Niedrig-Risiko-Prostatakrebs: Beobachten, bestrahlen, operieren?

Foto von nachdenklichem Mann (PantherMedia / Jean-Paul CHASSENET) Männer mit einem örtlich begrenzten, nicht aggressiven Prostatakrebs haben drei Behandlungsmöglichkeiten: neben Bestrahlung und Operation auch die sogenannte aktive Überwachung. Eine große Studie hat untersucht, wie die drei Methoden im Vergleich abschneiden.

Um die Beschaffenheit eines Tumors beurteilen zu können, werden Gewebeproben entnommen, mikroskopisch untersucht und nach festgelegten Kriterien klassifiziert. Viele Männer, deren Tumor durch einen PSA-Test im Rahmen der Krebsfrüherkennung entdeckt wurde, haben einen Niedrig-Risiko-Prostatakrebs. Dieser wächst oft sehr langsam, deshalb kommt als Alternative zu Operation oder Bestrahlung auch eine „aktive Überwachung“ infrage (active surveillance). Dabei wird der Krebs regelmäßig kontrolliert und nur dann bestrahlt oder operiert, wenn er wächst, die Krebszellen aggressiver werden oder Beschwerden auftreten.

Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass Männern, bei denen der Krebs nicht wächst, eine Operation oder Strahlentherapie und deren mögliche Nebenwirkungen erspart bleibt. Der Nachteil ist, dass manchmal zu spät festgestellt wird, wenn ein Krebs doch fortschreitet. Außerdem sind viele Kontrollen nötig und es kann psychisch belastend sein, zu wissen, dass man Krebszellen im Körper hat.

Die für die Behandlung von Männern mit Niedrig-Risiko-Prostatakrebs bislang wichtigste Studie ist die sogenannte ProtecT-Studie. Sie hat untersucht, wie die aktive Überwachung im Vergleich zu Operation und Strahlentherapie abschneidet. Die Abkürzung ProtecT steht für den englischen Namen der Studie: „Prostate testing for cancer and treatment trial“ (Studie zur Untersuchung und Behandlung von Prostatakrebs).

Die ProtecT-Studie

An der ProtecT-Studie nahmen Männer im Alter von 50 bis 69 Jahren teil, bei denen erhöhte PSA-Werte auf einen Prostatakrebs hingewiesen hatten. Alle Männer mit Niedrig-Risiko-Prostatakrebs wurden gefragt, ob sie bereit wären, sich nach dem Zufallsprinzip einer von drei Behandlungsgruppen zuteilen zu lassen:

  • aktive Überwachung: Die Männer in dieser Gruppe wurden nicht oder nicht sofort behandelt. Sie machten im ersten Jahr der Studie alle drei Monate, später alle sechs bis zwölf Monate einen PSA-Test. Bei auffälligen PSA-Werten oder wenn Symptome wie Probleme beim Wasserlassen auftraten, wurden sie weiter untersucht und beispielsweise eine Gewebsentnahme vorgeschlagen. Bei Anzeichen eines Krebswachstums wurde die Behandlungsstrategie überdacht.
  • Strahlentherapie: Bei den Teilnehmern in dieser Gruppe wurde der Krebs von außen bestrahlt, um die Krebszellen abzutöten (externe Strahlentherapie).
  • operative Entfernung der Prostata: Bei den Männern in dieser Gruppe wurde die gesamte Prostata mitsamt der Bläschendrüse operativ entfernt.

Insgesamt 1643 Freiwillige mit Niedrig-Risiko-Prostatakrebs ließen sich einer der drei Behandlungsgruppen zuteilen. Dies entspricht ungefähr 550 Männern pro Gruppe.

Die Behandlungsergebnisse wurden über einen Zeitraum von durchschnittlich zehn Jahren erfasst und am Ende der Studie miteinander verglichen. Die verlinkte Tabelle zeigt, was Männer von den drei Behandlungsmöglichkeiten in Bezug auf für sie wichtige Aspekte erwarten können: das Überleben, die Notwendigkeit von Behandlungen und die Häufigkeit von Nebenwirkungen.

Vergleich der Behandlungsalternativen bei Niedrig-Risiko-Prostatakrebs Behandlungen im Vergleich

Bei der Betrachtung der Studiendaten ist zu berücksichtigen, dass der Beobachtungszeitraum bislang auf zehn Jahre beschränkt ist. Abschließend lassen sich die Vor- und Nachteile möglicherweise erst nach 15 oder 20 Jahren beurteilen. Außerdem unterscheiden sich die Kontrolluntersuchungen in der Studie etwas von der heute üblichen Versorgung: In Deutschland wird Männern im Rahmen einer aktiven Überwachung zusätzlich eine regelmäßige Kontroll-Biopsie angeboten, auch wenn der PSA-Test unauffällig war und keine Beschwerden aufgetreten sind. Das soll die Überwachung noch sicherer machen, ist aber auch belastender.

Vor- und Nachteile gut abwägen

Männer mit einem Niedrig-Risiko-Prostatakrebs, für die eine aktive Überwachung infrage kommt, können die Vor- und Nachteile der Behandlungen ohne Zeitdruck abwägen. Beim aktiven Überwachen besteht die Chance, dass sich eine Operation oder Bestrahlung und ihre möglichen Nebenwirkungen ganz vermeiden oder zumindest hinauszögern lassen. Auf der anderen Seite besteht ein höheres Risiko für das Fortschreiten des Tumors und ein etwas höheres Risiko für die Bildung von Metastasen. Daher sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen wichtig.

Bei der Entscheidung für eine Behandlung spielen auch persönliche Faktoren wie der Gesundheitszustand und das Alter eine wichtige Rolle. Ein junger und ansonsten gesunder Mann, der noch eine lange Lebenserwartung hat, wägt die Vor- und Nachteile der möglichen Alternativen vermutlich anders ab als ein älterer Mann, der womöglich zusätzliche Erkrankungen und eine kürzere Lebenserwartung hat.

Die Vor- und Nachteile der Behandlungen in der eigenen Situation bespricht man am besten gemeinsam mit seinen Ärztinnen und Ärzten.