Wann ist eine Mandelentfernung bei Kindern sinnvoll?

Foto von Ärztin bei der Untersuchung einer kleinen Patientin (Hongqi Zhang / iStock / Thinkstock) Die meisten Kinder haben nur ab und zu eine Mandelentzündung. Eine Entzündung der Gaumenmandeln (Tonsillitis) ist zwar unangenehm, bessert sich aber meist nach einigen Tagen wieder. Wenn jedoch über Jahre hinweg immer wieder Mandelentzündungen auftreten, stellt sich oft die Frage, ob es sinnvoll ist, die Mandeln operativ entfernen zu lassen.

Akute bakterielle Mandelentzündungen sind mit Beschwerden wie Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, Fieber und Mattigkeit verbunden. Atembeschwerden und Schnarchen können den Schlaf stören. Halsschmerzen können aber auch durch eine Rachenentzündung entstehen, die durch Viren verursacht wird. Beide Formen sind selbst für Ärztinnen und Ärzte oft schwer voneinander zu unterscheiden. Wenn sich die Mandeln in kurzen Abständen immer wieder entzünden, kann das sehr belastend sein. 

Kinder und Jugendliche erkranken sehr viel häufiger an einer Mandelentzündung als Erwachsene. Manche Kinder haben vier- bis achtmal im Jahr eine Mandelentzündung, die ein bis zwei Wochen andauern kann. Das bedeutet, dass sie immer wieder in der Schule fehlen – und ihre Eltern oft zu Hause bleiben müssen, um sie zu betreuen.

Lage der Gaumenmandeln

Die Mandeln können auch dauerhaft entzündet sein und zum Beispiel die Atmung erschweren. Es kann sein, dass Schmerzmittel und Antibiotika nicht ausreichend helfen, oder dass man nicht zu häufig Medikamente anwenden möchte. Nicht zuletzt können Komplikationen wie eine Eiteransammlung um die Mandeln herum (Peritonsillarabszess) ein Grund sein, über eine Operation nachzudenken.

Dabei gilt es abzuwägen: Auf der einen Seite steht die Hoffnung, dass es seltener oder gar nicht mehr zu Entzündungen kommt. Auf der anderen Seite stehen die Risiken des Eingriffs und die Frage, ob er tatsächlich helfen kann.

Welchen Nutzen hat eine Mandeloperation?

Eine Entfernung der Mandeln kann dazu beitragen, dass Halsentzündungen seltener auftreten. Wenn die Gaumenmandeln entfernt wurden, können sie sich nicht mehr entzünden – es kann aber sein, dass sich das Gewebe um die Mandeln herum weiterhin entzündet.

Kindern mit stärkeren Beschwerden kann ein Eingriff am ehesten helfen. Von „stärkeren Beschwerden“ spricht man, wenn ein Kind mindestens drei- bis fünfmal im Jahr eine Mandelentzündung hat, die Beschwerden jeweils mehrere Tage andauern und die Halsschmerzen begleitet werden von

  • Fieber über 38,3° C,
  • einer Vergrößerung oder Verhärtung der Halslymphknoten,
  • eitrig belegten Mandeln oder
  • einem Nachweis bestimmter Bakterien.

Studien zeigen, dass Kinder mit stärkeren Beschwerden nach einem Eingriff etwas seltener Halsschmerzen haben:

  • Im ersten Jahr nach einer Mandeloperation hatten Kinder im Schnitt dreimal Halsschmerzen. Allerdings war eine dieser Episoden durch den Eingriff bedingt.
  • Kinder, die nicht operiert wurden, hatten im selben Zeitraum durchschnittlich viermal über mehrere Tage Halsschmerzen.

In anderen Worten: Im ersten Jahr konnte eine Operation im Durchschnitt einmal Halsschmerzen vorbeugen. Im Schnitt waren die Kinder pro Jahr fünf Tage weniger krank.

Welche Gründe sprechen gegen eine Operation?

Bei vielen Kindern werden Mandelentzündungen mit den Jahren auch ohne besondere Behandlung seltener oder treten gar nicht mehr auf. Allerdings lässt sich nicht vorhersagen, bei welchem Kind sich die Neigung zu Mandelentzündungen einfach „auswachsen“ wird.

Eine Entfernung der Mandeln bringt Unannehmlichkeiten und Risiken mit sich: Nach der Operation kann die Wunde wehtun und das Schlucken schmerzhaft sein. Etwa 20 bis 50 von 100 Kindern berichten von starken Schmerzen nach der Operation. Vorübergehend können Übelkeit und Erbrechen, Schluckbeschwerden und Geschmacksstörungen auftreten. Zudem kann es zu Komplikationen wie Blutungen kommen (siehe unten). Die Wundschmerzen klingen meist nach ein paar Tagen ab.

Gegen eine Mandeloperation kann außerdem sprechen, dass ihr Nutzen begrenzt ist. Ob und wie sehr eine Operation hilft, hängt davon ab, wie stark die Beschwerden sind und ob die Entzündungen vorwiegend von den Mandeln ausgehen oder vom umliegenden Gewebe.

Welche Komplikationen kann eine Mandeloperation nach sich ziehen?

Es kann sein, dass die Wunde nach der Operation erneut zu bluten anfängt. Solche Blutungen treten vor allem in den ersten 24 Stunden nach der Operation auf (primäre Blutung) oder etwa 5 bis 28 Tage danach (sekundäre Blutung). Wenn ein Kind das Blut herunterschluckt, fällt die Blutung zunächst oft nicht auf. Später kann es das Blut dann erbrechen. Eine Nachblutung gilt als Notfall und muss rasch behandelt werden. Es können Bluttransfusionen und vielleicht eine erneute Operation nötig sein. Sehr selten kann es auch zu sehr starken Blutungen mit lebensbedrohlichen Komplikationen kommen.

Wie hoch das Risiko für Nachblutungen ist, hängt von verschiedenen Dingen ab: Beispielsweise vom Operationsverfahren, dem Alter der Patientinnen und Patienten und davon, ob sie bestimmte Vorerkrankungen haben. Für Deutschland gibt es keine aussagekräftigen Untersuchungen dazu, wie häufig Blutungen sind. Daten aus anderen Ländern geben einen Eindruck davon, wie oft es im Durchschnitt dazu kommt:

  • Bei einem von 100 Operierten kommt es innerhalb von 24 Stunden nach der Mandelentfernung zu einer Blutung.
  • Bei weiteren 3 von 100 Operierten treten innerhalb von 28 Tagen Blutungen auf.
  • Eine dieser 4 Personen wird aufgrund der Blutung erneut operiert.

Außerdem gibt es wie bei anderen Eingriffen Risiken, zum Beispiel durch die Narkose.

Wie läuft eine Mandeloperation ab?

Der Eingriff findet in einem Krankenhaus statt. Kinder bekommen vor der Operation in der Regel eine Vollnarkose.

Die Mandeln werden mithilfe spezieller Instrumente entfernt. Der Eingriff dauert etwa 15 bis 30 Minuten. Im Anschluss ist meist noch ein etwa einwöchiger Klinikaufenthalt nötig.

Welche Operationsverfahren gibt es?

Es gibt heute viele verschiedene Methoden, die Mandeln zu entfernen. Grob unterscheidet man zwei Gruppen von Operationen:

  • Eingriffe mit Hitzeentwicklung (Diathermie): Dabei werden die Mandeln mithilfe eines Radiofrequenz-Geräts entfernt, das starke Hitze entwickelt. Die Hitze soll die Wunde direkt verschließen. Neuere Verfahren arbeiten mit einer weniger starken Hitzeeinwirkung (sogenannte Coblations-Tonsillektomie).
  • Eingriffe ohne Hitzeentwicklung (Dissektion): Hier werden die Mandeln mithilfe von Instrumenten (Schere, Schlinge) entfernt.

Sind bestimmte Operationstechniken besser oder schlechter als andere?

Alle Operationsverfahren haben Vor- und Nachteile:

  • Bei der Diathermie mit starker Hitze kommt es im Vergleich zur Dissektion während der Operation seltener zu Blutungen. Nachblutungen sind ähnlich häufig.
  • Bei einer Diathermie mit weniger Hitze (Coblation) scheinen Nachblutungen hingegen häufiger zu sein als bei einer Dissektion. In Untersuchungen kam es bei etwa 2 von 100 Menschen nach einer Dissektion zu Nachblutungen – dagegen bei etwa 5 von 100 Menschen nach einer Diathermie mit weniger Hitze.
  • Studienergebnisse deuten darauf hin, dass nach einer Dissektion weniger Schmerzen auftreten.

Was kann man nach einer Operation tun, um Beschwerden zu lindern?

Schmerzen sind die Beschwerden, die nach einer Mandelentfernung am meisten belasten. Meist klingen sie nach ein paar Tagen ab. Bis dahin können die Schmerzen mit Medikamenten in Form von Tabletten, Zäpfchen, Tropfen oder Infusionen behandelt werden. Ob spezielle Sprays, Mundspülungen oder Mundwässer die Beschwerden lindern können, wurde bislang nicht ausreichend untersucht. Bekannt ist lediglich, dass Lidocain-Spray in den ersten drei Tagen schmerzlindernd wirkt. Auch gegen Übelkeit und Erbrechen stehen Medikamente zur Verfügung.

Bestimmte Verhaltensweisen sollen dazu beitragen, dass man sich schneller erholt und das Risiko für Nachblutungen sinkt. So wird geraten, sich in den ersten Tagen nach der Operation körperlich zu schonen und erst nach einigen Wochen wieder Sport zu treiben. Sinnvoll ist außerdem, zuerst nur weiches Essen zu sich zu nehmen, um die Wunde zu schonen. Scharfe Zutaten und Säuren, also auch Fruchtsäfte und Zitrusfrüchte, können die Wundfläche reizen. Dies gilt ebenfalls für das Gurgeln von Mundwasser.

Kinder kommen manchmal nur schlecht damit zurecht, dass ihnen das Sprechen und Essen nach der Operation schwerfällt. Dann ist es wichtig, dass ihre Eltern, andere Bezugspersonen oder Pflegekräfte für sie da sind. Gespräche, gemeinsames Lesen oder Fernsehen können ein Kind ablenken, sodass es leichter zur Ruhe kommen kann. Wichtig ist, Kindern vor der Operation zu erklären, welche Beschwerden danach möglich sind und wie man damit umgehen kann.

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