Nahrungsergänzungsmittel: Können sie auch schaden?

Foto von Nahrungsergänzungsmitteln (PantherMedia / Vladimir Raus) Nahrungsergänzungsmittel mit antioxidativer Wirkung sind zur Vorbeugung von Krebs und anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen nicht geeignet. Zu hohe Dosen der Antioxidantien Vitamin A, E und Betacarotin können sogar die Lebenserwartung verkürzen.

Viele Menschen nehmen Präparate mit Vitamin C oder Betacarotin als Nahrungsergänzungsmittel ein. Sie hoffen, damit ihre Gesundheit fördern und Krankheiten vorbeugen zu können. Oft wird damit geworben, dass solche Substanzen das Leben verlängern können, indem sie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs schützen.

Dieser Annahme liegt die Theorie der „freien Radikale“ in den Körperzellen zugrunde. In den Zellen laufen äußerst komplexe Prozesse ab, die die Entstehung von Krankheiten beeinflussen können. Bei den sogenannten Oxidationsprozessen zum Beispiel reagieren Moleküle mit dem Sauerstoff, den wir über die Atmung aufnehmen. Dabei entstehen auch „freie Radikale“: Atome und Molekül-Partikel, die die Zellen schädigen können. Sie sollen für den Alterungsprozess verantwortlich sein und Krankheiten wie Krebs begünstigen.

Es wird diskutiert, ob die Einnahme von Antioxidantien eine Schutzwirkung haben könnte. Antioxidantien sind Stoffe, die die Produktion der freien Radikale in den Zellen verringern. Eine antioxidative Wirkung haben beispielsweise die Vitamine A, C, E, Betacarotin und Selen. Sie finden sich vor allem in Obst und Gemüse. Viele Menschen hoffen jedoch, sie könnten mehr für ihre Gesundheit tun, wenn sie zusätzlich Nahrungsergänzungsmittel einnehmen oder angereicherte Lebensmittel zu sich nehmen.

Studien zur Langzeit-Einnahme von Antioxidantien

Forscherinnen und Forscher der Cochrane Collaboration wollten wissen, ob eine regelmäßige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln gesundheitliche Vor- oder Nachteile hat. Konkret wollten sie herausfinden, ob antioxidative Nahrungsergänzungsmittel helfen, länger zu leben. Zu dieser Frage fanden und prüften sie insgesamt 78 Studien, an denen insgesamt fast 300.000 Erwachsene teilgenommen hatten. Dies war eine gute Grundlage, um den Nutzen von Antioxidantien zu bewerten.

Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer nahmen meist täglich und zum Teil über viele Jahre entweder ein oder mehrere Antioxidantien, ein Placebo (Scheinmedikament) oder kein Mittel ein. Bei Studienbeginn waren die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesund. Ein Viertel von ihnen hatte unterschiedliche Vorerkrankungen (beispielsweise von Magen, Darm, Herz, Haut oder Nieren).

Die meisten Teilnehmenden nahmen wesentlich höhere Mengen Antioxidantien ein, als man im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung normalerweise pro Tag aufnimmt:

  • Vitamin C: zwischen 60 und 2000 Milligramm
  • Betacarotin: von 1,2 bis zu 50 Milligramm pro Tag
  • Vitamin E: zwischen 10 und 5000 IE (Internationale Einheiten)
  • Vitamin A: von 1333 bis zu 200.000 IE
  • Selen: zwischen 20 und 200 Mikrogramm

Die meisten Mittel bestanden aus Kombinationen verschiedener Vitamine. Im Durchschnitt dauerten die Studien knapp drei Jahre, einige sogar bis zu zwölf Jahre.

Nutzen nicht nachgewiesen – Schaden nicht ausgeschlossen

Die Forschungsergebnisse waren beunruhigend: Antioxidative Nahrungsergänzungsmittel halfen insgesamt nicht dabei, länger zu leben. Im Gegenteil: Die Auswertung der Studien gab Hinweise, dass einige Mittel einen früheren Tod wahrscheinlicher machten. Allerdings ging aus den Studien nicht genau hervor, an welchen Krankheiten die Menschen starben – die Forscherinnen und Forscher nahmen an, dass es wahrscheinlich Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren.

Die Ergebnisse galten sowohl für die zu Beginn der Studien gesunden als auch für die erkrankten Teilnehmenden. Sie betreffen jedoch nicht alle Antioxidantien: Selen und Vitamin C erhöhten die Sterblichkeit nicht. Es gab aber auch keine Belege, dass Selen und Vitamin C vor einem früheren Tod schützen.

In qualitativ hochwertigen Studien führten alle Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin A, E und Betacarotin zu einer erhöhten Sterblichkeit. Die Ergebnisse aus Studien zu Vitamin-E-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln zeigten zum Beispiel:

  • In der Gruppe, die ein Scheinmedikament (Placebo) oder nichts einnahm, starben im Studienzeitraum etwa 10 von 100 Personen.
  • In der Gruppe, die Vitamin E eingenommen hatte, starben etwa 12 von 100 Personen.

Antioxidantien können zudem Nebenwirkungen haben. Vitamin E, Betacarotin und Selen können beispielsweise Verstopfung, Durchfall und Blähungen hervorrufen. Wenn man sehr große Mengen Vitamin A und C einnimmt, kann Juckreiz auftreten.

Ausgewogene Ernährung schützt ausreichend

Die Cochrane-Analyse liefert keinen Beleg dafür, dass antioxidative Nahrungsergänzungsmittel vor Krebs und anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen schützen. Zu hohe Dosen können das Erkrankungsrisiko sogar erhöhen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man diese Stoffe meiden sollte: Der Körper braucht Vitamine und Mineralstoffe und bekommt sie normalerweise durch eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Obst und Gemüse. Nur eine Überdosierung mit Nahrungsergänzungsmitteln könnte riskant sein.

Derzeit gibt es weder in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern verbindliche Empfehlungen zu Höchstmengen für Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln. Es ist jedoch vorgesehen, europaweit gültige Höchstmengen für Vitamine und wichtige Mineralstoffe festzusetzen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auch beim Bundesinstitut für Risikobewertung.

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