreislaufstörungen. Solche Entzugssymptome ähneln häufig den Beschwerden, die sie ursprünglich lindern sollten, weshalb viele erneut zu den Mitteln greifen.

Viele Menschen spüren während der Einnahme keine Symptome der Abhängigkeit. Daher ist es ein erster wichtiger Schritt zum Absetzen der Medikamente, zu erkennen, dass man sich an sie gewöhnt hat oder vielleicht schon abhängig ist.

Absetzen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln

Von einer Medikamentenabhängigkeit loszukommen, kann körperlich und psychisch sehr belastend sein. Es erfordert viel Geduld und Kraft, auch schwierige Phasen durchzustehen. Wichtig ist, dass beim Absetzen der Medikamente möglichst wenig Entzugssymptome auftreten. Denn Entzugssymptome können Rückfälle wahrscheinlicher machen. Es ist deshalb üblich, die Medikamenten-Dosis über mehrere Wochen schrittweise zu verringern, bis das Mittel schließlich ganz abgesetzt werden kann. Zusätzlich zur ärztlichen Begleitung können während dieser Zeit psychologische Hilfen oder Anleitungen zum Selbstmanagement in Anspruch genommen werden. Einige Menschen nehmen auch Medikamente ein, die das Schlafmittel schrittweise ersetzen und die Symptome des Entzugs lindern sollen.

Ansätze, die den Verzicht auf Schlafmittel erleichtern könnten

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Queensland und Bond in Australien haben untersucht, wie gut die verschiedenen Ansätze Menschen helfen, von Benzodiazepinen loszukommen. Sie suchten nach Studien, in denen eine Gruppe von Menschen an einer Entzugsmaßnahme teilnahm und eine andere nicht. Auch prüften sie, ob Betroffene häufiger ohne Schlafmittel auskamen, wenn sie zusätzlich zur schrittweisen Dosisreduzierung psychologische oder psychotherapeutische Hilfen in Anspruch nahmen oder Ersatzmedikamente anwendeten. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten zu Beginn der Studie bereits länger als drei Monate regelmäßig Benzodiazepine eingenommen.

Die Teilnehmenden hatten sich für eine ambulante Behandlung entschieden. Der Entzug in Kliniken wurde nicht untersucht. Menschen, die einen stationären Entzug machen, sind im Schnitt deutlich stärker abhängig und haben mehr Begleitprobleme.

Die Forschergruppe wertete 32 Studien mit insgesamt rund 16.000 Teilnehmenden aus. Über die Hälfte der Studien prüfte die Anwendung von Ersatzmedikamenten zusätzlich zur Dosisreduzierung. Zehn Studien prüften psychologische oder psychotherapeutische Hilfen, alleine oder ergänzend zur ärztlich begleiteten Verringerung der Dosis. In einigen Studien wurde untersucht, ob es hilfreich ist, wenn Ärztinnen oder Ärzte die Betroffenen lediglich mündlich oder schriftlich darauf aufmerksam machen, dass es gut wäre, die Benzodiazepine abzusetzen.

Psychologische und psychotherapeutische Hilfen können das Absetzen erleichtern

Die Auswertungen zeigen, dass schon einfache Mittel etwas bewirken können: So hörten mehr Menschen auf, Benzodiazepine einzunehmen, wenn sie von ihren Ärztinnen oder Ärzten mündlich oder schriftlich dazu angehalten wurden, besser auf diese Mittel zu verzichten. In Zahlen: Es gelang etwa 8 von 100 Betroffenen, die eine solche Information per Brief erhielten, die Benzodiazepine abzusetzen. Die Maßnahmen richteten sich an Menschen, die die Mittel seit drei Monaten oder länger einnahmen. In einigen Studien wurden den Briefen auch Broschüren mit Informationen zu Selbsthilfestrategien beigelegt.

In einer Studie wurde untersucht, ob die schrittweise, ärztlich begleitete Dosisreduzierung grundsätzlich erfolgreicher ist, als wenn jemand nur angehalten wird, auf Benzodiazepine zu verzichten. Ihr Ergebnis: Die Dosisreduzierung war deutlich wirksamer. Es beendeten erheblich mehr Menschen die Einnahme, wenn sie ihre Medikamentendosis mit ärztlicher Unterstützung Schritt für Schritt verringerten.

Psychologische und psychotherapeutische Hilfen können das Absetzen zusätzlich erleichtern. Die Auswertung der Studien zeigt, dass mehr Menschen die Einnahme der Mittel beendeten, wenn sie derart unterstützt wurden oder Selbsthilfestrategien anwendeten. In den Studien untersucht wurden vor allem

  • Entspannungstechniken,
  • kognitive Verhaltenstherapien gegen Schlaflosigkeit,
  • Programme, die mehrere Elemente enthielten (Selbstüberwachung der Einnahme und der Symptome, Setzen von Zielen, Management des Absetzens und Umgang mit Ängsten).

Es bleibt jedoch unklar, welche Hilfen am besten sind und welche Elemente dafür sorgen, dass sie wirksamer sind als die Dosisreduzierung alleine.

Abruptes Absetzen führt häufiger zu Rückfällen

Bisherige Studien zeigen nicht, dass man leichter von Benzodiazepinen loskommt, wenn man während der Dosisreduzierung ein Ersatzmedikament einnimmt. Um beurteilen zu können, ob einzelne Präparate – zum Beispiel Antidepressiva oder Antiepileptika – für bestimmte Menschen vielleicht doch hilfreich sind, müssten sie besser untersucht werden. Zudem gelten diese Ergebnisse nur für Menschen, die einen ambulanten und keinen stationären Entzug machen.

Ungünstig scheint es zu sein, die Einnahme von Benzodiazepinen abrupt zu beenden und sie durch ein anderes Medikament zu ersetzen: Im Vergleich zur schrittweisen Dosisreduzierung schafften es dadurch weniger Personen, auf die Mittel zu verzichten. Durch ein plötzliches Absetzen sind die Entzugssymptome wesentlich stärker, als wenn die Medikamente nach und nach reduziert werden, so dass die Gefahr für einen Rückfall steigt.

Es bleibt offen, über welchen Zeitraum und in welchen Schritten Benzodiazepine am besten abgesetzt werden. In den Studien wurde nach unterschiedlichen Schemas vorgegangen. Auch ob das Geschlecht oder Alter der Betroffenen eine Rolle dabei spielen und welche Strategien sinnvoll sind, konnten die Studien nicht klären.

Es ist wichtig, mit einer Ärztin oder einem Arzt zu sprechen oder eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen, wenn man das Gefühl hat, die Medikamenteneinnahme nicht mehr im Griff zu haben. Mit ärztlicher, psychologischer oder psychotherapeutischer Unterstützung lässt sich nach Wegen suchen, wie man am besten wieder von den Benzodiazepinen loskommt – und danach, welche Probleme möglicherweise zur Abhängigkeit geführt haben.

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