Typ-2-Diabetes: Ist es nötig, den Blutzucker auf nahezu normale Werte zu senken?

Foto von Paar bei einer Wanderung (PantherMedia / goodluz) Menschen mit Typ-2-Diabetes können Folgeerkrankungen vorbeugen, wenn sie es schaffen, ihre erhöhten Blutzuckerwerte dauerhaft abzusenken. Oft wird sogar empfohlen, nahezu normale Blutzuckerwerte anzustreben. Studien zeigen jedoch, dass eine starke Senkung des Blutzuckers auch Nachteile haben kann.

Fachleute sind sich einig, dass eine Blutzuckersenkung für viele Menschen mit Typ-2-Diabetes nützlich sein kann. Allerdings gibt es seit Jahren Diskussionen darüber, wie weit der Blutzucker abgesenkt werden soll. Einerseits sollen Diabetes-Folgeschäden vermieden, andererseits Nebenwirkungen der Behandlung möglichst gering gehalten werden.

Um zu beurteilen, ob der Blutzucker langfristig gut eingestellt ist, messen Ärztinnen und Ärzte den HbA1c-Wert. Dieser Wert gibt an, wie hoch der Blutzucker in den letzten zwei bis drei Monaten im Durchschnitt war. Bei Menschen ohne Diabetes liegt der HbA1c-Wert in der Regel unter 6 %.

Menschen mit Diabetes wird oft geraten, ihren Blutzucker auf einen HbA1c-Wert unter 6,5 % abzusenken. Andere Empfehlungen zielen auf Werte zwischen 6,5 und 7,5 %, in bestimmten Fällen auch höher. Der „Zielwert“ hängt unter anderem davon ab, wie alt ein Mensch ist und welche Begleiterkrankungen er hat. Bei älteren Menschen, die noch keine Diabetes-typischen Beschwerden haben, gelten höhere Werte eher als vertretbar als bei jungen Menschen mit Typ-2-Diabetes.

Als eine Nebenwirkung der Behandlung mit Medikamenten kann der Blutzucker so stark abfallen, dass es zu einer Unterzuckerung kommt. Leichte Unterzuckerungen gehen zum Beispiel mit Zittern, plötzlichem Heißhunger, Schweißausbrüchen oder Kribbeln der Finger und Lippen einher. Sie können in der Regel selbst behoben werden, indem man etwas Süßes zu sich nimmt. Schwere Unterzuckerungen sind selten. Sie können aber Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle, Atem- und Kreislaufstörungen und andere, teils lebensbedrohliche Komplikationen zur Folge haben.

Studien zur Blutzuckersenkung

In einer Übersichtsarbeit wurde der Nutzen einer normnahen Blutzucker-Einstellung im Vergleich zu einer weniger starken Blutzuckersenkung untersucht. Es wurden sieben Studien mit insgesamt fast 28.000 Teilnehmenden ausgewertet. Der Altersdurchschnitt lag je nach Studie zwischen 47 und 66 Jahren. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten seit mehreren Jahren Typ-2-Diabetes. Die meisten waren übergewichtig.

In den Studien sollte jeweils eine Teilnehmergruppe versuchen, den HbA1c-Wert auf unter 7,5 % zu senken. Bei der anderen Gruppe waren auch höhere Werte erlaubt. Im Einzelnen wurde untersucht, welche Behandlung zu weniger Diabetes-Folgeerkrankungen führte und weniger Nebenwirkungen hatte. Außerdem wurde verglichen, wie viele Teilnehmende während der Studiendauer gestorben waren.

Keine Unterschiede bei wichtigen Behandlungszielen

Die Studienergebnisse zeigten, dass keine Behandlung der anderen wirklich überlegen war: Bei einer weniger starken Blutzuckersenkung starben nicht mehr Menschen als bei einer Senkung auf einen nahezu normalen Wert. Es kam auch nicht häufiger zu Schlaganfällen, tödlichen Herzinfarkten, Nierenversagen oder Amputationen. Zu anderen Diabetes-Folgeerkrankungen und zur Lebensqualität gab es nicht genügend Daten.

Die Studien geben aber einen Hinweis darauf, dass eine normnahe Einstellung das Risiko für nicht tödliche Herzinfarkte etwas senken kann. Diese traten bei einer normnahen Blutzucker-Einstellung seltener auf als bei einer weniger starken Blutzuckersenkung. Andererseits zeigen die Studien, dass die normnahe Einstellung häufiger zu schweren Unterzuckerungen und anderen Komplikationen führt. Je stärker der Blutzucker gesenkt wurde, desto häufiger traten ernsthafte Nebenwirkungen auf.

Auf Basis einer der großen Studien lässt sich schätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass diese Ereignisse in einem Zeitraum von vier Jahren eintreten:

  • Durch die normnahe Blutzuckersenkung kann bei einem von 100 Menschen ein nicht tödlicher Herzinfarkt verhindert werden.
  • Zugleich kommt es dadurch bei etwa 8 von diesen 100 Personen zu schweren Unterzuckerungen.

Diese Zahlen sind zwar nur eine grobe Schätzung, verdeutlichen aber die Vor- und Nachteile der Behandlung: Einerseits lässt sich durch eine strengere Blutzucker-Einstellung das Risiko für nicht tödliche Herzinfarkte senken, andererseits erhöht sich das Risiko für schwere Unterzuckerungen.

Einen deutlich und dauerhaft erhöhten Blutzucker zu senken, ist für Menschen mit Typ-2-Diabetes grundsätzlich von Vorteil. Wie stark er aber bei einem einzelnen Menschen gesenkt werden sollte, lässt sich nur entsprechend seines allgemeinen Gesundheitszustands und seiner persönlichen Situation entscheiden.

Schlagwörter: Diabetes Typ 2, Drüsen und Hormone, E11, E14, G62, G63, H54, N08, N28, R35, R73, Typ-2-Diabetes, Verdauung und Stoffwechsel