Einleitung

Trastuzumab Emtansin (Handelsname Kadcyla) ist seit 2014 für die Behandlung von fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs zugelassen. Seit Dezember 2019 ist Trastuzumab Emtansin auch als adjuvante Therapie für Erwachsene mit HER2-positivem frühem Brustkrebs zugelassen. Da auch Männer an Brustkrebs erkranken können, kommt der Wirkstoff für Frauen und Männer infrage, die vor der Operation eine Chemotherapie mit einem Taxan und eine gegen HER-2 gerichtete Therapie (zum Beispiel mit Trastuzumab) erhalten haben. Der Tumor dieser Patientinnen und Patienten wurde bei der Operation zwar vollständig entfernt, jedoch konnten im entnommenen Gewebe noch aktive Krebszellen festgestellt werden.

Wie sich Brustkrebs-Zellen vermehren, wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Dazu gehört ein bestimmter Eiweißbaustein auf der Oberfläche der Krebszellen, der HER2-Rezeptor (humaner epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor). HER2-Rezeptoren reagieren auf Wachstumssignale und regen so das Wachstum des Tumors an. Wenn diese Rezeptoren auf den Zellen eines Brusttumors besonders häufig vorkommen, spricht man von HER2-positivem Brustkrebs – manchmal auch von einem HER2-überexprimierten oder HER2-amplifiizierten Brustkrebs. Ein HER2-positiver Brustkrebs wächst vergleichsweise schneller und es kommt häufiger zu Rückfällen (Rezidiven).

Trastuzumab ist ein Antikörper, der an den HER2-Rezeptor bindet, diesen blockiert und so das Wachstum der Krebszellen hemmen soll. Der Wirkstoff Emtansin ist an den Antikörper Trastuzumab gebunden und soll so die Krebszellen gezielt erreichen und abtöten.

Anwendung

Trastuzumab Emtansin wird als Infusion verabreicht. Das heißt, dass es über einen Tropf in eine Vene gegeben wird. Die Infusion dauert etwa 90 Minuten. Die Dosierung hängt vom Körpergewicht ab.

Die Behandlung wird 14 Mal mit einem Abstand von je 3 Wochen wiederholt. Sie sollte vorher beendet werden, wenn die Erkrankung trotzdem fortschreitet oder zu starke Nebenwirkungen auftreten.

Andere Behandlungen

Patientinnen und Patienten mit HER2-positivem frühem Brustkrebs führen nach der Chemotherapie und Operation die begonnene, gegen HER2-gerichtete Therapie mit Trastuzumab für insgesamt ein Jahr fort. Außerdem können sie eine Hormontherapie erhalten. Auch eine zusätzliche Strahlentherapie ist möglich.

Bewertung

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2020 geprüft, welche Vor- und Nachteile Trastuzumab Emtansin für Personen mit HER2-positivem frühem Brustkrebs, bei denen nach Chemotherapie und Operation noch eine Resterkrankung vorliegt, im Vergleich zu den Standardtherapien hat.

Zu dieser Frage legte der Hersteller eine Studie mit etwa 1500 Personen vor, darunter auch wenige Männer. Die eine Hälfte wurde mit Trastuzumab Emtansin behandelt, die andere Hälfte erhielt Trastuzumab.

In der Studie zeigten sich die folgenden Ergebnisse:

Welche Vorteile hat Trastuzumab Emtansin?

Rezidive: Die Studie deutet darauf hin, dass Trastuzumab Emtansin das Auftreten von Rezidiven (Rückfällen) verringern kann: Mit Trastuzumab Emtansin hatten etwa 13 von 100 Personen einen Rückfall, während dies mit Trastuzumab etwa 23 von 100 Personen waren.

Welche Nachteile hat Trastuzumab Emtansin?

Krankheitsbeschwerden: Erste Schätzungen deuten darauf hin, dass Appetitlosigkeit und Verstopfung während der Behandlung bei Personen mit Trastuzumab Emtansin häufiger vorkommen als bei Personen mit Trastuzumab:

  • Appetitlosigkeit: Bei etwa 19 von 100 Personen, die mit Trastuzumab Emtansin behandelt wurden, kam es zu Appetitlosigkeit, in der Vergleichsgruppe nur bei etwa 11 von 100 Personen.
  • Verstopfung: Bei etwa 30 von 100 Personen, die mit Trastuzumab Emtansin behandelt wurden, kam es zu Verstopfung (Obstipation), in der Vergleichsgruppe nur bei etwa 18 von 100 Personen.

Gesundheitsbezogene Lebensqualität: Bei einigen Teilaspekten deuten erste Schätzungen ebenfalls auf einen Nachteil von Trastuzumab Emtansin im Vergleich zu Trastuzumab hin. Die untersuchten Personen mit Trastuzumab Emtansin fühlten sich während der Behandlung bei körperlichen Aktivitäten des Alltags wie Einkaufen oder Körperpflege (körperliche Funktion) und in ihrem Familienleben und sozialen Aktivitäten (soziale Funktion) stärker beeinträchtigt.

Patientinnen und Patienten ab einem Alter von 65 Jahren schätzten ihre Gesundheit und Lebensqualität mit Trastuzumab Emtansin schlechter ein als Patientinnen und Patienten mit Trastuzumab.

Schwere Nebenwirkungen: Die Studie deutet darauf hin, dass es bei Patientinnen und Patienten mit Trastuzumab Emtansin häufiger zu schweren Nebenwirkungen kommt: Mit Trastuzumab Emtansin hatten etwa 26 von 100 Personen schwere Nebenwirkungen, während es mit Trastuzumab nur etwa 15 von 100 Personen waren.

Zu den schweren Nebenwirkungen zählen zum Beispiel die folgenden:

  • Magen-Darm-Erkrankungen: Bei etwa 3 von 100 Personen, die mit Trastuzumab Emtansin behandelt wurden, traten schwere Magen-Darm-Erkrankungen auf, in der Vergleichsgruppe bei etwa 1 von 100 Personen.
  • Neuropathie: Bei etwa 1 von 100 Personen, die mit Trastuzumab Emtansin behandelt wurden, trat eine schwere Neuropathie auf, in der Vergleichsgruppe kam diese Nebenwirkung nicht vor. Bei einer peripheren sensorischen Neuropathie sind außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegende Nervenbahnen geschädigt, sodass es zu Missempfindungen, Schmerzen, Lähmungserscheinungen oder Kreislaufbeschwerden kommen kann.
  • Verringerte Anzahl Blutplättchen: Bei etwa 6 von 100 Personen, die mit Trastuzumab Emtansin behandelt wurden, verringerte sich die Anzahl an Blutplättchen (Thrombozyten) deutlich, in der Vergleichsgruppe kam diese Nebenwirkung bei weniger als einer von 100 Teilnehmenden vor.
  • Infektion: Bei etwa 5 von 100 Personen, die mit Trastuzumab Emtansin behandelt wurden, kam es zu einer schweren Infektion, in der Vergleichsgruppe nur bei etwa 3 von 100 Personen.

Für weitere Nebenwirkungen deuten erste Schätzungen auf einen Nachteil von Trastuzumab Emtansin im Vergleich zu Trastuzumab hin. Dazu zählen:

  • Ermüdung,
  • Fieber,
  • Übelkeit und Erbrechen,
  • Verstopfung,
  • Mundtrockenheit,
  • Entzündung der Mundschleimhaut (Stomatitis),
  • Kopfschmerzen und
  • Erkrankung der Atemwege und Augen

Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen: Erste Schätzungen deuten darauf hin, dass eine Behandlung mit Trastuzumab Emtansin häufiger wegen Nebenwirkungen abgebrochen wird als eine Behandlung mit Trastuzumab: Mit Trastuzumab Emtansin brachen etwa 18 von 100 Personen ihre Behandlung ab, während es mit Trastuzumab nur etwa 2 von 100 Personen waren.

Wo zeigte sich kein Unterschied?

Lebenserwartung: Hier zeigte sich kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

Krankheitsbeschwerden: Bei verschiedenen Beschwerden gab es keinen (relevanten) Unterschied. Dazu gehörten:

  • Erschöpfung
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Atemnot
  • Schlafprobleme
  • Durchfall
  • Schmerzen

Schwere Herzerkrankungen: Von dieser schweren Nebenwirkung waren in beiden Gruppen maximal 1 von 100 Personen betroffen.

Gesundheitsbezogene Lebensqualität: Für andere Teilaspekte der gesundheitsbezogenen Lebensqualität zeigte sich kein Unterschied, beispielsweise darin, wie sich die Personen konzentrieren oder erinnern konnten (kognitive Funktion), wie sie ihre Zukunft bewerteten (Zukunftsperspektive), ob sie sich in ihrem Alltag, ihrer Freizeit oder Arbeit eingeschränkt fühlten (Rollenfunktion) oder wie gereizt oder niedergeschlagen sie waren (emotionale Funktion).

Gesundheitszustand: In den Studien wurden die Patientinnen und Patienten gefragt, wie sie ihren Gesundheitszustand selbst einschätzen. Es zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen.

Weitere Informationen

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse eines Gutachtens zusammen, das das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im Rahmen der Frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln erstellt hat. Der G-BA beschließt auf Basis des Gutachtens und eingegangener Stellungnahmen über den Zusatznutzen von Trastuzumab Emtansin (Kadcyla).